Newsletter Mai 06

FRÜHLING IN DEN TUILERIEN

Es ist vielleicht nicht weiss Gott wie überraschend, dass es im Frühling blüht, aber es freut einen trotzdem immer wieder. Ob im Prater oder anderswo.Zum Beispiel in den Tuilerien. Dass hier in grauer Vorzeit einmal ein Ziegelwerk war, worauf ja der Name eindeutig hinweist, daran denkt heute niemand mehr. Zumindest für die Pariser jedoch sind die Tuilerien nicht nur eine prunkvolle Parkanalage, deren Anfänge bis in das 16. Jahrhundert zurückreichen. ‚Les Tuileries’, das war auch das Schloss, das den Park an der Ostseite begrenzte und sich von der Seine bis zur heutigen rue de Rivoli erstreckte, im rechten Winkel zu den Flügeln des Louvre.

Den Bau veranlasste Catherine de Médici (1519-1589), hier stand Ludwig XVI quasi unter Haussarrest, nachdem ihn die Bevölkerung 1789 gezwungen hatte,von Versailles nach Paris umzuziehen, hier residierte Napoleon III von 1852- 1870. Das waren die glanzvollen letzten Jahre des Schlosses, denn 1871 wurde es von den Communarden niedergebrannt, als Symbol der verhassten Monarchie, genauso wie die Bastille von den Ururgrossvätern der Aufständischen der Commune als Symbol des Ancien Régime geschleift worden war. Endgültig abgerissen wurde die Brandruine dann allerdings erst von der jungen Dritten Republik ein paar Jahre später, in der Beziehung mit dem Berliner Schloss vergleichbar.

Und erst seit damals gibt es den unschlagbaren Ansichtskartenhit, die weltberühmte Perspektive vom Louvre, über die Tuilerien, die place de la Concorde und schliesslich die Champs-Elysées bis zum Triumphbogen. Aber nur wenn man sich das Tuilerien-Schloss dazu vorstellt, versteht man, warum der Louvre überhaupt so unverhältnismässig lange Flügel nach Westen ausstreckt:Während Catherine de Médici mit ihrem Neubau noch bewusst auf Distanz gegangen war zu dem für ihren Geschmack mittelalterlich primitiven Louvre, setzten ihre Nachfolger, vor allem Heinrich IV, Napoleon I und Napoleon III ihren Ehrgeiz darein, den mittlerweile ebenfalls modernisierten Louvre mit dem Médici-Schloss baulich zu vereinen.

Als königliche beziehungsweise kaiserliche Residenz diente seit der Französischen Revolution freilich nur das heute verschwundene Schloss, der Louvre war schon 1793 von den Revolutionären in ein Museum umgewandelt worden, sicher haben deswegen die Communarden das Gebäude verschont.

Aber nun zum Park, in der Frühlingssonne. In den Grundzügen ist der Plan derselbe geblieben wie ihn André Lenôtre, der Landschaftsarchitekt von Ludwig XIV, im 17. Jahrhundert gezeichnet hat: Eine zentrale Allee, an beiden Enden jeweils ein grosses Becken, eines rund, eines oktogonal. In den Parterren zu beiden Seiten liess Lenôtre mit Buchsbäumen kunstvollste Muster anlegen. Heute finden wir an deren Stelle leuchtende Blumenbeete und, jetzt im Mai, Kastanien mit ihren weissen und japanische Kirschen mit ihren rosaroten Blüten. Eine Parklandschaft als Kunstwerk.

Und dieses Kunstwerk ist noch dazu voller Kunstwerke..

Kunst im Park.

Das gibt’s natürlich nicht nur in den Tuilerien, und auch nicht nur in Paris. Aber in der Fülle wie hier, das ist, wenn schon nicht einzigartig, so doch aussergewöhnlich. Nicht einmal der jardin du Luxembourg, der eine reiche Auswahl von Skulpturen des 19. Jahrhunderts anzubieten hat, kann da mithalten. Gleich am Eingang, bei der place de la Concorde wartet der Park mit den Klassikern des 17. Jahrhunderts auf, das beginnt mit der Büste von André Lenôtre. Sie ist ein Werk von Antoine Coysevox, dem Hofbildhauer von Ludwig XIV. Es handelt sich allerdings um eine Kopie, schon des Zahns der Luftverschmutzung wegen. Das Original kann man nur ein paar Fussminuten entfernt in der Kirche Saint Roch, rue Saint-Honoré, in Augenschein nehmen. Kopien sind auch die berühmten Pferde von Marly, ebenfalls von Coysevox, sowie eine Reihe weiterer Statuen rund um das oktogonale Becken von Nicolas Coustou, Guillaume Coustou, François Barois und vielen anderen. Um diese in Original zu sehen, ist es noch näher, unter Umständen muss man sich aber ein bisschen anstellen: sie sind im Louvre.

