Newsletter Juni 05

IM DICKICHT DER STADT

Saukalt war der Mai und wer die im Vormonat erwähnten Paulownia in voller Blüte sehen wollte, hatte dazu mehr Zeit als sonst. Fast bis zur Mitte des Monats waren viele Plätze und Alleen rosa gesprenkelt.

Aber jetzt ist Schluss. Natürlich blüht es nunmehr an allen Strassenecken, aber man soll trotzdem nicht so tun, als wäre Paris ein Naturpark. Eine Stadt ist nun einmal eine Stadt, eine Stadt ist städtisch und Paris ist sicher eine der städtischsten von allen ! Die Städte auf dem Land zu bauen, wie Alfred Jarry vor 100 Jahren ironischerweise gefordert hat, das ist im Falle von Paris gründlich daneben gegangen. Es ist die dichteste Stadt von Europa, 2 Millio-nen Menschen auf einer Fläche von kaum mehr als 100km2, diesen Platz brauchen viele mittelgrossen Städte für gerade einmal zwei- bis dreihunderttausend Einwohner.

Eine Extremvariante also von Urbanität, mit allen Vorteilen, Widersprüchen und selbstverständlich auch Nachteilen, die eine solche Dichte mit sich bringt. Eine Dichte, die einem eindrucksvoll vor Augen führen die Luftaufnahmen der Stadt von Yann Arthur Bertrand (Autor des Fotobandes <La terre vue du ciel>), die zur Zeit im

Pavillon de l’Arsenal

21, bd Morland, 4è

in der Ausstellung : Nouveaux Paris, la ville et ses possibles täglich, ausser montags, bis 19. Juni zu sehen sind.

Doch, doch, « nouveaux » mit x, womit die Vielzahl der Aspekte dieser Stadt gemeint ist, die Vielzahl der Lebensformen, die Vielzahl der Probleme, die Vielzahl der Lösungsansätze. Und schliesslich werden auch Vergleiche gezogen mit anderen Metropolen.

Daneben sei noch auf die beeindruckende permanente Ausstellung des Pavillon de l’Arsenal hingewiesen : Pläne, Fotos, Filme, Modelle zeigen die Entwicklung der Stadt von ihren gallo-römischen Anfängen bis heute auf.

MANN GEGEN MANN

In den Pavillon de l’Arsenal, allerdings nicht zu dieser Ausstellung, wollte am 14.Mai 1610 auch König Heinrich IV, blieb aber auf dem Weg dorthin mit seiner Kutsche in der rue de la Ferronnerie im Stau stecken, und diesen Moment nützte sein Mörder Ravaillac……..

Die Verkehrsproblematik ist freilich seit damals nicht einfacher geworden, was immer man auch in der Vergangenheit, wie die Schautafeln im Pavillon de l’Arsenal zeigen, versucht hat.

Für die Gegenwart braucht man keine Ausstellung, dazu genügt es schon sich auf die Strasse zu stellen, und man muss auch sicher nicht weit laufen, um auf die heute beliebteste Gegenmassnahme zu stossen :

den Rückbau.

Auf den breiten Boulevards des 19. Jahrhunderts müssen die Autos immer öfterr grosszügig angelegten Busspuren weichen, die Fussgänger kriegen die Gehsteige zurück, die ihnen in den 50er Jahren genommen wurden und selbst in manchen engen Gassen zwingen Verkehrsinseln den Autofahrer zur Slalomfahrt. Paris will damit eine ähnliche Verkehrsreduktion erreichen wie London mit der Innenstadtmaut und die Verkehrszählungen scheinen dieser Politik recht zu geben.

Begleitet werden diese Massnahmen natürlich von einem zielstrebigen Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Das ehrgeizigste Projekt auf diesem Gebiet ist die vollkommen neue Strassenbahnlinie, die in einigen Jahren rund um Paris führen soll und deren Gleise im Augenblick gerade im Süden der Stadt verlegt werden.

Stösst schon der Strassenrückbau, wie man sich leicht vorstellen kann, zum Teil auf erbitterten Widerstand, dann erhitzt das Strassenbahnprojekt erst recht die Gemüter. Befürworter und Gegner liefern sich seit Jahren erbarmungslose Gefechte über die Medien und nicht nur dort.

