Newsletter August 07

WOHIN REITET LUDWIG XIV?

Ein übertriebener Kotau ist schlechter als gar keiner

Der Platz von Heinrich IV, la place Dauphine, ist dreieckig, der von Ludwig XIII, la place des Vosges, bildet ein Quadrat. Der Platz seines Sohnes ist kreisrund wie die Sonne, zu der der vierzehnte Ludwig ja so etwas wie ein patentiertes  Nahverhältnis hatte.

Die Rede ist von der place des Victoires, an der Grenze zwischen erstem und zweitem Bezirk.  Genau genommen ist der Platz gar nicht vollkommen kreisförmig, sondern leicht oval. Denn so ungefähr wie ein verkürztes Hufeisen sollte er einen Schrein für zwei Stadtpalais auf der Ostseite abgeben. Aber die Palais sind heute verschwunden, und übrig geblieben ist, für das freie Auge zumindest, die kreisförmige Anlage. Ludwig XIV sah das wahrscheinlich genauso, denn so genau schaute er soundso nicht hin, er schenkte dem ihm gewidmeten Platz kaum Beachtung.
Es handelte sich nämlich um einen Einschmeichelungsversuch, wohl einen etwas dick aufgetragenen und daher auch gescheiterten.
Der Konkurrenzkampf innerhalb des französischen Adels um die Aufmerksamkeit des Monarchen muss höllisch gewesen sein.

Der Vicomte François d'Aubusson, Marquis de la Feuillade, beschloss aus diesem Grund, besonders tief in die Tasche zu greifen, übrigens nicht nur in die eigene. Um die Siege Ludwigs XIV und den anschliessenden Frieden von Nimwegen von 1678 gebührend zu würdigen, gab er bei dem franko-holländischen Bildhauer van den Bogaert, der dann in
Frankreich schlicht Desjardins hiess, eine 12m hohe Statue des Königs in Auftrag, zu dessen Füssen in der Gestalt muskulöser Männer die Allegorien der vier besiegten Mächte kauerten:
Das Deutsche Reich, Spanien, Holland und Brandenburg.
Für den würdigen baulichen Rahmen holte er sich keinen Geringeren als den Stararchitekten des Königs, Jules Hardouin-Mansart, der ausserdem in Versailles bereits alle Reissbretter voll zu tun hatte.

Das Ergebnis war superb.

Hohe Arkaden im Erdgeschoss,  ionische Pilaster  verbinden ersten und zweiten Stock, darüber die Dachfenster, die ihren über Frankreich hinaus gebräuchlichen  Namen vom Onkel des Architekten, François Mansart, bekommen haben.

Superb ist das Ergebnis auch heute noch, selbst wenn das 19. Jahrhundert klaffende Wunden in diesen Kreis gerissen hat, dem Durchbruch der avenue Etienne Marcel wurden die beiden Palais geopfert.

Als Dank für die Mühe und das finanzielle Desaster, das der Marquis sich eingehandelt hatte, bekam er aus der königlichen Schatulle eine lächerliche Summe als Trostpflaster zurück Bei Hof avancierte er um kein bisschen, immerhin ist aber jetzt dafür ein kurzes Strassenstück auf der Westseite nach ihm benannt.

Die Statue in der Mitte musste allerdings auch  schon am Ende des 18. Jahrhunderts wieder daran glauben, sie wurde in der Französischen Revolution eingeschmolzen. Überlebt haben  hingegen die besiegten Männer, sie kauern heute im Puget-Hof im Louvre. Ludwig XIV jedoch durfte zurückkommen, diesmal hoch zu Ross, dank seinem Urururenkel (Ludwig XVIII) und natürlich auch dank dem Bildhauer  François Joseph Bosio.

