Newsletter Dezember 05

Brannte Paris?

Nein.

Die Bilder, die durch die Weltpresse gingen, stammten aus der ‘banlieue’, den Vorstädten. Diejenigen, die sich vielleicht nostalgisch an 1968 erinnern, dürften eher enttäuscht sein: Genau genommen waren die nächtlichen Unruhen von Oktober 2005 eher das Gegenteil von Mai 1968: Damals zündeten die meist bürgerlichen Studenten im quartier latin, also mitten in der Innenstadt, die Autos an. Als diese Studenten dann ihre Protestbewegung hinaus in die Vorstädte tragen, den Arbeitern von Renault-Billancourt ihre frohe Botschaft vom Marxismus-Maoismus predigen wollten, mussten sie ebenso schleunigst wie frustriert auf den Pariser Pflasterstrand zurück, die Arbeiter in der banlieue waren an der Revolution nicht interessiert.
Die Jugendlichen von 2005 befanden sich bereits in der Vorstadt und wenn sie diese nächtens mit Feuerzeug und Fidibus unsicher machten, dann deswegen, weil sie von vornherein frustriert waren, und zwar weil Renault schon lange keine Arbeit mehr für sie hat (abgesehen davon ist Billancourt heute eine Industriebrache). Es gab nie das geringste Anzeichen dafür, dass dieser Protest über den Wall der Aussenringautobahn in die Stadt Paris überschwappen könnte. Sicher, hier fallen seit Jahrzehnten die Entscheidungen, die diesen Frust entstehen liessen, trotzdem: Paris selbst sonnte sich, im wörtlichen und übertragenen Sinn, im gesellschaftlichen Frieden und verfolgte die Unruhen, ebenso wie Berlin, Moskau oder New York, im Fernsehen.

ETIENNE MARCEL

Es ist in den letzten Wochen viel Schlaues gesagt worden über die Ursachen dieser feurigen Proteste, über die Gründe des Scheiterns der Integration dieser Jugendlichen, die meist schon die Enkel von vor etwa 40 Jahren (also so um 1968) eingewanderten Nord- oder Schwarzafrikanern sind. Es wurde sogar, wenigstens von manchen, auch gesagt, dass die Integration gar nicht so vollkommen gescheitert ist, ja, die brennenden Autos wären geradezu der Beweis dafür. Da ist, glaube ich, viel Wahres dran. Denn Autos brennen nun einmal alle 30, 40 Jahre in Paris, und als es noch keine Autos gab, brannten Häuser und Paläste, wurden Barrikaden errichtet, Gefängnisse geschleift : 1968, 1936, 1871, 1848 und 1851, 1830, 1789, und selbst der heute mit einer Statue vor dem Rathaus, einer Strasse und einer Metrostation geehrte Etienne Marcel war Anführer einer solchen Revolte. Das war schon im vierzehnten Jahrhundert (1358) und das Ziel war, den König zu entmachten, Paris sollte so etwas wie eine Freie Hansestadt werden. Das ging schief, der Aufstand endete für Etienne Marcel mit einem tödlichen Fenstersturz. Der König blieb fest im Sattel, zumindest noch für 400 Jahre, wenn es auch zwischenzeitlich an Versuchen nicht fehlte, ihn aus diesem zu heben.
Vulkanartige Eruptionen des Volkszorns als historische Tradition, in die diese jungen, aus der Immigration stammenden Franzosen sich nahtlos einreihen?
Ja.
Aber deswegen ist nicht eine Revolte wie die andere.
Die Ursachen dieser Revolte liegen in der sozialen und gesellschaftlichen Sackgassensituation der ‘beurs’, wie man die von Einwanderern stammenden Jugendlichen nennt, und sie ist an jenen Orten ausgebrochen und vor allem auch an jenen Orten geblieben, wo jeder Stein und noch mehr jede Betonplatte diese triste Situation widerspiegelt: Die Wohnblocks der 60er-Jahre sind damals angesichts einer akuten Wohnungsnot hochgezogen worden, sie mussten aber aufgrund ihrer Hässlichkeit nahezu zwangsläufig zu Gettos werden.
Provokant gesagt, zugegebenerweise kulturtouristisch abgehoben: die Ereignisse der letzten Wochen waren auch ein Aufschrei gegen eine krasse urbanistische Fehlentwicklung. Und das war daher auch mit ein Grund, warum Paris dieses Mal veschont blieb.

