Newsletter April 07

ICH SCHREIE SO LAUT ICH KANN:
ICH BIN ALKOHOLIKER, ABER NICHT VERRÜCKT!

Der Maler Maurice Utrillo (1883- 1955) verbrachte nahezu sein ganzes Leben in Montmartre. Seine Bilder der Plätze und Gässchen rund um die Basilika Sacré Coeur finden sich in zahlreichen Museen rund um die Erde.

Berühmt und ignoriert

Nur in Paris ist das gar nicht so selbstverständlich.
Im Louvre kann er schon von vornherein nicht vertreten sein, der selbstgesteckte Rahmen des grössten Museums der Welt reicht bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, endet also über drei Jahrzehnte vor der Geburt des Malers. Und auch in die Sammlung Victor Lyon, die der Louvre im zweiten Stock des Flügels Sully beherbergt und die diesen Rahmen mit Monet, Pissarro, Renoir, Sisley und vielen anderen sprengt, hat Maurice Utrillo nicht Eingang gefunden.

Überraschenderweise sucht man ihn auch vergebens im musée d'Orsay. Dieses zwar bei weitem nicht grösste, aber bei aller mit Superlativen gebotenen Vorsicht vielleicht schönste Museum der Welt ignoriert Utrillo ebenso. Dabei deckt das musée d'Orsay den Zeitraum von der Revolution 1848 bis 1914 ab, und genau in das Ende dieses Abschnitts fällt die früheste Schaffensperiode von Utrillo, die noch dazu von vielen Kritikern als seine beste eingestuft wird.

Das Museum Georges Pompidou besitzt hingegen eine ansehnliche Sammlung von 21 Gemälden. Nun, Anfang April, ist die Abteilung für die Kunst des 20. Jahrhunderts wieder neu eröffnet worden, die 21 Utrillos sind jedoch allesamt im Lager geblieben. Sein treuester Saufkumpan Amedeo Modigliani ist gerade einmal mit einem Bild (Gaston Modot) und zwei Skulpturen (tête de femme -Frauenkopf) vertreten.

Ganz ernst genommen von der Pariser Kunstszene wurde Maurice Utrillo eben nie, auch wenn seine Bilder heute bei Versteigerungen ohne weiteres 600 000 Euro erzielen, besonders dann, wenn es Bilder von Montmartre sind. Eine Schneedecke auf Pflaster und Dächern verzögert das Klopfen des Aktionshammers noch einmal, erfährt man in der Galerie Petridès, 63 rue Saint Honoré, deren jahrzehntelanger Inhaber Paul Petridès Utrillos grösster Förderer und auch Freund war.

Utrillo malte jedoch nicht, um eine intellektuelle Botschaft zu vermitteln, um irgendeine Sozial- oder Gesellschaftskritik zu veranschaulichen, nicht um die Realität kritisch zu hinterfragen oder verfremdend zu verzerren, er malte einfach, weil er seine Motive liebte, Montmartre, Paris, die nähere und weitere Umgebung, bis hin zur Bretagne und Korsika und dann wieder Montmartre und immer wieder Montmartre, das aber ganz offenbar mit einem immensen Talent.

Und übrigens begann er zu malen, um das Trinken zu vergessen und dann wieder, zumindest anfangs, um sich das Trinken überhaupt leisten zu können.

Im Reich der Mütter

Das Talent verdankte er, wenigstens zum Teil, seiner Mutter, die Alkoholprobleme hingegen seiner Grossmutter.

Als Utrillo Ende Dezember 1883 in der rue du Poteau am Fusse des Nordhangs von Montmartre auf die Welt kam, war seine Mutter, Suzanne Valadon, gerade 18 geworden. Genau genommen hiess sie zu dieser Zeit noch gar nicht Suzanne, sondern Marie-Clémentine. Sich Suzanne zu nennen, auf diese Idee brachte sie Toulouse-Lautrec, für den sie Modell stand. Vielleicht sogar ein bisschen eifersüchtig, weil sie bei einer ganzen Reihe von Malern tätig war, verglich er sie mit einem der beliebtesten Motive der europäischen Malerei: der biblischen Susanne im Bade (Buch Daniel), die bei ihrer Waschung von zwei alten Männern überrascht wird. Aber die Maler hatten mehr Glück als die alten Männer in der Bibel, und auf die Frage, wer denn nun der Vater des kleinen Maurice sei, pflegte Suzanne Valadon geheimnisvoll lächelnd anzudeuten, dass da Toulouse-Lautrec, aber ebenso Puvis de Chavannes oder Renoir in Frage kämen, vielleicht auch Degas. Und wenn man jetzt noch bedenkt, dass sich das Modell selber bald genauso auf die andere Seite der Staffelei gestellt hat und als die Malerin Suzanne Valadon in die Kunstgeschichte eingegangen ist, dann ist offensichtlich, dass Utrillo das Maltalent nicht vom Himmel in die Wiege gefallen ist.

