Newsletter November 05

Der November hat ein schlechtes Image. Ein geradezu körperliches Unbehagen einflössendes. Dabei beginnt er mit einem Feiertag, dem man hin und wieder sogar ein verlängertes Wochenende verdankt. Das jedoch poliert sein Image auch nicht auf, denn der Anlass für diesen Feiertag drückt erst recht die Stimmung.
Aber es gibt sogar noch einen besonderen Tag in diesem Monat: den elften.

Da fängt in Deutschland immerhin der Karneval an! Na und? Das macht den November auch nicht lustiger, schliesslich ist es ein normaler Arbeitstag. In Frankreich hingegen ist der 11. November arbeitsfrei, der Grund ist allerdings ein anderer:
An diesem Tag ist der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Dass das in Deutschland kein Grund zu feiern ist, kann man nachvollziehen, dass ausgerechnet an diesem Tag östlich des Rheins der Karneval beginnt, das registrieren die französischen Medien, wenn überhaupt, mit Erstaunen. Sogar Radiosprechern hört man fast das Kopfschütteln an.

In ganz Frankreich gibt es am 11. November patriotische Gedenkfeiern vor den Abertausenden von Kriegerdenkmälern mit Aufmärschen und Kranzniederlegungen. In Paris selbstverständlich vor dem Triumphbogen. Und das Fernsehen wird es sicher auch dieses Jahr noch einmal schaffen, einen der letzten Veteranen der ‘Grande Guerre’ vor die Kamera zu bringen. So bewegend das auch sein mag, die Mehrheit der Bevölkerung ist trotzdem noch mehr daran interessiert, ob nicht mit ein bisschen Urlaubstrategie unter Umständen ein zweites verlängertes Wochenende drin ist! Der Blick auf den Kalender beruhigt: der elfte fällt dieses Jahr auf einen Freitag. Sein tristes Image ist der November deswegen aber noch immer nicht nicht los!
Dabei wäre es ganz einfach, zum Beispiel:

GARE DE LYON

So grau muss das Wetter im November nämlich gar nicht sein. Ein bisschen ist es der Westwind, die Thermik der Grossstadt hat auch ihren Anteil daran, der Novembernebel hat jedenfalls in Paris kein gutes Leben, und bei einem strahlenden Herbst wie dieses Jahr gibt es sicher auch jetzt noch ein paar Sonnentage.

Daher folgendes Rezept:
Man nehme, und zwar am späten Morgen, also gegen elf, ein Fahrrad und biege bei der Bastille in die rue de Lyon ein. Die heisst natürlich deshalb so, weil man, in der Richtung weiterfahrend, irgendwann in Lyon ankäme. Das würde aber mit dem Fahrrad, selbst bei guter Kondition, mindestens eine Woche dauern. So weit muss man aber nicht, das Schöne liegt bereits wesentlich näher! Schon nach knapp hundert Metern befindet man sich in einer Platanenallee. Die um diese Jahreszeit tiefstehende Sonne leuchtet in die Bäume hinein und bringt die gelblich welken Blätter zum Glühen. Diese haften noch fest an ihren Zweigen, vielleicht aus Trägheit, kann aber auch sein, dass sie nur wenig Lust haben, von den strahlend grünen Besen der Strassenfeger weggekehrt zu werden. Wenn dann, ein paar Häuser weiter, mitten in diesem spätherbstlichen Feuerwerk, frisch herausgeputzt, wie er jetzt ist, der Uhrturm der gare de Lyon im gleissenden Sonnenschein auftaucht, dann hat die Novembertristesse endgültig ausgespielt.
In Ermangelung eines Fahrrads kann man auch zu Fuss gehen, nach Lyon bräuchte man dann wohl mindestens drei Wochen und eine noch bessere Kondition. Wer unbedingt dort hin will, sollte daher eher an der gare de Lyon den TGV nehmen, der legt die 500 km in zwei Stunden zurück.

Die gare de Lyon! Der Bahnhof der Träume in Paris, aber nicht weil sich in der Bahnhofshalle eines der schönsten Pariser Restaurants, ‘Le Train bleu’, befindet, nicht weil man hier an einer 100 Meter langen Freskenwand mit wenigen Schritten ganz Frankreich abspazieren kann, nicht weil sich die Pariser dermassen nach Lyon sehnen, so schön diese Renaissancestadt auch immer sein mag, sondern: weil man von hier ans Mittelmehr fährt.

