FRÜHLING IN DEN TUILERIEN
Es ist vielleicht nicht weiss Gott wie überraschend,
dass es im Frühling blüht, aber es freut einen
trotzdem immer wieder. Ob im Prater oder anderswo.Zum Beispiel
in den Tuilerien. Dass hier in grauer Vorzeit einmal ein
Ziegelwerk war, worauf ja der Name eindeutig hinweist, daran
denkt heute niemand mehr. Zumindest für die Pariser
jedoch sind die Tuilerien nicht nur eine prunkvolle Parkanalage,
deren Anfänge bis in das 16. Jahrhundert zurückreichen.
‚Les Tuileries’, das war auch das Schloss, das
den Park an der Ostseite begrenzte und sich von der Seine
bis zur heutigen rue de Rivoli erstreckte, im rechten Winkel
zu den Flügeln des Louvre.
Den Bau veranlasste Catherine de Médici (1519-1589),
hier stand Ludwig XVI quasi unter Haussarrest, nachdem ihn
die Bevölkerung 1789 gezwungen hatte,von Versailles
nach Paris umzuziehen, hier residierte Napoleon III von
1852- 1870. Das waren die glanzvollen letzten Jahre des
Schlosses, denn 1871 wurde es von den Communarden niedergebrannt,
als Symbol der verhassten Monarchie, genauso wie die Bastille
von den Ururgrossvätern der Aufständischen der
Commune als Symbol des Ancien Régime geschleift worden
war. Endgültig abgerissen wurde die Brandruine dann
allerdings erst von der jungen Dritten Republik ein paar
Jahre später, in der Beziehung mit dem Berliner Schloss
vergleichbar.
Und erst seit damals gibt es den unschlagbaren Ansichtskartenhit,
die weltberühmte Perspektive vom Louvre, über
die Tuilerien, die place de la Concorde und schliesslich
die Champs-Elysées bis zum Triumphbogen. Aber nur
wenn man sich das Tuilerien-Schloss dazu vorstellt, versteht
man, warum der Louvre überhaupt so unverhältnismässig
lange Flügel nach Westen ausstreckt:Während Catherine
de Médici mit ihrem Neubau noch bewusst auf Distanz
gegangen war zu dem für ihren Geschmack mittelalterlich
primitiven Louvre, setzten ihre Nachfolger, vor allem Heinrich
IV, Napoleon I und Napoleon III ihren Ehrgeiz darein, den
mittlerweile ebenfalls modernisierten Louvre mit dem Médici-Schloss
baulich zu vereinen.
Als königliche beziehungsweise kaiserliche Residenz
diente seit der Französischen Revolution freilich nur
das heute verschwundene Schloss, der Louvre war schon 1793
von den Revolutionären in ein Museum umgewandelt worden,
sicher haben deswegen die Communarden das Gebäude verschont.
Aber nun zum Park, in der Frühlingssonne. In den
Grundzügen ist der Plan derselbe geblieben wie ihn
André Lenôtre, der Landschaftsarchitekt von
Ludwig XIV, im 17. Jahrhundert gezeichnet hat: Eine zentrale
Allee, an beiden Enden jeweils ein grosses Becken, eines
rund, eines oktogonal. In den Parterren zu beiden Seiten
liess Lenôtre mit Buchsbäumen kunstvollste Muster
anlegen. Heute finden wir an deren Stelle leuchtende Blumenbeete
und, jetzt im Mai, Kastanien mit ihren weissen und japanische
Kirschen mit ihren rosaroten Blüten. Eine Parklandschaft
als Kunstwerk.
Und dieses Kunstwerk ist noch dazu voller Kunstwerke..
Kunst im Park.
Das gibt’s natürlich nicht nur in den Tuilerien,
und auch nicht nur in Paris. Aber in der Fülle wie
hier, das ist, wenn schon nicht einzigartig, so doch aussergewöhnlich.
Nicht einmal der jardin du Luxembourg, der eine reiche Auswahl
von Skulpturen des 19. Jahrhunderts anzubieten hat, kann
da mithalten. Gleich am Eingang, bei der place de la Concorde
wartet der Park mit den Klassikern des 17. Jahrhunderts
auf, das beginnt mit der Büste von André Lenôtre.
Sie ist ein Werk von Antoine Coysevox, dem Hofbildhauer
von Ludwig XIV. Es handelt sich allerdings um eine Kopie,
schon des Zahns der Luftverschmutzung wegen. Das Original
kann man nur ein paar Fussminuten entfernt in der Kirche
Saint Roch, rue Saint-Honoré, in Augenschein nehmen.
