Newsletter Dezember 06

HOW THE WEST WAS WON

Paris platzt der Gürtel und setzt einen Jahrhundertring an

Kaum war François I mit der Modernisierung des Walls fertig, war’s schon wieder nicht recht. Die Stadt brauchte Platz, vor allem die Prominenz und die Spitzenprominenz überhaupt:

Catherine de Médicis und der Kardinal Richelieu.

Catherine de Médicis, früh verwitwet, nachdem ihrem Mann, König Heinrich II bei einem Turnier der Speer eines Gegners ins Auge gegangen war (1559), entwickelte sich in der Folge zu einer aussergewöhnlich autoritären Queen Mom und in der Folge auch noch zu einer umtriebigen Bauherrin. In Florenz aufgewachsen, fand sie den Louvre, damals eine trutzige , mittelalterliche Ritterburg, richtiggehend abscheulich, als königliche Residenz unzumutbar. So weit wie nur irgendwie möglich rückte sie nach Westen ab, um ein von Grund auf neues Schloss zu bauen, le château des Tuileries. So weit wie nur irgendwie möglich: nur da kam halt gleich die Mauer und ungeschützt davor wollte die Queen Mom auch sich nicht begeben. Kein Hindernis für die Königin: der Wall wurde vor dem Schloss ein bisschen nach Westen gerückt, die Fundamente sind heute heute im Untergeschoss des musée de l’Orangerie zu besichtigen.

50 Jahre später stiess Kardinal Richelieu bei seiner Suche nach einem Bauplatz ebenso an die Mauer, ausgerechnet an der Stelle, an der 200 Jahre zuvor Jeanne d’Arc gescheitert war. Hier, an der porte Saint-Honoré errichtete Richelieu sein Palais, das daher palais Cardinal hiess. Als es später vorübergehend königliche Residenz wurde, bekam es seinen endgültigen Namen: Palais Royal. Weil die Harmonie der Architektur es erforderte, wurde auch für diesen Bau ein Teil des Walls abgegraben, und Ludwig XIII, der seinem Mentor nichts verbieten wollte, drückte beide Augen zu. Im Übrigen aber hatte die Befestigungsanlage von Charles V das ganze 16. Jahrhundert über seinen Zweck bravourös erfüllt. Insbesondere schützte sie wieder einmal die Pariser vor den Franzosen, vor den protestantischen dieses Mal. Die Religionskriege tobten, aber dank der Stadtmauer blieb der Anführer der Protestanten, der spätere Henri IV, aussen vor. Zu guter Letzt sah Henri ein, dass Paris wohl eine Messe wert sei, wie er es angeblich ausdrückte. Jedenfalls trat er zum Katholizismus über, erst danach konnte er als neuer König in Paris Einzug halten.

Für seinen Sohn, Ludwig XIII, war an der Notwendigkeit der Mauer daher nicht zu rütteln, nur, die Bauplätze waren halt knapp. In einem immensen Kraftakt, dessen Kosten allein schon eine ganze Generation auf dem Zahnfleisch dahergehen liessen (in Frankreich sind es allerdings die Kniescheiben), wurde ein neuer Wall in die Landschaft gesetzt. Nicht um ganz Paris natürlich, das hätte selbst ein König Ludwig, der wievielte auch immer, nicht geschafft. Ein knappes Viertel des Gesamtumfangs wurde neu gezogen, die neue Trasse begann ungefähr auf der Höhe des heutigen boulevard Sébastopol. Da wich sie vom alten Wall im spitzen Winkel ab, machte dann einen wesentlich grösseren Bogen um den Pariser Nordwesten und stiess schliesslich bei der place de la Concorde an das Seineufer, dort wohin bereits Catherine de Médicis ein kleines Teilstück verschoben hatte.Die untere Hälfte der Mauer, die den jardin des Tulieries von der place de la Concorde abgrenzt, stammt aus dieser Zeit.


der untere Teil stammt aus der Zeit Ludwigs XV, der obere kam im 19. Jahrhundert dazu und die Strassenlaterne davor natürlich auch!

Somit war Platz genug für einen Park vor dem Tuilerienschloss, für das Palais des Kardinals Richelieu und für eine Unzahl von weiteren Baulöwen.

Ein Sonnenkönig mit Weitblick braucht keine Mauer........

Eine ganze Generation musste sich für die neue Befestigung das Steuergeld vom Mund absparen (der Kardinal Richelieu selber natürlich nicht).

Und dann war alles für nix.

Der Nachfolger Ludwigs XIII, Ludwig XIV hatte nämlich Weitblick, einen noch weiteren Blick sogar als 200 Jahre später sein bürgerlicher Kollege Adolphe Thiers (siehe Newsletter Oktober). Ludwig XIV war daher zur Erkenntnis gekommen, dass soundso schon alles zu spät wäre, stünde der Feind erst einmal vor den Toren von Paris. Das Um und Auf war vielmehr, den Feind überhaupt nicht nach Frankreich hereinzulassen. Er beauftragte infolgedessen seinen Festungsbauarchitekten Vauban einen Ring von Bastionen rund um Frankreich herum anzulegen. Viele von diesen kann man heute noch besichtigen, Lille und Strassburg zum Beispiel. Von den meisten gibt es zudem verblüffend minutiös gemachte Modelle, die im musée des plans-relief im Hôtel des Invalides ausgestellt sind. Die Stadtmauer von Paris hingegen liess er schleifen, die ganze, erstens die von Charles V, zweitens die seines Vaters und drittens natürlich auch die bereits über 400 Jahre alte von Philippe Auguste, die noch immer den Pariser Süden beschirmte (auf die der nächste Newsletter eingehen wird). An der Stelle des geschleiften Bollwerks liess Ludwig XIV hingegen einen Boulevard anlegen. Damit war ein Konzept geboren, das für die Stadtentwicklung in ganz Europa bis ins 19. Jahrhundert hinein Vorbildcharakter hatte. Die Wörter Bollwerk und Boulevard sind also nicht zufällig eng miteinander verwandt.

Aber was heisst ein Boulevard? Die Boulevards! Die ‚Grands Boulevards’ sogar, die Lebensadern der Geschäftswelt und später auch der Freizeitkultur. So entstand im Gegensatz zum hässlichen, urbanistisch katastrophalen Jahrhundertring von Adolphe Thiers ein Prachtring!

...........sondern Triumphbögen

Weil es somit keine Stadttore mehr gab, liess Ludwig XIV zwei Triumphbögen errichten, einen überwältigend monumentalen in der rue Saint-Denis und einen etwas bescheideneren in der rue Saint-Martin. Denn er hatte gerade einen langwierigen Krieg gegen die Niederlande gewonnen. Ein bisschen Eitelkeit darf ja auch sein. Und schön sind sie ausserdem.


So schön ist Siegen: Ludwig XIV hält Einzug in das eben eroberte Maastricht

Auf den Grands Boulevards funkelt jetzt die Weihnachts-beleuchtung, genauso funkelnde Weihnachten wünscht:

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Wolfgang Friedrich


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