WOHIN REITET
LUDWIG XIV?
Ein übertriebener Kotau ist schlechter als gar
keiner
Der Platz von Heinrich IV, la place Dauphine, ist dreieckig,
der von Ludwig XIII, la place des Vosges, bildet ein Quadrat.
Der Platz seines Sohnes ist kreisrund wie die Sonne, zu
der der vierzehnte Ludwig ja so etwas wie ein patentiertes
Nahverhältnis hatte.
Die Rede ist von der place des Victoires, an der Grenze
zwischen erstem und zweitem Bezirk. Genau genommen
ist der Platz gar nicht vollkommen kreisförmig, sondern
leicht oval. Denn so ungefähr wie ein verkürztes Hufeisen
sollte er einen Schrein für zwei Stadtpalais auf der Ostseite
abgeben. Aber die Palais sind heute verschwunden, und übrig
geblieben ist, für das freie Auge zumindest, die kreisförmige
Anlage. Ludwig XIV sah das wahrscheinlich genauso, denn
so genau schaute er soundso nicht hin, er schenkte dem ihm
gewidmeten Platz kaum Beachtung.
Es handelte sich nämlich um einen Einschmeichelungsversuch,
wohl einen etwas dick aufgetragenen und daher auch gescheiterten.
Der Konkurrenzkampf innerhalb des französischen Adels um
die Aufmerksamkeit des Monarchen muss höllisch gewesen sein.
Der Vicomte François d'Aubusson, Marquis de la Feuillade,
beschloss aus diesem Grund, besonders tief in die Tasche
zu greifen, übrigens nicht nur in die eigene. Um die Siege
Ludwigs XIV und den anschliessenden Frieden von Nimwegen
von 1678 gebührend zu würdigen, gab er bei dem franko-holländischen
Bildhauer van den Bogaert, der dann in
Frankreich schlicht Desjardins hiess, eine 12m hohe Statue
des Königs in Auftrag, zu dessen Füssen in der Gestalt muskulöser
Männer die Allegorien der vier besiegten Mächte kauerten:
Das Deutsche Reich, Spanien, Holland und Brandenburg.
Für den würdigen baulichen Rahmen holte er sich keinen Geringeren
als den Stararchitekten des Königs, Jules Hardouin-Mansart,
der ausserdem in Versailles bereits alle Reissbretter voll
zu tun hatte.
Das Ergebnis war superb.
Hohe Arkaden im Erdgeschoss, ionische Pilaster
verbinden ersten und zweiten Stock, darüber die Dachfenster,
die ihren über Frankreich hinaus gebräuchlichen Namen
vom Onkel des Architekten, François Mansart, bekommen haben.
Superb ist das Ergebnis auch heute noch, selbst wenn das
19. Jahrhundert klaffende Wunden in diesen Kreis gerissen
hat, dem Durchbruch der avenue Etienne Marcel wurden die
beiden Palais geopfert.
Als Dank für die Mühe und das finanzielle Desaster, das
der Marquis sich eingehandelt hatte, bekam er aus der königlichen
Schatulle eine lächerliche Summe als Trostpflaster zurück
Bei Hof avancierte er um kein bisschen, immerhin ist aber
jetzt dafür ein kurzes Strassenstück auf der Westseite nach
ihm benannt.
Die Statue in der Mitte musste allerdings auch schon
am Ende des 18. Jahrhunderts wieder daran glauben, sie wurde
in der Französischen Revolution eingeschmolzen. Überlebt
haben hingegen die besiegten Männer, sie kauern heute
im Puget-Hof im Louvre. Ludwig XIV jedoch durfte zurückkommen,
diesmal hoch zu Ross, dank seinem Urururenkel (Ludwig XVIII)
und natürlich auch dank dem Bildhauer François Joseph
Bosio.

