Newsletter Juni 06

Pfingsten

Pfingsten ist ein liebliches Fest, wissen wir dank Johann Wolfgang von Goethe. In Frankreich ist Goethe zwar auch eine Kulturikone und das musée Jacquemart in Paris zeigt noch bis Pfingstmontag eine Ausstellung, die direkt mit dem deutschen und universellen Dichterfürsten zu tun hat: Sous le regard de Goethe – Unter den Augen Goethes. Präsentiert werden, ein bisschen Selbstbespiegelung darf auch sein, französische Zeichnungen aus der Privatsammlung des Dichters. Gelesen wird er jedoch hierzulande mit Sicherheit weniger. Ob Pfingsten deswegen in Frankreich einen schweren Stand hat?
Nun, als man vor zwei Jahren auf der Suche nach einer Geldquelle, um die Infrastrukturen für die Altenbetreuung zu verbessern, nach einem streichfähigen Feiertag Ausschau hielt, kamen nach kurzem Nachdenken zwei Varianten in die engere Auswahl: der 8. Mai, Ende des Zweiten Weltkrieges, und eben der Pfingstmontag. Gegen die Streichung des 8. Mai aus dem Festtagskalender machten die Kriegsveteranen mobil, und das obwohl die dadurch zusammengekratzten Budgetmittel zwar nicht speziell für sie, aber immerhin für ihre Altersgruppe bestimmt waren.
Es wurde also der Pfingstmontag zum Werktag umgewidmet. Pfingsten führt seither im Kalender ein eher unauffälliges Dasein.
Genauso geht es der Kirche im quartier de la Défense, die der Pfingstmadonna geweiht ist:
Notre-Dame de la Pentecôte.

Wer ist grösser?

Die Architektur spricht eine klare Sprache. Kultstätten dominieren den öffentlichen Raum, so weit wir zurückdenken können: Die antiken Tempel, die Minarette der Moscheen, die Kirchtürme in unseren Dörfern, die Turmspitzen der Kathedralen prägen die Landschaft. Das ändert sich schön langsam im 19. Jahrhundert. Zwar drückt noch so mancher neugotische Sakralbau seinem Stadtviertel den Stempel auf, in Paris beispielsweise la Trinité oder Notre-Dame de Lorette, aber 1889 wurde der Eiffelturm errichtet, der überragt die altehrwürdige Pariser Kathedrale Notre-Dame fast um das Dreifache!
So schnell gab allerdings die Kirche den Kampf um die Lufthoheit nicht auf. Zehn Jahre später wird die Basilika Sacre Coeur fertig. Das ist freilich nur ein gedrungener Winzling im Vergleich zum Eiffelturm, aber vom Gipfel des Hügels von Montmartre aus konnte die neue Kirche mit ihren üppigen byzantinischen Kuppeln dem kargen Metallgerüst an der Seine noch lange Paroli bieten. Und in der Ansichtskarten-Hitparade tut sie das auch heute noch.
Das Höhenwachstum hielt sich in der Folge in Paris vorläufig in Grenzen. Anderswo schossen die Wolkenkratzer in die Höhe, die Kirchen jedoch blieben auf dem Boden. Kein Fotoband über New York lässt sich das Bild entgehen: Ein einstmals stolzer Kirchturm im Schatten mindestens doppelt so hoher Wohn – oder Bürotürme.
In den 1960er Jahren erfolgte der Einzug der Hochhausarchitektur in Paris. Nicht im Triumphmarsch wie in Frankfurt oder London, sondern schüchtern, eher den Rand anknabbernd. Nur der 1972 geborene Tour Montparnasse hat eine zentralere Lage, ist aber als abschreckendes Beispiel ein Einzelkind geblieben.
Eine Stadt, wie man sie am Erie- oder Michigansee antreffen könnte, entstand dafür im Westen von Paris, bereits ausserhalb der Stadtgrenze: La Défense.
1989, hundert Jahre nach dem Eiffelturm und zum 200. Geburtstag der Französischen Revolution bekam dieser Stadtteil sein Wahrzeichen: einen Triumphbogen, den dritten, den grössten auf dieser Ost-Westachse, die vom Louvre ihren Ausgang nimmt: L’Arche de la Défense. Die Symbolik der Dimensionen ist kein Zufall, sie ist vom dänischen Architekten Otto von Spreckelsen gewollt: Notre-Dame de Paris würde haargenau unter diesem Triumphbogen Platz finden!
2001 erhielt das quartier de la Défense seine Kirche.