Dabei ist das Hauptargument der Gegner nicht ganz von der Hand zu weisen : Warum jahrelang die Anwohner ganzer Stadtteile mit dem Lärm und dem Chaos einer Grossbaustelle drangsalieren, nur um ihnen letztendlich Verkehrsfläche wegzunehmen, obwohl, ja obwohl ………………der stadtumkreisende Schienenstrang doch schon existiert !

Ja, die Bahnlinie rund um Paris gibt es, und allen jenen, die sich vielleicht über die Verkehrspolitik wo auch immer wundern, sei zum Trost gesagt : Paris hat es auch nicht leichter. Die Bahnlinie gibt es zwar, sie ist jedoch seit 30 Jahren tot und aufgrund eines kafkaesken Kompetenzwirrwarrs zwischen der staatlichen Eisenbahnbahlinie SNCF, der sie gehört und der Stadt Paris ist sie verlottert, überwuchert, so wie bis vor kurzem in Berlin das Gleisdreieck. Angesichts der Aussichtslosigkeit, diese Linie zu reaktivieren, hat die Pariser Stadtregierung also beschlossen, auf dem daneben verlaufenden Boulevard eine Strassenbahnlinie zu bauen und damit auch das Stadtbild zu verschönern.

Die Bahnhöfe auf der alten Linie hingegen verkommen, kleine einstmals schmucke Regionalbahnhöfe stehen wie verfaulte Zähne in den Häuserschluchten.

Das gilt aber nicht für alle. Manche, im 16. Bezirk zum Beispiel, sind zu noblen Restaurants umfunktioniert worden, ein anderer, im populären 20. Bezirk, ist heute eine Kultstätte der Pariser Musikszene :

« La Flèche », in der ehemaligen gare de Charonne, 102bis, rue de Bagnolet, 20è,

hat nach zweijähriger Pause, wo dem Bahnhofsgebäude ein ähnliches Schicksal drohte, einen neuen Betreiber gefunden, das Programm folgt zweimal in der Woche einem festen Schema : dienstags traditionnelle französische Musik, donnerstags Jazz.

Von der Musik abgesehen erinnert hier noch alles an den früheren Verwendungszweck : die Wanduhr, das Holz der Bänke, selbst die Fenster der für das 19. Jahrhundert charakteristischen Stahlkonstruktion geben den Blick frei auf die verwaisten Geleise.

Nichts hingegen deutet auf einen Bahnhof hin in einem gerade erst renovierten Palais aus dem 17.Jahrhundert in der Innenstadt, bis auf die Aufschrift :

CAFE DE LA GARE

Es befindet sich im Marais, in der rue du Temple, Nummer 41 im 4è.

Tatsächlich handelt es sich um ein Theater, und nicht um irgendeines : es ist die Brutstätte einer Reihe von Schauspielern und Schauspielerinnen, die heute in Frankreich oder sogar weltweit bekannt sind : Josiane Balasko, Miou-Miou oder Gérard Dépardieu. Dieses Haus feiert im Juni seinen 36. Geburtstag, das ist kein runder, ein kleines Geschenk gibt es bis zum 21. Juni trotzdem : die zweite Eintrittskarte ist gratis. Auf dem Programm stehen freche, vor Wortwitz sprühende Komödien wie « Ma femme s’appelle Maurice », übrigens ein Klassiker des französischen Boulevardtheaters.

Und was hat der Ort des Geschehens mit einem Bahnhof zu tun ? Nun, es war tatsächlich einmal einer, allerdings für die Postkutschen, die von hier aus in den Norden des Landes fuhren.

Wer aber keinen « Boulevard » sehen möchte, dafür aber lieber, sagen wir einmal, Brecht, wird auch fündig :

Im Théâtre Nanterre-Amandiers (jenseits der zukünftigen Strassenbahnlinie) steht « Schweyk… » auf dem Programm, mit Jean-Pierre Bacri in der Hauptrolle. Er ist vielleicht nicht ganz so bekannt wie Gérard Dépardieu, wer ihn aber auf der Bühne sieht, erkennt ihn sicherlich gleich wieder ! (bis 26.Juni)

Schönen Juni !

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