Place Vendôme,
ein Königsplatz ohne König
EIN ZWEITER ANLAUF FÜR LUDWIG XIV
Für die place des Victoires gab es königlicherseits
nur die eiskalte Schulter. Aber dessen ungeachtet war die
Idee gar nicht so schlecht. Aber für Ludwig XIV musste
es natürlich schon etwas Grandioses sein, nicht so
ein intimes Plätzchen, wie es der Marquis de la Feuillade
in Auftrag gegeben hatte, zwar gut gemeint und ein Schmuckstück
ausserdem, aber für einen Sonnenkönig einfach
um drei Nummern zu klein. Das heisst noch lange nicht, dass
der König ungeduldig darauf gedrängt hätte,
ihn interessierte vor allem Versailles, aber immerhin konnten
der mächtige Wirtschaftsminister Colbert und der Infrastrukturminister
Louvois ihn dazu bewegen das Palais des Herzogs von Vendôme
zu kaufen, zusammen mit einem 8 ha grossen Grundstück,
unmittelbar an der Trasse der eben geschleiften Stadtmauer
gelegen. Beste Lage also im gerade erst erschlossenen Neubaugebiet.
Der offenbar unermüdliche Jules Hardouin-Mansart legte
auch sofort ein Projekt auf den Tisch, das sich sehen lassen
konnte: ein ausgedehnter rechteckiger, genau genommen, da
an den Winkeln abgeschrägt, achteckiger Platz, eingefasst
von einer Fassadenkulisse, für die der Architekt, geringfügig
überarbeitet, seine Pläne der place des Victoires
aus der Schublade holte. Eine bestechende, eine beeindruckende
Kulisse, die aber dummerweise eine Stange Geld kostete.
Das der König nicht hatte. Der in Versailles sogar
sein Silberbesteck verkaufen musste. Colbert und Louvois
lag das Projekt wohl am Herzen, sie hätten hier gerne
ein Verwaltungszentrum hochgezogen um das politische Gewicht
des Standorts Versailles ein wenig auszutarieren. Aber so
naiv wie der Marquis de la Feuillade, dass sie sich deswegen
in Schulden stürzten, waren sie auch wieder nicht.
Und so blieb es bei der Kulisse, im wahrsten Sinne des Wortes:
Die Fassaden standen da, dahinter die grüne Wiese,
hundert Jahre vor Potemkin. Nur dass es hier nicht darum
ging, ein gekrön tes Haupt zu täuschen, das gekrönte
Haupt wirkte hier sogar an der Täuschung selber mit
und sass dank dem Hofbildhauer François Girardon
stolz, in Bronze gegossen, hoch zu Ross in der Mitte des
Platzes, wie es sich für einen ordentlichen Königsplatz
gehört.
Aber dann reichte das Geld auch für die Täuschung
nicht mehr. Also was nun? Das Rezept hat sich bis heute
bewährt: Auslagern und Privatisieren. Das aber gekonnt!
AUSLAGERN
Ausgelagert wurde an die Stadt Paris, allerdings mit ebenso
verbindlichen wie strengen Auflagen. Einen Platz, in dessen
Mitte der König daherreitet und der noch dazu place
Louis-le-Grand hiess, konnte man nicht mir nix dir nix in
einen Rummelplatz verwandeln. An der Widmung durfte kein
Deut verändert werden. Zulässig war einzig und
allein die Verkleinerung des Platzes um etwa 20 m auf jeder
Seite. Die Kulisse wurde folglich abgerissen und dann identisch
im kleineren Umfang wieder aufgebaut.
PRIVATISIEREN
Dann kam das Privatkapital ins Spiel: Betuchte Bauherren
wurden eingeladen, hinter den einheitlichen Fassaden von
Jules Hardouin-Mansart ihre Palais aufzuführen. Das
taten sie nur zu gern, denn die Lage war ja, wie schon gesagt,
erstklassig. In wenigen Jahrzehnten war die grüne Wiese
hinter den Fassaden verbaut. Seither hat sich an dem Platz
nichts mehr verändert. Das ist einzigartig in Paris.
Nicht die kleinste Wunde wurde bis heute in die Bausubstanz
geschlagen. Und kein Baum oder Strauch wurde hier gepflanzt,
der Blick hat ja frei zu sein auf den König in der
Mitte.
