Newsletter Mai 05

ZARENVÄTER, ZARENTÖCHTER
Der Invalidendom in Paris ist keinesfalls die Hauskirche körperbehinderter Bischöfe, wie das vielleicht der der deutsche oder auch italienische Sprachgebrauch vermuten liesse. Ein Bischofssitz ist in Frankreich wie auch in England oder Spanien eine Kathedrale. Der Invalidendom hingegen ist ein Militärkrankenhaus für Langzeitpatienten und mit <Dom> ist die Kuppel der Kapelle dieses Lazaretts gemeint, und zwar nur dann, wenn man sie von aussen betrachtet, von innen gesehen bezeichnet man diesen <dôme> als eine <coupole>.

Wenn man nun diesem Invalidendom den Rücken zuwendet, eröffnet sich dem Blick eine jener wunderbaren Perspektiven, von denen es in Paris unzählige gibt: über die breite Eplanade, dann am Grand und Petit Palais vorbei bis zu den Champs-Elysées
Dazwischen spannt sich eine majestätische Brücke über die Seine : majestätisch, obwohl sie zu einer Zeit gebaut wurde, als es in Frankreich als einziger europäischer Grossmacht bereits keine Majestäten mehr gab. Eine Majestät war dafür ihr Namensgeber, der Zar Alexander III., der 1896 mit der noch jungen französischen Republik einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen hatte. Bei der Grundsteinlegung einige Monate später war wieder eine Majestät anwesend : Zar Nikolaus II, der seinem mittlerweile verstorbenen Vater auf dem Thron gefolgt war. Und so nannte man die Brücke nach dem Vater.Der Sohn bekam dann allerdings keine Brücke mehr. Ein zur selben Zeit im Schweizer Exil lebender russischer Revolutionär hatte mit ihm etwas anderes vor und konnte das 22 Jahre später, nicht zuletzt als indirekte Folge dieses Freundschaftsvertrages, auch in die Tat umsetzen : Der Zar wurde nach der Oktoberrevolution 1917 abgesetzt und im Juli 1918 mitsamt seiner Familie erschossen.

Die Brücke wurde 1900 eingeweiht, da schien die Welt für die Zaren noch in Ordnung zu sein, Paris richtete wieder einmal eine Weltausstellung aus, für die man auch das Grand Palais oder die gare d’Orsay gebaut hatte. Und ein unseliges Stahlungetüm, das der Ingenieur Eiffel anlässlich der vorhergehenden Weltausstellung von 1889 einige 100m die Seine abwärts errichtet hatte, war trotz allgemeiner heftigster Proteste noch immer nicht abgerissen worden. Auch das Grand Palais hätte übrigens geschleift werden sollen, steht aber noch heute, die Renovierung der wunderschönen Stahl-Glaskonstruktion ist gerade in der Abschlussphase. Wenn man hineingeht, kann man sich entweder mit dem indianischen Brasilien auseinandersetzen (siehe Newsletter des Vormonats) oder eine Ausstellung französischer Malerei ansehen.
Französische Malerei ? Mitten in Paris ? Für diejenigen, die das nur mässig überrascht, sei hinzugefügt, es handelt sich um Kunstwerke, die sonst nur in Deutschland zu sehen sind, jene Poussin, Watteau, Chardin, David, die normalerweise in Karlsruhe, München, Stuttgart, Frankfurt oder Berlin hängen. Wenn das nicht ein Grund ist nach Paris zu kommen ! Und die Franzosen ? Nun, die können hier Bilder vertrauter Maler ansehen, denen sie sonst nicht tagtäglich über den Weg laufen, und ganz abgesehen davon : es ist eine Ausstellung über den Blick des Nachbarn auf die eigene Kunst. Denn die Sammler, öffentliche wie private, kaufen natürlich auch nur das, was ihnen gefällt.

Aber jetzt zur Zarentochter !
Es geht um Anna Paulowna, die Tochter des Zaren Paul I , der übrigens 1801 nach einer aussenpolitischen Kehrtwendung zugunsten Napoleons ermordet wurde. Anna Paulowna aber hatte ein langes und wesentlich ruhigeres Leben. Und schliesslich haben zwei deutsche Biologen 1864 (ein Jahr vor ihrem Tod) einen aus Fernost stammenden Baum nach ihr benannt : den Paulownia.
Auf französisch heisst er haargenau gleich, in Paris stellt diese Gattung vielleicht 1000 der insgesamt 100 000 Bäume, die Strassen und Plätze begrünen. Wer jetzt schnell anreist, kann an manchen Pariser Ecken eine wahre Farbenexplosion erleben: Ende April, Anfang Mai blühen diese Paulownia wie ein Feuerwerk, aber auch genauso kurze Zeit, spätestens in der zweiten Maiwoche ist die Pracht zuende, dann beginnen erst die kuhfladengrossen Blätter zu wachsen, um, einmal sehr anthropozentrisch gesehen, für Schatten in den heissen Sommermonaten zu sorgen. Zu heiss sollen dann die Sommermonate allerdings auch nicht sein, die Hitzewelle von 2003 haben sie gar nicht geschätzt und das Feuerwerk von 2004 war in der Folge eher ein Rohrkrepierer, dieses Jahr ist wieder die gewohnte Blütenpracht zu erwarten. So zum Beispiel beim Blumenmarkt auf der Ile de la cité, der place d’Italie, beim Rathaus des 19. Bezirks, vor dem Eiffelturm, im square Clignancourt im 18. Bezirk usw., usw. !


Einen schönen Mai, vielleicht in Paris, wünscht
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