Die Anarchisten und das Sacre Coeur
Tausende
erklimmen jeden Tag den Hügel von Montmartre und bevölkern
die Esplanade und die Stufen vor der Basilika. Höchstwahrscheinlich
jedoch kennen nicht alle von ihnen die unheimliche
Geschichte dieses Baus. Sie bestaunen seine sicher etwas
bizarre Form, geniessen, bei klarem Wetter, eine der
schönsten Aussichten von Paris, und das ist ja auch schon
mehr als genug.
Diejenigen freilich, die auch nur einigermassen aufmerksam
einen einigermassen sorgfältig gemachten Stadtführer gelesen
haben, wissen Bescheid:
Der neobyzantinische Kuppelbau ist alles andere als so weiss
und unschuldig, wie er sich gibt.
Die
Wallfahrtskirche wurde gebaut, um einen Wallfahrtsort der
weltanschaulichen Konkurrenz zu verhindern. Der Hügel
von Montmartre war eine der Hochburgen des Aufstands der
Commune 1871 gewesen. Diese erste sozialistische Revolution
wurde blutig niedergeschlagen, die Communarden freilich
waren mit ihren Gegnern auch nicht zimperlich umgegangen.
Danach wurde schnurstracks der Beschluss gefasst, an dieser
Stelle eine Kirche zu bauen, und den Nostalgikern der Revolution,
den Alt-71ern, wenn man so will, den Boden unter den Füssen
wegzuziehen.
So schnurstracks
ging es dann allerdings nicht. Von einem besonders stabilen
Boden kann hier soundso keine Rede sein, jahrhundertlanger
Gipsabbau hat das Gelände noch dazu wie einen Emmenthaler
durchlöchert. Jahrzehnte waren nötig, nur um die Fundamente
herzustellen, erst Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kirche
fertig.
Wer
genauer hinsieht, bemerkt übrigens, dass das Sacré Coeur
so weiss gar nicht ist, an manchen Stellen ist es sogar
pechschwarz, das hat mit dem Stein zu tun, mit dem es gebaut
ist. Der Kalkstein von Château-Landon, südlich von Fontainebleau,
hat die Eigenschaft, durch das Regenwasser blendend weiss
zu bleiben, nur dort, wo das Regenwasser nicht hinkommt......
So ganz haben die Communarden den Hügel von Montmartre allerdings
nicht geräumt. Keine 100m von der Basilika entfernt
steht in einem schattigen Park das Denkmal eines jungen
Mannes: François Jean Lefebvre de La Barre, genannt le Chevalier
de La Barre.
Er war
kein Communarde, er ist schon 105 Jahre vor der Commune
de Paris gestorben, genauer gesagt, er wurde hingerichtet,
im Alter von 19 Jahren, und zwar am 1. Juli 1766 in
Abbeville, einer Kleinstadt in der Picardie, 150 km
nördlich von Paris.
Sein
Schicksal hat ihn jedoch zur emblematischen Figur der revolutionären
und antiklerikalen Bewegung des 19. Jahrhunderts werden
lassen.
An Abbeville war die Aufklärung, die in den Pariser
Salons die Szene beherrschte, wie ein fernes Donnergrollen
vorübergegangen. Der 16jährige François Jean aber, der 1762
nach dem Bankrott seines Vaters aus dem Pariser Raum
zu seiner Tante in der Picardie übersiedeln musste, war
mit den Büchern von Voltaire und Diderot aufgewachsen.
Man kann es sich nur zu gut vorstellen: der junge Bengel
aus Paris musste sich gar nicht sonderlich anstrengen, um
die frommen Bürger von Abbeville zur Weissglut zu bringen.
Als 1765 ein Kruzifix in der Stadt beschädigt wurde, begann
die Stimmung imVolk zu brodeln, man konnte ihm aber nichts
nachweisen. Dann aber, im Juni 1766, macht sich François
Jean gemeinsam mit zwei Freunden über die vorbeiziehende
Fronleichnamprozession lustig, nimmt den Hut nicht ab, übertönt
sogar den Kirchengesang mit einem schlüpfrigen Liedchen.
Das reichte.
Der
Chevalier de La Barre wurde verhaftet, auf die damals übliche
Weise, auf die wir nicht näher eingehen wollen, verhört
und dann enthauptet.
Übrigens nicht von irgendjemandem. Eigens angereist
aus Paris war zu diesem Zweck der Scharfrichter aus Paris,
Charles Henri Sanson, vierter Spross einer Henkerdynastie,
die schon im 17. Jahrhundert in Paris tätig war und die,
wie klein doch die Welt ist, ihre Wurzeln ebenfalls in der
Gegend von Abbeville hatte. Charles Henri Sanson war gerade
einmal um sechs Jahre älter als sein Opfer. In die Geschichte
eingegangen ist er 27 Jahre später als Vollstrecker
der Todesurteile an Ludwig XVI, Marie-Antoinette, Danton,
Robespierre.
Aber
auch der Chevalier de La Barre hatte damit seinen
Platz in den Geschichtsbüchern, ob er darauf Wert legte,
ist freilich nicht so sicher: Er ist auf jeden Fall, zumindest
im christlichen Europa, der letzte, an dem aus religiösen
Gründen ein Todesurteil vollstreckt wurde.
1897
gelang es den Antiklerikalen den Pariser Katholiken das
Jahrhundertschnippchen zu schlagen:
Direkt
vor der noch nicht einmal fertiggebauten Basilika wurde
die Aufstellung der Statue des Chevalier de La Barre bewilligt.
Dort blieb sie immerhin bis 1926 stehen, dann musste sie
ein bisschen zur Seite treten, damit sie wenigstens nicht
gemeinsam mit dem Sacré Coeur auf den Fotos der Touristen
ist. Sie bekam einen neuen Standort gleich daneben
auf der place Nadar, durch die Baumkronen hindurch konnte
der Chevalier de La Barre die Kuppeln der Kirche sehen,
so war es wenigstens bis 1941. Denn 1941 wurde das Standbild
eingeschmolzen, das war nämlich eine denkbar schlechte Zeit
für Freigeister, noch dazu, wenn sie aus Metall waren und
sich für die Herstellung kriegswichtiger Gegenstände eigneten.
Und
heute?
Seit
2001 steht eine neue Skulptur des freisinnigen Chevalier
an dieser Stelle und einmal jährlich, dieses Jahr am 1.
Juli, zum 240. Todestag, versammeln sich hier die Freidenker,
laïzistische Organisationen, Atheisten und Anarchisten und
werben mit Broschüren und Plakaten für ihre Anliegen. Vor
der Statue ist ein Podium aufgebaut, auf der eine Musikkapelle
abwechselnd Jazz und revolutionäre Lieder spielt. Auch rotbemützte
Communarden haben einen Stand und verteilen Flugblätter,
die radikaler nicht sein könnten.
Trotzdem,
wenn es ihm in den Terminkalender passt, kommt auch der
eher bürgerlich-sozialdemokratische Bürgermeister des 18.
Bezirks (Montmartre) vorbei und schüttelt Hände, schreitet
mit freundlicher Miene von Stand zu Stand. Natürlich sieht
man ihn bei anderen Gelegenheiten auch einmal bei einer
Feier in der Basilika. Die Gegensätze sind heute nicht
mehr so. Der Pfarrer von Montmartre tritt aber eher nicht
in Erscheinung, das wäre nun doch zu viel verlangt.
Schönen
Sommer wünscht Ihnen
WFriedrich
www.themenreisen-paris.de
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