Vorerst einmal war aber Suzanne Valadon jung, schön und interessant, wie ein Aktfoto von ihr im musée Montmartre in der rue Cortot beweist, und dementsprechend beschäftigt. Die Erziehung des kleinen Maurice fiel daher der Grossmutter zu. Und die hatte so ihre eigenen, traditionellen Methoden. Dazu gehörte ab dem zehnten Lebensjahr das abendliche Glas Wein, weil man dann besser schläft. Und bei dem jungen Mann wurde es bald mehr. Als er dann mit 18 im Vollrausch auf seine Mutter eindrosch, wurde er zum ersten Mal interniert. Es war ein Arzt der psychiatrischen Klinik Sainte-Anne, der Suzanne Valadon empfahl, ihren Sohn doch zum Malen anzuregen, um ihn vom Trinken abzubringen. Das tat sie denn auch, und Maurice begann mit Begeisterung zu malen, trank aber unvermindert weiter, umso mehr als es ihm bald gelang, seine Bilder in den Kneipen von Montmartre im wahrsten Sinne des Wortes flüssig zu machen.

Inzwischen hatte auch er seinen Namen gewechselt, allerdings nicht den Vor-, sondern den Nachnamen, das aber nicht freiwillig. 1891 liess sich eine eher nur vorübergehende Bekanntschaft seiner Mutter, der spanische Journalist Miguel Utrillo, dazu hinreissen, offiziell die Vaterschaft für den Jungen zu übernehmen. Der kleine Maurice hatte zum Träger dieses Namens nicht die geringste Beziehung, und seine ersten Bilder zehn Jahre später signierte er auch prompt mit ‚Valadon'. Das verbot ihm jedoch sofort seine Mutter, Valadon war schliesslich ihr Markenname! Fortan unterzeichnete er bis zu seinem Lebensende mit ‚Maurice Utrillo V'.

In Montmartre wimmelte es damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, von jungen Malern seiner Generation. Das Ateliergebäude ‚Le Bateau Lavoir' war eine Bruchbude, dafür aber billig. Manche von den Mietern wurden berühmt, Picasso natürlich an erster Stelle, aber eben auch Modigliani zum Beispiel, Max Jacob, und dann Maurice Utrillo selbst, der es schon bald nicht mehr nötig hatte, seine Bilder gegen Literflaschen Wein einzutauschen. Neben Modigliani freundete sich Utrillo noch mit einem weiteren Maler näher an, dem um ein paar Jahre jüngeren André Utter. Der gelangte später zwar nicht zur Berühmtheit, dafür wurde er Utrillos Stiefvater. Zwischen André Utter und Suzanne Valadon hatte es nämlich gefunkt. Die Mutter, der Sohn und der jugendliche Stiefvater, der somit der jüngste von den dreien war, bewohnten sodann eines der ältesten Häuser von Montmartre, 12 rue Cortot, ein Haus, das bereits Renoir und Dufy als Atelier gedient hatte und wo heute das musée Montmartre untergebracht ist. Hier hängt jetzt auch das bereits erwähnte Foto von Suzanne Valadon neben einer Gouache von Utrillo vom Garten des Hauses. Die Nachbarschaft bezeichnete den eher ungewöhnlichen Haushalt als die ‚verruchte Dreierrunde', und das will was heissen, denn die braven Leute von Montmartre waren ja von den Künstlern in diesem Stadtteil schon einiges gewohnt.

Heute aber weist ein Schild am Restaurant des Hauses n°5 der rue du Mont Cenis, keine fünfzig Schritte vom Haus in der rue Cortot, mit Stolz darauf hin, dass Suzanne Valadon und Maurice Utrillo hier oft zu speisen pflegten.

