Newsletter Juli 05

Wie üblich kommt zuerst

DIE SCHLECHTE NACHRICHT

Das traditionsreiche Grosskaufhaus <La Samaritaine>, seit über hundert Jahren ein Wallfahrtsort der Konsumgesellschaft, ist seit 16. Juni geschlossen. Am rechten Seine-Ufer gelegen, direkt vor dem Pont Neuf und gegenüber der Westspitze der île de la Cité, bot seine Terrasse einen der schönsten Blicke über Paris. Möglicherweise konnte das Warenangebot mit der Aussicht nicht mithalten, der Umsatz war in den letzten Jahren abgesackt, Strategieänderungen brachten nicht den erhofften Erfolg, da war der Geschäftsleitung ein verheerender feuerpolizeilicher Befund vielleicht sogar hochwillkommen, und, so wird gemunkelt, überhaupt nur ein Vorwand.
Und so steht man jetzt vor der Wand, der Aussenwand, und das ist auch schon

DIE GUTE NACHRICHT

Der Blick auf die Fassade nämlich lohnt sich, und dafür bleibt in Hinkunft mehr Zeit, nachdem man ja nicht mehr hinein kann.
Da ist zunächst einmal die Ostseite, ein Prunkbeispiel für die Jugendstilarchitektur von Frantz Jourdain, auf ikonengoldenen Hintergrund prangt in geblümten Riesenlettern der Name des Kaufhauses.
Mit der Südseite, die auf die Seine und die île de la Cité blickt, hat Henri Sauvage ein Meisterwerk des Art-Deco geschaffen. Natürlich ist die Stahlstruktur diesselbe, aber die verspielten Schnörkel der Dekoration haben nach dem Ersten Weltkrieg ausgespielt, klare, nüchterne horizontale und vertikale Linien und die für Sauvage so typische Stufenarchitektur bestimmen den Gesamteindruck.
Zum Vergleich bietet sich ein Spaziergang nach Montparnasse an, wo ein Wohnhaus von Henri Sauvage steht, das offenbar Bertolucci so gut gefiel, dass er dort Marlon Brando und Maria Schneider zum letzten Tango aufforderte, kurz, jenen Film drehte, der 1973 Millionen von Menschen zu kühnen und kühnsten Träumen anregte und noch dazu beitrug, dass die damalige EWG ihren Butterberg reduzieren konnte.
Henri Sauvage war jedoch auch im wesentlich ärmeren Pariser Norden tätig. Wer nicht mehr spazierengehen will, nimmt am besten in Montparnasse die Metro und fährt mit der Linie 4 bis zur Station Simplon, ganz in der Nähe befindet sich ein weiteres Wohnhaus von Henri Sauvage. Es ist gleichzeitig ein schönes Bespiel für den sozialen Wohnbau der 20er Jahre. Und damit die Leute nicht nur gesund wohnen, sondern auch gesund leben, bekam der Architekt auch noch die Mittel, in dem Gebäudekomplex ein Schwimmbad einzurichten, das nicht nur schwimmens-, sondern auch sehenswert ist.
Schöner als mit der Metro ist freilich von Montparnasse aus die Fahrt mit dem Bus Nummer 95, der bringt einen zwar nicht ganz so in die unmittelbare Nähe des Sauvage-Baus wie die Metro, mehr als 10 Minuten braucht man aber, wenn man bei der Haltestelle Damrémont-Ordener aussteigt, auch nicht. Dafür empfiehlt sich ein Zwischenstopp. Die Route führt nur einen Katzensprung weit an einer anderen Art-Deco-Sehenswürdigkeit vorbei :
Fünf Fussminuten vom Friedhof Montmartre steht das Haus, das der Wiener Architekt Adolf Loos für seinen Freund Tristan Tzara gebaut hat.
Paris hat auch sonst noch eine beeindruckende Anzahl von Jugendstil- und Art-Deco- Gebäuden aufzuweisen, jetzt wird es aber Zeit für

WEITERE GUTE NACHRICHTEN

Gebrannt hat <La Samaritaine> ausserdem nie. Besonders gefährdet sind ja in dieser Beziehung, wie man weiss, Diskotheken. Von so einem Feuer weiss die Pariser Geschichte schon aus dem 14. Jahrhundert zu berichten. Damals gab es zwar noch keine Diskotheken, es handelte sich vielmehr um einen Maskenball, von König Karl VI veranstaltet. Weil einer der Höflinge mit seiner Verkleidung an einer Fackel anstreifte, endete die Veranstaltung in einer Katastrophe, die als <bal des ardents> (Ball der Glühenden) in die Geschichte einging. Der König selbst überstand den Grossbrand unbeschadet, wenn man davon absieht, dass der Vorfall möglicherweise seinem ohnehin schon sehr angegriffenen Geisteszustand kaum zuträglich gewesen sein dürfte. Das war für Frankreich, das sich mit England gerade in einem Krieg befand, der mehr als 100 Jahre dauern sollte, keine gute Nachricht.
Die gute Nachricht betrifft die legendäre Diskothek