Notre- Dame de la Pentecôte

Rivalisieren mit den Giganten aus Stahl, Beton und Glas kam nicht in Frage, daher versteckt sie sich. Schon die Standortwahl spricht Bände:
Man entdeckt das Gotteshaus nur mit fremder Hilfe. L’Arche de la Défense beherrscht die Szene, das Auge gleitet über die Türme von Grosskonzernen, Versicherungen, Banken, fällt schliesslich, belustigt oder verwundert, auf die riesigen Skulpturen von Miro und Calder, aber keine Spur von einer Kirche. Diese duckt sich, an den Rand gedrückt von der überwältigenden Kuppel des C.N.I.T. (Centre National des Industries Techniques), zur Hälfte sich auf Pfeilern über einem Abgrund haltend, und das obwohl auf der majestätischen breiten Esplanade Platz genug wäre.
Mitleid erregen wie das New Yorker Kirchlein kam genauso wenig in Frage, daher tarnt sie sich. Der Architekt Franck Hammoutène hat sie so konzipiert, dass man sie als Kirche nur erkennt, wenn man bereits weiss, dass es eine ist: Man steht vor einem kleinen Würfel aus Glas, man könnte meinen, es sei ein übrig gebliebener, liegen gelassener Bauteil eines der benachbarten Wolkenkratzer, das ist das Kirchenschiff. Davor, leicht abgesetzt, ein hochkant stehendes Rechteck aus Glas, ein schmaler weisser Ziegel. Natürlich, das ist der Kirchturm, vielleicht eine Anspielung auf einen frühromanischen Portalturm, auf ein Westwerk sogar, zumindest die Himmelsrichtung stimmt, aber es gibt hier kein Portal. Der Eingang, eine bescheidene Glastüre, befindet sich auf der Westseite des Würfels und man gelangt in eine Halle, wie sie nüchterner kaum vorstellbar ist. Ein paar Regale, auf denen einige Zettel und farbige Kärtchen herumliegen, verschiedene Gebrauchsmöbel. Vielleicht doch keine Kirche, ist diese erst woanders?
Nein, nein, es stimmt schon, aber die Tarnung setzt sich im Inneren fort, denn das vermutete Kirchenschiff hat zwar drei Teile, aber kein Hauptschiff und zwei Seitenschiffe, sondern die drei Teile sind auf drei verschiedenen Niveaus. Das Erdgeschoss ist für den Empfang bestimmt, die Zettel enthalten Informationen in mehreren Sprachen, die farbigen Kärtchen sind Fotos vom Kirchenraum, der ist im ersten Stock. Im Untergeschoss sind Arbeitsräume für Gruppen, Priester und aktive Pfarrmitglieder.
Zur Kirche im eigentlichen Sinn muss man also hinaufsteigen. Man betritt einen ebenso eindeutig sakralen wie kargen Raum. Nach drei Seiten hin ist er geschlossen, die Nordseite hingegen ist zur Gänze verglast, die Darstellung einer Pfingsttaube, geformt aus Stahlrohren und Stahlbändern (Jacques Loire) verwandelt die Glaswand in ein Kirchenfenster. Die Inneneinrichtung, Altar, Tabernakel (voneinander getrennt) und Ambo, das Lesepult, stammen vom 2003 gestorbenen französischen Bildhauer Pierre Sabatier: Kreationen aus ockerfarbenem Stahlblech, das Lesepult verweist auf den brennenden Dornbusch, der Tabernakel auf einen Engel, der Altar schliesslich besteht aus 12 stilisierten Flammen, den Pfingstflammen, die von den 12 Aposteln Besitz ergreifen.
Ein nüchtern besinnlicher Saal in einem nüchtern funktionalen Gebäude. Besinnlich und funktional, mehr will es auch nicht sein als ein spirituelles, religiöses Dienstleistungszentrum, versteckt zwischen den kühnen Hochhausgiganten, in denen rund 150000 Dienstleister arbeiten. Die Erwartungen sind dabei nicht sonderlich hoch gesteckt: Die Kirche bietet Platz für 300 Personen. Und am Sonntag ist Notre-Dame de la Pentecôte geschlossen, am Pfingstsonntag natürlich auch, am Pfingstmontag hingegen nicht, das ist ja jetzt ein Werktag.

Schöne Pfingsten
Wolfgang Friedrich
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