Wie üblich kommt zuerst
DIE SCHLECHTE NACHRICHT
Das traditionsreiche Grosskaufhaus <La Samaritaine>,
seit über hundert Jahren ein Wallfahrtsort der Konsumgesellschaft,
ist seit 16. Juni geschlossen. Am rechten Seine-Ufer gelegen,
direkt vor dem Pont Neuf und gegenüber der Westspitze
der île de la Cité, bot seine Terrasse einen
der schönsten Blicke über Paris. Möglicherweise
konnte das Warenangebot mit der Aussicht nicht mithalten,
der Umsatz war in den letzten Jahren abgesackt, Strategieänderungen
brachten nicht den erhofften Erfolg, da war der Geschäftsleitung
ein verheerender feuerpolizeilicher Befund vielleicht sogar
hochwillkommen, und, so wird gemunkelt, überhaupt nur
ein Vorwand.
Und so steht man jetzt vor der Wand, der Aussenwand, und
das ist auch schon
DIE GUTE NACHRICHT
Der Blick auf die Fassade nämlich lohnt sich, und
dafür bleibt in Hinkunft mehr Zeit, nachdem man ja
nicht mehr hinein kann.
Da ist zunächst einmal die Ostseite, ein Prunkbeispiel
für die Jugendstilarchitektur von Frantz Jourdain,
auf ikonengoldenen Hintergrund prangt in geblümten
Riesenlettern der Name des Kaufhauses.
Mit der Südseite, die auf die Seine und die île
de la Cité blickt, hat Henri Sauvage ein Meisterwerk
des Art-Deco geschaffen. Natürlich ist die Stahlstruktur
diesselbe, aber die verspielten Schnörkel der Dekoration
haben nach dem Ersten Weltkrieg ausgespielt, klare, nüchterne
horizontale und vertikale Linien und die für Sauvage
so typische Stufenarchitektur bestimmen den Gesamteindruck.
Zum Vergleich bietet sich ein Spaziergang nach Montparnasse
an, wo ein Wohnhaus von Henri Sauvage steht, das offenbar
Bertolucci so gut gefiel, dass er dort Marlon Brando und
Maria Schneider zum letzten Tango aufforderte, kurz, jenen
Film drehte, der 1973 Millionen von Menschen zu kühnen
und kühnsten Träumen anregte und noch dazu beitrug,
dass die damalige EWG ihren Butterberg reduzieren konnte.
Henri Sauvage war jedoch auch im wesentlich ärmeren
Pariser Norden tätig. Wer nicht mehr spazierengehen
will, nimmt am besten in Montparnasse die Metro und fährt
mit der Linie 4 bis zur Station Simplon, ganz in der Nähe
befindet sich ein weiteres Wohnhaus von Henri Sauvage. Es
ist gleichzeitig ein schönes Bespiel für den sozialen
Wohnbau der 20er Jahre. Und damit die Leute nicht nur gesund
wohnen, sondern auch gesund leben, bekam der Architekt auch
noch die Mittel, in dem Gebäudekomplex ein Schwimmbad
einzurichten, das nicht nur schwimmens-, sondern auch sehenswert
ist.
Schöner als mit der Metro ist freilich von Montparnasse
aus die Fahrt mit dem Bus Nummer 95, der bringt einen zwar
nicht ganz so in die unmittelbare Nähe des Sauvage-Baus
wie die Metro, mehr als 10 Minuten braucht man aber, wenn
man bei der Haltestelle Damrémont-Ordener aussteigt,
auch nicht. Dafür empfiehlt sich ein Zwischenstopp.
Die Route führt nur einen Katzensprung weit an einer
anderen Art-Deco-Sehenswürdigkeit vorbei :
Fünf Fussminuten vom Friedhof Montmartre steht das
Haus, das der Wiener Architekt Adolf Loos für seinen
Freund Tristan Tzara gebaut hat.
