ICH SCHREIE SO LAUT ICH KANN:
ICH BIN ALKOHOLIKER, ABER NICHT VERRÜCKT!
Der Maler Maurice Utrillo (1883- 1955) verbrachte nahezu
sein ganzes Leben in Montmartre. Seine Bilder der Plätze
und Gässchen rund um die Basilika Sacré Coeur
finden sich in zahlreichen Museen rund um die Erde.
Berühmt und ignoriert
Nur in Paris ist das gar nicht so selbstverständlich.
Im Louvre kann er schon von vornherein nicht vertreten sein,
der selbstgesteckte Rahmen des grössten Museums der
Welt reicht bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
endet also über drei Jahrzehnte vor der Geburt des
Malers. Und auch in die Sammlung Victor Lyon, die der Louvre
im zweiten Stock des Flügels Sully beherbergt und die
diesen Rahmen mit Monet, Pissarro, Renoir, Sisley und vielen
anderen sprengt, hat Maurice Utrillo nicht Eingang gefunden.
Überraschenderweise sucht man ihn auch vergebens
im musée d'Orsay. Dieses zwar bei weitem nicht grösste,
aber bei aller mit Superlativen gebotenen Vorsicht vielleicht
schönste Museum der Welt ignoriert Utrillo ebenso.
Dabei deckt das musée d'Orsay den Zeitraum von der
Revolution 1848 bis 1914 ab, und genau in das Ende dieses
Abschnitts fällt die früheste Schaffensperiode
von Utrillo, die noch dazu von vielen Kritikern als seine
beste eingestuft wird.
Das Museum Georges Pompidou besitzt hingegen eine ansehnliche
Sammlung von 21 Gemälden. Nun, Anfang April, ist die
Abteilung für die Kunst des 20. Jahrhunderts wieder
neu eröffnet worden, die 21 Utrillos sind jedoch allesamt
im Lager geblieben. Sein treuester Saufkumpan Amedeo Modigliani
ist gerade einmal mit einem Bild (Gaston Modot) und zwei
Skulpturen (tête de femme -Frauenkopf) vertreten.
Ganz ernst genommen von der Pariser Kunstszene wurde Maurice
Utrillo eben nie, auch wenn seine Bilder heute bei Versteigerungen
ohne weiteres 600 000 Euro erzielen, besonders dann, wenn
es Bilder von Montmartre sind. Eine Schneedecke auf Pflaster
und Dächern verzögert das Klopfen des Aktionshammers
noch einmal, erfährt man in der Galerie Petridès,
63 rue Saint Honoré, deren jahrzehntelanger Inhaber
Paul Petridès Utrillos grösster Förderer
und auch Freund war.
Utrillo malte jedoch nicht, um eine intellektuelle Botschaft
zu vermitteln, um irgendeine Sozial- oder Gesellschaftskritik
zu veranschaulichen, nicht um die Realität kritisch
zu hinterfragen oder verfremdend zu verzerren, er malte
einfach, weil er seine Motive liebte, Montmartre, Paris,
die nähere und weitere Umgebung, bis hin zur Bretagne
und Korsika und dann wieder Montmartre und immer wieder
Montmartre, das aber ganz offenbar mit einem immensen Talent.
Und übrigens begann er zu malen, um das Trinken zu
vergessen und dann wieder, zumindest anfangs, um sich das
Trinken überhaupt leisten zu können.
Im Reich der Mütter
Das Talent verdankte er, wenigstens zum Teil, seiner Mutter,
die Alkoholprobleme hingegen seiner Grossmutter.
Als Utrillo Ende Dezember 1883 in der rue du Poteau am
Fusse des Nordhangs von Montmartre auf die Welt kam, war
seine Mutter, Suzanne Valadon, gerade 18 geworden. Genau
genommen hiess sie zu dieser Zeit noch gar nicht Suzanne,
sondern Marie-Clémentine. Sich Suzanne zu nennen,
auf diese Idee brachte sie Toulouse-Lautrec, für den
sie Modell stand. Vielleicht sogar ein bisschen eifersüchtig,
weil sie bei einer ganzen Reihe von Malern tätig war,
verglich er sie mit einem der beliebtesten Motive der europäischen
Malerei: der biblischen Susanne im Bade (Buch Daniel), die
bei ihrer Waschung von zwei alten Männern überrascht
wird. Aber die Maler hatten mehr Glück als die alten
Männer in der Bibel, und auf die Frage, wer denn nun
der Vater des kleinen Maurice sei, pflegte Suzanne Valadon
geheimnisvoll lächelnd anzudeuten, dass da Toulouse-Lautrec,
aber ebenso Puvis de Chavannes oder Renoir in Frage kämen,
vielleicht auch Degas. Und wenn man jetzt noch bedenkt,
dass sich das Modell selber bald genauso auf die andere
Seite der Staffelei gestellt hat und als die Malerin Suzanne
Valadon in die Kunstgeschichte eingegangen ist, dann ist
offensichtlich, dass Utrillo das Maltalent nicht vom Himmel
in die Wiege gefallen ist.