Der allerdings ist weg.
DIE REVOLUTION STÜRZT DEN KÖNIG UND EIN MALER
STÜRZT DEN KAISER
Das Standbild hielt sich bis 1792, das war in Frankreich
nicht nur für bereits verstorbene Könige eine
höchstriskante Zeit. Mit der Ausrufung der Ersten Republik
wurde der Sonnenkönig demontiert und eingeschmolzen,
nur mehr einen Miniaturabguss des Werkes von François
Girardon kann man heute im Louvre besichtigen (cour Marly).

stark geschrumpft reitet Ludwig XIV heute im Louvre
An der Stelle des reitenden Sonnenkönigs steht nämlich
seit 1810 eine Siegessäule. Napoleon I hatte Geschmack
gefunden an der Trajansäule in Rom, am liebsten hätte
er diese nach Paris transportieren lassen, liess das dann
aber doch lieber sein und übernahm statt dessen nur
die Idee: eine Säule, die von eine siegreichen Feldzug
erzählt, und davon hatte Napoleon so um 1810 mehr als
genug aufzuweisen. Der Sieg von Austerlitz (1805) war das
Bravourstück schlechthin. Ihm ist schliesslich auch
der kleine Triumphbogen vor dem Louvre gewidmet. Und weil
Symbole nun einmal wichtig sind, wurden die etwa 1200 ebeuteten
österreichischen Kanonen eingeschmolzen, die daraus
hergestellten Metallplatten winden sich seither spiralförmig
um die Säule und erzählen von der glorreichen
Schlacht im fernen Mähren. Wo genau genommen der grosse
Korse genauso wenig verloren hatte wie der grosse Römer
Trajan in Dakien.
Auf der Spitze der Säule stand natürlich ein
überlebensgrosser Napoleon, in der Aufmachung eines
ganz illustren Vorgängers: Cäsar.
Stand.
Und das nicht einmal besonders lange, bis 1814.
Da fand die Siegesserie Napoleons ein ebenso abruptes wie
definitives Ende. Die alliierten Truppen, die im April 1814
Paris besetzten, darunter Preussen und Österreicher,
störten sich nicht weiter an dem Heldenepos auf den
Metallplatten, machten aber mit dem Cäsar-Napoleon
kurzen Prozess und hissten an seiner Stelle eine weisse
Fahne mit der blauen Lilie, dem Symbol der alten französischen
Monarchie, die sie ja in Frankreich wieder hergestellt sehen
wollten, damit die Welt endlich wieder in Ordnung sei.
Es kam für Napoleon sogar noch schlimmer. 1818 wanderte
sein demontiertes Cäsarenstandbild in den Schmelzofen
und daraus wurde die neue Reiterstatue von Heinrich IV gegossen,
die heute noch am Pont Neuf steht (die ursprüngliche
lag in Form von Kanonenkugeln auf revolutionären und
vielleicht sogar napoleonischen Schlachtfeldern herum).
Napoleon selbst konnte sich deswegen nicht einmal im Grabe
umdrehen, denn das alles geschah noch zu seinen Lebzeiten.
Er starb jedoch bald darauf, 1821, in seinem Zwangsexil
auf der Insel Sankt Helena.
Sein Mythos aber lebte, wurde zum Fixstern am politischen
Himmel Frankreichs. Die um Popularität ringende Julimonarchie
(1830 – 1848) holte diesen Mythos zu Hilfe und stellte
wieder eine Napoleonstatue auf die Säule. Das war auch
die Zeit der Fertigstellung des grossen Triumphbogens und
der Rückführung der Asche des Kaisers der Franzosen
nach Paris und damit der Umwandlung der Königskapelle
des Invalidendoms in ein Mausoleum.
Trotzdem: Napoleon schön und gut, aber als Cäsar,
das war König Louis-Philippe dann doch zu viel. Die
herrliche Aussicht auf der Säulenspitze bekam jetzt
der blutjunge Bonaparte, ganz am Anfang seiner Karriere,
der <kleine Kaporal>, also kein Konkurrent, kein Schatten
für den König, dafür aber ein leuchtendes
Vorbild für die Soldaten.
