Newsletter
Oktober-November 2007

Place Vendôme, ein Königsplatz ohne König

EIN ZWEITER ANLAUF FÜR LUDWIG XIV

Für die place des Victoires gab es königlicherseits nur die eiskalte Schulter. Aber dessen ungeachtet war die Idee gar nicht so schlecht. Aber für Ludwig XIV musste es natürlich schon etwas Grandioses sein, nicht so ein intimes Plätzchen, wie es der Marquis de la Feuillade in Auftrag gegeben hatte, zwar gut gemeint und ein Schmuckstück ausserdem, aber für einen Sonnenkönig einfach um drei Nummern zu klein. Das heisst noch lange nicht, dass der König ungeduldig darauf gedrängt hätte, ihn interessierte vor allem Versailles, aber immerhin konnten der mächtige Wirtschaftsminister Colbert und der Infrastrukturminister Louvois ihn dazu bewegen das Palais des Herzogs von Vendôme zu kaufen, zusammen mit einem 8 ha grossen Grundstück, unmittelbar an der Trasse der eben geschleiften Stadtmauer gelegen. Beste Lage also im gerade erst erschlossenen Neubaugebiet. Der offenbar unermüdliche Jules Hardouin-Mansart legte auch sofort ein Projekt auf den Tisch, das sich sehen lassen konnte: ein ausgedehnter rechteckiger, genau genommen, da an den Winkeln abgeschrägt, achteckiger Platz, eingefasst von einer Fassadenkulisse, für die der Architekt, geringfügig überarbeitet, seine Pläne der place des Victoires aus der Schublade holte. Eine bestechende, eine beeindruckende Kulisse, die aber dummerweise eine Stange Geld kostete. Das der König nicht hatte. Der in Versailles sogar sein Silberbesteck verkaufen musste. Colbert und Louvois lag das Projekt wohl am Herzen, sie hätten hier gerne ein Verwaltungszentrum hochgezogen um das politische Gewicht des Standorts Versailles ein wenig auszutarieren. Aber so naiv wie der Marquis de la Feuillade, dass sie sich deswegen in Schulden stürzten, waren sie auch wieder nicht. Und so blieb es bei der Kulisse, im wahrsten Sinne des Wortes: Die Fassaden standen da, dahinter die grüne Wiese, hundert Jahre vor Potemkin. Nur dass es hier nicht darum ging, ein gekrön tes Haupt zu täuschen, das gekrönte Haupt wirkte hier sogar an der Täuschung selber mit und sass dank dem Hofbildhauer François Girardon stolz, in Bronze gegossen, hoch zu Ross in der Mitte des Platzes, wie es sich für einen ordentlichen Königsplatz gehört.

Aber dann reichte das Geld auch für die Täuschung nicht mehr. Also was nun? Das Rezept hat sich bis heute bewährt: Auslagern und Privatisieren. Das aber gekonnt!

AUSLAGERN

Ausgelagert wurde an die Stadt Paris, allerdings mit ebenso verbindlichen wie strengen Auflagen. Einen Platz, in dessen Mitte der König daherreitet und der noch dazu place Louis-le-Grand hiess, konnte man nicht mir nix dir nix in einen Rummelplatz verwandeln. An der Widmung durfte kein Deut verändert werden. Zulässig war einzig und allein die Verkleinerung des Platzes um etwa 20 m auf jeder Seite. Die Kulisse wurde folglich abgerissen und dann identisch im kleineren Umfang wieder aufgebaut.

PRIVATISIEREN

Dann kam das Privatkapital ins Spiel: Betuchte Bauherren wurden eingeladen, hinter den einheitlichen Fassaden von Jules Hardouin-Mansart ihre Palais aufzuführen. Das taten sie nur zu gern, denn die Lage war ja, wie schon gesagt, erstklassig. In wenigen Jahrzehnten war die grüne Wiese hinter den Fassaden verbaut. Seither hat sich an dem Platz nichts mehr verändert. Das ist einzigartig in Paris. Nicht die kleinste Wunde wurde bis heute in die Bausubstanz geschlagen. Und kein Baum oder Strauch wurde hier gepflanzt, der Blick hat ja frei zu sein auf den König in der Mitte.

Der allerdings ist weg.

