<Paris-plage>, der Strand an der
Seine ist wieder abgebaut, der Sand ist abtransportiert,
die Palmen warten in ihren Riesentöpfen auf das nächste
Jahr. Sie warten wirklich, wie auch die Pariser. Denn längst
ist diese Veranstaltung zur Institution geworden, ein grosses
Fest für alle jene, die noch nicht in den Urlaub gefahren
sind, die schon wieder zurück sind oder auch jene,
die überhaupt nicht verreisen wollen oder können.
Ein Fest mit Konzerten, Sport, Strandcafés, wo man
Bekannte trifft oder auch Noch-nicht-Bekannte. Dieses Jahr
war zwar das Wetter nicht immer ideal, dennoch sind es schätzungsweise
3,8 Millonen Besucher gewesen.
Also kein Strand mehr in Paris?
Doch.
Hat nicht vor 37 Jahren jemand entdeckt, dass unter dem
Pflaster der Strand ist? Nun, 1968 machten die Studenten
gleichzeitig die Entdeckung, dass die Pflastersteine hervorragende
Wurfgeschosse sind, daher wurde ganz schnell nach dem legendären
Wonnemonat begonnen, das Pflaster der Pariser Strassen mit
einer Asphaltschicht zu überziehen. Das war zunächst
eine schonende Massnahme für die Helme der Polizisten,
in der Folge aber fanden auch die Autofahrer und insbesondere
die Benutzer einspuriger Fahrzeuge, dass das wesentlich
schonender für die Stossdämpfer beziehungsweise
die Handgelenke ist.
Also kein Pflaster mehr in Paris?
Doch.
Das Pflaster gehört nämlich zur kulturhistorischen
Substanz, in vielen Innenhöfen haben die Pflastersteine
gut 300 Jahre auf dem Buckel und sind dennoch kein bisschen
gerade. Man kann sich vorzustellen, wie man damals selbst
in den bequemsten Kutschen hin –und hergerüttelt
wurde.
Und wo Paris sich von seiner schönsten Seite zeigen
will, gibt es sich gepflastert: vor dem Louvre, place de
la Concorde, Champs-Elysées, place de l’Etoile-Charles-de-Gaulle.
Auf diesem Platz ist die Pflasterung jetzt im August erneuert
worden. Das ging nicht ohne Kontroverse ab, vor allem Berufsfahrer
wie Taxilenker forderten lautstark einen komfortablen Asphaltbelag,
aber schliesslich ging der Denkmalschutz vor. Ausländer,
falls sie dort mit dem Auto unterwegs sind, haben um den
Triumphbogen herum soundso andere Sorgen. Der Kreisverkehr
ist gewöhnungsbedürftig, manchen jagt er sogar
Angst und Schrecken ein.
Da ist es beruhigend zu wissen, dass man gleich in der
Nähe alle Viere von sich strecken kann:
In der avenue Georges V befindet sich das gleichnamige Hotel,
und dieses ist, zumindest
dem Andrew Harper’s Report von 2005 zufolge, das beste
Hotel der Welt: Für 700 – 9000 € pro Nacht
befindet man sich hier Welten vom Getriebe der place de
l’Etoile. In einer Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert
sorgen 600 Angestellte für das Wohl der Gäste.
Kleine Aufmerksamkeit: vielleicht um bei manchen keine unangenehmen
Erinnerungen an die Schule wachzurufen, sind diese angewiesen,
niemanden über den Brillenrand hinweg anzuschauen.
Und günstiger geht es nicht?
Doch.
Paris ist im welt – oder auch europaweiten Vergleich
lange nicht die teuerste Stadt. Die Hotelinfrastruktur ist
nach wie vor geprägt von einer Mehrheit von Kleinbetrieben,
die im Durchschnitt für ein Doppelzimmer mit Bad um
die 70 Euro verrechnen, selbst für 20 Euro weniger
kann man bereits eine durchaus akzeptable Unterkunft finden.
Noch günstiger, aber nicht zum Einschlafen:
Schon Ende August, spätestens Anfang September beginnen
die Pariser Theater eines nach dem anderen mit ihren Programmen.
Zum Saisonstart gibt es ausserdem in vielen Häusern
die Eintrittskarten zum halben Preis.
Jean-Louis Trintignant ist im théâtre Hébertot,
78bis, boulevard des Batignolles, zu sehen. Das Stück
heisst <Moins 2>, frei übersetzt bedeutet das
« im letzten Abdruck » oder « gerade noch
» und handelt von einem Schwerstkranken, der aus der
Intensivstation ausbricht, um noch einmal auf die Pauke
zu hauen. Das klingt zwar tragisch, es ist aber eine Komödie,
und wenn Tränen fliessen, dann vor Lachen. Geschrieben
und inszeniert wurde das Stück von Trintignants Ex-Schwiegersohn
Samuel Benchetrit.