Napoleon III (1851 – 1870) wiederum sah das ganz
anders. Für ihn war es im Gegenteil wichtig, dass er
der Neffe des mittlerweile legendären ersten Kaisers
der Franzosen, nicht des <petit caporal> war. Daher
orderte er für die place Vendôme eine Neuanfertigung
der Cäsarenvariante, das jugendliche Standbild bekam
hingegen eine Nische am Invalidendom.
Die neue Statue hat ihren Platz bis zum heutigen Tag bewahrt,
allerdings mit einer kurzen Unterbrechung.
POLITISCH UND ÄSTHETISCH INKORREKT
Napoleon als Cäsar oder kleiner Kaporal, die Frage
allein birgt also schon Zündstoff, klärungsbedürftig
ist aber auch, ob so eine Säule überhaupt in so
ein majestätisch klassizistisches Kleinod wie die place
Vendôme hineinpasst.

Courbet meinte: die muss weg!
„Nein“ sagte jemand, der in ästhetischen
Belangen zweifellos kompetent war: der Maler Gustave Courbet.
Schon möglich, dass dabei seine rein subjektive Präferenz
für konkret weibliche (musee d,Orsay) statt symbolisch
männlicher Erotik eine Rolle spielte, auf jeden Fall
sägte er die Säule am 16.Mai 1871 um, natürlich
nicht allein, aber Courbet war sägeführend. Um
diese Zeit gingen ausserdem viele Gebäude in Paris
in Flammen auf, unter anderen zum Beispiel der Rechnungshof,
also jener Bau, an dessen Stelle heute das besagte musee
d’Orsay hängt, wo Courbets „origine du
monde“ zu bewundern ist. Das waren die Tage bzw. Wochen
der Pariser Kommune. Für die übrigen Kommunarden
freilich war die Säule viel weniger eine Beleidigung
fürs Auge als vielmehr das verhasste Symbol des eben
im Kassler Exil sich aufhaltenden Kaisers Napoleon III.
Und überhaupt stand das Siegesmonument im krassen Widerspruch
zum kosmop olitischen Ideal der ersten sozialistischen Revolution
Europas.
Als jedoch die Regierungstruppen die Kommune niedergeschlagen
hatten, wurde die in Stücke gegangene Säule wieder
restauriert und samt Napoleon aufgestellt. Gustave Courbet
musste sich vor Gericht verantworten. Er versuchte seine
Initiative allein mit der Hässlichkeit des Denkmals
zu begründen, die Richter beeindruckte das aber wenig
und sie verurteilten ihn zur Erstattung der Kosten, was
ihn für den finanziellen Ruin bedeutete.
Mit der Zeit und der Gewohnheit vernarben selbst die ästhetischen
Wunden. Kein einheimisches und auch kein Touristenauge stösst
sich mehr an der zugegebenermassen etwas wuchtigen Säule,
heute ist auf der place Vendôme nur mehr Platz für
uneingeschränkte Bewunderung. Und seit die parkenden
Autos in eine Tiefgarage verschwinden mussten, braucht man
nur mehr den Moment abzuwarten, wo kein Reisebus um die
Säule kurvt, um dieses bauliche Juwel ungestört
betrachten zu können.
Ausserdem gibt es in Paris keinen besseren Ort um Juwelen
zu betrachten, gegebenenfalls auch zu kaufen.
JUWELEN FÜR NAPOLEON UND CATHERINE DENEUVE
In den Blendarkaden von Jules Hardouin-Mansart haben haben
sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts die weltweit renommiertesten
Juweliere niedergelassen. Im Haus, besser gesagt im Palais
Nummer 6 befindet sich Chaumet, jener Goldschmied, der die
Kronjuwelen für den römisch gekleideten Herrn
auf der Säule anfertigte. Die Krönung fand, Napoleon
liess sich auch dieses Symbol nicht entgehen, genau am Jahrestag
(2. Dez. 1804) der Schlacht von Austerlitz statt, der wir
ja, und damit schliesst sich der Kreis, eben die Säule
verdanken. Nur: 1804, ein Jahr vor der Schlacht. Napoleon
war also nicht nur ein strategisches Genie, sondern auch
ein Ass der Terminplanung!
Die place Vendôme ist nunmehr so etwas wie der Inbegriff
für die Juwelierbranche geworden. Auch in einem Film
mit Catherine Deneuve, der in diesem Milieu spielt, ist
die place Vendôme der neuralgische Mittelpunkt, daher
heisst der Streifen auch so. Selbstverständlich erleichtert
eine Catherine-Deneuve-Gage das Einkaufen hier beträchtlich.