Paris hat auch sonst noch eine beeindruckende Anzahl von
Jugendstil- und Art-Deco- Gebäuden aufzuweisen, jetzt
wird es aber Zeit für
WEITERE GUTE NACHRICHTEN
Gebrannt hat <La Samaritaine> ausserdem nie. Besonders
gefährdet sind ja in dieser Beziehung, wie man weiss,
Diskotheken. Von so einem Feuer weiss die Pariser Geschichte
schon aus dem 14. Jahrhundert zu berichten. Damals gab es
zwar noch keine Diskotheken, es handelte sich vielmehr um
einen Maskenball, von König Karl VI veranstaltet. Weil
einer der Höflinge mit seiner Verkleidung an einer
Fackel anstreifte, endete die Veranstaltung in einer Katastrophe,
die als <bal des ardents> (Ball der Glühenden)
in die Geschichte einging. Der König selbst überstand
den Grossbrand unbeschadet, wenn man davon absieht, dass
der Vorfall möglicherweise seinem ohnehin schon sehr
angegriffenen Geisteszustand kaum zuträglich gewesen
sein dürfte. Das war für Frankreich, das sich
mit England gerade in einem Krieg befand, der mehr als 100
Jahre dauern sollte, keine gute Nachricht.
Die gute Nachricht betrifft die legendäre Diskothek
Queen
auf den Champs-Elysées, n° 102
Die Schwulendisko auf der schönsten Strasse der Welt,
wie die Pariser ihre Prachtavenue selbstbewusst nennen,
ist nur haarscharf an einer Schliessung vorbeigegangen.
Das aber nicht etwa aus feuerpolizeilichen, sondern aus
aus ganz simplen vertragsrechtlichen Gründen. Der Besitzer
des Hauses hatte mit den Räumlichkeiten etwas anderes
vor, schliesslich jedoch konnte der Betreiber des Queen
vor Gericht die Verlängerung seines Pachtvertrags erzwingen.
Übrigens :
Das mit dem Zielpublikum ist schon lange nicht mehr so streng,
und ein Nachweis der sexuellen Präferenz wurde sowieso
nie verlangt.
Haarscharf sind nebenbei bemerkt auch die Champs-Elysées
selbst, zwar nicht an der Schliessung, dafür an der
Verlotterung vorbeigegangen. Und Schluss wäre es gewesen
mit der Pracht der 2km langen Avenue, deren Anfänge
auf Le Nôtre zurückgehen, dem Gartenarchitekten
von Ludwig XIV, dem wir unter vielem anderen den Park von
Versailles verdanken. Schnellimbissketten und Billigläden
waren drauf und dran, die majestätische Allee radikal
umzuprägen. Hier half nur ein entschiedener stadtpolitischer
Eingriff: die Gehsteige wurden verbreitert, das Stadtmobilar,
die Laternen, die Kioske, die Telefonzellen, Toiletten,
ja selbst die Pflasterung wurden aufwendigst restauriert,
ersetzt, vereinheitlicht, und so gelang es, die Luxusgeschäfte,
4-Sternhotels und Spitzenrestaurants davon abzuhalten Reissaus
zu nehmen. Wenn auch die 300 000 Passanten, die hier täglich
herumspazieren, mehr zum Schauen als zum Einkaufen kommen,
ein bisschen was konsumieren sie ja trotzdem. Und irgenwann
im Leben kauft sich dann der eine oder die andere vielleicht
doch zum Beispiel einen Vuitton-Koffer. Er muss ja nicht
gleich so gross sein wie derjenige, mit dem die Firma jetzt
gleich ihr ganzes Gebäude eingepackt hat, um eine Generalsanierung
durchzuführen (n°101, siehe newsletter Februar).
Ein paar Schritte weiter gibt es noch so ein Beispiel ephemerer
Kunst auf der Strasse : Die von dem Schweizer Künstler
François Berthoud gestaltete Baustellenabdeckung
für das zukünftige Luxushotel <palace Fouquet’s
(n° 99): ein Zeichen mehr, dass die kerzengeraden Champs-Elysées
die Kurve gekratzt haben!