DIE REVOLUTION STÜRZT DEN KÖNIG UND EIN MALER STÜRZT DEN KAISER

Das Standbild hielt sich bis 1792, das war in Frankreich nicht nur für bereits verstorbene Könige eine höchstriskante Zeit. Mit der Ausrufung der Ersten Republik wurde der Sonnenkönig demontiert und eingeschmolzen, nur mehr einen Miniaturabguss des Werkes von François Girardon kann man heute im Louvre besichtigen (cour Marly).


stark geschrumpft reitet Ludwig XIV heute im Louvre

An der Stelle des reitenden Sonnenkönigs steht nämlich seit 1810 eine Siegessäule. Napoleon I hatte Geschmack gefunden an der Trajansäule in Rom, am liebsten hätte er diese nach Paris transportieren lassen, liess das dann aber doch lieber sein und übernahm statt dessen nur die Idee: eine Säule, die von eine siegreichen Feldzug erzählt, und davon hatte Napoleon so um 1810 mehr als genug aufzuweisen. Der Sieg von Austerlitz (1805) war das Bravourstück schlechthin. Ihm ist schliesslich auch der kleine Triumphbogen vor dem Louvre gewidmet. Und weil Symbole nun einmal wichtig sind, wurden die etwa 1200 ebeuteten österreichischen Kanonen eingeschmolzen, die daraus hergestellten Metallplatten winden sich seither spiralförmig um die Säule und erzählen von der glorreichen Schlacht im fernen Mähren. Wo genau genommen der grosse Korse genauso wenig verloren hatte wie der grosse Römer Trajan in Dakien.

Auf der Spitze der Säule stand natürlich ein überlebensgrosser Napoleon, in der Aufmachung eines ganz illustren Vorgängers: Cäsar.

Stand.

Und das nicht einmal besonders lange, bis 1814.

Da fand die Siegesserie Napoleons ein ebenso abruptes wie definitives Ende. Die alliierten Truppen, die im April 1814 Paris besetzten, darunter Preussen und Österreicher, störten sich nicht weiter an dem Heldenepos auf den Metallplatten, machten aber mit dem Cäsar-Napoleon kurzen Prozess und hissten an seiner Stelle eine weisse Fahne mit der blauen Lilie, dem Symbol der alten französischen Monarchie, die sie ja in Frankreich wieder hergestellt sehen wollten, damit die Welt endlich wieder in Ordnung sei.

Es kam für Napoleon sogar noch schlimmer. 1818 wanderte sein demontiertes Cäsarenstandbild in den Schmelzofen und daraus wurde die neue Reiterstatue von Heinrich IV gegossen, die heute noch am Pont Neuf steht (die ursprüngliche lag in Form von Kanonenkugeln auf revolutionären und vielleicht sogar napoleonischen Schlachtfeldern herum).

Napoleon selbst konnte sich deswegen nicht einmal im Grabe umdrehen, denn das alles geschah noch zu seinen Lebzeiten.
Er starb jedoch bald darauf, 1821, in seinem Zwangsexil auf der Insel Sankt Helena.

Sein Mythos aber lebte, wurde zum Fixstern am politischen Himmel Frankreichs. Die um Popularität ringende Julimonarchie (1830 – 1848) holte diesen Mythos zu Hilfe und stellte wieder eine Napoleonstatue auf die Säule. Das war auch die Zeit der Fertigstellung des grossen Triumphbogens und der Rückführung der Asche des Kaisers der Franzosen nach Paris und damit der Umwandlung der Königskapelle des Invalidendoms in ein Mausoleum.

Trotzdem: Napoleon schön und gut, aber als Cäsar, das war König Louis-Philippe dann doch zu viel. Die herrliche Aussicht auf der Säulenspitze bekam jetzt der blutjunge Bonaparte, ganz am Anfang seiner Karriere, der <kleine Kaporal>, also kein Konkurrent, kein Schatten für den König, dafür aber ein leuchtendes Vorbild für die Soldaten.

Napoleon III (1851 – 1870) wiederum sah das ganz anders. Für ihn war es im Gegenteil wichtig, dass er der Neffe des mittlerweile legendären ersten Kaisers der Franzosen, nicht des <petit caporal> war. Daher orderte er für die place Vendôme eine Neuanfertigung der Cäsarenvariante, das jugendliche Standbild bekam hingegen eine Nische am Invalidendom.

