Newsletter September 05

<Paris-plage>, der Strand an der Seine ist wieder abgebaut, der Sand ist abtransportiert, die Palmen warten in ihren Riesentöpfen auf das nächste Jahr. Sie warten wirklich, wie auch die Pariser. Denn längst ist diese Veranstaltung zur Institution geworden, ein grosses Fest für alle jene, die noch nicht in den Urlaub gefahren sind, die schon wieder zurück sind oder auch jene, die überhaupt nicht verreisen wollen oder können. Ein Fest mit Konzerten, Sport, Strandcafés, wo man Bekannte trifft oder auch Noch-nicht-Bekannte. Dieses Jahr war zwar das Wetter nicht immer ideal, dennoch sind es schätzungsweise 3,8 Millonen Besucher gewesen.

Also kein Strand mehr in Paris?
Doch.
Hat nicht vor 37 Jahren jemand entdeckt, dass unter dem Pflaster der Strand ist? Nun, 1968 machten die Studenten gleichzeitig die Entdeckung, dass die Pflastersteine hervorragende Wurfgeschosse sind, daher wurde ganz schnell nach dem legendären Wonnemonat begonnen, das Pflaster der Pariser Strassen mit einer Asphaltschicht zu überziehen. Das war zunächst eine schonende Massnahme für die Helme der Polizisten, in der Folge aber fanden auch die Autofahrer und insbesondere die Benutzer einspuriger Fahrzeuge, dass das wesentlich schonender für die Stossdämpfer beziehungsweise die Handgelenke ist.

Also kein Pflaster mehr in Paris?
Doch.
Das Pflaster gehört nämlich zur kulturhistorischen Substanz, in vielen Innenhöfen haben die Pflastersteine gut 300 Jahre auf dem Buckel und sind dennoch kein bisschen gerade. Man kann sich vorzustellen, wie man damals selbst in den bequemsten Kutschen hin –und hergerüttelt wurde.
Und wo Paris sich von seiner schönsten Seite zeigen will, gibt es sich gepflastert: vor dem Louvre, place de la Concorde, Champs-Elysées, place de l’Etoile-Charles-de-Gaulle. Auf diesem Platz ist die Pflasterung jetzt im August erneuert worden. Das ging nicht ohne Kontroverse ab, vor allem Berufsfahrer wie Taxilenker forderten lautstark einen komfortablen Asphaltbelag, aber schliesslich ging der Denkmalschutz vor. Ausländer, falls sie dort mit dem Auto unterwegs sind, haben um den Triumphbogen herum soundso andere Sorgen. Der Kreisverkehr ist gewöhnungsbedürftig, manchen jagt er sogar Angst und Schrecken ein.

Da ist es beruhigend zu wissen, dass man gleich in der Nähe alle Viere von sich strecken kann:
In der avenue Georges V befindet sich das gleichnamige Hotel, und dieses ist, zumindest
dem Andrew Harper’s Report von 2005 zufolge, das beste Hotel der Welt: Für 700 – 9000 € pro Nacht befindet man sich hier Welten vom Getriebe der place de l’Etoile. In einer Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert sorgen 600 Angestellte für das Wohl der Gäste. Kleine Aufmerksamkeit: vielleicht um bei manchen keine unangenehmen Erinnerungen an die Schule wachzurufen, sind diese angewiesen, niemanden über den Brillenrand hinweg anzuschauen.

Und günstiger geht es nicht?
Doch.
Paris ist im welt – oder auch europaweiten Vergleich lange nicht die teuerste Stadt. Die Hotelinfrastruktur ist nach wie vor geprägt von einer Mehrheit von Kleinbetrieben, die im Durchschnitt für ein Doppelzimmer mit Bad um die 70 Euro verrechnen, selbst für 20 Euro weniger kann man bereits eine durchaus akzeptable Unterkunft finden.


Noch günstiger, aber nicht zum Einschlafen:
Schon Ende August, spätestens Anfang September beginnen die Pariser Theater eines nach dem anderen mit ihren Programmen. Zum Saisonstart gibt es ausserdem in vielen Häusern die Eintrittskarten zum halben Preis.
Jean-Louis Trintignant ist im théâtre Hébertot, 78bis, boulevard des Batignolles, zu sehen. Das Stück heisst <Moins 2>, frei übersetzt bedeutet das « im letzten Abdruck » oder « gerade noch » und handelt von einem Schwerstkranken, der aus der Intensivstation ausbricht, um noch einmal auf die Pauke zu hauen. Das klingt zwar tragisch, es ist aber eine Komödie, und wenn Tränen fliessen, dann vor Lachen. Geschrieben und inszeniert wurde das Stück von Trintignants Ex-Schwiegersohn Samuel Benchetrit.
Programmiert ist diese Aufführung bis Ende Oktober, Halbpreis gibt allerdings nur bis zum 4. September.