Ludwig XIV war ja bekannt für seinen ebenso grossen
wie wählerischen Appetit, der Weltrang der französischen
Küche geht zum Teil auf ihn zurück. Glücklicherweise dürfte
sich aber jetzt bei dem in Bronze gegossenen Monarchen
kaum der kleine Hunger melden, denn dann sähe es hier traurig
für ihn aus: Nicht die Spur von etwas Essbaren ist hier
ringsum in Sicht, von einem feinen oder gar königlichen
Restaurant ganz zu schweigen. Die stolzen Arkaden sind allesamt
von weltbekannten Modeketten wie wie Kenzo, Esprit und anderen
besetzt. Nur die Hausnummer 10 fällt aus diesem Rahmen,
hier gibt es intellektuelle Nahrung: Eine unscheinbare
Tafel neben dem Haustor weist darauf hin, dass sich
hier das 1997 gegründete deutsche Kunstforum befindet, eine
Fundgrube für Kunsthistoriker, die Bibliothek über eine
Originalausgabe von Friedrich Nietzsche. Das Pferd Ludwigs
XIV scheint jedoch in die entgegengesetzte Richtung zum
Sprung anzusetzen und ob der König es wegen einer deutschsprachigen
Ausgabe Nietzsches herumreissen wird, ist eher unwahrscheinlich.
Der interessierte Tourist sollte das Haus aber dennoch betreten,
selbst wenn er dann nicht die Treppe zum Kunstforum
hinaufgeht. Schon im Eingang hängt ein Stich der place des
Victoires in der ursprünglichen Gestalt.
Zuerst kommt das Siegen, dann erst die Moral
Was aber den König vielleicht angesprochen hätte,
fromm wie er in der zweiten Lebenshälfte war, das ist die
spirituelle Nahrung, die es gleich um die Ecke an der Nordwestseite
des Platzes gibt: Hier befindet sich die Kirche Notre-Dame-des-Victoires.
Trotz der Namensübereinstimmung und der unmittelbaren Nachbarschaft
ist jedoch die Kirche anderen Siegen geweiht. Bereits der
Vater des Sonnenkönigs, Ludwig XIII, liess sie bauen,
um alle seine seine Siege der Gottesmutter (Notre Dame)
zu widmen. Und insbesondere dachte er dabei, als er sie
1629 in Auftrag gab, an die erst kurz davor geglückte
Einnahme der protestantischen Stadt La Rochelle. Den Sieg
und folglich die Kirche der Jungfrau Maria zu widmen war
natürlich noch eine kleine zusätzliche Bosheit gegenüber
der besiegten Stadt, denn gerade beim Marienkult sind ja
die Protestanten eher zurückhaltend. Die meisten Einwohner
von La Rochelle störte das allerdings nicht mehr, kaum ein
knappes Viertel hatte die 20-monatige Belagerung überlebt.
Überhaupt keine Probleme mit der Marienverehrung
dürfte hingegen etwa 150 Jahre später ein junger Musiker
gehabt haben, der regelmässig in dieser Kirche seine Andachten
hielt. Als Sohn eines bayerischen Vaters und noch
dazu Untertan des Fürstbischofs von Salzburg war er selbstverständlich
Katholik, ausserdem trug er den vielsagenden Vornamen Gottlieb,
oder um es einfach auf Latein zu sagen, Amadeus.
Sicher hat auch der junge Mozart dabei schon ein Auge auf
die Bilderserie von Carle van Loo geworfen, die im Chor
von Notre-Dame-des Victoires das Leben des heiligen Augustinus
und, wie könnte es anders sein, die Belagerung von La Rochelle
erzählt. Wie die Gottesmutter auf dem im Zentrum prangenden
Bild vor dem Hintergrund von La Rochelle wohlwollend über
dem König und dem daneben stehenden Kanzlerkardinal Richelieu
schwebt, das ist angesichts der Gräuel der Belagerung schon
mehr als nur eine kunsthistorische Betrachtung wert.

Und dann schliesslich das Essen
Aber was ist jetzt wirklich mit den Gaumenfreuden? Auf
dem Platz ist tatsächlich nichts, in unmittelbarer Nähe
finden sich einige bescheidene Bistrots, vielleicht auch
ein bürgerliches Restaurant. Wo aber kann man königlich
zu speisen?
Doch, das geht. Einen Katzensprung, oder besser, einen
Pferdesprung entfernt, denn in diese Richtung scheint der
König sein Ross anzuspornen, befindet sich das Spitzenrestaurant
unter den Spitzenrestaurants von Paris: In einem Dekor zum
Teil aus dem 18. Jahrhundert tafelt man im ,Grand Véfour'
im Palais Royal. Ungefähr zwei - bis dreihundert Schritte
sind bis dahin von unserem Königsplatz aus zurück- und etwa
ebensoviel Euro für ein Dîner hinzulegen.
Wolfgang Friedrich
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