Montmartre am Mittelmeer

Denn Utrillo blieb in Montmartre, im Gegensatz zu den meisten Malern, die nach ihren ersten Erfolgen zum linken Seineufer überwechselten, nach Montparnasse oder Saint-Germain-des-Prés. Utrillo lebte in Montmartre, malte in Montmartre, malte Montmartre. Selbst wenn er immer wieder wegmusste, schon um dadurch, wenn auch nur vorübergehend, dem Alkohol zu entkommen. Bald nach seiner ersten Internierung in Sainte-Anne begab er sich schon wieder auf Entziehungskur, diesmal nach Sannois, damals ein Dorf im Nordwesten von Paris, heute eine Vorstadt der Vorstadt Argenteuil. Im ehemaligen Rathaus von Sannois befindet sich jetzt das musée Utrillo. Nirgends sonst kann man soviel Bilder von Utrillo versammelt sehen: Die Windmühle von Sannois natürlich, die ihn natürlich an die Windmühlen von Montmartre erinnerte, vor allem an den moulin de la Galette, den er aus jedem nur erdenklichen Winkel gemalt hat. Gleich zwei Versionen davon kann man in Sannois bewundern. Ein weiteres Windmühlenbild hängt in diesem Museum, dieses löst nicht nur Be-, sondern auch Verwunderung aus: ,Drei Mühlen von Montmartre': le moulin de la Galette eher im Hintergrund, davor aber zwei andere riesige Windmühlen. Das Bild stammt aus dem Jahre 1950, eine zweite sehr ähnliche Version dieses Motivs aus dem Jahre 1949 findet sich übrigens in Chicago! Um 1950 waren diese Windmühlen bis auf den moulin de la Galette natürlich schon lange verschwunden. Utrillo malte eben mitunter das Montmartre, das er in seiner Erinnerung oder auch nur auf alten Postkarten sah. Und zwar überall. Künstler wie Renoir, Matisse, Derain, Dufy und viele andere haben beispielsweise am Mittelmeer ein neues Licht entdeckt und das in ihre Bildsprache übersetzt. Utrillo? Keine Spur! Der schon erwähnte Kunsthändler Paul Petridès erinnerte sich, dass er seinen Schützling in sein Haus an der Küste in der Nähe von Nizza eingeladen hatte. Utrillo stellte seine Staffelei im Garten mit Meerblick auf und begann zu malen. Paul Petridès gestattete sich einen neugierigen Blick über die Schulter des Künstlers, und was entstand da gerade auf der Leinwand? Eine Ansicht von Montmartre!
Vielleicht von der rue du Mont-Cenis.

Utrillo auf Schritt und Tritt

Die rue du Mont-Cenis, jene Strasse, die den gesamten Nordhang Montmartres von oben bis unten durchzieht, ist eines der Leitmotive von Utrillos Werk.

Am unteren Ende mündet sie in die place Jules Joffrin, von dort geht die rue du Poteau ab, wo Utrillo auf die Welt kam, dort steht die Kirche Notre-Dame de Clignancourt, die er mehrmals gemalt hat. Ein Bild hängt in Sannois , ein weiteres in der Orangerie in den Tuilerien, dem einzigen Museum von Paris, wo eine grössere Anzahl seiner Bilder ständig ausgestellt ist (Sammlung Walter-Guillaume).

Gegenüber von der Kirche befindet sich das Rathaus des 18. Bezirks. Utrillo kannte es, es wurde um 1900 gebaut. Gemalt hat er es nie. Administrative Gebäude interessierten ihn nicht. Eher noch der Eiffelturm. Und der hängt, inmitten einer Winterlandschaft, ausgerechnet in diesem Rathaus, im Eingang zum Festsaal. Es ist eines der beiden Grossformate, die die Stadt Paris 1955 wenige Monate vor dem Tod des Künstlers bei ihm in Auftrag gegeben hat. Gegenüber vom Eiffelturm, auf dem anderen Bild sehen wir, wie könnte es anders sein, die Windmühlen von Montmartre.

Die rue du Mont-Cenis ist am Anfang steil und dann, in der zweiten Hälfte, zu steil, da ist sie auch keine Strasse mehr im eigentlichen Sinn, sondern eine Treppe und an jedem Treppenabsatz durchkreuzt sie eine Querstrasse.

