Newsletter Oktober 05

JARDIN DU LUXEMBOURG

Richtig: es ist Herbst geworden, im Jardin du Luxembourg fallen,
erwartungsgemäss, die Blätter. Aber wenn die Sonne scheint, ist es, vor allem am Wochenende, noch immer gar nicht so leicht einen Metallsessel zu ergattern, um ein mitgebrachtes Buch oder die Zeitung zu lesen. Dazu übrigens ein kleiner Hinweis: Es überprüft natürlich niemand am Eingang, ob man wohl auch eine Lektüre dabei hat, ein kleiner Stilbruch ist es allerdings schon, wenn man diesen Park ohne Lesestoff betritt! Schliesslich handelt es sich bei diesem Juwel von einem Garten um so etwas wie eine Erweiterung der Sorbonne, einen Lesesaal im Grünen sozusagen, in dem man
noch dazu ein bisschen französische Geschichte wiederholen kann: In einem Halbkreis befinden sich die Statuen einer Reihe von französischen Königinnen.

Leichter wird es dann vielleicht mit den Sitzgelegenheiten im Winter, wenn Schnee liegt und die Königinnen weisse Häubchen bekommen haben. Gibt es das überhaupt?
Schon.
Manchmal zumindest, zum Beispiel 1955.
Das Foto davon ist Blickfang am Eingang: Kinder spielen im Schnee, die Stühle, damals noch ein anderes Modell, sind aufeinandergestapelt wie vor einem geschlossenen Café, sie werden bei dem Wetter nicht gebraucht! Weitere Fotos hängen an dem prachtvollen Gitterzaun des Parks auf der
gesamten Länge der rue des Médicis. Der Senat, also die Länderkammer, der in dem Schloss am Nordende des Parks seinen Sitz hat, richtet an dieser Stelle bereits zum 12. Mal eine Fotoausstellung aus. Das Thema ist diesmal:

„Instantanés d’un siècle“ (Schnappschüsse des Jahrhunderts)

Zu sehen sind Klassiker der Fotografie: Henri Cartier-Bresson, Willy Ronis, Robert Doisneau, Raymond Dépardon, André Kertesz und viele viele andere: Marylin Monroe bei Dreharbeiten, Catherine Deneuve als Starlett, Picasso in seinem Atelier. Nicht so schnell zu vergessen: ein anderes Foto von spielenden Kindern, sie spielen Berliner Mauer (Depardon).
Bis 30. November

SORBONNE
Die Studenten werden in der nächsten Zeit ihr Studium noch häufiger in den Jardin du Luxembourg verlegen, schon um dem Baustellenlärm zu entgehen. Die Sorbonne wird nämlich generalsaniert, und das wird immerhin 10 Jahre dauern.
Auf der place de la Sorbonne gibt es zu diesem Anlass ebenfalls eine Fotoausstellung. Die Fotos werden vielleicht nicht unbedingt in die Geschichte der Fotografie eingehen, selbst vom Mai 1968 haben möglicherweise die meisten Besucher eindrucksvollere Bilder im Kopf als jene, die hier an einer provisorisch aufgestellten Wand hängen. Dafür geben die Schautafeln einen kurzen, jedoch gut zusammengefassten Überblick über die Geschichte der Universität, von den Anfängen um 1200 bis heute und dann noch über die
geplanten Renovierungsarbeiten.
Bis Mitte Januar.

WIEN 1900
Bei den rund hundert Ausstellungen, die im Pariser Veranstaltungskalender für eine laufende Woche aufscheinen, kann dieser newsletter narürlich nicht einmal annähernd erschöpfend sein, es sei aber noch auf eine hingewiesen, diese ist aber verständlicherweise nicht im Freien:
Klimt, Schiele, Moser, Kokoschka

Die Präsentation von ungefähr 50 Gemälden und 100 Zeichnungen findet in einem grandiosen Rahmen statt, im Grand Palais. Genauer gesagt, im Anbau neben diesem grandiosen Rahmen, denn dieser für die Weltausstellung von 1900 errichtete Prunkbau mit seinem 15000m2 grossen Glasdach wird seit elf Jahren renoviert. Die Sanierung des Stahlgerippes und der Verglasung wurde eben
abgeschlossen, nun ist die Fassade an der Reihe. Eine Vorstellung davon, wie diese aussehen wird, gewinnt man bei einem Blick auf das Petit Palais gegenüber, von dem die Baustellenabdeckung eben entfernt wurde!
Bis 23. Januar

WEINLESE
Eine Weingegend so wie Wien ist das Stadtgebiet von Paris freilich nicht.
Allerdings......
Wein wurde hier schon immer angebaut, heute gibt es noch oder wieder gezählte vier Weingärten in Paris. Die haben zwar eher eine symbolische Bedeutung, nichtsdestotrotz findet aber ein grosses Weinlesefest statt:

Fête des vendanges à Montmartre 2005
Am Samstag, dem 8. und Sonntag, dem 9. Oktober, rund um das Sacré Coeur.

Das Fest wird seit 1934 abgehalten, immer am zweiten Wochenende im Oktober, mit allem, was dazugehört, also: Winzerkönigin, Verkostung, Bacchusumzug, Musik, Strassentheater und vor allem vielen vielen Ständen mit allen möglichen Leckereien!

SCHOKOLADE

Um bei den Gaumenfreuden zu bleiben:
Vom 22. –25. Oktober: 11. Salon Européen du Chocolat de Paris
Porte de Versailles (Halle 5)

Frankreich hat zwar auf europäischer Ebene den Kampf um ein Reinheitsgebot bei der Schokolade (es ging um die ausschliessliche Verwendung von Kakaobutter) genauso verloren wie die Deutschen beim Bier. Die in Frankreich produzierte Schokolade ist jedoch nach wie vor der nationalen Gesetzgebung unterworfen, wie eben das Bier in Deutschland auch.
Vorallem aber gibt es in Frankreich noch eine grosse Anzahl von unabhängigen Schokoladeproduzenten, von denen nicht wenige noch persönlich die Kakaobohnen in Afrika oder Lateinamerika selektionieren.

Und manche von ihnen, das sieht man beim salon du chocolat, erzeugen nicht nur sündhaft gute Schokolade, sondern sind zusätzlich noch wahre Künstler, Bildhauer oder Goldschmiede.


LEKTÜRE
Zum Abschluss, für die langen Herbstabende oder den jardin du Luxembourg, ein Lesetipp: Undine Gruenter: „Pariser Libertinagen“, Hanser Verlag, München 2005, € 17,90

Schönen Herbst!
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de

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