Newsletter Juli 06

Die Anarchisten und das Sacre Coeur

Tausende erklimmen jeden Tag den Hügel von Montmartre und bevölkern die Esplanade und die Stufen vor der Basilika. Höchstwahrscheinlich  jedoch  kennen nicht alle von ihnen die unheimliche Geschichte dieses Baus. Sie bestaunen seine sicher etwas bizarre Form, geniessen, bei klarem Wetter,  eine der schönsten Aussichten von Paris, und das ist ja auch schon mehr als genug.
Diejenigen freilich, die auch nur einigermassen aufmerksam einen einigermassen sorgfältig gemachten Stadtführer gelesen haben, wissen Bescheid:
Der neobyzantinische Kuppelbau ist alles andere als so weiss und unschuldig, wie er sich gibt.

Die Wallfahrtskirche wurde gebaut, um einen Wallfahrtsort der weltanschaulichen Konkurrenz  zu verhindern. Der Hügel von Montmartre war eine der Hochburgen des Aufstands der Commune 1871 gewesen. Diese erste sozialistische Revolution wurde blutig niedergeschlagen, die Communarden freilich waren mit ihren Gegnern auch nicht zimperlich umgegangen. Danach wurde schnurstracks der Beschluss gefasst, an dieser Stelle eine Kirche zu bauen, und den Nostalgikern der Revolution, den Alt-71ern, wenn man so will, den Boden unter den Füssen wegzuziehen.

So schnurstracks ging es dann allerdings nicht. Von einem besonders stabilen Boden kann hier soundso keine Rede sein, jahrhundertlanger Gipsabbau hat das Gelände noch dazu wie einen Emmenthaler durchlöchert. Jahrzehnte waren nötig, nur um die Fundamente herzustellen, erst Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kirche fertig.

Wer genauer hinsieht, bemerkt übrigens, dass das Sacré Coeur so weiss gar nicht ist, an manchen Stellen ist es sogar pechschwarz, das hat mit dem Stein zu tun, mit dem es gebaut ist. Der Kalkstein von Château-Landon, südlich von Fontainebleau, hat die Eigenschaft, durch das Regenwasser blendend weiss zu bleiben, nur dort, wo das Regenwasser nicht hinkommt......  So ganz haben die Communarden den Hügel von Montmartre allerdings nicht geräumt. Keine 100m  von der Basilika entfernt  steht in einem schattigen Park das Denkmal eines jungen Mannes: François Jean Lefebvre de La Barre, genannt le Chevalier de La Barre.

Er war kein Communarde, er ist schon 105 Jahre vor der Commune de Paris gestorben, genauer gesagt, er wurde hingerichtet, im Alter von 19 Jahren,  und zwar am 1. Juli 1766 in Abbeville, einer Kleinstadt  in der Picardie, 150 km nördlich von Paris. 

Sein Schicksal hat ihn jedoch zur emblematischen Figur der revolutionären und antiklerikalen Bewegung des 19. Jahrhunderts werden lassen.
An Abbeville war die  Aufklärung, die in den Pariser Salons die Szene beherrschte, wie ein fernes Donnergrollen vorübergegangen. Der 16jährige François Jean aber, der 1762 nach dem Bankrott seines Vaters  aus dem Pariser Raum zu seiner Tante in der Picardie übersiedeln musste, war mit den Büchern  von Voltaire und Diderot aufgewachsen.  Man kann es sich nur zu gut vorstellen: der junge Bengel aus Paris musste sich gar nicht sonderlich anstrengen, um die frommen Bürger von Abbeville zur Weissglut zu bringen. Als 1765 ein Kruzifix in der Stadt beschädigt wurde, begann die Stimmung imVolk zu brodeln, man konnte ihm aber nichts nachweisen. Dann aber, im Juni 1766, macht sich François Jean gemeinsam mit zwei Freunden über die vorbeiziehende Fronleichnamprozession lustig, nimmt den Hut nicht ab, übertönt sogar den Kirchengesang mit einem schlüpfrigen Liedchen.
Das reichte.

Der Chevalier de La Barre wurde verhaftet, auf die damals übliche Weise, auf die wir nicht näher eingehen wollen, verhört und dann enthauptet.
Übrigens nicht von irgendjemandem. Eigens angereist  aus Paris war zu diesem Zweck der Scharfrichter aus Paris,  Charles Henri Sanson, vierter Spross einer Henkerdynastie, die schon im 17. Jahrhundert in Paris tätig war und die, wie klein doch die Welt ist, ihre Wurzeln ebenfalls in der Gegend von Abbeville hatte. Charles Henri Sanson war gerade einmal um sechs Jahre älter als sein Opfer. In die Geschichte eingegangen ist er 27 Jahre später als Vollstrecker  der Todesurteile an Ludwig XVI, Marie-Antoinette, Danton, Robespierre.

Aber auch der Chevalier de La Barre hatte  damit seinen Platz in den Geschichtsbüchern, ob er darauf Wert legte, ist freilich nicht so sicher: Er ist auf jeden Fall, zumindest im christlichen Europa, der letzte, an dem aus religiösen Gründen ein Todesurteil vollstreckt wurde.

1897 gelang es den Antiklerikalen den Pariser Katholiken das Jahrhundertschnippchen zu schlagen: 

Direkt vor der noch nicht einmal fertiggebauten Basilika wurde die Aufstellung der Statue des Chevalier de La Barre bewilligt.  Dort blieb sie immerhin bis 1926 stehen, dann musste sie ein bisschen zur Seite treten, damit sie wenigstens nicht gemeinsam mit dem Sacré Coeur auf den Fotos der Touristen ist.  Sie bekam einen neuen Standort gleich daneben auf der place Nadar, durch die Baumkronen hindurch konnte der Chevalier de La Barre  die Kuppeln der Kirche sehen, so war es wenigstens bis 1941. Denn 1941 wurde das Standbild eingeschmolzen, das war nämlich eine denkbar schlechte Zeit für Freigeister, noch dazu, wenn sie aus Metall waren und sich für die Herstellung kriegswichtiger Gegenstände eigneten. 

Und heute?

Seit 2001 steht eine neue Skulptur des  freisinnigen Chevalier an dieser Stelle und einmal jährlich, dieses Jahr am 1. Juli, zum 240. Todestag, versammeln sich hier die Freidenker, laïzistische Organisationen, Atheisten und Anarchisten und werben mit Broschüren und Plakaten für ihre Anliegen. Vor der Statue ist ein Podium aufgebaut, auf der eine Musikkapelle abwechselnd Jazz und revolutionäre Lieder spielt. Auch rotbemützte Communarden haben einen Stand und verteilen Flugblätter, die radikaler nicht sein könnten.

Trotzdem, wenn es ihm in den Terminkalender passt, kommt auch der eher bürgerlich-sozialdemokratische Bürgermeister des 18. Bezirks (Montmartre) vorbei und schüttelt Hände, schreitet mit freundlicher Miene von Stand zu Stand. Natürlich sieht man ihn bei anderen Gelegenheiten auch einmal bei einer Feier in der Basilika. Die Gegensätze sind heute  nicht mehr so. Der Pfarrer von Montmartre tritt aber eher nicht in Erscheinung, das wäre nun doch zu viel verlangt.

Schönen Sommer wünscht Ihnen
WFriedrich
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