Pfingsten
Pfingsten ist ein liebliches Fest, wissen wir dank Johann
Wolfgang von Goethe. In Frankreich ist Goethe zwar auch
eine Kulturikone und das musée Jacquemart in Paris
zeigt noch bis Pfingstmontag eine Ausstellung, die direkt
mit dem deutschen und universellen Dichterfürsten zu
tun hat: Sous le regard de Goethe – Unter den Augen
Goethes. Präsentiert werden, ein bisschen Selbstbespiegelung
darf auch sein, französische Zeichnungen aus der Privatsammlung
des Dichters. Gelesen wird er jedoch hierzulande mit Sicherheit
weniger. Ob Pfingsten deswegen in Frankreich einen schweren
Stand hat?
Nun, als man vor zwei Jahren auf der Suche nach einer Geldquelle,
um die Infrastrukturen für die Altenbetreuung zu verbessern,
nach einem streichfähigen Feiertag Ausschau hielt,
kamen nach kurzem Nachdenken zwei Varianten in die engere
Auswahl: der 8. Mai, Ende des Zweiten Weltkrieges, und eben
der Pfingstmontag. Gegen die Streichung des 8. Mai aus dem
Festtagskalender machten die Kriegsveteranen mobil, und
das obwohl die dadurch zusammengekratzten Budgetmittel zwar
nicht speziell für sie, aber immerhin für ihre
Altersgruppe bestimmt waren.
Es wurde also der Pfingstmontag zum Werktag umgewidmet.
Pfingsten führt seither im Kalender ein eher unauffälliges
Dasein.
Genauso geht es der Kirche im quartier de la Défense,
die der Pfingstmadonna geweiht ist:
Notre-Dame de la Pentecôte.
Wer ist grösser?
Die Architektur spricht eine klare Sprache. Kultstätten
dominieren den öffentlichen Raum, so weit wir zurückdenken
können: Die antiken Tempel, die Minarette der Moscheen,
die Kirchtürme in unseren Dörfern, die Turmspitzen
der Kathedralen prägen die Landschaft. Das ändert
sich schön langsam im 19. Jahrhundert. Zwar drückt
noch so mancher neugotische Sakralbau seinem Stadtviertel
den Stempel auf, in Paris beispielsweise la Trinité
oder Notre-Dame de Lorette, aber 1889 wurde der Eiffelturm
errichtet, der überragt die altehrwürdige Pariser
Kathedrale Notre-Dame fast um das Dreifache!
So schnell gab allerdings die Kirche den Kampf um die Lufthoheit
nicht auf. Zehn Jahre später wird die Basilika Sacre
Coeur fertig. Das ist freilich nur ein gedrungener Winzling
im Vergleich zum Eiffelturm, aber vom Gipfel des Hügels
von Montmartre aus konnte die neue Kirche mit ihren üppigen
byzantinischen Kuppeln dem kargen Metallgerüst an der
Seine noch lange Paroli bieten. Und in der Ansichtskarten-Hitparade
tut sie das auch heute noch.
Das Höhenwachstum hielt sich in der Folge in Paris
vorläufig in Grenzen. Anderswo schossen die Wolkenkratzer
in die Höhe, die Kirchen jedoch blieben auf dem Boden.
Kein Fotoband über New York lässt sich das Bild
entgehen: Ein einstmals stolzer Kirchturm im Schatten mindestens
doppelt so hoher Wohn – oder Bürotürme.
In den 1960er Jahren erfolgte der Einzug der Hochhausarchitektur
in Paris. Nicht im Triumphmarsch wie in Frankfurt oder London,
sondern schüchtern, eher den Rand anknabbernd. Nur
der 1972 geborene Tour Montparnasse hat eine zentralere
Lage, ist aber als abschreckendes Beispiel ein Einzelkind
geblieben.
Eine Stadt, wie man sie am Erie- oder Michigansee antreffen
könnte, entstand dafür im Westen von Paris, bereits
ausserhalb der Stadtgrenze: La Défense.
1989, hundert Jahre nach dem Eiffelturm und zum 200. Geburtstag
der Französischen Revolution bekam dieser Stadtteil
sein Wahrzeichen: einen Triumphbogen, den dritten, den grössten
auf dieser Ost-Westachse, die vom Louvre ihren Ausgang nimmt:
L’Arche de la Défense. Die Symbolik der Dimensionen
ist kein Zufall, sie ist vom dänischen Architekten
Otto von Spreckelsen gewollt: Notre-Dame de Paris würde
haargenau unter diesem Triumphbogen Platz finden!
