PARIS 15 AOÛT
Klassiker der Kinogeschichte sind in Paris im August an
den
Originaldrehorten zu sehen. Und auch sonst hat die Kinostadt
Paris dem Filmliebhaber in diesem Sommer Handverlesenes
zu bieten. Paris, 15. August, das war einmal der Inbegriff
von toter Hose. Der August war der traditionelle Ferienmonat
in Frankreich, die grossen Fabriken gingen in die Werksferien,
und alle jene, die mit ihnen in der einen oder anderen Form
zusammenarbeiteten, machten ebenso dicht. Jedoch selbst
die wenigen, die in ihren Büros ausharrten, nützten
den Feiertag am 15. August, wenn dieser nicht ganz dumm
fiel, zumindest für ein verlängertes Wochenende.
<Paris 15 août> sang 1964 Barbara, die Grande
Dame des französischen Chansons und meinte damit den
traurigsten Tag des Jahres für eine einsame Pariserin.
Aber das ist schon lange nicht mehr so, die grossen Werke,
Renault zum Beispiel, sind aus Paris abgezogen und produzieren
heute in Slowenien oder Rumänien. Paris folgt dem internationalen
Trend und wird zu einem
Dienstleistungszentrum. Man verdient besser, kann höhere
Mieten bezahlen oder teurere Wohnungen kaufen. Vorbei sind
die Zeiten des mit Kind und Kegel, Zelt und Gaskocher vollgepackten
2CV, die neue urbane Bevölkerung fliegt lieber mehrmals
im Jahr ins verlängerte Wochenende, nach Florenz oder
Oslo, Barcelona oder New York und geniesst im August dafür
die trotz allem
etwas langsamer und beschaulicher gewordene eigene Stadt.
Und die Stadt strengt sich an, um etwas zu bieten. Denn
mit dem Eiffelturm ist es nicht getan. Zwar war der Durchschnittspariser,
wenn überhaupt, dann als Kind das letzte Mal da oben,
aber deswegen wird er sich nicht ausgerechnet jetzt im August
in eine Warteschlange mit 100 Touristen stellen. Die Ureinwohner
haben höhere Ansprüche, höhere als der 320
Meter hohe Eiffelturm, aber nur 35 mm breite : die Breite
einer Filmspule.
PARIS IST EINE KINOSTADT
Ob Paris die Hauptstadt des Films ist, darüber kann
man diskutieren, auf jeden Fall wurden die bewegten Bilder
hier erfunden, mit 378 Sälen weist die französische
Hauptstadt mit Abstand die grösste Kinodichte pro Quadratkilometer
auf. Wer durch die Stadt flaniert, läuft sicher irgendwo
einem Drehteam über den Weg, schliesslich werden hier
tagein tagaus im Schnitt 10 Filme produziert, zwar nicht
alle abendfüllend, aber 100 – 200
Spielfilme pro Jahr sind es immerhin. Seinen kinobegeisterten
Einwohnern bietet Paris dieses Jahr im August zum fünften
Mal einen ganz besonderen Leckerbissen :
„Cinéma au clair de lune“, Mondscheinkino
also heisst die
Veranstaltungsreihe, bei der unter dem offenen Abendhimmel
vom 3. – 20. August eine Serie von Filmen gezeigt
wird, Klassiker der Filmgeschichte oder auch einige neue
dieses Jahrtausends, die vielleicht einmal Klassiker sein
werden. Aber eines haben diese Filme gemeinsam : Sie wurden
alle in Paris gedreht, bestimmte Ecken, Plätze oder
Strassen spielen in dem jeweiligen Streifen eine ganz besondere
Rolle und genau an diesen Orten werden die
entsprechenden Filme auch vorgeführt.
<French Cancan> von Jean Renoir aus dem Jahr 1954
eröffnet den Zyklus am 3. August. Da vor dem Moulin
Rouge kaum genügend Platz für eine Massenveranstaltung
ist, wird die Leinwand auf der place Louise-Michel aufgebaut,
am Fusse des Sacré-Cœur. Louise Michel, die
Bannerfrau der Pariser Commune, der Revolution von 1870,
würde übrigens garantiert wieder auf die Barrikaden
steigen, wenn sie wüsste, dass das Strassenschild mit
ihrem Namen ausgerechnet auf jene Kirche schaut, die von
Klerikal-Konservativen gebaut worden ist, um die Erinnerung
an die Commune auszulöschen. Vom Hügel Montmartre
hatte nämlich diese Bewegung ihren Ausgang genommen.
