Brannte Paris?
Nein.
Die Bilder, die durch die Weltpresse gingen, stammten aus
der ‘banlieue’, den Vorstädten. Diejenigen,
die sich vielleicht nostalgisch an 1968 erinnern, dürften
eher enttäuscht sein: Genau genommen waren die nächtlichen
Unruhen von Oktober 2005 eher das Gegenteil von Mai 1968:
Damals zündeten die meist bürgerlichen Studenten
im quartier latin, also mitten in der Innenstadt, die Autos
an. Als diese Studenten dann ihre Protestbewegung hinaus
in die Vorstädte tragen, den Arbeitern von Renault-Billancourt
ihre frohe Botschaft vom Marxismus-Maoismus predigen wollten,
mussten sie ebenso schleunigst wie frustriert auf den Pariser
Pflasterstrand zurück, die Arbeiter in der banlieue
waren an der Revolution nicht interessiert.
Die Jugendlichen von 2005 befanden sich bereits in der Vorstadt
und wenn sie diese nächtens mit Feuerzeug und Fidibus
unsicher machten, dann deswegen, weil sie von vornherein
frustriert waren, und zwar weil Renault schon lange keine
Arbeit mehr für sie hat (abgesehen davon ist Billancourt
heute eine Industriebrache). Es gab nie das geringste Anzeichen
dafür, dass dieser Protest über den Wall der Aussenringautobahn
in die Stadt Paris überschwappen könnte. Sicher,
hier fallen seit Jahrzehnten die Entscheidungen, die diesen
Frust entstehen liessen, trotzdem: Paris selbst sonnte sich,
im wörtlichen und übertragenen Sinn, im gesellschaftlichen
Frieden und verfolgte die Unruhen, ebenso wie Berlin, Moskau
oder New York, im Fernsehen.
ETIENNE MARCEL
Es ist in den letzten Wochen viel Schlaues gesagt worden
über die Ursachen dieser feurigen Proteste, über
die Gründe des Scheiterns der Integration dieser Jugendlichen,
die meist schon die Enkel von vor etwa 40 Jahren (also so
um 1968) eingewanderten Nord- oder Schwarzafrikanern sind.
Es wurde sogar, wenigstens von manchen, auch gesagt, dass
die Integration gar nicht so vollkommen gescheitert ist,
ja, die brennenden Autos wären geradezu der Beweis
dafür. Da ist, glaube ich, viel Wahres dran. Denn Autos
brennen nun einmal alle 30, 40 Jahre in Paris, und als es
noch keine Autos gab, brannten Häuser und Paläste,
wurden Barrikaden errichtet, Gefängnisse geschleift
: 1968, 1936, 1871, 1848 und 1851, 1830, 1789, und selbst
der heute mit einer Statue vor dem Rathaus, einer Strasse
und einer Metrostation geehrte Etienne Marcel war Anführer
einer solchen Revolte. Das war schon im vierzehnten Jahrhundert
(1358) und das Ziel war, den König zu entmachten, Paris
sollte so etwas wie eine Freie Hansestadt werden. Das ging
schief, der Aufstand endete für Etienne Marcel mit
einem tödlichen Fenstersturz. Der König blieb
fest im Sattel, zumindest noch für 400 Jahre, wenn
es auch zwischenzeitlich an Versuchen nicht fehlte, ihn
aus diesem zu heben.
Vulkanartige Eruptionen des Volkszorns als historische Tradition,
in die diese jungen, aus der Immigration stammenden Franzosen
sich nahtlos einreihen?
Ja.
Aber deswegen ist nicht eine Revolte wie die andere.
Die Ursachen dieser Revolte liegen in der sozialen und gesellschaftlichen
Sackgassensituation der ‘beurs’, wie man die
von Einwanderern stammenden Jugendlichen nennt, und sie
ist an jenen Orten ausgebrochen und vor allem auch an jenen
Orten geblieben, wo jeder Stein und noch mehr jede Betonplatte
diese triste Situation widerspiegelt: Die Wohnblocks der
60er-Jahre sind damals angesichts einer akuten Wohnungsnot
hochgezogen worden, sie mussten aber aufgrund ihrer Hässlichkeit
nahezu zwangsläufig zu Gettos werden.
