EIN TRIUMPHBOGEN FÜR DEN FINANZMINISTER
Mit dem Übersetzen ist es so eine Sache, das wissen wir
ja spätestens seit Martin Luther. Selbst was auf den ersten
Blick wie eine Fingerübung für Anfänger aussieht, erweist
sich bei näherer Betrachtung als eine ganz schön haarige
Angelegenheit.
"Journées du patrimoine" zum Beispiel. Sicher, "patrimoine"
mit Kulturerbe wiederzugeben, das mag schon angehen, nur:
Wie oft kommt der Ausdruck "Kulturerbe" dem Durchschnittsdeutschen,
dem legendären Herrn Mustermann oder seiner Musterfrau über
seine bzw. ihre Musterlippen? In Frankreich hingegen
gehört "patrimoine" zum alltäglichen Vokabular, das nicht
einmal auf einem Pausenhof unangenehm auffällt, selbst
wenn es sich um keine Eliteschule handelt. Ein geläufiger
Ausdruck in der einen Sprache ist eben ein Wortschwergewicht
in der anderen, so dass man am liebsten ein Warndreieck
aufstellen würde, bevor man es ausspricht. Luther konnte
von Glück reden, dass in der Bibel kein Kulturerbe vorkommt.
Aber wie dem auch sei, am Wochenende vom Samstag, dem 16.
und Sonntag, dem 17. September finden sie wieder statt,
wie jedes Jahr, die "Journées du patrimoine", also die -
Warndreieck!- Kulturerbetage.
Ganz Frankreich stellt sich an diesem Wochenende aus. Alle
Museen und Schlösser öffnen ihre Pforten, schliessen aber,
um niemanden zu verschrecken, freundlicherweise ihre Kassen.
Besucher sind jedoch auch dort willkommen, wo es überhaupt
keine Kassen gibt. Frei zugänglich sind private Palais,
die man sonst nie besichtigen kann. Einlass hat man an diesen
zwei Tagen in hinter hohen Mauern versteckte Gärten,
ja man kann sogar den Elyséepalast, den Wohnsitz des Staatspräsidenten,
betreten ebenso wie die Amtsgebäude seiner Minister.
Auch das Finanzministerium hat anlässlich der ,Journées
du patrimoine' für die Besucher einen Rundgang vorbereitet,
und das ist eine besonderere architektonische Sehenswürdigkeit!
Denn die Minister und Ministerinnen residieren durchweg
in Baujuwelen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert im reichen
westlichen Teil der Pariser Innenstadt, die meisten auf
dem linken Seineufer.

Nur der Finanzminister nicht. Sein Amtssitz steht
auf dem rechten Seineufer, und noch dazu im Osten der Stadt,
wo es immer viel Arbeit, aber dafür nur wenig Geld gab.
Und ausgerechnet hier ist man für das Geld zuständig. Es
handelt sich aber um keinen weiteren Prunkbau des
Ancien Régime, sondern vielmehr um ein modernes und kühnes
Signal, das der Pariser Architekt Paul Chemetov und sein
chilenischer Kollege Borja Huidobro in den 1980er Jahren
hier am Seineufer hochzogen. ,Langzogen' wäre richtiger,
denn das Gebäude ist wesentlich länger als hoch.
Der Platz an diesem Teilstück des Seineufers war aber extrem
knapp, noch dazu stand hier schon ein denkmalgeschütztes
Zollgebäude aus dem 18. Jahrhundert. Paul Chemetov
und Borja Huidobro integrierten dieses in ihre Planung,
funktionierten es zur Portierloge um und legten darüber,
allerdings platzsparend im rechten Winkel zum Ufer,
einen riesigen weissen Quader, der, auf mächtige Pfeiler
gestützt, ein gutes Stück in den Fluss hineinragt.
Wie
ein Riegel scheint sich der gigantische Verwaltungsbau über
die Seine schieben zu wollen und erinnert so an die Zollgrenze,
an der hier bis 1860 die nach Paris angelieferten Waren
kontrolliert und besteuert wurden. Unangenehme Erinnerungen
gehören eben auch zum ,patrimoine' und es ist nur gut, dass
sie nahezu eineinhalb Jahrhunderte zurückliegen.
Aus heutiger Sicht kann man den Bau auch ganz anders sehen,
und seine Architekten haben das auch ausdrücklich so gewollt:
Mit seiner majestätischen Horizontale und seinen massiven
Pfeilern hat Paris hier in seinem jahrhundertelang
vernachlässigten Osten endlich einen Triumphbogen,
ein triumphales Eingangstor erhalten.
Aufgeholt hat damit der Pariser Osten freilich nicht: In
demselben Jahr 1989, nicht zufällig gerade 200 Jahre nach
dem Sturm auf die Bastille (das Gefängnis war natürlich
im Ostteil der Stadt) und damit dem Beginn der
Französischen Revolution, als der Finanzminister diesen
Neubau bezog, wurde im Pariser Westen der dritte Triumphbogen
eingeweiht: L'Arche de la Défense.
Zu besichtigen ist das Finanzministerium an den Journées
du patrimoine am Samstag, dem 16. September von 14h00 -
18h00 und am Sonntag dem 17. von 10h00 - 18h00. Die
Besucher erhalten eine Broschüre, in der die Sehenswürdigkeiten
des Rundgangs dokumentiert sind.
schönen Herbst wünscht
wfriedrich
www.themenreisen-paris.de
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