Newsletter April 2008

WIEDER SUCHT JEDER SEIN KÄTZCHEN

Cédric Klapisch hat sich mit ‘Jeder sucht sein Kätzchen’ (1996) in die Filmgeschichte eingetragen. Die Suche nach einer tatsächlich verschwundenen Katze stand symbolisch für die ewige Suche nach dem grossen oder wenigstens kleinen Glück in der Liebe, war aber auch gleichzeitig der Anlass für unermüdliche Streifzüge durch den 11. Pariser Bezirk, also die Gegend rund um die Bastille.
Der Film war eine Liebeserklärung an diesen Stadtteil.

Mit seinem vor wenigen Wochen angelaufenen Streifen 'Paris’ hat Cédric Klapisch schon mit dem Titel die Karten offen auf den Tisch gelegt. Dieses Mal ist es eine Liebeserklärung an Paris.

Bereits im Vorspann jagen einander in atemberaubender Folge die allseits bekannten Postkartenansichten der Stadt, wenn der Film dann tatsächlich beginnt, kommen die Augen zur Ruhe bei einem genussvollen Schwenk der Kamera über die Dächer von Paris. Wir folgen dabei dem Blick eines prominenten Universitätsprofessors für Pariser Stadtgeschichte (Fabrice Luchini), der hier auf dem Eiffelturm stehend, sein Spezialgebiet für ein breites TV-Publikum aufbereiten soll. Das gelingt ihm nur widerstrebend. Wenn er aber schliesslich zum ersten Mal in seinem Leben einen Psychiater aufsucht, dann ist es vor allem deswegen, weil er sich in eine seiner Studentinnen verliebt hat, der er ebenso leidenschaftliche wie anonyme SMS schickt.
Aber davon weiss nur der Zuschauer, dem Psychiater erzählt er das lieber nicht.

Wieder schwenkt die Kamera über die Dächer von Paris, aber aus einem ganz anderen Winkel:

Auf der Anhöhe von Ménilmontant steht der Variététänzer Pierre (Romain Duris) auf dem Balkon seiner traumhaft gelegenen Wohnung, die vor ihm liegende Stadt nimmt er aber kaum wahr. Der Mittdreissiger (in Klapischs , Auberge espagnole’ spielte er den französischen Erasmusstudenten) hat soeben die furchtbare Diagnose erhalten, dass sein Herz nicht mehr lange schlagen wird. Nur eine Transplantation kann ihn – vielleicht- retten, und überhaupt muss sich erst ein Spenderherz finden.
Die Suche nach einem anderen Herzen bekommt eine tragisch wörtliche Bedeutung.

Um ihm psychisch und praktisch beizustehen zieht seine Schwester Elise (Juliette Binoche) zu ihm, samt ihren drei Kindern. Auch sie ist auf der Suche. Die Väter ihrer drei Kinder haben ausser den Kindern nur riesengrosse blaue Flecken auf ihrer Seele hinterlassen.

Fündig wird sie vielleicht bei den Gemüsehändlern des Strassenmarkts in ihrer Nähe. Niemand in Paris wohnt weiter als fünf Fussminuten von einem der zahllosen Lebensmittelmärkte unter freiem Himmel. Klapisch spürt mit der Kamera diesen Marktfahrern nach, den halben Nächten, die diese in den nicht nur architektonisch kalten Grossmarkthallen von Rungis verbringen. Nichts mehr ist hier übrig von der Romantik der einstigen Hallen im Zentrum von Paris. Wir lernen ihr Leben kennen, ihre Arbeit, die manchmal etwas derbe Geselligkeit, wenn sie am frühen Morgen Feierabend machen, oder besser gesagt, eine ausgedehnte Pause, denn danach beginnt ja erst der Strassenmarkt. Zu dieser Stunde kann es auch vorkommen, dass unternehmungslustige Pariserinnen nach einer durchzechten Nacht in den Hallen aufkreuzen, um sich den weltgrössten Lebensmittelmarkt der Welt zeigen zu lassen. Schliesslich geniessen die Männer, die hier arbeiten, seit Jahrhunderten den Ruf, ganze Kerle zu sei
n. Und inmitten von endlosen Reihen von Rinderhälften erwacht die Fleischeslust.
Ein etwas aufdringliches Bild? Mag schon sein, vor allem wenn man bedenkt, dass in der Fleischhalle konstante 4° Celsius herrschen. Aber selbst für ein kleines Glück nimmt unter Umständen die eine oder der andere einen Schnupfen in Kauf.

Es kann aber auch ganz anders kommen: Wenn die Kamera in einem endlos scheinenden Travelling eine Motorradfahrerin begleitet, dann muss man gar nicht erst ein grosser Kinoexperte sein, um zu ahnen, was gleich passieren wird. Dass es dann tatsächlich passiert, ist schon fast wieder eine Überraschung. Aber Klapisch geht es eben nicht um Originalität, Glück und Unglück sind gleichermassen banal, ausser für den gerade Betroffenen natürlich. Klapisch will auch keine besonders interessante Geschichte erzählen, genauso wenig bemüht er sich die Schicksalsfäden seiner insgesamt etwa 10 Hauptpersonen auf kunstvolle Weise miteinander zu verflechten. Denn in Wirklichkeit gibt es überhaupt nur eine Hauptperson: Paris.

'Paris’ lief mit Volldampf an, war drauf und dran ein Kassenschlager zu werden. Aber dann kam es auch für den Film selbst ganz anders.

Eine im Grunde einfach gestrickte Komödie 'Bienvenue chez les Ch’tis (Willkommen bei den Ch’tis, den Bewohnern der nordöstlichen Ecke von Frankreich), in dem ein aus dem Süden stammender, aber in den Norden strafversetzter Postbeamter diese als unwirtlich verschriene Region kennen und lieben lernt, wurde innerhalb weniger Tage wider alle Erwartungen zum grössten Kinoerfolg seit dem 2. Weltkrieg.

'Bienvenue chez les Ch’tis’ spielte und spielt noch immer alle anderen Produktionen buchstäblich an die Wand.

Paris kommt in dieser Geschichte nur in einem Satz vor. Als der Postbeamte von seinem Vorgesetzten von der Versetzung erfährt, spannt ihn dieser zunächst ein bisschen auf die Folter:

'Du musst in den Norden.'
'Nach Lyon?'
'Nein, wirklich in den Norden.'
'Nach Paris?'
'Noch schlimmer!'

Wolfgang Friedrich

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