ZARENVÄTER, ZARENTÖCHTER
Der Invalidendom in Paris ist keinesfalls die Hauskirche
körperbehinderter Bischöfe, wie das vielleicht
der der deutsche oder auch italienische Sprachgebrauch vermuten
liesse. Ein Bischofssitz ist in Frankreich wie auch in England
oder Spanien eine Kathedrale. Der Invalidendom hingegen
ist ein Militärkrankenhaus für Langzeitpatienten
und mit <Dom> ist die Kuppel der Kapelle dieses Lazaretts
gemeint, und zwar nur dann, wenn man sie von aussen betrachtet,
von innen gesehen bezeichnet man diesen <dôme>
als eine <coupole>.
Wenn man nun diesem Invalidendom den Rücken zuwendet,
eröffnet sich dem Blick eine jener wunderbaren Perspektiven,
von denen es in Paris unzählige gibt: über die
breite Eplanade, dann am Grand und Petit Palais vorbei bis
zu den Champs-Elysées
Dazwischen spannt sich eine majestätische Brücke
über die Seine : majestätisch, obwohl sie zu einer
Zeit gebaut wurde, als es in Frankreich als einziger europäischer
Grossmacht bereits keine Majestäten mehr gab. Eine
Majestät war dafür ihr Namensgeber, der Zar Alexander
III., der 1896 mit der noch jungen französischen Republik
einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen hatte. Bei der
Grundsteinlegung einige Monate später war wieder eine
Majestät anwesend : Zar Nikolaus II, der seinem mittlerweile
verstorbenen Vater auf dem Thron gefolgt war. Und so nannte
man die Brücke nach dem Vater.Der Sohn bekam dann allerdings
keine Brücke mehr. Ein zur selben Zeit im Schweizer
Exil lebender russischer Revolutionär hatte mit ihm
etwas anderes vor und konnte das 22 Jahre später, nicht
zuletzt als indirekte Folge dieses Freundschaftsvertrages,
auch in die Tat umsetzen : Der Zar wurde nach der Oktoberrevolution
1917 abgesetzt und im Juli 1918 mitsamt seiner Familie erschossen.
Die Brücke wurde 1900 eingeweiht, da schien die Welt
für die Zaren noch in Ordnung zu sein, Paris richtete
wieder einmal eine Weltausstellung aus, für die man
auch das Grand Palais oder die gare d’Orsay gebaut
hatte. Und ein unseliges Stahlungetüm, das der Ingenieur
Eiffel anlässlich der vorhergehenden Weltausstellung
von 1889 einige 100m die Seine abwärts errichtet hatte,
war trotz allgemeiner heftigster Proteste noch immer nicht
abgerissen worden. Auch das Grand Palais hätte übrigens
geschleift werden sollen, steht aber noch heute, die Renovierung
der wunderschönen Stahl-Glaskonstruktion ist gerade
in der Abschlussphase. Wenn man hineingeht, kann man sich
entweder mit dem indianischen Brasilien auseinandersetzen
(siehe Newsletter des Vormonats) oder eine Ausstellung französischer
Malerei ansehen.
Französische Malerei ? Mitten in Paris ? Für diejenigen,
die das nur mässig überrascht, sei hinzugefügt,
es handelt sich um Kunstwerke, die sonst nur in Deutschland
zu sehen sind, jene Poussin, Watteau, Chardin, David, die
normalerweise in Karlsruhe, München, Stuttgart, Frankfurt
oder Berlin hängen. Wenn das nicht ein Grund ist nach
Paris zu kommen ! Und die Franzosen ? Nun, die können
hier Bilder vertrauter Maler ansehen, denen sie sonst nicht
tagtäglich über den Weg laufen, und ganz abgesehen
davon : es ist eine Ausstellung über den Blick des
Nachbarn auf die eigene Kunst. Denn die Sammler, öffentliche
wie private, kaufen natürlich auch nur das, was ihnen
gefällt.
Aber jetzt zur Zarentochter !
Es geht um Anna Paulowna, die Tochter des Zaren Paul I ,
der übrigens 1801 nach einer aussenpolitischen Kehrtwendung
zugunsten Napoleons ermordet wurde. Anna Paulowna aber hatte
ein langes und wesentlich ruhigeres Leben. Und schliesslich
haben zwei deutsche Biologen 1864 (ein Jahr vor ihrem Tod)
einen aus Fernost stammenden Baum nach ihr benannt : den
Paulownia.
Auf französisch heisst er haargenau gleich, in Paris
stellt diese Gattung vielleicht 1000 der insgesamt 100 000
Bäume, die Strassen und Plätze begrünen.
Wer jetzt schnell anreist, kann an manchen Pariser Ecken
eine wahre Farbenexplosion erleben: Ende April, Anfang Mai
blühen diese Paulownia wie ein Feuerwerk, aber auch
genauso kurze Zeit, spätestens in der zweiten Maiwoche
ist die Pracht zuende, dann beginnen erst die kuhfladengrossen
Blätter zu wachsen, um, einmal sehr anthropozentrisch
gesehen, für Schatten in den heissen Sommermonaten
zu sorgen. Zu heiss sollen dann die Sommermonate allerdings
auch nicht sein, die Hitzewelle von 2003 haben sie gar nicht
geschätzt und das Feuerwerk von 2004 war in der Folge
eher ein Rohrkrepierer, dieses Jahr ist wieder die gewohnte
Blütenpracht zu erwarten. So zum Beispiel beim Blumenmarkt
auf der Ile de la cité, der place d’Italie,
beim Rathaus des 19. Bezirks, vor dem Eiffelturm, im square
Clignancourt im 18. Bezirk usw., usw. !
Einen schönen Mai, vielleicht in Paris, wünscht
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