Partnerin von Jean-Louis Trintignant in dem legendären Film von 1966 (!)<Ein Mann und eine Frau> war Anouk Aimée.
Auch sie ist zur Zeit in Paris au der Bühne zu sehen, und zwar ab 8. September im Theater de la Madeleine, 19, rue de Surène, in dem Stück

Love Letters von A. R. Gurney

Ihr Briefpartner ist übrigens alles andere als ein Unbekannter: Philippe Noiret.
Für die Karten zum halben Preis kann sich hier ein bisschen mehr Zeit lassen, bis zum 14. September!

Und jetzt ganz günstig, nämlich gratis :

55, rue des Francs-Bourgeois, 3. Bezirk:
Viel altes Pariser Pflaster, aber nicht nur das, zeigt eine kleine Fotoausstellung vor einem grossen Haus, man kann sie also von der asphaltierten Strasse aus sehen. Das grosse Haus ist der <mont de piété>, die Pfandleihanstalt (das Wort haben die Franzosen aus dem Italienischen importiert), vor den Fenstern im Erdgeschoss hängen Leinwände mit Pariser Ansichten aus den Jahren 1860 – 1990, die allermeisten Bilder sind jedoch um 1900 aufgenommen (bis 31.Oktober).
Betritt man den wuchtigen Bau, begegnet man in spätestens 20 Sekunden, und das nicht ganz zufällig, dem Portier des Hauses. Wenn es eine freundliche Begegnung ist, bekommt man eine Rarität zu sehen: Im Treppenhaus rechts steht so etwas wie ein Luxusjauchenfass, Jauche war da aber nie drin, sondern es wurden in diesem Kessel die zur Verpfändung angelieferten Matratzen gekocht um sie so zu desinfizieren. An den Wänden hängen überdies einige interessante Dokumente zur Geschichte des <mont de piété>.

Die rue des Francs-Bourgeois ist die Hauptachse des Marais, jenes Viertels, das Baron Haussmann im 19. Jahrhundert aus Zeitmangel nicht mehr umgestalten konnte. Die Strasse führt bis zur

Place des Vosges
Ein Königsplatz, une place royale! So hiess der Platz ursprünglich auch, bis er 1800 antimonarchistisch politisch korrekt den Namen eines Départements bekam, das brav und noch dazu schnell seine Steuern zahlte.
Une place royale, das wird man aber nicht durch ein simples Strassenschild, dahinter steht ein architektonisches Konzept, das heisst: das ist ein Platz aus einem Guss, geometrisch, symmetrisch und in der Mitte befindet sich eine Statue des Monarchen. Andere places royales sind zum Beispiel die place de la Concorde für Ludwig XV oder die place Vendôme für Ludwig XIV. Die place des Vosges war für Ludwig XIII (1610-1647) bestimmt. Die Statuen sind während der Französischen Revolution alle eingeschmolzen worden. Heute steht daher auf der place de la Concorde statt dessen ein Obelisk und auf der place Vendôme eine Siegessäule. Ludwig XIII bekam jedoch nach der Revolution eine neue Statue, die ist allerdings auf den ersten Blick unsichtbar, sie ist nämlich hinter Bäumen versteckt. Und Bäume hätten genau genommen auf einer place royale überhaupt nichts zu suchen, siehe place de la Concorde oder place Vendôme. Der Blick soll frei sein auf die Harmonie der Architektur und vor allem, vor allem auf den König.
Der neu gegossene Ludwig XIII aber musste sich der seit dem 19. Jahrhundert wachsenden Vorliebe für den Landschaftsgarten fügen, daher kein Pflaster, sondern Rasen.

Noch ein Fürst ist auf der place des Vosges zuhause, ein Dichterfürst: Victor Hugo.
6, place des Vosges: Im hôtel de Rohan-Guéménée befindet sich das musée Victor Hugo in der ehmaligen Wohnung des Autors von « Der Glöckner von Notre-Dame » und « Les misérables ». Besichtigung täglich ausser montags von 10- 18h00, der Eintritt ist frei.