Die neue Statue hat ihren Platz bis zum heutigen Tag bewahrt, allerdings mit einer kurzen Unterbrechung.

POLITISCH UND ÄSTHETISCH INKORREKT
Napoleon als Cäsar oder kleiner Kaporal, die Frage allein birgt also schon Zündstoff, klärungsbedürftig ist aber auch, ob so eine Säule überhaupt in so ein majestätisch klassizistisches Kleinod wie die place Vendôme hineinpasst.


Courbet meinte: die muss weg!

„Nein“ sagte jemand, der in ästhetischen Belangen zweifellos kompetent war: der Maler Gustave Courbet. Schon möglich, dass dabei seine rein subjektive Präferenz für konkret weibliche (musee d,Orsay) statt symbolisch männlicher Erotik eine Rolle spielte, auf jeden Fall sägte er die Säule am 16.Mai 1871 um, natürlich nicht allein, aber Courbet war sägeführend. Um diese Zeit gingen ausserdem viele Gebäude in Paris in Flammen auf, unter anderen zum Beispiel der Rechnungshof, also jener Bau, an dessen Stelle heute das besagte musee d’Orsay hängt, wo Courbets „origine du monde“ zu bewundern ist. Das waren die Tage bzw. Wochen der Pariser Kommune. Für die übrigen Kommunarden freilich war die Säule viel weniger eine Beleidigung fürs Auge als vielmehr das verhasste Symbol des eben im Kassler Exil sich aufhaltenden Kaisers Napoleon III. Und überhaupt stand das Siegesmonument im krassen Widerspruch zum kosmop olitischen Ideal der ersten sozialistischen Revolution Europas.

Als jedoch die Regierungstruppen die Kommune niedergeschlagen hatten, wurde die in Stücke gegangene Säule wieder restauriert und samt Napoleon aufgestellt. Gustave Courbet musste sich vor Gericht verantworten. Er versuchte seine Initiative allein mit der Hässlichkeit des Denkmals zu begründen, die Richter beeindruckte das aber wenig und sie verurteilten ihn zur Erstattung der Kosten, was ihn für den finanziellen Ruin bedeutete.

Mit der Zeit und der Gewohnheit vernarben selbst die ästhetischen Wunden. Kein einheimisches und auch kein Touristenauge stösst sich mehr an der zugegebenermassen etwas wuchtigen Säule, heute ist auf der place Vendôme nur mehr Platz für uneingeschränkte Bewunderung. Und seit die parkenden Autos in eine Tiefgarage verschwinden mussten, braucht man nur mehr den Moment abzuwarten, wo kein Reisebus um die Säule kurvt, um dieses bauliche Juwel ungestört betrachten zu können.

Ausserdem gibt es in Paris keinen besseren Ort um Juwelen zu betrachten, gegebenenfalls auch zu kaufen.

JUWELEN FÜR NAPOLEON UND CATHERINE DENEUVE

In den Blendarkaden von Jules Hardouin-Mansart haben haben sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts die weltweit renommiertesten Juweliere niedergelassen. Im Haus, besser gesagt im Palais Nummer 6 befindet sich Chaumet, jener Goldschmied, der die Kronjuwelen für den römisch gekleideten Herrn auf der Säule anfertigte. Die Krönung fand, Napoleon liess sich auch dieses Symbol nicht entgehen, genau am Jahrestag (2. Dez. 1804) der Schlacht von Austerlitz statt, der wir ja, und damit schliesst sich der Kreis, eben die Säule verdanken. Nur: 1804, ein Jahr vor der Schlacht. Napoleon war also nicht nur ein strategisches Genie, sondern auch ein Ass der Terminplanung!

Die place Vendôme ist nunmehr so etwas wie der Inbegriff für die Juwelierbranche geworden. Auch in einem Film mit Catherine Deneuve, der in diesem Milieu spielt, ist die place Vendôme der neuralgische Mittelpunkt, daher heisst der Streifen auch so. Selbstverständlich erleichtert eine Catherine-Deneuve-Gage das Einkaufen hier beträchtlich.