Nach Marseille, nach Nizza, und weiter noch, nach Venedig, Florenz und Rom. Von der gare de Lyon singt die schon einmal erwähnte Barbara (newsletter August), von der gare de Lyon aus lässt Michel Butor Léon Delmont, die Hauptperson seines Literaturgeschichte machenden Romans ‘La Modification’, beruflich und privat zwischen Paris und Rom pendeln. Wir aber pendeln nicht, wir bleiben in Paris und fahren oder gehen nur mehr einen halben Kilometer weiter bis zur

CINEMATHEQUE

Wer kein Fahrrad hat oder nicht zu Fuss gehen will, kann auch mit der Métro herfahren und bei der Station Bercy aussteigen. Dann ist natürlich nichts mit den sonnendurchfluteten Platanen in der rue de Lyon, aber dafür flutet die Sonne hier durch die Baumkronen im Park von Bercy und statt des Uhrturms des Bahnhofs blinken uns hier gleich vier Türme entgegen: die der neuen Nationalbibliothek Aber dorthin wollen wir vorläufig genauso wenig, unser Ziel ist das ehemalige Amerika-Haus, ganz am Anfang des Parks, es ist übrigens unverkennbar ein Bau von Frank Gehry. Die USA hatten aber, möglicherweise wegen anderer Prioritäten, kein Geld mehr für ihr Pariser Schaufenster.

Das Gebäude wurde renoviert und adaptiert für Henri Langlois’ Cinémathèque, die weltweit einzigartige Sammlung von Filmen, Plakaten, Kostümen und technischen Geräten, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Im Oktober wurde das Haus nun eröffnet. Dass diese Kollektion wieder zugänglich ist, darauf haben Filmliebhaber in aller Welt schon mit Sehnsucht gewartet. Jahrzehntelang führten die Schätze von Langlois, etwas überspitzt formuliert, fast so etwas wie ein Nomadendasein in Paris. Jetzt haben sie hoffentlich eine endgültige Bleibe gefunden. Nahezu täglich werden hier Juwele der siebten Kunst gezeigt, zur Eröffnung wurde aber noch eine Ausstellung ausgerichtet, die allein schon Grund genug ist, dass man, selbst im November, die Züge von der gare de Lyon ohne Wehmut abfahren lassen kann:

Renoir Renoir

nämlich Auguste und Jean, der Maler und der Filmregisseur, Vater und Sohn. Als Kurator für diese aussergewöhnliche Schau konnte man Serge Lemoine, den Leiter des musée d’Orsay gewinnen. Das hat die Beschaffung einer von Reihe von Gemälden von Auguste Renoir sicher erleichtert, wiewohl auch eine stattliche Anzahl von Bildern aus dem Ausland, insbesondere aus den USA und aus London kommt.

Dabei ist Auguste Renoir gar nicht der Mittelpunkt dieser Ausstellung. In der Hauptsache geht es, wie Sege Lemoine selbst betont und wie es dem Geist des Hauses, der Cinémathèque eben, entspricht, um den, zumindest innerhalb von Frankreich ebenso berühmten Sohn, den Filmemacher Jean Renoir.
Gezeigt wird, wie die Bilder des Malers Auguste in den Filmen von Jean weiterleben. Die Parallelen sind zum Teil verblüffend: Das Bild der badenden jungen Frau (‚torse, effet de soleil’) findet man wieder im Streifen ‘Le déjeuner sur l’herbe’ – allein schon dieser Titel spricht Bände! Das Motiv des Mädchens auf der Schaukel (Auguste Renoir: ‘La balançoire’) hat Jean Renoir in seinem Film ‘Eine Partie auf dem Lande’ wieder aufgegriffen. Eines der bekanntesten Werke von Auguste Renoir, nämlich ‘Le Bal au Moulin de la Galette’ findet sich wieder in ‘French Cancan’. Die Reihe liesse sich beliebig fortsetzen, an jeder Wand kann man hier die Gemälde des Vaters und die entsprechenden Sequenzen aus den Filmen des Sohnes betrachten.

Es geht aber nicht nur um die Deckungsgleichheit der Motive, die Austellung macht deutlich, dass Jean Renoir auch darüber hinaus das impressionistische Erbe des Vaters angetreten hat. Die Darstellung der Natur und die Behandlung des Lichts bewirken, dass man hier tatsächlich von einer impressionistischen Filmkunst sprechen kann.

Und das noch zum Teil in Schwarzweiss, aber nicht, weil er den Farbfilm vergessen hätte! Wie die meisten Regisseure, bleibt Jean Renoir noch lange beim Schwarz-Weiss- Film, selbst als der Farbfilm schon zur Verfügung steht. Nina Hagen würde hier in der Cinémathèque ihre blauen, oder richtiger gesagt, schwarz-weissen Wunder erleben!

Cinémathèque, 51, rue de Bercy, bis 9. Januar 2006, www.cinematheque.fr

Einen schönen schwarz-weissen November wünscht
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de

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