Im Gegensatz dazu sind die Meisterwerke aus dem 18. und 19. Jahrhundert längs der Hauptallee und rund um das kreisförmige Becken durchweg Originale, und das gilt vor allem auch für eine Reihe von Skulpturen des 20. Jahrhunderts, die von Künstlern aus der ganzen Welt stammen: Auguste Rodin, Alberto Giacometti, Jean Dubuffet, Louise Bourgeois, David Smith, Henry Moore, Germaine Richier, Max Ernst, Roy Lichtenstein.

Ein Künstler ist besonders stark vertreten: Aristide Maillol. Seine Frauenakte bevölkern geradezu jenen Teil des Parks, der genau genommen gar nicht mehr zu den Tuilerien gehört, sondern bereits zum Louvre. Das sieht man auch. Die Sarkophage, in die der belgische Paysagist Jacques Wirtz die dort gepflanzten Eiben mit der Heckenschere verwandeln liess, gelten als problematisch, André Lenôtre hat damit sicher nichts zu tun. Dieser Parkabschnitt wird möglicherweise einmal neu gestaltet werden, Maillols Statuen werden jedoch bleiben. Eine Fortsetzung des Louvre im Freien sozusagen. Da muss man doch in kein Museum mehr rein, und noch weniger an einem sonnigen Tag im Frühjahr!

Oder doch?

Doch! Vor allem wenn auch im Museum Frühling ist. Nicht in irgendeinem Museum, auch nicht im Louvre, sondern am anderen Ende des Parks, in der Orangerie. Ursprünglich war das Gebäude also dazu da, um dem Sommer ein warmes Plätzchen für die Wintermonate einzurichten, 1921 aber wurde es umgebaut: für die wohl berühmteste Bildserie der zeitgenössischen Malerei, für die Seerosen von Claude Monet. Das Seerosenmotiv beschäftigte Monet die letzten 30 Jahre seines Lebens, frühere und vor allem kleinere Versionen befinden sich in Paris im musée Marmottan und in vielen anderen Museen weltweit. Hier in der Orangerie sind die extrem grossflächigen Gemälde zu bewundern, die Monet im Alter von über 80 Jahren, fast erblindet, angefertigt hat. Zu diesem Zweck liess er im Garten seines Wohnhauses in Giverny (40 km nordwestlich von Paris) extra ein neues Atelier bauen, eigentlich nichts anderes als ein Riesenglashaus, um Licht zu haben, Licht, Licht und nochmals Licht.

Die Lichtverhältnisse des Ateliers versuchte man beim Umbau der Orangerie in den 1920er Jahren wenigstens zum Teil auch für die Ausstellungsräume zu erlangen. 1960 allerdings wurde das Museum neuerdings umgebaut, um für die zwei umfangreichen Sammlungen von Jean Walter et Paul Guillaume, insgesamt 144 Bilder von Cézanne, Renoir, le Douanier Rousseau, Matisse, Derain, Picasso, Soutine, Modigliani, Utrillo und anderen Platz zu schaffen. Monet und auch die Neuzuzügler mussten sich seither weitgehend mit künstlichen Licht begnügen. 2000 wurde daher die Neugestaltung des Gebäudes in Angriff genommen. Die Arbeiten dauerten wesentlich länger als geplant, es kam nämlich die Archäologie dazwischen. Bei den Grabungen stiess man auf Reste der Stadtmauer von Karl V (1364-1380).

Jetzt aber ist es so weit: Nicht nur das Dach, sondern auch die Mauern sind weitgehend verglast, Monets Seerosen haben wieder das Licht, in dem sie entstanden sind, und die Bilder der Sammlung Walter-Guillaume profitieren ausserdem davon. Am 17. Mai wird die Orangerie wiedereröffnet, fünf Tage lang ist der Eintritt zur Feier des Anlasses frei. Dafür lohnt es sich schon, auch beim schönsten Frühlingswetter ins Museum zu gehen, dafür lohnt es sich sogar, im Mai nach Paris zu kommen!

Schönen Museumsbesuch wünscht

Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de

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