DIE PARISER STADTMAUER
SCHÜTZTE DIE ENGLÄNDER VOR DEN FRANZOSEN
Jeanne d’Arc scheitert
an der neuen Pariser Mauer
Liebe macht blind, das ist ja nichts Neues.
Aber so verliebt in Paris kann man gar nicht sein, dass
man die rue Sainte-Foy (siehe
Plan) schön findet. Wohl ist diese Gasse im 2.
Bezirk uralt, die Häuser auf der Südseite stammen
aus der Zeit Heinrichs IV (1589-1610), die nördliche
Häuserzeile wurde unter Ludwig XIII (1610- 1643) errichtet,
es sind aber bescheidene, heute schäbige Zweckbauten,
denn die Lage war ursprünglich nicht die beste: Direkt
dahinter, in der heutigen rue d’Aboukir, verlief seit
Ende des 14. Jahrhunderts die Stadtmauer von Charles V (1364-1380).

rue Sainte Foy, Nummer 14
Das wird der nächste Jahrhundertring auf unserem Weg
in Richtung Stadtkern.
Die neue Befestigung war damals notwendig geworden, weil
das mittelalterliche Paris aus allen Nähten platzte,
insbesondere auf dem rechten Seineufer, dem kommerziellen
Teil der Stadt. Zudem befand sich das Land in einem nahezu
permanenten Kriegszustand, über hundert Jahre dauerte
der Konflikt mit England um die französische Thronfolge.
Das heisst nicht, dass deswegen fortwährend gekämpft
wurde, gerade unter Charles V gab es längere Friedensphasen
und somit Zeit für den Befestigungsbau. Übrigens
hinderte die neue Mauer die Engländer nicht daran,
von Paris vorübergehend Besitz zu ergreifen. Und der
englische König Henry VI liess es sich nicht nehmen
sich im Dezember 1431 im zarten Alter von 10 Jahren in der
Kathedrale Notre-Dame zum König von Frankreich krönen
zu lassen. Ironie des Schicksals, eben an dieser Mauer war
etwas mehr als zwei Jahre vorher, im September 1429, Jeanne
d’Arc zum ersten Mal bei ihrem Feldzug gegen die Engländer
für die Rückeroberung von Frankreich gescheitert.
Sie wurde überdies am Tor Saint-Honoré von einer
Armbrust am Oberschenkel getroffen. Ungefähr an der
Stelle, in der heutigen rue Saint-Honoré, wurde im
19. Jahrhundert eine Gedenktafel angebracht.
Im Grunde genommen ging es den Parisern gar nicht darum,
ob jetzt Franzosen oder Engländer gerade die Krone
trugen, die waren soundso auf Engste miteinander verwandt
und sprachen alle ausserdem Französisch, sie fühlten
sich aber hinter so einer Mauer ganz einfach sicherer, umso
mehr als diese dem neuesten waffentechnischen Stand entsprach.
Da war nämlich Entscheidendes passiert: die Erfindung
der Artillerie.
Gegen die Steinkugeln, die nunmehr aus den ersten Kanonenrohren
abgefeuert wurden, reichte eine blosse Mauer nicht mehr.
Damit die feindlichen Geschosse, entgegen der Absicht der
Angreifer freilich, möglichst weich landeten, musste
ein Erdwall angehäuft werden, ein rempart, und so hiess
damals auch die eingangs erwähnte rue Sainte-Foy: rue
des remparts.
Dann kam noch ein breiter Graben, der Feind sollte ja die
Kanonen nicht unmittelbar davor aufstellen können und
seine Kugeln im hohen Bogen über die Mauer schiessen.
Versteckte Treppen statt trutziger
Mauer
Das alles bedingte gewaltige Erdarbeiten. Heute ist die
Mauer geschleift, der Graben zugeschüttet, der Erdwall
ist planiert. Das heisst aber noch lange nicht, dass man
sich die Mühe gemacht hätte alle Buckel und Huppel
in der Landschaft zu beseitigen. Kehren wir ein letztes
Mal zurück in die nicht sonderlich sehenswerte rue
Sainte-Foy.
Auch der Eingang des Hauses Nummer 14 sieht nicht gerade
einladend aus. Links eine schmuddelige Imbissstube, rechts
ein Laden, ein verstaubtes, halb verwittertes Schild weist
auf eine Textilgrosshandel hin. Davon gibt es noch einige
in der rue Sainte-Foy wie überhaupt in diesem gesamten
Stadtviertel. Hier ist nämlich eines der letzten Zentren
der europïschen Textilproduktion. Kein Mensch und schon
gar nicht irgendein Finanzbeamter weiss, wieviele zehntausende
Nähmaschinen in den umliegenden Keller-, Dach- und
Zwischengeschossen surren.
Hinter der Haustür Nummer 14 ist allerdings gar kein
Haus, sondern ein winziger Hof, dessen wilde Romantik ansichtskartenwürdig
wäre: abblätternder Verputz, ein frei sich durch
die Luft windendes Abflussrohr, von Blumen überquellende
Balkönchen.