Queen

auf den Champs-Elysées, n° 102

Die Schwulendisko auf der schönsten Strasse der Welt, wie die Pariser ihre Prachtavenue selbstbewusst nennen, ist nur haarscharf an einer Schliessung vorbeigegangen. Das aber nicht etwa aus feuerpolizeilichen, sondern aus aus ganz simplen vertragsrechtlichen Gründen. Der Besitzer des Hauses hatte mit den Räumlichkeiten etwas anderes vor, schliesslich jedoch konnte der Betreiber des Queen vor Gericht die Verlängerung seines Pachtvertrags erzwingen.
Übrigens :
Das mit dem Zielpublikum ist schon lange nicht mehr so streng, und ein Nachweis der sexuellen Präferenz wurde sowieso nie verlangt.
Haarscharf sind nebenbei bemerkt auch die Champs-Elysées selbst, zwar nicht an der Schliessung, dafür an der Verlotterung vorbeigegangen. Und Schluss wäre es gewesen mit der Pracht der 2km langen Avenue, deren Anfänge auf Le Nôtre zurückgehen, dem Gartenarchitekten von Ludwig XIV, dem wir unter vielem anderen den Park von Versailles verdanken. Schnellimbissketten und Billigläden waren drauf und dran, die majestätische Allee radikal umzuprägen. Hier half nur ein entschiedener stadtpolitischer Eingriff: die Gehsteige wurden verbreitert, das Stadtmobilar, die Laternen, die Kioske, die Telefonzellen, Toiletten, ja selbst die Pflasterung wurden aufwendigst restauriert, ersetzt, vereinheitlicht, und so gelang es, die Luxusgeschäfte, 4-Sternhotels und Spitzenrestaurants davon abzuhalten Reissaus zu nehmen. Wenn auch die 300 000 Passanten, die hier täglich herumspazieren, mehr zum Schauen als zum Einkaufen kommen, ein bisschen was konsumieren sie ja trotzdem. Und irgenwann im Leben kauft sich dann der eine oder die andere vielleicht doch zum Beispiel einen Vuitton-Koffer. Er muss ja nicht gleich so gross sein wie derjenige, mit dem die Firma jetzt gleich ihr ganzes Gebäude eingepackt hat, um eine Generalsanierung durchzuführen (n°101, siehe newsletter Februar).
Ein paar Schritte weiter gibt es noch so ein Beispiel ephemerer Kunst auf der Strasse : Die von dem Schweizer Künstler François Berthoud gestaltete Baustellenabdeckung für das zukünftige Luxushotel <palace Fouquet’s (n° 99): ein Zeichen mehr, dass die kerzengeraden Champs-Elysées die Kurve gekratzt haben!

UND NOCH EIN PAAR GUTE NACHRICHTEN, fast zum Ende:

Das Feuer ist eine der Urängste der Menschen und der Stadtbevölkerung ganz besonders. Das ist auch einer der Gründe, warum die Stahlarchitektur im 19. Jahrhundert sich so schlagartig durchsetzen konnte. Der Eiffelturm ist uns als überragendes Zeugnis dieser Zeit erhalten geblieben. Die berühmten Hallen von Victor Baltard hingegen sind, darin ist man sich heute weitgehend einig, vor etwa 30 Jahren einem unseligen Stadterneuerungsfuror zum Opfer gefallen. Eine davon kann man noch sehen: Sie wurde in Marne-la-Vallée wieder aufgebaut. Eine zweite wurde nach Japan verkauft, die kann man aber dort nicht sehen: Sie liegt noch immer gut eingemottet in den Containern, in denen sie verschifft wurde.
Dafür stehen heute noch an verschiedensten Orten in Paris eine Reihe ähnlicher Markthallen, manche von Baltard selbst, andere von seinen Schülern gebaut. Eine der schönsten ist übrigens erst in den letzten Jahren, schon wieder haarscharf, dem Abtragen und Einschmelzen entkommen:
Le Carreau du Temple, im Marais, in unmittelbarer Nähe des Rathauses des 3. Bezirks. Für 30 Millionen Euro wird die Halle jetzt renoviert und zu einem Kulturzentrum umfunktioniert (was seinerzeit auch schon für die Markthallen im 1. Bezirk vorgeschlagen wurde).
Vollkommen abgeschlossen werden die Arbeiten erst in ungefähr 2 Jahren sein, abgeschlossen ist die Baustelle aber nicht: ganz im Gegenteil:
Bis zum 11. September (es besteht hier kein Zusammenhang mit einem anderen Grossbrand) ist im Carreau du Temple der

ESPACO BRASIL

eingerichtet. Eröffnet hat diesen ‚Brasilianischen Raum’ am 23. Juni der weit über Brasilien hinaus bekannte Sänger und seit einigen Jahren Kulturminister Gilberto Gil. Neben Kunst – und landeskundlichen Ausstellungen wird es vor allem Musik, Musik und noch einmal Musik geben: Volksmusik aus Bahia mit Margareth Menezes, Samba mit Beth Carvalho und vielen anderen.
Und noch wo ist brasilianische Musik zu hören: An der Seine anlässlich von

PARIS-PLAGE

Die Seine-Autobahn mutiert, wie seit 4 Jahren regelmässig im Sommer, Mitte Juli wieder einen Monat lang zu einem öffentlichen Strand, dieses Jahr steht diese Aktion zum ersten Mal unter einem thematischen Schwerpunkt, nämlich: Brasilien! Wer will, kann sogar Samba oder Capoeira lernen!

Und zum Abschluss:

DIE BESTE NACHRICHT:

Ab dem 19. Juli steht auf dem Gelände des Kulturzentrums der Villette, Metro Porte de Pantin, wieder jeden Abend ausser montags eine Filmvorführung im Freien auf dem Programm, Motto dieses Jahres: Wir haben sie so sehr geliebt (die Filme natürlich). Nähere Informationen:
www.cinema.arbo.com
Decke und Picknick-korb nicht vergessen, vielleicht auch einen Pullover einpacken, denn manchmal ist es so gegen 11h abends, wenn der Film gerade einmal vor einer Viertelstunde begonnen hat, deutlich kühler als 2 Stunden vorher in der Spätabendsonne, wenn Hunderte von Leuten auf ihren ausgebreiteten Decken tafeln – oder sollte man dann besser ‚deckeln’ sagen?

Schönen Sommer
Wfriedrich
www.themenreisen-paris.de

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