Newsletter November 06

DIE PARISER STADTMAUER SCHÜTZTE DIE ENGLÄNDER VOR DEN FRANZOSEN

Jeanne d’Arc scheitert an der neuen Pariser Mauer
Liebe macht blind, das ist ja nichts Neues.
Aber so verliebt in Paris kann man gar nicht sein, dass man die rue Sainte-Foy (siehe Plan) schön findet. Wohl ist diese Gasse im 2. Bezirk uralt, die Häuser auf der Südseite stammen aus der Zeit Heinrichs IV (1589-1610), die nördliche Häuserzeile wurde unter Ludwig XIII (1610- 1643) errichtet, es sind aber bescheidene, heute schäbige Zweckbauten, denn die Lage war ursprünglich nicht die beste: Direkt dahinter, in der heutigen rue d’Aboukir, verlief seit Ende des 14. Jahrhunderts die Stadtmauer von Charles V (1364-1380).


rue Sainte Foy, Nummer 14

Das wird der nächste Jahrhundertring auf unserem Weg in Richtung Stadtkern.
Die neue Befestigung war damals notwendig geworden, weil das mittelalterliche Paris aus allen Nähten platzte, insbesondere auf dem rechten Seineufer, dem kommerziellen Teil der Stadt. Zudem befand sich das Land in einem nahezu permanenten Kriegszustand, über hundert Jahre dauerte der Konflikt mit England um die französische Thronfolge. Das heisst nicht, dass deswegen fortwährend gekämpft wurde, gerade unter Charles V gab es längere Friedensphasen und somit Zeit für den Befestigungsbau. Übrigens hinderte die neue Mauer die Engländer nicht daran, von Paris vorübergehend Besitz zu ergreifen. Und der englische König Henry VI liess es sich nicht nehmen sich im Dezember 1431 im zarten Alter von 10 Jahren in der Kathedrale Notre-Dame zum König von Frankreich krönen zu lassen. Ironie des Schicksals, eben an dieser Mauer war etwas mehr als zwei Jahre vorher, im September 1429, Jeanne d’Arc zum ersten Mal bei ihrem Feldzug gegen die Engländer für die Rückeroberung von Frankreich gescheitert. Sie wurde überdies am Tor Saint-Honoré von einer Armbrust am Oberschenkel getroffen. Ungefähr an der Stelle, in der heutigen rue Saint-Honoré, wurde im 19. Jahrhundert eine Gedenktafel angebracht.
Im Grunde genommen ging es den Parisern gar nicht darum, ob jetzt Franzosen oder Engländer gerade die Krone trugen, die waren soundso auf Engste miteinander verwandt und sprachen alle ausserdem Französisch, sie fühlten sich aber hinter so einer Mauer ganz einfach sicherer, umso mehr als diese dem neuesten waffentechnischen Stand entsprach.
Da war nämlich Entscheidendes passiert: die Erfindung der Artillerie.
Gegen die Steinkugeln, die nunmehr aus den ersten Kanonenrohren abgefeuert wurden, reichte eine blosse Mauer nicht mehr. Damit die feindlichen Geschosse, entgegen der Absicht der Angreifer freilich, möglichst weich landeten, musste ein Erdwall angehäuft werden, ein rempart, und so hiess damals auch die eingangs erwähnte rue Sainte-Foy: rue des remparts.
Dann kam noch ein breiter Graben, der Feind sollte ja die Kanonen nicht unmittelbar davor aufstellen können und seine Kugeln im hohen Bogen über die Mauer schiessen.

Versteckte Treppen statt trutziger Mauer
Das alles bedingte gewaltige Erdarbeiten. Heute ist die Mauer geschleift, der Graben zugeschüttet, der Erdwall ist planiert. Das heisst aber noch lange nicht, dass man sich die Mühe gemacht hätte alle Buckel und Huppel in der Landschaft zu beseitigen. Kehren wir ein letztes Mal zurück in die nicht sonderlich sehenswerte rue Sainte-Foy.
Auch der Eingang des Hauses Nummer 14 sieht nicht gerade einladend aus. Links eine schmuddelige Imbissstube, rechts ein Laden, ein verstaubtes, halb verwittertes Schild weist auf eine Textilgrosshandel hin. Davon gibt es noch einige in der rue Sainte-Foy wie überhaupt in diesem gesamten Stadtviertel. Hier ist nämlich eines der letzten Zentren der europïschen Textilproduktion. Kein Mensch und schon gar nicht irgendein Finanzbeamter weiss, wieviele zehntausende Nähmaschinen in den umliegenden Keller-, Dach- und Zwischengeschossen surren.
Hinter der Haustür Nummer 14 ist allerdings gar kein Haus, sondern ein winziger Hof, dessen wilde Romantik ansichtskartenwürdig wäre: abblätternder Verputz, ein frei sich durch die Luft windendes Abflussrohr, von Blumen überquellende Balkönchen.
Sowasgibt es freilich tausendfach in Paris, eine Besonderheit ist schon eher, dass der Hof auf der gegenüberliegenden Seite in eine Passage übergeht, die schnurstracks zur rue Saint-Denis führt. Was auch der Grund ist, warum man hier immer wieder Damen begegnet, die justament in diesem Zentrum der Textilindustrie mit einem Minimum an Textilien ihrem Broterwerb nachgehen. Die Passage selbst ist im Grunde genommen genauso hässlich wie die rue Sainte-Foy. Wieder dunkle Esslokale, auf verstaubten Schildern liest man „textiles en gros“. Auch die 400 Jahre alte Holztreppe im letzten Haus rechts ist keine besondere Attraktion.
Die Hauptsehenswürdigkeit jedoch, die ist eigentlich genauso wenig sehenswert, eher schon ist sie wissenwert, eine Wissenswürdigkeit sozusagen. Es ist die Stiege zwischen dem Hof und der Passage, schmucklose dreizehn steinerne Stufen: Hier war der Erdwall im 15. und 16. Jahrhundert, unten war die Stadt, oben war der innere Wehrgang.