Programmiert ist diese Aufführung bis Ende Oktober,
Halbpreis gibt allerdings nur bis zum 4. September.
Partnerin von Jean-Louis Trintignant in dem legendären
Film von 1966 (!)<Ein Mann und eine Frau> war Anouk
Aimée.
Auch sie ist zur Zeit in Paris au der Bühne zu sehen,
und zwar ab 8. September im Theater de la Madeleine, 19,
rue de Surène, in dem Stück
Love Letters von A. R. Gurney
Ihr Briefpartner ist übrigens alles andere als ein
Unbekannter: Philippe Noiret.
Für die Karten zum halben Preis kann sich hier ein
bisschen mehr Zeit lassen, bis zum 14. September!
Und jetzt ganz günstig, nämlich gratis :
55, rue des Francs-Bourgeois, 3. Bezirk:
Viel altes Pariser Pflaster, aber nicht nur das, zeigt eine
kleine Fotoausstellung vor einem grossen Haus, man kann
sie also von der asphaltierten Strasse aus sehen. Das grosse
Haus ist der <mont de piété>, die Pfandleihanstalt
(das Wort haben die Franzosen aus dem Italienischen importiert),
vor den Fenstern im Erdgeschoss hängen Leinwände
mit Pariser Ansichten aus den Jahren 1860 – 1990,
die allermeisten Bilder sind jedoch um 1900 aufgenommen
(bis 31.Oktober).
Betritt man den wuchtigen Bau, begegnet man in spätestens
20 Sekunden, und das nicht ganz zufällig, dem Portier
des Hauses. Wenn es eine freundliche Begegnung ist, bekommt
man eine Rarität zu sehen: Im Treppenhaus rechts steht
so etwas wie ein Luxusjauchenfass, Jauche war da aber nie
drin, sondern es wurden in diesem Kessel die zur Verpfändung
angelieferten Matratzen gekocht um sie so zu desinfizieren.
An den Wänden hängen überdies einige interessante
Dokumente zur Geschichte des <mont de piété>.
Die rue des Francs-Bourgeois ist die Hauptachse des Marais,
jenes Viertels, das Baron Haussmann im 19. Jahrhundert aus
Zeitmangel nicht mehr umgestalten konnte. Die Strasse führt
bis zur
Place des Vosges
Ein Königsplatz, une place royale! So hiess der Platz
ursprünglich auch, bis er 1800 antimonarchistisch politisch
korrekt den Namen eines Départements bekam, das brav
und noch dazu schnell seine Steuern zahlte.
Une place royale, das wird man aber nicht durch ein simples
Strassenschild, dahinter steht ein architektonisches Konzept,
das heisst: das ist ein Platz aus einem Guss, geometrisch,
symmetrisch und in der Mitte befindet sich eine Statue des
Monarchen. Andere places royales sind zum Beispiel die place
de la Concorde für Ludwig XV oder die place Vendôme
für Ludwig XIV. Die place des Vosges war für Ludwig
XIII (1610-1647) bestimmt. Die Statuen sind während
der Französischen Revolution alle eingeschmolzen worden.
Heute steht daher auf der place de la Concorde statt dessen
ein Obelisk und auf der place Vendôme eine Siegessäule.
Ludwig XIII bekam jedoch nach der Revolution eine neue Statue,
die ist allerdings auf den ersten Blick unsichtbar, sie
ist nämlich hinter Bäumen versteckt. Und Bäume
hätten genau genommen auf einer place royale überhaupt
nichts zu suchen, siehe place de la Concorde oder place
Vendôme. Der Blick soll frei sein auf die Harmonie
der Architektur und vor allem, vor allem auf den König.
Der neu gegossene Ludwig XIII aber musste sich der seit
dem 19. Jahrhundert wachsenden Vorliebe für den Landschaftsgarten
fügen, daher kein Pflaster, sondern Rasen.
Noch ein Fürst ist auf der place des Vosges zuhause,
ein Dichterfürst: Victor Hugo.
6, place des Vosges: Im hôtel de Rohan-Guéménée
befindet sich das musée Victor Hugo in der ehmaligen
Wohnung des Autors von « Der Glöckner von Notre-Dame
» und « Les misérables ». Besichtigung
täglich ausser montags von 10- 18h00, der Eintritt
ist frei.