Von der place des Vosges ist es nicht weit zur place de la Bastille. Statt der Bastille steht hier eine Säule zum Gedenken an die Julirevolution von 1830. Wenn man den – gepflasterten! – Platz überquert, die 1989 eröffnete Bastille-Oper vor Augen und den Jachthafen zur rechten Hand, kommt man nach mehreren Ampeln zum Boulevard de la Bastille. Der sieht eher x-beliebig aus, auf Nummer 10 jedoch befindet sich ein bauliches Kleinod:

La Maison rouge:
Der moderne kühne Bau mit dem roten Kern, dem das Haus seinen Namen verdankt, ist ein Zentrum zeitgenössischer, experimenteller Kunst.
Zur Zeit ist hier eine sehr umfangreiche Ausstellung Arnulf Rainer gewidmet. Zu sehen sind die eigenen Werke des Künstlers, die bis in die späten 40er-Jahre und seinen ersten Parisaufenthalt von 1951 zurückreichen. Darüber hinaus bildet seine Sammlung, die er bei Besuchen der psychiatrischen Anstalt von Gugging bei Wien und anderen Krankenhäusern in Osteuropa zusammengestellt hat, einen weiteren Schwerpunkt.der Ausstellung
Arnulf Rainer teilt sich die Räumlichkeiten mit der belgischen Bildhauerin Berlinde de Bruyckere. Nur wenige Exponate befinden sich in 2 Sälen, diese sind umso beeindruckender. Gut durchatmen sollte man vorher aber schon. Die Künstlerin formt aus Wachs graublasse nackte menschliche Körper ohne Kopf, die an Schweine – oder Rinderhälften erinnern und befestigt sie meistens an Metallträger, die an Kreuze erinnern. Im Zentrum der Schau befinden sich tatsächlich zwei Tierkörper, es sind Pferde, diesmal mit Kopf, aber nicht aus Wachs, sondern aus Plüsch. Von kuschelig jedoch keine Spur: Die beiden Pferde sind so eindeutig, so ostentativ tot, dass nicht einmal ein Kind in die Versuchung käme, sie zu streicheln. Kein Wunder, die Idee dazu kam der Künstlerin beim Anblick eines Fotos der toten Pferde auf dem Schlachtfeld von Ypern. Sie selbst ist fast ein halbes Jahrhundert nach der besagten Schlacht geboren (1964).
Bis 9. Oktober, Eintritt : € 6,50

Keine brasilianischen Aktivitäten mehr?
Doch.
Und noch dazu im Grünen, fern von jedem Pflasterstein!
Holzskulpturen von Frans Krajcberg sind im parc de la Bagatelle, am westlichen Rand des bois de Boulogne zu sehen, im Freien und auch in dem 1775 von François-Joseph Bélanger für den Grafen von Artois erbauten Lustschloss. „Lustschloss“ ist übrigens wörtlich zu verstehen, bei <bagatelle> denkt man im Französischen auch durchaus an lustvolle Aktivitäten, doch, doch.
Der Bau war damals in der selbst für heutige Begriffe phänomenalen Zeit von nur 63 Tagen fertiggestellt, der Graf von Artois hatte es offensichtlich vorstellbar eilig!

Aber zurück zu Frans Krajcberg: der 1921 in Polen geborene brasilianische Bildhauer arbeitet unter anderem mit Wurzelholz. Seine daraus zum Teil gefertigten Skulpturen versteht der Künstler als Manifest gegen die Zerstörung der Natur.
Täglich von 11 –19h, Eintritt: € 5, Métro : Pont-de-Neuilly, dann Bus 43


Und zum Abschluss ein brasilianisches Fest:

Alljährlich werden in Salvador da Bahia die Stufen vor der Kirche <Nossa senhora do Bomfim> abgeschrubbt. Diese ursprüngliche Fronarbeit der Sklaven ist heute Anlass für ein Volksfest. Schon seit Jahren veranstalten die in Paris lebenden Brasilianer ein paralleles Fest, mit Umzug, Tanz und natürlich brasilianischem Essen. Voriges Jahr wurden die Stufen vor dem Sacré-Coeur gewaschen, dieses Jahr ist die Treppe vor der église de la Madeleine an der Reihe.
Für Schnellentschlossene, 4. September, 12h30, place de la Bourse, Beginn des Umzugs, 16h00, église de la Madeleine, Waschen der Stufen.
Näheres: www.couleursbresil.com


Schönen Herbstbeginn!
www.themenreisen-paris.de
wfriedrich

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