HOW THE WEST WAS WON
Paris platzt der Gürtel und setzt einen Jahrhundertring
an
Kaum war François I mit der Modernisierung des Walls
fertig, war’s schon wieder nicht recht. Die Stadt
brauchte Platz, vor allem die Prominenz und die Spitzenprominenz
überhaupt:
Catherine de Médicis und der Kardinal Richelieu.
Catherine de Médicis, früh verwitwet, nachdem
ihrem Mann, König Heinrich II bei einem Turnier der
Speer eines Gegners ins Auge gegangen war (1559), entwickelte
sich in der Folge zu einer aussergewöhnlich autoritären
Queen Mom und in der Folge auch noch zu einer umtriebigen
Bauherrin. In Florenz aufgewachsen, fand sie den Louvre,
damals eine trutzige , mittelalterliche Ritterburg, richtiggehend
abscheulich, als königliche Residenz unzumutbar. So
weit wie nur irgendwie möglich rückte sie nach
Westen ab, um ein von Grund auf neues Schloss zu bauen,
le château des Tuileries. So weit wie nur irgendwie
möglich: nur da kam halt gleich die Mauer und ungeschützt
davor wollte die Queen Mom auch sich nicht begeben. Kein
Hindernis für die Königin: der Wall wurde vor
dem Schloss ein bisschen nach Westen gerückt, die Fundamente
sind heute heute im Untergeschoss des musée de l’Orangerie
zu besichtigen.
50 Jahre später stiess Kardinal Richelieu bei seiner
Suche nach einem Bauplatz ebenso an die Mauer, ausgerechnet
an der Stelle, an der 200 Jahre zuvor Jeanne d’Arc
gescheitert war. Hier, an der porte Saint-Honoré
errichtete Richelieu sein Palais, das daher palais Cardinal
hiess. Als es später vorübergehend königliche
Residenz wurde, bekam es seinen endgültigen Namen:
Palais Royal. Weil die Harmonie der Architektur es erforderte,
wurde auch für diesen Bau ein Teil des Walls abgegraben,
und Ludwig XIII, der seinem Mentor nichts verbieten wollte,
drückte beide Augen zu. Im Übrigen aber hatte
die Befestigungsanlage von Charles V das ganze 16. Jahrhundert
über seinen Zweck bravourös erfüllt. Insbesondere
schützte sie wieder einmal die Pariser vor den Franzosen,
vor den protestantischen dieses Mal. Die Religionskriege
tobten, aber dank der Stadtmauer blieb der Anführer
der Protestanten, der spätere Henri IV, aussen vor.
Zu guter Letzt sah Henri ein, dass Paris wohl eine Messe
wert sei, wie er es angeblich ausdrückte. Jedenfalls
trat er zum Katholizismus über, erst danach konnte
er als neuer König in Paris Einzug halten.
Für seinen Sohn, Ludwig XIII, war an der Notwendigkeit
der Mauer daher nicht zu rütteln, nur, die Bauplätze
waren halt knapp. In einem immensen Kraftakt, dessen Kosten
allein schon eine ganze Generation auf dem Zahnfleisch dahergehen
liessen (in Frankreich sind es allerdings die Kniescheiben),
wurde ein neuer Wall in die Landschaft gesetzt. Nicht um
ganz Paris natürlich, das hätte selbst ein König
Ludwig, der wievielte auch immer, nicht geschafft. Ein knappes
Viertel des Gesamtumfangs wurde neu gezogen, die neue Trasse
begann ungefähr auf der Höhe des heutigen boulevard
Sébastopol. Da wich sie vom alten Wall im spitzen
Winkel ab, machte dann einen wesentlich grösseren Bogen
um den Pariser Nordwesten und stiess schliesslich bei der
place de la Concorde an das Seineufer, dort wohin bereits
Catherine de Médicis ein kleines Teilstück verschoben
hatte.Die untere Hälfte der Mauer, die den jardin des
Tulieries von der place de la Concorde abgrenzt, stammt
aus dieser Zeit.

der untere Teil stammt aus der Zeit Ludwigs XV, der obere
kam im 19. Jahrhundert dazu und die Strassenlaterne davor
natürlich auch!
Somit war Platz genug für einen Park vor dem Tuilerienschloss,
für das Palais des Kardinals Richelieu und für
eine Unzahl von weiteren Baulöwen.
Ein Sonnenkönig mit Weitblick braucht keine
Mauer........
Eine ganze Generation musste sich für die neue Befestigung
das Steuergeld vom Mund absparen (der Kardinal Richelieu
selber natürlich nicht).
Und dann war alles für nix.
Der Nachfolger Ludwigs XIII, Ludwig XIV hatte nämlich
Weitblick, einen noch weiteren Blick sogar als 200 Jahre
später sein bürgerlicher Kollege Adolphe Thiers
(siehe Newsletter Oktober). Ludwig XIV war daher zur Erkenntnis
gekommen, dass soundso schon alles zu spät wäre,
stünde der Feind erst einmal vor den Toren von Paris.
Das Um und Auf war vielmehr, den Feind überhaupt nicht
nach Frankreich hereinzulassen. Er beauftragte infolgedessen
seinen Festungsbauarchitekten Vauban einen Ring von Bastionen
rund um Frankreich herum anzulegen. Viele von diesen kann
man heute noch besichtigen, Lille und Strassburg zum Beispiel.
Von den meisten gibt es zudem verblüffend minutiös
gemachte Modelle, die im musée des plans-relief im
Hôtel des Invalides ausgestellt sind. Die Stadtmauer
von Paris hingegen liess er schleifen, die ganze, erstens
die von Charles V, zweitens die seines Vaters und drittens
natürlich auch die bereits über 400 Jahre alte
von Philippe Auguste, die noch immer den Pariser Süden
beschirmte (auf die der nächste Newsletter eingehen
wird). An der Stelle des geschleiften Bollwerks liess Ludwig
XIV hingegen einen Boulevard anlegen. Damit war ein Konzept
geboren, das für die Stadtentwicklung in ganz Europa
bis ins 19. Jahrhundert hinein Vorbildcharakter hatte. Die
Wörter Bollwerk und Boulevard sind also nicht zufällig
eng miteinander verwandt.
Aber was heisst ein Boulevard? Die Boulevards! Die ‚Grands
Boulevards’ sogar, die Lebensadern der Geschäftswelt
und später auch der Freizeitkultur. So entstand im
Gegensatz zum hässlichen, urbanistisch katastrophalen
Jahrhundertring von Adolphe Thiers ein Prachtring!
...........sondern Triumphbögen
Weil es somit keine Stadttore mehr gab, liess Ludwig XIV
zwei Triumphbögen errichten, einen überwältigend
monumentalen in der rue Saint-Denis und einen etwas bescheideneren
in der rue Saint-Martin. Denn er hatte gerade einen langwierigen
Krieg gegen die Niederlande gewonnen. Ein bisschen Eitelkeit
darf ja auch sein. Und schön sind sie ausserdem.

So schön ist Siegen: Ludwig XIV hält Einzug in das eben
eroberte Maastricht
Auf den Grands Boulevards funkelt jetzt die Weihnachts-beleuchtung,
genauso funkelnde Weihnachten wünscht:
www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich

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