Ludwig XIV war ja  bekannt für seinen ebenso grossen wie wählerischen Appetit, der Weltrang der französischen Küche geht zum Teil auf ihn zurück. Glücklicherweise dürfte sich aber jetzt  bei dem in Bronze gegossenen Monarchen kaum der kleine Hunger melden, denn dann sähe es hier traurig für ihn aus: Nicht die Spur von etwas Essbaren ist hier ringsum in Sicht, von einem feinen oder  gar königlichen Restaurant ganz zu schweigen. Die stolzen Arkaden sind allesamt von weltbekannten Modeketten wie wie Kenzo, Esprit und anderen besetzt. Nur die  Hausnummer 10 fällt aus diesem Rahmen, hier  gibt es intellektuelle Nahrung: Eine unscheinbare Tafel neben dem Haustor weist darauf hin,  dass sich hier das 1997 gegründete deutsche Kunstforum befindet, eine Fundgrube für Kunsthistoriker, die Bibliothek über eine Originalausgabe von Friedrich Nietzsche. Das Pferd Ludwigs XIV scheint jedoch in die entgegengesetzte Richtung zum Sprung anzusetzen und ob der König es wegen einer deutschsprachigen Ausgabe Nietzsches herumreissen wird, ist eher unwahrscheinlich. Der interessierte Tourist sollte das Haus aber dennoch betreten, selbst wenn er dann nicht die Treppe  zum Kunstforum hinaufgeht. Schon im Eingang hängt ein Stich der place des Victoires in der ursprünglichen Gestalt.

Zuerst kommt das Siegen, dann erst die Moral

Was aber den  König vielleicht angesprochen hätte, fromm wie er in der zweiten Lebenshälfte war, das ist die spirituelle Nahrung, die es gleich um die Ecke an der Nordwestseite des Platzes gibt: Hier befindet sich die Kirche Notre-Dame-des-Victoires.

Trotz der Namensübereinstimmung und der unmittelbaren Nachbarschaft ist jedoch die Kirche anderen Siegen geweiht. Bereits der Vater des Sonnenkönigs, Ludwig XIII, liess sie  bauen, um alle seine seine Siege der Gottesmutter (Notre Dame)  zu widmen. Und insbesondere dachte er dabei, als er sie 1629 in Auftrag gab, an die erst kurz davor  geglückte Einnahme der protestantischen Stadt La Rochelle. Den Sieg und folglich die Kirche der Jungfrau Maria zu widmen war natürlich noch eine kleine zusätzliche Bosheit gegenüber der besiegten Stadt, denn gerade beim Marienkult sind ja die Protestanten eher zurückhaltend. Die meisten Einwohner  von La Rochelle störte das allerdings nicht mehr, kaum ein knappes Viertel hatte die 20-monatige Belagerung überlebt.

Überhaupt keine  Probleme mit der Marienverehrung dürfte hingegen etwa 150 Jahre später ein junger Musiker gehabt haben, der regelmässig in dieser Kirche seine Andachten hielt. Als Sohn eines bayerischen Vaters  und noch dazu Untertan des Fürstbischofs von Salzburg war er selbstverständlich Katholik, ausserdem trug er den vielsagenden Vornamen Gottlieb, oder um es einfach auf Latein zu sagen, Amadeus.
Sicher hat auch der junge Mozart dabei schon ein Auge auf die Bilderserie von Carle van Loo geworfen, die im Chor von Notre-Dame-des Victoires das Leben des heiligen Augustinus und, wie könnte es anders sein, die Belagerung von La Rochelle erzählt. Wie die Gottesmutter auf dem im Zentrum prangenden Bild vor dem Hintergrund von La Rochelle wohlwollend über dem König und dem daneben stehenden Kanzlerkardinal Richelieu schwebt, das ist angesichts der Gräuel der Belagerung schon mehr als nur eine kunsthistorische Betrachtung wert.

Und dann schliesslich das Essen

Aber was ist jetzt wirklich mit den Gaumenfreuden? Auf dem Platz ist tatsächlich nichts, in unmittelbarer Nähe finden sich einige bescheidene Bistrots, vielleicht auch ein bürgerliches Restaurant. Wo aber kann man königlich zu speisen?

Doch, das geht. Einen Katzensprung, oder besser, einen Pferdesprung entfernt, denn in diese Richtung scheint der König sein Ross anzuspornen, befindet sich das Spitzenrestaurant unter den Spitzenrestaurants von Paris: In einem Dekor zum Teil aus dem 18. Jahrhundert tafelt man im ,Grand Véfour' im Palais Royal. Ungefähr zwei - bis dreihundert Schritte sind bis dahin von unserem Königsplatz aus zurück- und etwa ebensoviel Euro für ein Dîner hinzulegen.

Wolfgang Friedrich

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