Kopien sind auch die berühmten Pferde von Marly, ebenfalls
von Coysevox, sowie eine Reihe weiterer Statuen rund um
das oktogonale Becken von Nicolas Coustou, Guillaume Coustou,
François Barois und vielen anderen. Um diese in Original
zu sehen, ist es noch näher, unter Umständen muss
man sich aber ein bisschen anstellen: sie sind im Louvre.
Im Gegensatz dazu sind die Meisterwerke aus dem 18. und
19. Jahrhundert längs der Hauptallee und rund um das
kreisförmige Becken durchweg Originale, und das gilt
vor allem auch für eine Reihe von Skulpturen des 20.
Jahrhunderts, die von Künstlern aus der ganzen Welt
stammen: Auguste Rodin, Alberto Giacometti, Jean Dubuffet,
Louise Bourgeois, David Smith, Henry Moore, Germaine Richier,
Max Ernst, Roy Lichtenstein.
Ein Künstler ist besonders stark vertreten: Aristide
Maillol. Seine Frauenakte bevölkern geradezu jenen
Teil des Parks, der genau genommen gar nicht mehr zu den
Tuilerien gehört, sondern bereits zum Louvre. Das sieht
man auch. Die Sarkophage, in die der belgische Paysagist
Jacques Wirtz die dort gepflanzten Eiben mit der Heckenschere
verwandeln liess, gelten als problematisch, André
Lenôtre hat damit sicher nichts zu tun. Dieser Parkabschnitt
wird möglicherweise einmal neu gestaltet werden, Maillols
Statuen werden jedoch bleiben. Eine Fortsetzung des Louvre
im Freien sozusagen. Da muss man doch in kein Museum mehr
rein, und noch weniger an einem sonnigen Tag im Frühjahr!
Oder doch?
Doch! Vor allem wenn auch im Museum Frühling ist.
Nicht in irgendeinem Museum, auch nicht im Louvre, sondern
am anderen Ende des Parks, in der Orangerie. Ursprünglich
war das Gebäude also dazu da, um dem Sommer ein warmes
Plätzchen für die Wintermonate einzurichten, 1921
aber wurde es umgebaut: für die wohl berühmteste
Bildserie der zeitgenössischen Malerei, für die
Seerosen von Claude Monet. Das Seerosenmotiv beschäftigte
Monet die letzten 30 Jahre seines Lebens, frühere und
vor allem kleinere Versionen befinden sich in Paris im musée
Marmottan und in vielen anderen Museen weltweit. Hier in
der Orangerie sind die extrem grossflächigen Gemälde
zu bewundern, die Monet im Alter von über 80 Jahren,
fast erblindet, angefertigt hat. Zu diesem Zweck liess er
im Garten seines Wohnhauses in Giverny (40 km nordwestlich
von Paris) extra ein neues Atelier bauen, eigentlich nichts
anderes als ein Riesenglashaus, um Licht zu haben, Licht,
Licht und nochmals Licht.
Die Lichtverhältnisse des Ateliers versuchte man beim
Umbau der Orangerie in den 1920er Jahren wenigstens zum
Teil auch für die Ausstellungsräume zu erlangen.
1960 allerdings wurde das Museum neuerdings umgebaut, um
für die zwei umfangreichen Sammlungen von Jean Walter
et Paul Guillaume, insgesamt 144 Bilder von Cézanne,
Renoir, le Douanier Rousseau, Matisse, Derain, Picasso,
Soutine, Modigliani, Utrillo und anderen Platz zu schaffen.
Monet und auch die Neuzuzügler mussten sich seither
weitgehend mit künstlichen Licht begnügen. 2000
wurde daher die Neugestaltung des Gebäudes in Angriff
genommen. Die Arbeiten dauerten wesentlich länger als
geplant, es kam nämlich die Archäologie dazwischen.
Bei den Grabungen stiess man auf Reste der Stadtmauer von
Karl V (1364-1380).
Jetzt aber ist es so weit: Nicht nur das Dach, sondern
auch die Mauern sind weitgehend verglast, Monets Seerosen
haben wieder das Licht, in dem sie entstanden sind, und
die Bilder der Sammlung Walter-Guillaume profitieren ausserdem
davon. Am 17. Mai wird die Orangerie wiedereröffnet,
fünf Tage lang ist der Eintritt zur Feier des Anlasses
frei. Dafür lohnt es sich schon, auch beim schönsten
Frühlingswetter ins Museum zu gehen, dafür lohnt
es sich sogar, im Mai nach Paris zu kommen!
Schönen Museumsbesuch wünscht
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de
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