UND NOCH EIN PAAR GUTE NACHRICHTEN, fast zum Ende:
Das Feuer ist eine der Urängste der Menschen und der
Stadtbevölkerung ganz besonders. Das ist auch einer
der Gründe, warum die Stahlarchitektur im 19. Jahrhundert
sich so schlagartig durchsetzen konnte. Der Eiffelturm ist
uns als überragendes Zeugnis dieser Zeit erhalten geblieben.
Die berühmten Hallen von Victor Baltard hingegen sind,
darin ist man sich heute weitgehend einig, vor etwa 30 Jahren
einem unseligen Stadterneuerungsfuror zum Opfer gefallen.
Eine davon kann man noch sehen: Sie wurde in Marne-la-Vallée
wieder aufgebaut. Eine zweite wurde nach Japan verkauft,
die kann man aber dort nicht sehen: Sie liegt noch immer
gut eingemottet in den Containern, in denen sie verschifft
wurde.
Dafür stehen heute noch an verschiedensten Orten in
Paris eine Reihe ähnlicher Markthallen, manche von
Baltard selbst, andere von seinen Schülern gebaut.
Eine der schönsten ist übrigens erst in den letzten
Jahren, schon wieder haarscharf, dem Abtragen und Einschmelzen
entkommen:
Le Carreau du Temple, im Marais, in unmittelbarer Nähe
des Rathauses des 3. Bezirks. Für 30 Millionen Euro
wird die Halle jetzt renoviert und zu einem Kulturzentrum
umfunktioniert (was seinerzeit auch schon für die Markthallen
im 1. Bezirk vorgeschlagen wurde).
Vollkommen abgeschlossen werden die Arbeiten erst in ungefähr
2 Jahren sein, abgeschlossen ist die Baustelle aber nicht:
ganz im Gegenteil:
Bis zum 11. September (es besteht hier kein Zusammenhang
mit einem anderen Grossbrand) ist im Carreau du Temple der
ESPACO BRASIL
eingerichtet. Eröffnet hat diesen ‚Brasilianischen
Raum’ am 23. Juni der weit über Brasilien hinaus
bekannte Sänger und seit einigen Jahren Kulturminister
Gilberto Gil. Neben Kunst – und landeskundlichen Ausstellungen
wird es vor allem Musik, Musik und noch einmal Musik geben:
Volksmusik aus Bahia mit Margareth Menezes, Samba mit Beth
Carvalho und vielen anderen.
Und noch wo ist brasilianische Musik zu hören: An der
Seine anlässlich von
PARIS-PLAGE
Die Seine-Autobahn mutiert, wie seit 4 Jahren regelmässig
im Sommer, Mitte Juli wieder einen Monat lang zu einem öffentlichen
Strand, dieses Jahr steht diese Aktion zum ersten Mal unter
einem thematischen Schwerpunkt, nämlich: Brasilien!
Wer will, kann sogar Samba oder Capoeira lernen!
Und zum Abschluss:
DIE BESTE NACHRICHT:
Ab dem 19. Juli steht auf dem Gelände des Kulturzentrums
der Villette, Metro Porte de Pantin, wieder jeden Abend
ausser montags eine Filmvorführung im Freien auf dem
Programm, Motto dieses Jahres: Wir haben sie so sehr geliebt
(die Filme natürlich). Nähere Informationen:
www.cinema.arbo.com
Decke und Picknick-korb nicht vergessen, vielleicht auch
einen Pullover einpacken, denn manchmal ist es so gegen
11h abends, wenn der Film gerade einmal vor einer Viertelstunde
begonnen hat, deutlich kühler als 2 Stunden vorher
in der Spätabendsonne, wenn Hunderte von Leuten auf
ihren ausgebreiteten Decken tafeln – oder sollte man
dann besser ‚deckeln’ sagen?
Schönen Sommer
Wfriedrich
www.themenreisen-paris.de
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