KÖNIGLICH SPEISEN UND BESSER AUCH ÜBERNACHTEN

Ein weiterer Cäsar, genauer César, hat diesen Platz geprägt. 1895 kaufte César Ritz das Palais Nummer 15 um darin ein Hotel einzurichten. Keine Absteige natürlich, sondern ein Haus, zugeschnitten auf jenen Kundenkreis, der auch in den benachbarten Juwelierläden gern gesehen ist.

Coco Chanel war eine der prominentesten Kundinnen des Hotels. Sie machte ja bekanntlich Schmuck auf ihre Art, mit Stoff. Ihr berühmtestes Produkt allerdings heisst ‚numéro 5’, das ist keine Kleidergrösse, sondern ein Parfum. Für das Fläschchen mit dem kostbaren Duftwasser liess sie einen achteckigen Verschluss entwerfen. Nicht irgendwie achteckig, sondern, jawohl, genau in der Form achteckig wie die place Vendôme. Denn sie war hier daheim, und zwar im Hotel Ritz bitte sehr! Auch ihr Personal quartierte sie hier ein, das war ganz einfach praktischer für alle Beteiligten. Ihre Suite, nach wie vor mit dem Originalmobilar der Mode- und Parfumschöpferin eingerichtet, trägt heute ihren Namen und kostet 6000 Euro, für eine Nacht, versteht sich, wenn man sich auf eines der beiden Zimmer beschränkt.

Ein entscheidender Vorteil für Madame Chanel im Ritz war sicher die Nähe zu ihrem Arbeitsplatz. Sie musste nur das Hotel in seiner ganzen Tiefe durchmessen und den Hinterausgang nehmen, dann stand sie in der rue Cambon, ziemlich genau gegenüber dem Haus, in dem sich ihre Werkstätten befanden und noch immer befinden.

Es sei denn, ja es sei denn, dass sie kurz vor diesem Hinterausgang in die Bar abdrehte, wo sie fast mit Sicherheit einen weiteren Stammgast getroffen hätte: Ernest Hemingway, der hier so etwas wie eine Thekenstütze war, wie man in Frankreich jemanden bezeichnet, der sich ebenso regelmässig wie ausdauernd an einem Schanktisch einfindet (pilier du bar). Die Bar ist heute nach dem Literaturnobelpreisträger von 1954 benannt. Einkehren kann man ab 18h30 und die (Sperr)stunde schlägt einem um 2h00 früh.

Übrigens, die Amerikaner hatten die place Vendôme schon entdeckt, da gab es ‚le Ritz’ noch gar nicht. Auf dem Haus Nummer 1, das noch zum Platz gehört, obwohl es sich eigentlich schon in der rue de Castiglione befindet, ist eine kaum mehr sichtbare Tafel angebracht: Hier befand sich die texanische Botschaft, als dieser Südstaat noch unabhängig war (bis 1845).

Zurück zum Ritz.
Königlich speisen kann man auch, zu königlichen Preisen natürlich.
Oder auf Kosten der Prinzessin (siehe place des Vosges, 6/07)?
Das ist halt nicht so einfach.

Eine wirkliche Prinzessin tafelte hier jedenfalls am Abend des 31. August 1997. Doch gerade sie dürfte die Rechnung auf keinen Fall selbst beglichen haben. Schliesslich befand sie sich in Begleitung des Erben des Hotels Ritz. Die Chanel-Suite oder auch nur ein bescheidenes Zimmer hatte das Paar leider nicht belegt. Die Heimfahrt endete dann ebenso abrupt wie tragisch unter dem pont d’Alma. Der Chauffeur hatte offenbar auf Kosten der Prinzessin etwas zuviel getrunken.

Es muss aber nicht immer ein teures Essen sein. Eine ebenso raffiniert wie vorzüglich angerichtete Schokolade im oasengleichen Garten links nach dem Eingang kostet 10 Euro. Und danach kann man unbesorgt Auto fahren.

Ihr Wolfgang Friedrich

» ich möchte auch den Newsletter!

 

Archiv 2005
1 2 3 4
5 6 7 8
9 10 11 12
Archiv 2006
1 2 3 4
5 6 7 8
9 10 11 12
Archiv 2007
1 2 3 4
5 6 8 10
Archiv 2008
1 4 - -
Archiv 2009
1 5 - -

 

 

 

ich will den
Newsletter!

 

ImpressumPartnerseiten
© www.themenreisen-paris.de - 113, rue de Clignancourt, F-75018 Paris