JAHRHUNDERTRINGE
Ich weiss nicht mehr wie sie hiessen oder noch immer heissen:
Vor in etwa 20 Jahren kamen sie auf und in Mode, Bücher
oder Hefte, bestehend aus buntscheckigen abstrakten Mustern,
in die man den Blick lang genug hineinversenken musste,
um schliesslich einen konkreten Gegenstand hervortreten
zu sehen.
Heute sind diese Bilder kaum mehr aufzutreiben, ausser.......
ausser in Paris. In den meisten Hotels liegen sie sogar
gratis auf:
Die Stadtpläne!
Doch, doch, legen Sie nur einen aufgefalteten Pariser Stadtplan
vor sich hin, schauen Sie ihn solange intensiv an, bis Strassennamen
und andere Bezeichnungen vor den Augen verschwimmen und
es entsteht mit kaum zu überbietender Deutlichkeit
das Bild eines Baumstammes mit seinen Jahresringen.
Was Paris angeht, sind das natürlich Jahrhundertringe,
grosszügig formuliert, denn nicht jedes Jahrhundert
hat eine solche Markierung hinterlassen.
Gemeint sind die Spuren, die ehemalige Befestigungsanlagen
dem Weichbild der Stadt eingeprägt haben.
Freilich, das ist
nicht nur in Paris so. Ringe und Glacis weisen in vielen
alten Städten auf geschleifte Wehrmauern hin. In Paris
sind es allerdings besonders viele konzentrische Kreise,
die sich überdeutlich abzeichnen und die heute noch
in die Stadtgeografie hineinwirken und sogar Probleme aufwerfen.
Beginnen wir mit den Problemen.
Mitte des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, wo andere Grossstädte
die letzten Reste ihrer Stadtmauern spätestens niederrissen,
baute Paris einen neuen Wall. Präsident Adolphe Thiers,
der als Jugendlicher mitbekommen hatte, wie Preussen, Österreicher
und Russen im März 1814 die französische Hauptstadt
erstürmten, setzte 1840 den Bau der ‚fortifications’
durch. Die Anlage, so beeindruckend sie auch gewesen sein
mag, erwies sich dann im Deutsch-Französischen Krieg
von 1870 allerdings als nutzlos und wurde in der Folge noch
vor dem 1. Weltkrieg beseitigt. Bis auf ein Tor im Süden
der Stadt ist diese Mauer restlos verschwunden.
Aber nicht vom Stadtplan.
Der städtebauliche Missgriff war nicht mehr gutzumachen.
Eine gigantische Brachlandschaft war dadurch rund um Paris
entstanden. Die Verkehrsplaner der 1960er Jahre hatten zwar
ihre Freude daran, hier war Platz in Hülle und Fülle
für einen achtspurigen Autobahnring, heute aber raufen
sich Stadtpolitiker und Architekten die Haare. Die fortifications
von Thiers hielten zwar keine Feinde auf, die Autobahn auf
ihrer Trasse zieht dafür eine unerbittliche Trennlinie
zwischen Paris und seiner banlieue, es ist vielleicht nicht
einmal übertrieben zu sagen, dass die Probleme der
banlieue ein bisschen damit zusammenhängen: Paris sieht
sich und wird gesehen als die ‚ville lumière’
, von den Vororten aber hat sich die Lichtstadt mit einem
lärmenden und stinkenden Wall abgeschirmt.
Jetzt versucht man mit extrem aufwendigen baulichen Massnahmen,
mit kühnen Überbauungen, Paris zumindest an einigen
Stellen mit seiner Umgebung wieder zusammenwachsen zu lassen.
Adolphe Thiers hatte also sicher eine fatale Schnapsidee,
der Gerechtigkeit halber muss man aber dazusagen, dass er
die unmittelbare Vorstadt keineswegs aussperren wollte,
ganz im Gegenteil. Paris war damals noch wesentlich kleiner
in der Ausdehnung und Thiers’ Mauer umschloss auch
noch einen ganzen Kranz von Vorortkommunen. Paris selbst,
das waren bis 1860 die heutigen Bezirke 1 bis 12, und die
waren allerdings ebenso von einer Mauer umgeben. Dabei handelte
es sich jedoch um kein strategisches Bollwerk, sondern um
eine fiskalische Grenze,
le mur d’octroi – die Zollmauer
Das war eine Geldbeschaffungsidee von Ludwig XVI aus dem
Jahr 1785. Für nach Paris angelieferte Güter musste
ein Zoll entrichtet werden und um den Schmuggel zumindest
einzudämmen, wurde eine Absperrung hochgezogen und
wurden Zollgebäude errichtet. Man stellte aber keine
Container hin, sondern beauftragte einen der Stararchitekten
des Klassizismus, Claude Nicolas Ledoux. Der plante wahre
Schmuckstücke, einige wenige von ihnen sind sogar noch
erhalten und mehr als sehenswert, obwohl kaum ein Touristenbus
diesen Abstecher macht.
Freilich, das Leben in Paris war deswegen teurer, die architektonische
Schönheit der Zollgebäude war nur ein schwacher
Trost. Eine Mauer, die dem Geldbeutel weh tut, schmerzt
besonders. Victor Hugo, selbst wenn er „Der Glöckner
von Notre-Dame“ und „Les Misérables“
nicht geschrieben hätte, wäre allein schon durch
seinen Kommentar zu dieser Zollmauer unsterblich geworden:
Le mur murant Paris rend Paris murmurant
(hilflos übersetzt : die Paris ummauernde Mauer veranlasst
Paris missmutig zu murmeln)
Auch diese Mauer hat im Stadtplan eine deutliche Spur hinterlassen.
Breite Boulevards zeichnen ihren Verlauf nach, die Zollstationen
sind heute durchweg Metrostationen.
Was man aber im Stadtplan nicht sieht:
Die Gewerbe- und Industriestruktur von Paris ist nach wie
vor von dieser ehemaligen Zollgrenze geprägt. Um nur
ein Beispiel zu nennen: Montmartre wäre nicht Montmartre,
wäre nicht allabendlich ein Magnet für Tausende
von Touristen, wenn hier die Pariser nicht schon seit mehr
als 200 Jahren ihre Sorgen hinunterspülten: jenseits
der Zollmauer war der Wein erheblich billiger.
Soviel zu den beiden äussersten Jahrhundertringen,
ein Bericht über die weiteren folgt im nächsten
Monat, noch mehr erfahren Sie bei einer Stadtbesichtigung
mit:
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de
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