Vorerst einmal war aber Suzanne Valadon jung, schön
und interessant, wie ein Aktfoto von ihr im musée
Montmartre in der rue Cortot beweist, und dementsprechend
beschäftigt. Die Erziehung des kleinen Maurice fiel
daher der Grossmutter zu. Und die hatte so ihre eigenen,
traditionellen Methoden. Dazu gehörte ab dem zehnten
Lebensjahr das abendliche Glas Wein, weil man dann besser
schläft. Und bei dem jungen Mann wurde es bald mehr.
Als er dann mit 18 im Vollrausch auf seine Mutter eindrosch,
wurde er zum ersten Mal interniert. Es war ein Arzt der
psychiatrischen Klinik Sainte-Anne, der Suzanne Valadon
empfahl, ihren Sohn doch zum Malen anzuregen, um ihn vom
Trinken abzubringen. Das tat sie denn auch, und Maurice
begann mit Begeisterung zu malen, trank aber unvermindert
weiter, umso mehr als es ihm bald gelang, seine Bilder in
den Kneipen von Montmartre im wahrsten Sinne des Wortes
flüssig zu machen.
Inzwischen hatte auch er seinen Namen gewechselt, allerdings
nicht den Vor-, sondern den Nachnamen, das aber nicht freiwillig.
1891 liess sich eine eher nur vorübergehende Bekanntschaft
seiner Mutter, der spanische Journalist Miguel Utrillo,
dazu hinreissen, offiziell die Vaterschaft für den
Jungen zu übernehmen. Der kleine Maurice hatte zum
Träger dieses Namens nicht die geringste Beziehung,
und seine ersten Bilder zehn Jahre später signierte
er auch prompt mit ‚Valadon'. Das verbot ihm jedoch
sofort seine Mutter, Valadon war schliesslich ihr Markenname!
Fortan unterzeichnete er bis zu seinem Lebensende mit ‚Maurice
Utrillo V'.
In Montmartre wimmelte es damals, Anfang des 20. Jahrhunderts,
von jungen Malern seiner Generation. Das Ateliergebäude
‚Le Bateau Lavoir' war eine Bruchbude, dafür
aber billig. Manche von den Mietern wurden berühmt,
Picasso natürlich an erster Stelle, aber eben auch
Modigliani zum Beispiel, Max Jacob, und dann Maurice Utrillo
selbst, der es schon bald nicht mehr nötig hatte, seine
Bilder gegen Literflaschen Wein einzutauschen. Neben Modigliani
freundete sich Utrillo noch mit einem weiteren Maler näher
an, dem um ein paar Jahre jüngeren André Utter.
Der gelangte später zwar nicht zur Berühmtheit,
dafür wurde er Utrillos Stiefvater. Zwischen André
Utter und Suzanne Valadon hatte es nämlich gefunkt.
Die Mutter, der Sohn und der jugendliche Stiefvater, der
somit der jüngste von den dreien war, bewohnten sodann
eines der ältesten Häuser von Montmartre, 12 rue
Cortot, ein Haus, das bereits Renoir und Dufy als Atelier
gedient hatte und wo heute das musée Montmartre untergebracht
ist. Hier hängt jetzt auch das bereits erwähnte
Foto von Suzanne Valadon neben einer Gouache von Utrillo
vom Garten des Hauses. Die Nachbarschaft bezeichnete den
eher ungewöhnlichen Haushalt als die ‚verruchte
Dreierrunde', und das will was heissen, denn die braven
Leute von Montmartre waren ja von den Künstlern in
diesem Stadtteil schon einiges gewohnt.
Heute aber weist ein Schild am Restaurant des Hauses n°5
der rue du Mont Cenis, keine fünfzig Schritte vom Haus
in der rue Cortot, mit Stolz darauf hin, dass Suzanne Valadon
und Maurice Utrillo hier oft zu speisen pflegten.