rue de Montpensier, es lohnt sich, die paar Stufen hinaufzusteigen

Stiegen sind es, die heute noch den Verlauf des Walls von Charles V ausweisen. Überall, wo die Zeit, die Lust, das Geld oder die Notwendigkeit fehlten, nach der Schleifung sorgfältig zu planieren, sind Treppen als Zeugen der einstigen Topografie übriggeblieben.
Das beginnt beim Palais Royal, 45, rue de Montpensier, gegenüber der kunstvollen Freitreppe des théâtre du Palais Royal, oder auch ein paar Häuser weiter, bei der Nummer 23. Hier ist die Passage Pottier und in der Passage befindet sich ein Restaurant, was heisst ein Restaurant, ein Kleinod, ein Schmuckstück aus dem 19. Jahrhundert, aber das muss man selbst erlebt haben, es ist auf jeden Fall incroyable – unglaublich!
Der einstige Wall ist die Erklärung für die wenigen Stufen in der Passage Vendôme bei der place de la République, und deswegen bildet auch der boulevard du Temple einen richtigen Graben zwischen dem dritten und dem elften Bezirk.
Gibt es nur mehr Stufen und nirgends mehr den geringsten Rest einer Mauer?
Doch, an den beiden Enden im Osten und im Westen.
Im Osten wurde die Mauer für die Einfassung des Kanals Saint-Martin wiederverwendet, heute ist dieser Teil des Kanals der Yachthafen von Paris.
Im Westen ist ein kleines Teilstück im Museum, nämlich im Louvre, aber noch vor der Eintrittskartenkontrolle. Wer den Eingang beim Arc du Carrousel in den Tuilerien nimmt, hat nicht nur den Vorteil, kürzere, vielleicht auch überhaupt keine Warteschlangen vorzufinden, er kommt auch bei den massiven Steinblöcken der Mauer von Charles V vorbei. Wobei man sich heute weitgehend einig ist, dass die Mauerreste beim Hintereingang mit Charles V verhältnismässig wenig zu tun haben. Sie dürften aus der Zeit um 1520 stammen, also auf François I zurückgehen.

Ein Festungsbauingenieur bringt die Mona Lisa nach Frankreich
Denn die Waffentechnik hatte inzwischen beachtliche Fortschritte gemacht, die Steinzeit der Artillerie war endgültig vorbei. Mit den neu entwickelten Metallkugeln konnte man viel weiter schiessen, auch treffgenauer und vor allem wesentlich mehr kaputt machen. Da machte das Belagern und Erstürmen wieder richtig Spass.
Und als der deutsche Kaiser Karl der V sich voller Vorfreude mit seiner Armee Paris näherte, liess François I schleunigst die über 100 Jahre alte Befestigung von Charles V modernisieren. Zum Glück hatte er in Italien gerade einen aussergewöhnlich kompetenten Festungsbauingenieur kennen gelernt, und das war alles andere als ein Zufall. François I war in Italien sehr viel unterwegs. Denn die Franzosen und übrigens auch die Deutschen waren der Meinung, dass sie in Italien alles mögliche zu suchen hätten. Die neuen Metallkugeln waren dabei von unschätzbaren Wert. Der Festungsbau hatte daher Hochkonjunktur. Die von François I abgeworbene Koryphäe war ein gewisser Leonardo da Vinci. Der war nebenbei auch noch Maler und in seiner Mappe hatte er nicht nur Baupläne, sondern auch noch das Bild einer rätselhaft lächelnden jungen Dame......


Mauerreste im Louvre

Die Mauer war wirklich eindrucksvoll, Karl V kam dann aber doch nicht bis Paris, um sie zu testen. Nur kaum fertig, war sie schon wieder viel zu eng! Der neue Jahrhundertring wird daher ab der rue Sainte-Foy etwas anders verlaufen.

schönen Herbst wünscht
wfriedrich
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