Newsletter Oktober 06

JAHRHUNDERTRINGE

Ich weiss nicht mehr wie sie hiessen oder noch immer heissen: Vor in etwa 20 Jahren kamen sie auf und in Mode, Bücher oder Hefte, bestehend aus buntscheckigen abstrakten Mustern, in die man den Blick lang genug hineinversenken musste, um schliesslich einen konkreten Gegenstand hervortreten zu sehen.
Heute sind diese Bilder kaum mehr aufzutreiben, ausser....... ausser in Paris. In den meisten Hotels liegen sie sogar gratis auf:

Die Stadtpläne!

Doch, doch, legen Sie nur einen aufgefalteten Pariser Stadtplan vor sich hin, schauen Sie ihn solange intensiv an, bis Strassennamen und andere Bezeichnungen vor den Augen verschwimmen und es entsteht mit kaum zu überbietender Deutlichkeit das Bild eines Baumstammes mit seinen Jahresringen.
Was Paris angeht, sind das natürlich Jahrhundertringe, grosszügig formuliert, denn nicht jedes Jahrhundert hat eine solche Markierung hinterlassen.
Gemeint sind die Spuren, die ehemalige Befestigungsanlagen dem Weichbild der Stadt eingeprägt haben.

Freilich, das ist nicht nur in Paris so. Ringe und Glacis weisen in vielen alten Städten auf geschleifte Wehrmauern hin. In Paris sind es allerdings besonders viele konzentrische Kreise, die sich überdeutlich abzeichnen und die heute noch in die Stadtgeografie hineinwirken und sogar Probleme aufwerfen.
Beginnen wir mit den Problemen.
Mitte des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, wo andere Grossstädte die letzten Reste ihrer Stadtmauern spätestens niederrissen, baute Paris einen neuen Wall. Präsident Adolphe Thiers, der als Jugendlicher mitbekommen hatte, wie Preussen, Österreicher und Russen im März 1814 die französische Hauptstadt erstürmten, setzte 1840 den Bau der ‚fortifications’ durch. Die Anlage, so beeindruckend sie auch gewesen sein mag, erwies sich dann im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 allerdings als nutzlos und wurde in der Folge noch vor dem 1. Weltkrieg beseitigt. Bis auf ein Tor im Süden der Stadt ist diese Mauer restlos verschwunden.
Aber nicht vom Stadtplan.
Der städtebauliche Missgriff war nicht mehr gutzumachen. Eine gigantische Brachlandschaft war dadurch rund um Paris entstanden. Die Verkehrsplaner der 1960er Jahre hatten zwar ihre Freude daran, hier war Platz in Hülle und Fülle für einen achtspurigen Autobahnring, heute aber raufen sich Stadtpolitiker und Architekten die Haare. Die fortifications von Thiers hielten zwar keine Feinde auf, die Autobahn auf ihrer Trasse zieht dafür eine unerbittliche Trennlinie zwischen Paris und seiner banlieue, es ist vielleicht nicht einmal übertrieben zu sagen, dass die Probleme der banlieue ein bisschen damit zusammenhängen: Paris sieht sich und wird gesehen als die ‚ville lumière’ , von den Vororten aber hat sich die Lichtstadt mit einem lärmenden und stinkenden Wall abgeschirmt.

Jetzt versucht man mit extrem aufwendigen baulichen Massnahmen, mit kühnen Überbauungen, Paris zumindest an einigen Stellen mit seiner Umgebung wieder zusammenwachsen zu lassen.

Adolphe Thiers hatte also sicher eine fatale Schnapsidee, der Gerechtigkeit halber muss man aber dazusagen, dass er die unmittelbare Vorstadt keineswegs aussperren wollte, ganz im Gegenteil. Paris war damals noch wesentlich kleiner in der Ausdehnung und Thiers’ Mauer umschloss auch noch einen ganzen Kranz von Vorortkommunen. Paris selbst, das waren bis 1860 die heutigen Bezirke 1 bis 12, und die waren allerdings ebenso von einer Mauer umgeben. Dabei handelte es sich jedoch um kein strategisches Bollwerk, sondern um eine fiskalische Grenze,

le mur d’octroi – die Zollmauer

Das war eine Geldbeschaffungsidee von Ludwig XVI aus dem Jahr 1785. Für nach Paris angelieferte Güter musste ein Zoll entrichtet werden und um den Schmuggel zumindest einzudämmen, wurde eine Absperrung hochgezogen und wurden Zollgebäude errichtet. Man stellte aber keine Container hin, sondern beauftragte einen der Stararchitekten des Klassizismus, Claude Nicolas Ledoux. Der plante wahre Schmuckstücke, einige wenige von ihnen sind sogar noch erhalten und mehr als sehenswert, obwohl kaum ein Touristenbus diesen Abstecher macht.
Freilich, das Leben in Paris war deswegen teurer, die architektonische Schönheit der Zollgebäude war nur ein schwacher Trost. Eine Mauer, die dem Geldbeutel weh tut, schmerzt besonders. Victor Hugo, selbst wenn er „Der Glöckner von Notre-Dame“ und „Les Misérables“ nicht geschrieben hätte, wäre allein schon durch seinen Kommentar zu dieser Zollmauer unsterblich geworden:

Le mur murant Paris rend Paris murmurant
(hilflos übersetzt : die Paris ummauernde Mauer veranlasst Paris missmutig zu murmeln)

Auch diese Mauer hat im Stadtplan eine deutliche Spur hinterlassen. Breite Boulevards zeichnen ihren Verlauf nach, die Zollstationen sind heute durchweg Metrostationen.
Was man aber im Stadtplan nicht sieht:
Die Gewerbe- und Industriestruktur von Paris ist nach wie vor von dieser ehemaligen Zollgrenze geprägt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Montmartre wäre nicht Montmartre, wäre nicht allabendlich ein Magnet für Tausende von Touristen, wenn hier die Pariser nicht schon seit mehr als 200 Jahren ihre Sorgen hinunterspülten: jenseits der Zollmauer war der Wein erheblich billiger.

Soviel zu den beiden äussersten Jahrhundertringen, ein Bericht über die weiteren folgt im nächsten Monat, noch mehr erfahren Sie bei einer Stadtbesichtigung mit:


Wolfgang Friedrich
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