Von der place des Vosges ist es nicht weit zur place de
la Bastille. Statt der Bastille steht hier eine Säule
zum Gedenken an die Julirevolution von 1830. Wenn man den
– gepflasterten! – Platz überquert, die
1989 eröffnete Bastille-Oper vor Augen und den Jachthafen
zur rechten Hand, kommt man nach mehreren Ampeln zum Boulevard
de la Bastille. Der sieht eher x-beliebig aus, auf Nummer
10 jedoch befindet sich ein bauliches Kleinod:
La Maison rouge:
Der moderne kühne Bau mit dem roten Kern, dem das Haus
seinen Namen verdankt, ist ein Zentrum zeitgenössischer,
experimenteller Kunst.
Zur Zeit ist hier eine sehr umfangreiche Ausstellung Arnulf
Rainer gewidmet. Zu sehen sind die eigenen Werke des Künstlers,
die bis in die späten 40er-Jahre und seinen ersten
Parisaufenthalt von 1951 zurückreichen. Darüber
hinaus bildet seine Sammlung, die er bei Besuchen der psychiatrischen
Anstalt von Gugging bei Wien und anderen Krankenhäusern
in Osteuropa zusammengestellt hat, einen weiteren Schwerpunkt.der
Ausstellung
Arnulf Rainer teilt sich die Räumlichkeiten mit der
belgischen Bildhauerin Berlinde de Bruyckere. Nur wenige
Exponate befinden sich in 2 Sälen, diese sind umso
beeindruckender. Gut durchatmen sollte man vorher aber schon.
Die Künstlerin formt aus Wachs graublasse nackte menschliche
Körper ohne Kopf, die an Schweine – oder Rinderhälften
erinnern und befestigt sie meistens an Metallträger,
die an Kreuze erinnern. Im Zentrum der Schau befinden sich
tatsächlich zwei Tierkörper, es sind Pferde, diesmal
mit Kopf, aber nicht aus Wachs, sondern aus Plüsch.
Von kuschelig jedoch keine Spur: Die beiden Pferde sind
so eindeutig, so ostentativ tot, dass nicht einmal ein Kind
in die Versuchung käme, sie zu streicheln. Kein Wunder,
die Idee dazu kam der Künstlerin beim Anblick eines
Fotos der toten Pferde auf dem Schlachtfeld von Ypern. Sie
selbst ist fast ein halbes Jahrhundert nach der besagten
Schlacht geboren (1964).
Bis 9. Oktober, Eintritt : € 6,50
Keine brasilianischen Aktivitäten mehr?
Doch.
Und noch dazu im Grünen, fern von jedem Pflasterstein!
Holzskulpturen von Frans Krajcberg sind im parc de la Bagatelle,
am westlichen Rand des bois de Boulogne zu sehen, im Freien
und auch in dem 1775 von François-Joseph Bélanger
für den Grafen von Artois erbauten Lustschloss. „Lustschloss“
ist übrigens wörtlich zu verstehen, bei <bagatelle>
denkt man im Französischen auch durchaus an lustvolle
Aktivitäten, doch, doch.
Der Bau war damals in der selbst für heutige Begriffe
phänomenalen Zeit von nur 63 Tagen fertiggestellt,
der Graf von Artois hatte es offensichtlich vorstellbar
eilig!
Aber zurück zu Frans Krajcberg: der 1921 in Polen
geborene brasilianische Bildhauer arbeitet unter anderem
mit Wurzelholz. Seine daraus zum Teil gefertigten Skulpturen
versteht der Künstler als Manifest gegen die Zerstörung
der Natur.
Täglich von 11 –19h, Eintritt: € 5, Métro
: Pont-de-Neuilly, dann Bus 43
Und zum Abschluss ein brasilianisches Fest:
Alljährlich werden in Salvador da Bahia die Stufen
vor der Kirche <Nossa senhora do Bomfim> abgeschrubbt.
Diese ursprüngliche Fronarbeit der Sklaven ist heute
Anlass für ein Volksfest. Schon seit Jahren veranstalten
die in Paris lebenden Brasilianer ein paralleles Fest, mit
Umzug, Tanz und natürlich brasilianischem Essen. Voriges
Jahr wurden die Stufen vor dem Sacré-Coeur gewaschen,
dieses Jahr ist die Treppe vor der église de la Madeleine
an der Reihe.
Für Schnellentschlossene, 4. September, 12h30, place
de la Bourse, Beginn des Umzugs, 16h00, église de
la Madeleine, Waschen der Stufen.
Näheres: www.couleursbresil.com
Schönen Herbstbeginn!
www.themenreisen-paris.de
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