2001 erhielt das quartier de la Défense seine Kirche.
Notre- Dame de la Pentecôte
Rivalisieren mit den Giganten aus Stahl, Beton und Glas
kam nicht in Frage, daher versteckt sie sich. Schon die
Standortwahl spricht Bände:
Man entdeckt das Gotteshaus nur mit fremder Hilfe. L’Arche
de la Défense beherrscht die Szene, das Auge gleitet
über die Türme von Grosskonzernen, Versicherungen,
Banken, fällt schliesslich, belustigt oder verwundert,
auf die riesigen Skulpturen von Miro und Calder, aber keine
Spur von einer Kirche. Diese duckt sich, an den Rand gedrückt
von der überwältigenden Kuppel des C.N.I.T. (Centre
National des Industries Techniques), zur Hälfte sich
auf Pfeilern über einem Abgrund haltend, und das obwohl
auf der majestätischen breiten Esplanade Platz genug
wäre.
Mitleid erregen wie das New Yorker Kirchlein kam genauso
wenig in Frage, daher tarnt sie sich. Der Architekt Franck
Hammoutène hat sie so konzipiert, dass man sie als
Kirche nur erkennt, wenn man bereits weiss, dass es eine
ist: Man steht vor einem kleinen Würfel aus Glas, man
könnte meinen, es sei ein übrig gebliebener, liegen
gelassener Bauteil eines der benachbarten Wolkenkratzer,
das ist das Kirchenschiff. Davor, leicht abgesetzt, ein
hochkant stehendes Rechteck aus Glas, ein schmaler weisser
Ziegel. Natürlich, das ist der Kirchturm, vielleicht
eine Anspielung auf einen frühromanischen Portalturm,
auf ein Westwerk sogar, zumindest die Himmelsrichtung stimmt,
aber es gibt hier kein Portal. Der Eingang, eine bescheidene
Glastüre, befindet sich auf der Westseite des Würfels
und man gelangt in eine Halle, wie sie nüchterner kaum
vorstellbar ist. Ein paar Regale, auf denen einige Zettel
und farbige Kärtchen herumliegen, verschiedene Gebrauchsmöbel.
Vielleicht doch keine Kirche, ist diese erst woanders?
Nein, nein, es stimmt schon, aber die Tarnung setzt sich
im Inneren fort, denn das vermutete Kirchenschiff hat zwar
drei Teile, aber kein Hauptschiff und zwei Seitenschiffe,
sondern die drei Teile sind auf drei verschiedenen Niveaus.
Das Erdgeschoss ist für den Empfang bestimmt, die Zettel
enthalten Informationen in mehreren Sprachen, die farbigen
Kärtchen sind Fotos vom Kirchenraum, der ist im ersten
Stock. Im Untergeschoss sind Arbeitsräume für
Gruppen, Priester und aktive Pfarrmitglieder.
Zur Kirche im eigentlichen Sinn muss man also hinaufsteigen.
Man betritt einen ebenso eindeutig sakralen wie kargen Raum.
Nach drei Seiten hin ist er geschlossen, die Nordseite hingegen
ist zur Gänze verglast, die Darstellung einer Pfingsttaube,
geformt aus Stahlrohren und Stahlbändern (Jacques Loire)
verwandelt die Glaswand in ein Kirchenfenster. Die Inneneinrichtung,
Altar, Tabernakel (voneinander getrennt) und Ambo, das Lesepult,
stammen vom 2003 gestorbenen französischen Bildhauer
Pierre Sabatier: Kreationen aus ockerfarbenem Stahlblech,
das Lesepult verweist auf den brennenden Dornbusch, der
Tabernakel auf einen Engel, der Altar schliesslich besteht
aus 12 stilisierten Flammen, den Pfingstflammen, die von
den 12 Aposteln Besitz ergreifen.
Ein nüchtern besinnlicher Saal in einem nüchtern
funktionalen Gebäude. Besinnlich und funktional, mehr
will es auch nicht sein als ein spirituelles, religiöses
Dienstleistungszentrum, versteckt zwischen den kühnen
Hochhausgiganten, in denen rund 150000 Dienstleister arbeiten.
Die Erwartungen sind dabei nicht sonderlich hoch gesteckt:
Die Kirche bietet Platz für 300 Personen. Und am Sonntag
ist Notre-Dame de la Pentecôte geschlossen, am Pfingstsonntag
natürlich auch, am Pfingstmontag hingegen nicht, das
ist ja jetzt ein Werktag.
Schöne Pfingsten
Wolfgang Friedrich
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