SICH KÖNIGLICH
FÜHLEN IN PARIS
Gott lebt ja angeblich ganz gut in Frankreich,
das lässt sich jedoch nicht mit absoluter Sicherheit
sagen. Sicherer ist schon, dass es einem als König
in Paris sehr gut geht, wenn es freilich auch diesbezüglich
einige Ausnahmen gab. Ganz sicher hingegen ist, dass Paris
einen idealen Rahmen abgibt für jemanden, der sich
königlich fühlt, vielleicht ganz einfach, weil
er was zu feiern hat.
Und der schönste Rahmen dafür sind die Königsplätze,
die, wie schon ihr Name sagt, einem König gewidmet
sind. Königsplätze gibt es natürlich vielerorts,
da diese Berufsgruppe früher einmal weit verbreitet
war. In München oder in Nantes zum Beispiel heissen
sie auch so, in Paris aber gibt es gleich fünf, für
insgesamt vier Könige (doch, doch, einer von ihnen
bekam gleich zwei!). Die blosse Bezeichnung ‚Königsplatz’
wäre also nicht gerade hilfreich, die Plätze wurden
daher nach dem Monarchen genannt, dessen Statue in ihrer
Mitte stand. Dann allerdings kam die Französische Revolution.
Diese bedeutete für den damals waltenden König,
Ludwig XVI, nichts Gutes, das interessiert uns aber hier
kaum, weil er ohnehin keinen eigenen Platz in Paris hatte.
Die Revolution ging jedoch mit seinen Vorgängern auch
nicht zimperlich um: Die Statuen wurden entfernt und eingeschmolzen,
die Plätze umbenannt.
Die Architektur aber, symmetrisch angeordnete Prunkgebäude,
blieb in der Regel erhalten. Drei der fünf Statuen
wurden nach der Revolution wieder errichtet, ihre Königsnamen
allerdings bekamen die Plätze nicht zurück, das
hat für den heutigen Besucher den Vorteil, dass er
sich umso selbstverständlicher selber als der König
fühlen kann, vor allem dann, wenn er auch noch königlich
speist, was an diesen Plätzen –fast - immer möglich
ist. Beginnen wir mit dem ältesten, der
Place Dauphine
auf der île de la Cité.
Genau genommen ist es gar nicht der älteste Platz,
baugeschichtlich steht die place des Vosges, über die
wir gleich sprechen werden, an der ersten Stelle. Der Name‚Dauphine’
rührt daher, dass dieser Platz eigentlich dem Thronfolger
von Heinrich IV gewidmet war, also Ludwig XIII. Hoch zu
Ross, im Fluchtpunkt des Platzes, sitzt aber sein Vater,
Heinrich IV (1589-1610). Die heutige Statue stammt aus dem
Jahre 1818, das ursprüngliche Standbild wurde während
der Französischen Revolution eingeschmolzen.

