Newsletter Juni 07

SICH KÖNIGLICH FÜHLEN IN PARIS

Gott lebt ja angeblich ganz gut in Frankreich, das lässt sich jedoch nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Sicherer ist schon, dass es einem als König in Paris sehr gut geht, wenn es freilich auch diesbezüglich einige Ausnahmen gab. Ganz sicher hingegen ist, dass Paris einen idealen Rahmen abgibt für jemanden, der sich königlich fühlt, vielleicht ganz einfach, weil er was zu feiern hat.

Und der schönste Rahmen dafür sind die Königsplätze, die, wie schon ihr Name sagt, einem König gewidmet sind. Königsplätze gibt es natürlich vielerorts, da diese Berufsgruppe früher einmal weit verbreitet war. In München oder in Nantes zum Beispiel heissen sie auch so, in Paris aber gibt es gleich fünf, für insgesamt vier Könige (doch, doch, einer von ihnen bekam gleich zwei!). Die blosse Bezeichnung ‚Königsplatz’ wäre also nicht gerade hilfreich, die Plätze wurden daher nach dem Monarchen genannt, dessen Statue in ihrer Mitte stand. Dann allerdings kam die Französische Revolution. Diese bedeutete für den damals waltenden König, Ludwig XVI, nichts Gutes, das interessiert uns aber hier kaum, weil er ohnehin keinen eigenen Platz in Paris hatte. Die Revolution ging jedoch mit seinen Vorgängern auch nicht zimperlich um: Die Statuen wurden entfernt und eingeschmolzen, die Plätze umbenannt.

Die Architektur aber, symmetrisch angeordnete Prunkgebäude, blieb in der Regel erhalten. Drei der fünf Statuen wurden nach der Revolution wieder errichtet, ihre Königsnamen allerdings bekamen die Plätze nicht zurück, das hat für den heutigen Besucher den Vorteil, dass er sich umso selbstverständlicher selber als der König fühlen kann, vor allem dann, wenn er auch noch königlich speist, was an diesen Plätzen –fast - immer möglich ist. Beginnen wir mit dem ältesten, der

Place Dauphine

auf der île de la Cité.

Genau genommen ist es gar nicht der älteste Platz, baugeschichtlich steht die place des Vosges, über die wir gleich sprechen werden, an der ersten Stelle. Der Name‚Dauphine’ rührt daher, dass dieser Platz eigentlich dem Thronfolger von Heinrich IV gewidmet war, also Ludwig XIII. Hoch zu Ross, im Fluchtpunkt des Platzes, sitzt aber sein Vater, Heinrich IV (1589-1610). Die heutige Statue stammt aus dem Jahre 1818, das ursprüngliche Standbild wurde während der Französischen Revolution eingeschmolzen.


Henri IV schaut auf seinen Platz und den Justizpalast
von Herrn Duc

Im Fluchtpunkt, das heisst, an der Spitze des Dreiecks, das dieser Platz bildet. Die dreieckige Form ist für einen Königsplatz eher aussergewöhnlich, hat aber damit zu tun, dass die westliche Spitze der Seineinsel kaum eine andere Anordnung zuliess. Diese Spitze des Dreiecks befindet sich bereits ausserhalb des Platzes, auf dem Pont Neuf, der neuen Seinebrücke, die Heinrich IV bauen liess. Deren Renovierung wird jetzt soeben abgeschlossen, die berühmten Maskaronen (steinerne Masken) an den Brückenbögen sind alle erneuert worden, die Originale befinden sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet. Die Brücke sieht damit wieder genau so aus wie vor 400 Jahren, was man hingegen vom Platz selbst nicht behaupten kann. Die strengen Regeln, die für einen Königsplatz galten, hat man hier noch grosszügig angewandt. Eigentlich sind nur die beiden Häuser am westlichen Ausgang des Platzes aus dem 17. Jahrhundert und streng symmetrisch. Für die übrigen Gebäude galten von Anfang an eher lockere Rahmenbedingungen: Roter Backstein, steinerne Fenstereinfassungen.

In der Folge wurde hier viel umgebaut, abgerissen, die Ostseite liess der Architekt Duc im 19. Jahrhundert überhaupt schleifen um den Blick zu öffnen auf den von ihm errichteten Justizpalast auf der anderen Strassenseite. Schön ist der Platz trotzdem, vielleicht auch wegen der Kastanienbäume, die genau genommen hier auch nichts zu suchen hätten, denn streng nach Vorschrift sollte der Blick ja frei sein auf die Königstatue. Der Genius des ursprünglichen Entwurfs hat jedoch alle ihm angetane Gewalt irgendwie überlebt, man fühlt sich hier wohl. Und wohl fühlt man sich auch im ‚Caveau du Palais’ , es handelt sich dabei keinesfalls um ein absolut königsplatzwürdiges Spitzenrestaurant, die Küche ist trotzdem hervorragend, auf den längs der Backsteinhausmauer aufgestellten Tischen atmet man die Atmosphäre dieses einmaligen Ortes und selbst für die Rechnung am Ende braucht man kein königliches Portefeuille: Mittlerer Adelsstand oder ein solides Einkommen reicht, Yves Montand und Simone Signoret , die gleich daneben wohnten (Haus Nummer 15), konnten es sich sicher regelmässig leisten.