Sei’s drum, da kann die Basilika hundertmal ein «
reaktionäres » Baudenkmal sein, heute ist sie
trotzdem ein Emblem von Paris im Allgemeinen und Montmartre
im Besonderen, und Montmartre verbindet zum
Glück niemand mehr mit Revolution und Konterrevolution,
sondern eben mit :
Cancan !
Am 11. August ist die klassizistische Fassade der Kirche
von Saint-Sulpice, nur wenige Fussminuten von Saint-Germain-des-Prés,
der Rahmen für die Vorführung der <liaisons
dangereuses>, von Roger Vadim 1960 gedreht. Der Film
basiert auf einem Bestseller des 18. Jahrhunderts, dem gleichnamigen
Roman von Choderlos de Laclos. Als machiavellistische Verführer
sehen wir hier Jeanne Moreau und Gérard Philippe.
Stephan Frears hat den Stoff 1988 unter demselben Titel
dann noch einmal verarbeitet, mit Michèle Pfeiffer
und John Malkovich in den Hauptrollen.
Wer etwas früher kommt, hat nicht nur die Chance
einen guten Platz zu ergattern, der kann auch noch einen
kleinen Rundgang in der Kirche machen, mit oder ohne Dan
Browns Da Vinci Code in der Hand. Gleich in der ersten Seitenkapelle
rechts befinden sich zwei berühmte Fresken von Eugène
Delacroix : Da kämpfen, nein, nicht wie Jeanne Moreau
und Gérard Philippe mit Tugend und Unschuld, sondern
Jakob mit dem Engel und der Heilige Michael
mit dem Drachen.
Eine Sternstunde der französischen Filmgeschichte
steht am 20. August auf dem Programm :
<Les Enfants du Paradis> von Marcel Carné.
Der Film nach einem Drehbuch von Jacques Prévert
wurde während des Krieges gedreht und 1945 zum ersten
Mal gezeigt, mit Pierre Brasseur und Jean-Louis Barrault
in den Hauptrollen. Eine Sternstunde ? Genau genommen sind
es drei, plus eine Minute, die aber verbringt man dafür
vor der majestätischen spätgotischen Südseite
der Kirche Saint-Eustache, in der 1778 das Requiem für
Mozarts Mutter stattfand. Und auf noch eine Besonderheit
ist zu verweisen : in einer nördlichen Seitenkapelle
befindet sich der Altar eines Künstlers, den manche
vielleicht eher von den Plakaten her kennen, die in den
Zimmern ihrer Kinder hängen : Keith Haring.
Insgesamt werden 15 Fime vorgestellt, das vollständige
Programm ist unter www.forumdesimages.net abrufbar, der
Eintritt ist frei .
CHARLIE CHAPLIN
Paris ist aber auch schon vor Sonnenuntergang eine Kinostadt:
Charlot, wie Charlie Chaplin in Frankreich genannt wird,
ist im Jeu de Paume, dem Pavillon an der nordwestlichen
Ecke der Tuilerien, direkt an der place de la Concorde,
eine Ausstellung gewidmet, für die man sich besser
viel, viel Zeit nimmt. Zu sehen sind Plakate, Fotos, Presseausschnitte,
vor allem aber eine Überfülle von Kurzfilmen,
die sonst nur in unzugänglichen Archiven schlummern
(bis 18.September). Und Frühaufsteher können noch
dazu in aller Ruhe die Morgensonne in den Tuilerien geniessen
und die traumhafte Perspektive von der place de la Concorde
über die Champs-Elysées bis zum Triumphbogen,
hinter dem sich in
der Ferne schemenhaft die moderne Architektur der Défense
abzeichnet. Das Jeu de Paume ist ohnehin erst ab 12h geöffnet.
Kinostadt Paris :
Besuch legendärer Drehorte, denkmalgeschützter
Kinotempel zu Fuss, mit öffentlichen Verkehrsmitteln
oder auch mit dem Fahrrad über:
www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich, Paris
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