Henri IV schaut auf seinen Platz und den Justizpalast
von Herrn Duc
Im Fluchtpunkt, das heisst, an der Spitze des Dreiecks,
das dieser Platz bildet. Die dreieckige Form ist für
einen Königsplatz eher aussergewöhnlich, hat aber
damit zu tun, dass die westliche Spitze der Seineinsel kaum
eine andere Anordnung zuliess. Diese Spitze des Dreiecks
befindet sich bereits ausserhalb des Platzes, auf dem Pont
Neuf, der neuen Seinebrücke, die Heinrich IV bauen
liess. Deren Renovierung wird jetzt soeben abgeschlossen,
die berühmten Maskaronen (steinerne Masken) an den
Brückenbögen sind alle erneuert worden, die Originale
befinden sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet. Die Brücke
sieht damit wieder genau so aus wie vor 400 Jahren, was
man hingegen vom Platz selbst nicht behaupten kann. Die
strengen Regeln, die für einen Königsplatz galten,
hat man hier noch grosszügig angewandt. Eigentlich
sind nur die beiden Häuser am westlichen Ausgang des
Platzes aus dem 17. Jahrhundert und streng symmetrisch.
Für die übrigen Gebäude galten von Anfang
an eher lockere Rahmenbedingungen: Roter Backstein, steinerne
Fenstereinfassungen.
In der Folge wurde hier viel umgebaut, abgerissen, die
Ostseite liess der Architekt Duc im 19. Jahrhundert überhaupt
schleifen um den Blick zu öffnen auf den von ihm errichteten
Justizpalast auf der anderen Strassenseite. Schön ist
der Platz trotzdem, vielleicht auch wegen der Kastanienbäume,
die genau genommen hier auch nichts zu suchen hätten,
denn streng nach Vorschrift sollte der Blick ja frei sein
auf die Königstatue. Der Genius des ursprünglichen
Entwurfs hat jedoch alle ihm angetane Gewalt irgendwie überlebt,
man fühlt sich hier wohl. Und wohl fühlt man sich
auch im ‚Caveau du Palais’ , es handelt sich
dabei keinesfalls um ein absolut königsplatzwürdiges
Spitzenrestaurant, die Küche ist trotzdem hervorragend,
auf den längs der Backsteinhausmauer aufgestellten
Tischen atmet man die Atmosphäre dieses einmaligen
Ortes und selbst für die Rechnung am Ende braucht man
kein königliches Portefeuille: Mittlerer Adelsstand
oder ein solides Einkommen reicht, Yves Montand und Simone
Signoret , die gleich daneben wohnten (Haus Nummer 15),
konnten es sich sicher regelmässig leisten.
Heinrich IV entfaltete überhaupt eine beeindruckende
Bautätigkeit. Das hat er gemein mit allen bedeutenden
französischen Monarchen, von François I (1515-1547),
der immerhin mit dem heutigen Louvre begann, über Ludwig
XIV (1643-1715) bis Mitterrand (1981-1995), der ebenso ironisch
wie ernsthaft hier in einem Atemzug genannt werden kann,
er hat auf jeden Fall den Louvre vollendet. Man darf schon
gespannt sein, welchen architektonischen Stempel der jetzt
gewählte Präsident, Sarko I, wie ihn die satirische
Zeitung ‚Le Canard enchaîné’ nennt,
der Stadt aufprägen wird. Aber zurück zu Heinrich
IV.
Place des Vosges
Im östliche Teil des Marais standen um 1600 noch immer
die Reste der königlichen Residenz ‚Les Tournelles’,
wo Heinrich II 1559 bei einem Turnier tödlich verunglückt
war. Die Witwe, Catherine de Médicis, wollte daraufhin
von diesem Schloss nichts mehr wissen und liess es verfallen.
Schliesslich richtete sich ein Pferdemarkt auf der Brache
ein. Heinrich IV konnte den Platz besser brauchen: Auf der
Nordseite liess er zunächst eine Seidenmanufaktur errichten,
weil Frankreich auf diesem Gebiet einen erheblichen technologischen
Rückstand aufwies. Gebaut wurde mit Rücksicht
auf die nach den Religionskriegen leeren königlichen
Schatullen nicht mit Haustein, sondern mit Ziegeln, Stein
wurde nur für die Fenstereinfassungen und Zierpilaster
(Lisenen) verwendet. Die Manufaktur nahm 1605 die Produktion
auf, gedieh prächtig, so prächtig, dass Heinrich
IV schliesslich den Entschluss fasste, davor einen prächtigen
Platz zu errichten: In der Bauweise ähnlich, nur etwas
aufwendiger und auf der Südseite mit einem stattlichen
Tor in einem schon durch seine Höhe hervorstechenden
Gebäude, dem Königspavillon (pavillon du Roi).
Das Ergebnis war so überzeugend, dass die Seidenmanufaktur
dann beim besten Willen nicht mehr dazupasste, sie wurde
also delokalisiert und die Nordseite bekam ab 1607 eine
haargenau gleich aussehende Häuserreihe mit, symmetrisch
zum Königspavillon, einem Königinnenpavillon.
In der Zwischenzeit wurde auf der Seineinsel im selben Stil
die vorhin beschriebene place Dauphine gebaut, es ist also
müssig darüber zu streiten, welcher von den beiden
Plätzen der ältere ist. Entscheidend ist vielmehr,
dass im April 1612 auf diesem Platz die Hochzeit zwischen
Ludwig XIII und Anna von Österreich stattfand. Es war
auch höchste Zeit. Heinrich IV war im Mai 1610 einem
Attentat zum Opfer gefallen, Ludwig XIII war immerhin schon
11 Jahre alt und die Bourbonendynastie brauchte dringend
einen Thronfolger. Das dauerte dann aber doch noch eine
Weile. Erst 1638 brachte Anna von Österreich den künftigen
Ludwig XIV zur Welt. Hörte also der Sonnenkönig
von seiner Mutter ein Französisch mit Wiener Zungenschlag?
Keine Spur, Anna von Österreich war eine spanische
Habsburgerin und konnte nicht einmal Deutsch.
Mit der Hochzeit war der Platz endgültig Ludwig XIII
gewidmet, 1639 erhielt er hier, genauso wie sein Vater auf
der place Dauphine, seine Reiterstatue, die, genauso wie
die seines Vaters, während der Französischen Revolution
eingeschmolzen wurde. Umbenannt wurde der Platz selbstverständlich
auch. Napoleon fand es passender ein Département
zu ehren, das als erstes seine Steuern ablieferte, die Vogesen
(les Vosges). Nach der Revolution und nach Napoleon bekam
jedoch auch Ludwig XIII seine Statue wieder zurück,
diesmal in Marmor. Rundherum wurden freilich Kastanienbäumen
gepflanzt, den freien Blick auf den König gibt es nicht
mehr, ein kleiner Park, ein ‚square’ auf Französisch,
entstand, der aber heisst heute dafür square Louis
XIII, womit der hier geehrte der einzige König ist,
der wenigstens für einen Teil des ursprünglich
ihm gewidmeten Platzes seinen Namen in die heutige Zeit
hinüberretten konnte.

place des Vosges, einst

place des Vosges, heute
Wer sich von der Hochzeit von Ludwig XIII ein Bild machen
möchte, betritt am besten das Restaurant ‚Place
Royale’ links vom Königspavillon, Hausnummer
2bis. An den Wänden hängen zwei Riesenbilder von
dieser Feierlichkeit. Man kann aber auch draussen unter
den Arkaden sitzen und die einmalige Schönheit des
Platzes geniessen, noch dazu in dem Bewusstsein, dass der
Gedanke an die Rechnung diesen Genuss kaum beeinträchtigen
dürfte. Ganz was anderes ist das bei der Hausnummer
9: Hier befindet sich L’Ambroisie, eines der ganz
wenigen Drei-Sterne-Restaurants von Paris, hier speist man
königlich auf dem Königsplatz, genauer gesagt,
an dem Königsplatz, denn draussen stehen keine Tische,
wer wie ein König isst, lässt sich nicht von Passanten
auf den Teller gucken. Und auch die Rechnung ist königlich,
es sei denn, man speist auf Kosten der Prinzessin, aux frais
de la princesse, wie man in Frankreich sagt, wenn man ‚auf
Staatskosten’ meint, aber wie das geht, erfahren Sie
leider nicht von
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Wolfgang Friedrich
Im nächsten Monat: Ludwig XIV hat gleich zwei Plätze
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