Newsletter September 06

EIN TRIUMPHBOGEN FÜR DEN FINANZMINISTER

Mit dem Übersetzen ist es so eine Sache, das wissen wir ja spätestens seit Martin Luther. Selbst was auf den ersten Blick wie eine Fingerübung für Anfänger aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als eine ganz schön haarige Angelegenheit.

"Journées du patrimoine" zum Beispiel. Sicher, "patrimoine" mit Kulturerbe wiederzugeben, das mag schon angehen, nur: Wie oft kommt der Ausdruck "Kulturerbe" dem Durchschnittsdeutschen, dem legendären Herrn Mustermann oder seiner Musterfrau über seine bzw. ihre Musterlippen?  In Frankreich hingegen gehört "patrimoine" zum alltäglichen Vokabular, das nicht einmal auf einem Pausenhof  unangenehm auffällt, selbst wenn es sich um keine Eliteschule handelt. Ein geläufiger Ausdruck in der einen Sprache ist eben ein Wortschwergewicht in der anderen, so dass man am liebsten ein Warndreieck aufstellen würde, bevor man es ausspricht. Luther konnte von Glück reden, dass in der Bibel kein Kulturerbe vorkommt. 

Aber wie dem auch sei, am Wochenende vom Samstag, dem 16. und Sonntag, dem 17. September finden sie wieder statt, wie jedes Jahr, die "Journées du patrimoine", also die - Warndreieck!- Kulturerbetage.

Ganz Frankreich stellt sich an diesem Wochenende aus. Alle Museen und Schlösser öffnen ihre Pforten, schliessen aber, um niemanden zu verschrecken, freundlicherweise ihre Kassen. Besucher sind jedoch auch dort willkommen, wo es überhaupt keine Kassen gibt. Frei zugänglich sind private Palais, die man sonst nie besichtigen kann. Einlass hat man an diesen zwei Tagen in  hinter hohen Mauern versteckte Gärten, ja man kann sogar den Elyséepalast, den Wohnsitz des Staatspräsidenten, betreten ebenso wie die Amtsgebäude seiner Minister.
Auch das Finanzministerium hat anlässlich der ,Journées du patrimoine' für die Besucher einen Rundgang vorbereitet, und das ist eine besonderere architektonische Sehenswürdigkeit! 

Denn die Minister und Ministerinnen  residieren durchweg in Baujuwelen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert im reichen westlichen Teil der Pariser Innenstadt, die meisten auf dem linken Seineufer.

Nur der Finanzminister nicht. Sein  Amtssitz steht auf dem rechten Seineufer, und noch dazu im Osten der Stadt, wo es immer viel Arbeit, aber dafür nur wenig Geld gab. Und ausgerechnet hier ist man für das Geld zuständig. Es handelt sich aber um  keinen weiteren Prunkbau des Ancien Régime, sondern vielmehr um ein modernes und kühnes Signal, das der Pariser Architekt Paul Chemetov und sein chilenischer Kollege Borja Huidobro in den 1980er Jahren  hier am Seineufer hochzogen. ,Langzogen' wäre richtiger, denn das Gebäude ist wesentlich länger als hoch.
Der Platz an diesem Teilstück des Seineufers war aber extrem knapp, noch dazu stand hier schon ein denkmalgeschütztes Zollgebäude aus dem 18. Jahrhundert.  Paul Chemetov und Borja Huidobro integrierten dieses in ihre Planung, funktionierten es zur Portierloge um und legten darüber, allerdings platzsparend im rechten Winkel zum Ufer,  einen riesigen weissen Quader, der, auf mächtige Pfeiler gestützt, ein gutes Stück in den Fluss hineinragt.

Wie ein Riegel scheint sich der gigantische Verwaltungsbau über die Seine schieben zu wollen und erinnert so an die Zollgrenze, an der hier bis 1860 die nach Paris angelieferten Waren kontrolliert und besteuert wurden. Unangenehme Erinnerungen gehören eben auch zum ,patrimoine' und es ist nur gut, dass sie  nahezu eineinhalb Jahrhunderte zurückliegen.
Aus heutiger Sicht kann man den Bau auch ganz anders sehen, und seine Architekten haben das auch ausdrücklich so gewollt: Mit seiner majestätischen Horizontale und seinen massiven Pfeilern hat Paris hier in seinem jahrhundertelang  vernachlässigten Osten endlich  einen Triumphbogen, ein triumphales  Eingangstor erhalten.

Aufgeholt hat damit der Pariser Osten freilich nicht: In demselben Jahr 1989, nicht zufällig gerade 200 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille (das Gefängnis war natürlich im Ostteil der Stadt)  und damit dem  Beginn der Französischen Revolution, als der Finanzminister diesen Neubau bezog, wurde im Pariser Westen der dritte Triumphbogen eingeweiht: L'Arche de la Défense. 

Zu besichtigen ist das Finanzministerium an den Journées du patrimoine am Samstag, dem 16. September von 14h00 - 18h00 und am Sonntag dem 17. von 10h00 - 18h00.  Die Besucher erhalten eine Broschüre, in der die Sehenswürdigkeiten des Rundgangs dokumentiert  sind.

schönen Herbst wünscht
wfriedrich
www.themenreisen-paris.de

» ich möchte auch den Newsletter!

 

Archiv 2005
1 2 3 4
5 6 7 8
9 10 11 12
Archiv 2006
1 2 3 4
5 6 7 8
9 10 11 12
Archiv 2007
1 2 3 4
5 6 8 10
Archiv 2008
1 4 - -
Archiv 2009
1 5 - -

 

 

 

ich will den
Newsletter!

 

ImpressumPartnerseiten
© www.themenreisen-paris.de - 113, rue de Clignancourt, F-75018 Paris