KÖNIGLICH SPEISEN UND BESSER AUCH ÜBERNACHTEN
Ein weiterer Cäsar, genauer César, hat diesen
Platz geprägt. 1895 kaufte César Ritz das Palais
Nummer 15 um darin ein Hotel einzurichten. Keine Absteige
natürlich, sondern ein Haus, zugeschnitten auf jenen
Kundenkreis, der auch in den benachbarten Juwelierläden
gern gesehen ist.
Coco Chanel war eine der prominentesten Kundinnen des Hotels.
Sie machte ja bekanntlich Schmuck auf ihre Art, mit Stoff.
Ihr berühmtestes Produkt allerdings heisst ‚numéro
5’, das ist keine Kleidergrösse, sondern ein
Parfum. Für das Fläschchen mit dem kostbaren Duftwasser
liess sie einen achteckigen Verschluss entwerfen. Nicht
irgendwie achteckig, sondern, jawohl, genau in der Form
achteckig wie die place Vendôme. Denn sie war hier
daheim, und zwar im Hotel Ritz bitte sehr! Auch ihr Personal
quartierte sie hier ein, das war ganz einfach praktischer
für alle Beteiligten. Ihre Suite, nach wie vor mit
dem Originalmobilar der Mode- und Parfumschöpferin
eingerichtet, trägt heute ihren Namen und kostet 6000
Euro, für eine Nacht, versteht sich, wenn man sich
auf eines der beiden Zimmer beschränkt.
Ein entscheidender Vorteil für Madame Chanel im Ritz
war sicher die Nähe zu ihrem Arbeitsplatz. Sie musste
nur das Hotel in seiner ganzen Tiefe durchmessen und den
Hinterausgang nehmen, dann stand sie in der rue Cambon,
ziemlich genau gegenüber dem Haus, in dem sich ihre
Werkstätten befanden und noch immer befinden.
Es sei denn, ja es sei denn, dass sie kurz vor diesem Hinterausgang
in die Bar abdrehte, wo sie fast mit Sicherheit einen weiteren
Stammgast getroffen hätte: Ernest Hemingway, der hier
so etwas wie eine Thekenstütze war, wie man in Frankreich
jemanden bezeichnet, der sich ebenso regelmässig wie
ausdauernd an einem Schanktisch einfindet (pilier du bar).
Die Bar ist heute nach dem Literaturnobelpreisträger
von 1954 benannt. Einkehren kann man ab 18h30 und die (Sperr)stunde
schlägt einem um 2h00 früh.
Übrigens, die Amerikaner hatten die place Vendôme
schon entdeckt, da gab es ‚le Ritz’ noch gar
nicht. Auf dem Haus Nummer 1, das noch zum Platz gehört,
obwohl es sich eigentlich schon in der rue de Castiglione
befindet, ist eine kaum mehr sichtbare Tafel angebracht:
Hier befand sich die texanische Botschaft, als dieser Südstaat
noch unabhängig war (bis 1845).
Zurück zum Ritz.
Königlich speisen kann man auch, zu königlichen
Preisen natürlich.
Oder auf Kosten der Prinzessin (siehe place des Vosges,
6/07)?
Das ist halt nicht so einfach.
Eine wirkliche Prinzessin tafelte hier jedenfalls am Abend
des 31. August 1997. Doch gerade sie dürfte die Rechnung
auf keinen Fall selbst beglichen haben. Schliesslich befand
sie sich in Begleitung des Erben des Hotels Ritz. Die Chanel-Suite
oder auch nur ein bescheidenes Zimmer hatte das Paar leider
nicht belegt. Die Heimfahrt endete dann ebenso abrupt wie
tragisch unter dem pont d’Alma. Der Chauffeur hatte
offenbar auf Kosten der Prinzessin etwas zuviel getrunken.
Es muss aber nicht immer ein teures Essen sein. Eine ebenso
raffiniert wie vorzüglich angerichtete Schokolade im
oasengleichen Garten links nach dem Eingang kostet 10 Euro.
Und danach kann man unbesorgt Auto fahren.
Ihr Wolfgang Friedrich
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