Gleich am Anfang, nicht weit hinter dem Rathaus, fällt ein Eckhaus auf, mit einem mittelalterlichen Turm, angeblich stammt es aus der Zeit Heinrichs IV (1589-1610). Heute beherbergt es einen Swingerclub, zu Utrillos Zeiten war es ein Café, naheliegender Weise hiess es Café de la Tour. Auch davon gibt es mehrere Ansichten, eine ist wieder in Sannois, eine andere in der Orangerie, eine im Lager des Museums Georges Pompidou.

Weiter oben, bereits bei einem Treppenabsatz, eines der beliebtesten Motive: das Bauernhaus von Hector Berlioz (1914 und ein weiteres von 1924, beide in der Orangerie). Man sucht es heute vergebens, eine Tafel weist darauf hin, dass es 1926 abgerissen wurde, heute steht hier ein Wohnblock im typischen Ziel der 20er Jahre, ein grauer, schöner Ziegelbau.

Ganz oben, wenn man die letzten Stufen hinter sich gelassen hat, ist man plötzlich mitten drin im malerischen, touristischen, unter Umständen auch ein bisschen kitschigen Montmartre, auf der place de Tertre.


Bild 1: Text: über diesen Maler berichtet themenreisen-paris.de im April 2107

Hier setzen heute unzählige Maler mit wechselndem Geschick das Erbe Utrillos fort, wer aber seine Originale von diesem Platz sehen will, muss schon nach London oder Buffalo. Ein paar Schritte davor zweigt rechts die fast 1000 Jahre alte rue Saint-Rustique ab. Sie führt zur rue des Saules, den Blick durch diese Gasse auf die weissen Mauern der Basilika hat Utrillo oft und oft gemalt, eine verschneite Version von 1944 befindet sich in Sannois.
.
Auch die rue Cortot, wo die ‚verruchte Dreierrunde' im heutigen musée Montmartre wohnte, verbindet die rue du Mont-Cenis mit der rue des Saules, nur ein kleines Stück weiter bergab. Von den zahlreichen Bildern dieser Strasse ist in oder um Paris allerdings nur eines zu sehen, die Ecke rue Cortot/rue des Saules von 1938, auch in Sannois.

In der rue des Saules stehen wir schliesslich vor dem maison rose, Utrillos Gemälde davon befindet sich in San Francisco. Gleich danach kommt man zu dem beliebtesten Motiv Utrillos überhaupt: dem Häuschen des Kabaretts ‚Le lapin agile'.


Bild 2: Le lapin agile, genauso wie 1907

In Sannois befindet sich eine Ansicht von 1932, mit Schnee, im Centre Pompidou freut sich eine sommerlichere Version von 1910 ihres Lagerdaseins, die anderen sind weltweit verstreut.

Gleich gegenüber vom ‚Lapin agile' ist eine hohe Mauer, dahinter ist der kleine Friedhof Saint-Vincent, in dem Utrillo gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Frau Lucie Pauwels, die er 1935 heiratete, bestattet ist.

Auf der anderen Seite des Friedhofs merkt man vom touristischen Montmartre nicht mehr viel, hier ist das reiche schicke bürgerliche Montmartre, dessen Hauptader die rue Caulaincourt ist, das Zentrum bildet jedoch die grosszügige Kurve, die die avenue Junot beschreibt. Hier hat Adolf Loos für seinen Freund Tristan Tsara 1926 ein Haus gebaut, das Haus Nummer 15. Utrillo kaufte 1927 das Haus Nummer 11 für sich und seine Mutter. Denn er war zu Wohlstand und Ansehen gekommen. Unter die Gouache, die er von seinem neuen Domizil anfertigte, schrieb er selbstbewusst: je suis alcoolique et je hurle: non dingo!

(Übersetzung: siehe Titel)
Das Bild mit Utrillos Anmerkung hängt ebenfalls im musée Utrillo in Sannois.


Bild 3: Utrillos Haus in der avenue Junot, 2007

www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich

» ich möchte auch den Newsletter!

 

Archiv 2005
1 2 3 4
5 6 7 8
9 10 11 12
Archiv 2006
1 2 3 4
5 6 7 8
9 10 11 12
Archiv 2007
1 2 3 4
5 6 8 10
Archiv 2008
1 4 - -
Archiv 2009
1 5 - -

 

 

 

ich will den
Newsletter!

 

ImpressumPartnerseiten
© www.themenreisen-paris.de - 113, rue de Clignancourt, F-75018 Paris