Provokant gesagt, zugegebenerweise kulturtouristisch abgehoben:
die Ereignisse der letzten Wochen waren auch ein Aufschrei
gegen eine krasse urbanistische Fehlentwicklung. Und das
war daher auch mit ein Grund, warum Paris dieses Mal veschont
blieb.
PARIS IST NÄMLICH EINE SCHÖNE STADT
Wie schön im Vergleich zu anderen Städten, das
ist eine müssige Frage, im Spitzentrio von Alexander
von Humboldt, der hier auch einige Zeit lebte (3, quai des
Malaquais), scheint Paris zwar nicht auf, aber solche Reihungen
sind naturgemäss subjektiv, genauso wie die Rankings,
die regelmässig die Lebensqualität der Städte
bewerten. Hier kam Paris einem Hamburger Managermagzin zufolge
neulich sogar an die erste Stelle. Aber was heisst das schon?
Lebensqualität, das mag für den einen bedeuten,
dass er, so wie in Paris, im Schnitt ungefähr 100 Lebensmitteleinzelhändler
pro km2 vorfindet, dem anderen ist es vielleicht wichtiger,
so ungefähr alle 15 Autominuten, möglichst staufrei,
einen Supermarkt anfahren zu können.
Halbwegs objektiv hingegen kann man behaupten, dass Paris
unter den historisch gewachsenen Städte eine der homogensten,
die am klarsten strukturierte ist. Die Stadt hatte noch
dazu das Glück, seit den normannischen Invasionen vor
1200 Jahren nie wieder durch Kriegseinwirkung grossflächig
zerstört zu werden. Es hat hier nie eine Feuersbrunst
wie in London oder Moskau und auch nie ein Erdbeben gegeben.
So wie die Stadt heute dasteht, so haben ihre Bewohner bzw.
die Machtinhaber sie gewollt.
Und die hielten sich, bei allen persönlichen Ambitionen
und Eitelkeiten, über die Jahrhunderte hinweg, an ein
klares Grundkonzept: Einheitlichkeit und die Schaffung von
Perspektiven. Und selbst als Baron Hausmann während
seiner 16 Jahre dauernden Amtszeit im 19. Jahrhundert die
in der Weltgeschichte sicher gründlichste Stadterneuerung
in Friedenszeiten durchzog, insgesamt 20 000 Häuser
wurden abgerissen, blieb er diesem Konzept nicht nur treu,
sondern brachte es gewissermassen zur Vollendung.
Und nicht zuletzt konnte sich Paris auch erfolgreich gegen
die Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg wehren. Bis auf
einige Viertel im 19. und 20. Bezirk und noch ein paar weitere
Bausünden gelang es Paris, sein Gesicht zu wahren.
Das war zwar knapp. Immerhin wollte Le Corbusier noch fast
den gesamten ersten Bezirk schleifen, um daraus eine Vorstadt
zu machen.
So aber liessen die beurs von Paris ihre Feuerzeuge in der
Tasche.
BRENNT PARIS ?
Ja.
Weil bald Weihnachten ist.
Die schönste Perspektive der Welt erstrahlt wieder
in der Weihnachtsbeleuchtung, 150 000 Birnchen, 50 km Girlanden
allein auf den Champs-Elysées! Natürlich lassen
sich auch in allen anderen Geschäftsstrassen die Ladenbesitzer
nicht lumpen und dekorieren nicht nur ihre Geschäfte,
sondern finanzieren auch den Weihnachtsschmuck der ganzen
Strasse.
Und ein Heer von Schaufenstermalern ist wieder im Einsatz:
Vor allem für die Bäckereien und die Cafés
gehört es zur Tradition, die Fenster mit üppig
illustrierten Weihnachts- und Neujahrsgrüssen bemalen
zu lassen.
BRENNT DIE SONNE ?
Ja.
Aber in Brasilien. Weil jedoch in Paris noch immer Brasilienjahr
ist, kommen ein paar Strahlen auch an die Seine, genauer
gesagt in den Louvre: In der salle de la chapelle, im 1.
Stock sind bis zum 2. Januar die Landschaftsbilder aus dem
Nordosten Brasiliens zu sehen, die der flämische Maler
Frans Post (1612 – 1680) für Ludwig XIV angefertigt
hat.
Und für Liebhaber von Kontrasten: mittwochs und freitags
ist der Louvre auch noch lange bis nach Sonnenuntergang
geöffnet (22h)!
Schöne Weihnachten wünscht
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de
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