Sowasgibt es freilich tausendfach in Paris, eine Besonderheit
ist schon eher, dass der Hof auf der gegenüberliegenden
Seite in eine Passage übergeht, die schnurstracks zur
rue Saint-Denis führt. Was auch der Grund ist, warum
man hier immer wieder Damen begegnet, die justament in diesem
Zentrum der Textilindustrie mit einem Minimum an Textilien
ihrem Broterwerb nachgehen. Die Passage selbst ist im Grunde
genommen genauso hässlich wie die rue Sainte-Foy. Wieder
dunkle Esslokale, auf verstaubten Schildern liest man „textiles
en gros“. Auch die 400 Jahre alte Holztreppe im letzten
Haus rechts ist keine besondere Attraktion.
Die Hauptsehenswürdigkeit jedoch, die ist eigentlich
genauso wenig sehenswert, eher schon ist sie wissenwert,
eine Wissenswürdigkeit sozusagen. Es ist die Stiege
zwischen dem Hof und der Passage, schmucklose dreizehn steinerne
Stufen: Hier war der Erdwall im 15. und 16. Jahrhundert,
unten war die Stadt, oben war der innere Wehrgang.
rue de Montpensier, es lohnt sich, die paar Stufen
hinaufzusteigen
Stiegen sind es, die heute noch den Verlauf des Walls
von Charles V ausweisen. Überall, wo die Zeit, die
Lust, das Geld oder die Notwendigkeit fehlten, nach der
Schleifung sorgfältig zu planieren, sind Treppen als
Zeugen der einstigen Topografie übriggeblieben.
Das beginnt beim Palais Royal, 45, rue de Montpensier, gegenüber
der kunstvollen Freitreppe des théâtre du Palais
Royal, oder auch ein paar Häuser weiter, bei der Nummer
23. Hier ist die Passage Pottier und in der Passage befindet
sich ein Restaurant, was heisst ein Restaurant, ein Kleinod,
ein Schmuckstück aus dem 19. Jahrhundert, aber das
muss man selbst erlebt haben, es ist auf jeden Fall incroyable
– unglaublich!
Der einstige Wall ist die Erklärung für die wenigen
Stufen in der Passage Vendôme bei der place de la
République, und deswegen bildet auch der boulevard
du Temple einen richtigen Graben zwischen dem dritten und
dem elften Bezirk.
Gibt es nur mehr Stufen und nirgends mehr den geringsten
Rest einer Mauer?
Doch, an den beiden Enden im Osten und im Westen.
Im Osten wurde die Mauer für die Einfassung des Kanals
Saint-Martin wiederverwendet, heute ist dieser Teil des
Kanals der Yachthafen von Paris.
Im Westen ist ein kleines Teilstück im Museum, nämlich
im Louvre, aber noch vor der Eintrittskartenkontrolle. Wer
den Eingang beim Arc du Carrousel in den Tuilerien nimmt,
hat nicht nur den Vorteil, kürzere, vielleicht auch
überhaupt keine Warteschlangen vorzufinden, er kommt
auch bei den massiven Steinblöcken der Mauer von Charles
V vorbei. Wobei man sich heute weitgehend einig ist, dass
die Mauerreste beim Hintereingang mit Charles V verhältnismässig
wenig zu tun haben. Sie dürften aus der Zeit um 1520
stammen, also auf François I zurückgehen.
Ein Festungsbauingenieur bringt
die Mona Lisa nach Frankreich
Denn die Waffentechnik hatte inzwischen beachtliche Fortschritte
gemacht, die Steinzeit der Artillerie war endgültig
vorbei. Mit den neu entwickelten Metallkugeln konnte man
viel weiter schiessen, auch treffgenauer und vor allem wesentlich
mehr kaputt machen. Da machte das Belagern und Erstürmen
wieder richtig Spass.
Und als der deutsche Kaiser Karl der V sich voller Vorfreude
mit seiner Armee Paris näherte, liess François
I schleunigst die über 100 Jahre alte Befestigung von
Charles V modernisieren. Zum Glück hatte er in Italien
gerade einen aussergewöhnlich kompetenten Festungsbauingenieur
kennen gelernt, und das war alles andere als ein Zufall.
François I war in Italien sehr viel unterwegs. Denn
die Franzosen und übrigens auch die Deutschen waren
der Meinung, dass sie in Italien alles mögliche zu
suchen hätten. Die neuen Metallkugeln waren dabei von
unschätzbaren Wert. Der Festungsbau hatte daher Hochkonjunktur.
Die von François I abgeworbene Koryphäe war
ein gewisser Leonardo da Vinci. Der war nebenbei auch noch
Maler und in seiner Mappe hatte er nicht nur Baupläne,
sondern auch noch das Bild einer rätselhaft lächelnden
jungen Dame......

Mauerreste im Louvre
Die Mauer war wirklich eindrucksvoll, Karl V kam dann aber
doch nicht bis Paris, um sie zu testen. Nur kaum fertig,
war sie schon wieder viel zu eng! Der neue Jahrhundertring
wird daher ab der rue Sainte-Foy etwas anders verlaufen.
schönen Herbst wünscht
wfriedrich
www.themenreisen-paris.de
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