Heinrich IV entfaltete überhaupt eine beeindruckende Bautätigkeit. Das hat er gemein mit allen bedeutenden französischen Monarchen, von François I (1515-1547), der immerhin mit dem heutigen Louvre begann, über Ludwig XIV (1643-1715) bis Mitterrand (1981-1995), der ebenso ironisch wie ernsthaft hier in einem Atemzug genannt werden kann, er hat auf jeden Fall den Louvre vollendet. Man darf schon gespannt sein, welchen architektonischen Stempel der jetzt gewählte Präsident, Sarko I, wie ihn die satirische Zeitung ‚Le Canard enchaîné’ nennt, der Stadt aufprägen wird. Aber zurück zu Heinrich IV.

Place des Vosges

Im östliche Teil des Marais standen um 1600 noch immer die Reste der königlichen Residenz ‚Les Tournelles’, wo Heinrich II 1559 bei einem Turnier tödlich verunglückt war. Die Witwe, Catherine de Médicis, wollte daraufhin von diesem Schloss nichts mehr wissen und liess es verfallen. Schliesslich richtete sich ein Pferdemarkt auf der Brache ein. Heinrich IV konnte den Platz besser brauchen: Auf der Nordseite liess er zunächst eine Seidenmanufaktur errichten, weil Frankreich auf diesem Gebiet einen erheblichen technologischen Rückstand aufwies. Gebaut wurde mit Rücksicht auf die nach den Religionskriegen leeren königlichen Schatullen nicht mit Haustein, sondern mit Ziegeln, Stein wurde nur für die Fenstereinfassungen und Zierpilaster (Lisenen) verwendet. Die Manufaktur nahm 1605 die Produktion auf, gedieh prächtig, so prächtig, dass Heinrich IV schliesslich den Entschluss fasste, davor einen prächtigen Platz zu errichten: In der Bauweise ähnlich, nur etwas aufwendiger und auf der Südseite mit einem stattlichen Tor in einem schon durch seine Höhe hervorstechenden Gebäude, dem Königspavillon (pavillon du Roi). Das Ergebnis war so überzeugend, dass die Seidenmanufaktur dann beim besten Willen nicht mehr dazupasste, sie wurde also delokalisiert und die Nordseite bekam ab 1607 eine haargenau gleich aussehende Häuserreihe mit, symmetrisch zum Königspavillon, einem Königinnenpavillon. In der Zwischenzeit wurde auf der Seineinsel im selben Stil die vorhin beschriebene place Dauphine gebaut, es ist also müssig darüber zu streiten, welcher von den beiden Plätzen der ältere ist. Entscheidend ist vielmehr, dass im April 1612 auf diesem Platz die Hochzeit zwischen Ludwig XIII und Anna von Österreich stattfand. Es war auch höchste Zeit. Heinrich IV war im Mai 1610 einem Attentat zum Opfer gefallen, Ludwig XIII war immerhin schon 11 Jahre alt und die Bourbonendynastie brauchte dringend einen Thronfolger. Das dauerte dann aber doch noch eine Weile. Erst 1638 brachte Anna von Österreich den künftigen Ludwig XIV zur Welt. Hörte also der Sonnenkönig von seiner Mutter ein Französisch mit Wiener Zungenschlag? Keine Spur, Anna von Österreich war eine spanische Habsburgerin und konnte nicht einmal Deutsch.

Mit der Hochzeit war der Platz endgültig Ludwig XIII gewidmet, 1639 erhielt er hier, genauso wie sein Vater auf der place Dauphine, seine Reiterstatue, die, genauso wie die seines Vaters, während der Französischen Revolution eingeschmolzen wurde. Umbenannt wurde der Platz selbstverständlich auch. Napoleon fand es passender ein Département zu ehren, das als erstes seine Steuern ablieferte, die Vogesen (les Vosges). Nach der Revolution und nach Napoleon bekam jedoch auch Ludwig XIII seine Statue wieder zurück, diesmal in Marmor. Rundherum wurden freilich Kastanienbäumen gepflanzt, den freien Blick auf den König gibt es nicht mehr, ein kleiner Park, ein ‚square’ auf Französisch, entstand, der aber heisst heute dafür square Louis XIII, womit der hier geehrte der einzige König ist, der wenigstens für einen Teil des ursprünglich ihm gewidmeten Platzes seinen Namen in die heutige Zeit hinüberretten konnte.


place des Vosges, einst


place des Vosges, heute

Wer sich von der Hochzeit von Ludwig XIII ein Bild machen möchte, betritt am besten das Restaurant ‚Place Royale’ links vom Königspavillon, Hausnummer 2bis. An den Wänden hängen zwei Riesenbilder von dieser Feierlichkeit. Man kann aber auch draussen unter den Arkaden sitzen und die einmalige Schönheit des Platzes geniessen, noch dazu in dem Bewusstsein, dass der Gedanke an die Rechnung diesen Genuss kaum beeinträchtigen dürfte. Ganz was anderes ist das bei der Hausnummer 9: Hier befindet sich L’Ambroisie, eines der ganz wenigen Drei-Sterne-Restaurants von Paris, hier speist man königlich auf dem Königsplatz, genauer gesagt, an dem Königsplatz, denn draussen stehen keine Tische, wer wie ein König isst, lässt sich nicht von Passanten auf den Teller gucken. Und auch die Rechnung ist königlich, es sei denn, man speist auf Kosten der Prinzessin, aux frais de la princesse, wie man in Frankreich sagt, wenn man ‚auf Staatskosten’ meint, aber wie das geht, erfahren Sie leider nicht von

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Wolfgang Friedrich

Im nächsten Monat: Ludwig XIV hat gleich zwei Plätze

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