PARIS IST NÄMLICH EINE SCHÖNE STADT

Wie schön im Vergleich zu anderen Städten, das ist eine müssige Frage, im Spitzentrio von Alexander von Humboldt, der hier auch einige Zeit lebte (3, quai des Malaquais), scheint Paris zwar nicht auf, aber solche Reihungen sind naturgemäss subjektiv, genauso wie die Rankings, die regelmässig die Lebensqualität der Städte bewerten. Hier kam Paris einem Hamburger Managermagzin zufolge neulich sogar an die erste Stelle. Aber was heisst das schon? Lebensqualität, das mag für den einen bedeuten, dass er, so wie in Paris, im Schnitt ungefähr 100 Lebensmitteleinzelhändler pro km2 vorfindet, dem anderen ist es vielleicht wichtiger, so ungefähr alle 15 Autominuten, möglichst staufrei, einen Supermarkt anfahren zu können.
Halbwegs objektiv hingegen kann man behaupten, dass Paris unter den historisch gewachsenen Städte eine der homogensten, die am klarsten strukturierte ist. Die Stadt hatte noch dazu das Glück, seit den normannischen Invasionen vor 1200 Jahren nie wieder durch Kriegseinwirkung grossflächig zerstört zu werden. Es hat hier nie eine Feuersbrunst wie in London oder Moskau und auch nie ein Erdbeben gegeben. So wie die Stadt heute dasteht, so haben ihre Bewohner bzw. die Machtinhaber sie gewollt.
Und die hielten sich, bei allen persönlichen Ambitionen und Eitelkeiten, über die Jahrhunderte hinweg, an ein klares Grundkonzept: Einheitlichkeit und die Schaffung von Perspektiven. Und selbst als Baron Hausmann während seiner 16 Jahre dauernden Amtszeit im 19. Jahrhundert die in der Weltgeschichte sicher gründlichste Stadterneuerung in Friedenszeiten durchzog, insgesamt 20 000 Häuser wurden abgerissen, blieb er diesem Konzept nicht nur treu, sondern brachte es gewissermassen zur Vollendung.
Und nicht zuletzt konnte sich Paris auch erfolgreich gegen die Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg wehren. Bis auf einige Viertel im 19. und 20. Bezirk und noch ein paar weitere Bausünden gelang es Paris, sein Gesicht zu wahren. Das war zwar knapp. Immerhin wollte Le Corbusier noch fast den gesamten ersten Bezirk schleifen, um daraus eine Vorstadt zu machen.
So aber liessen die beurs von Paris ihre Feuerzeuge in der Tasche.

BRENNT PARIS ?

Ja.

Weil bald Weihnachten ist.
Die schönste Perspektive der Welt erstrahlt wieder in der Weihnachtsbeleuchtung, 150 000 Birnchen, 50 km Girlanden allein auf den Champs-Elysées! Natürlich lassen sich auch in allen anderen Geschäftsstrassen die Ladenbesitzer nicht lumpen und dekorieren nicht nur ihre Geschäfte, sondern finanzieren auch den Weihnachtsschmuck der ganzen Strasse.
Und ein Heer von Schaufenstermalern ist wieder im Einsatz: Vor allem für die Bäckereien und die Cafés gehört es zur Tradition, die Fenster mit üppig illustrierten Weihnachts- und Neujahrsgrüssen bemalen zu lassen.

BRENNT DIE SONNE ?

Ja.

Aber in Brasilien. Weil jedoch in Paris noch immer Brasilienjahr ist, kommen ein paar Strahlen auch an die Seine, genauer gesagt in den Louvre: In der salle de la chapelle, im 1. Stock sind bis zum 2. Januar die Landschaftsbilder aus dem Nordosten Brasiliens zu sehen, die der flämische Maler Frans Post (1612 – 1680) für Ludwig XIV angefertigt hat.
Und für Liebhaber von Kontrasten: mittwochs und freitags ist der Louvre auch noch lange bis nach Sonnenuntergang geöffnet (22h)!

Schöne Weihnachten wünscht
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de

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