Montmartre am Mittelmeer
Denn Utrillo blieb in Montmartre, im Gegensatz zu den meisten
Malern, die nach ihren ersten Erfolgen zum linken Seineufer
überwechselten, nach Montparnasse oder Saint-Germain-des-Prés.
Utrillo lebte in Montmartre, malte in Montmartre, malte
Montmartre. Selbst wenn er immer wieder wegmusste, schon
um dadurch, wenn auch nur vorübergehend, dem Alkohol
zu entkommen. Bald nach seiner ersten Internierung in Sainte-Anne
begab er sich schon wieder auf Entziehungskur, diesmal nach
Sannois, damals ein Dorf im Nordwesten von Paris, heute
eine Vorstadt der Vorstadt Argenteuil. Im ehemaligen Rathaus
von Sannois befindet sich jetzt das musée Utrillo.
Nirgends sonst kann man soviel Bilder von Utrillo versammelt
sehen: Die Windmühle von Sannois natürlich, die
ihn natürlich an die Windmühlen von Montmartre
erinnerte, vor allem an den moulin de la Galette, den er
aus jedem nur erdenklichen Winkel gemalt hat. Gleich zwei
Versionen davon kann man in Sannois bewundern. Ein weiteres
Windmühlenbild hängt in diesem Museum, dieses
löst nicht nur Be-, sondern auch Verwunderung aus:
,Drei Mühlen von Montmartre': le moulin de la Galette
eher im Hintergrund, davor aber zwei andere riesige Windmühlen.
Das Bild stammt aus dem Jahre 1950, eine zweite sehr ähnliche
Version dieses Motivs aus dem Jahre 1949 findet sich übrigens
in Chicago! Um 1950 waren diese Windmühlen bis auf
den moulin de la Galette natürlich schon lange verschwunden.
Utrillo malte eben mitunter das Montmartre, das er in seiner
Erinnerung oder auch nur auf alten Postkarten sah. Und zwar
überall. Künstler wie Renoir, Matisse, Derain,
Dufy und viele andere haben beispielsweise am Mittelmeer
ein neues Licht entdeckt und das in ihre Bildsprache übersetzt.
Utrillo? Keine Spur! Der schon erwähnte Kunsthändler
Paul Petridès erinnerte sich, dass er seinen Schützling
in sein Haus an der Küste in der Nähe von Nizza
eingeladen hatte. Utrillo stellte seine Staffelei im Garten
mit Meerblick auf und begann zu malen. Paul Petridès
gestattete sich einen neugierigen Blick über die Schulter
des Künstlers, und was entstand da gerade auf der Leinwand?
Eine Ansicht von Montmartre!
Vielleicht von der rue du Mont-Cenis.
Utrillo auf Schritt und Tritt
Die rue du Mont-Cenis, jene Strasse, die den gesamten Nordhang
Montmartres von oben bis unten durchzieht, ist eines der
Leitmotive von Utrillos Werk.
Am unteren Ende mündet sie in die place Jules Joffrin,
von dort geht die rue du Poteau ab, wo Utrillo auf die Welt
kam, dort steht die Kirche Notre-Dame de Clignancourt, die
er mehrmals gemalt hat. Ein Bild hängt in Sannois ,
ein weiteres in der Orangerie in den Tuilerien, dem einzigen
Museum von Paris, wo eine grössere Anzahl seiner Bilder
ständig ausgestellt ist (Sammlung Walter-Guillaume).
Gegenüber von der Kirche befindet sich das Rathaus
des 18. Bezirks. Utrillo kannte es, es wurde um 1900 gebaut.
Gemalt hat er es nie. Administrative Gebäude interessierten
ihn nicht. Eher noch der Eiffelturm. Und der hängt,
inmitten einer Winterlandschaft, ausgerechnet in diesem
Rathaus, im Eingang zum Festsaal. Es ist eines der beiden
Grossformate, die die Stadt Paris 1955 wenige Monate vor
dem Tod des Künstlers bei ihm in Auftrag gegeben hat.
Gegenüber vom Eiffelturm, auf dem anderen Bild sehen
wir, wie könnte es anders sein, die Windmühlen
von Montmartre.
Die rue du Mont-Cenis ist am Anfang steil und dann, in
der zweiten Hälfte, zu steil, da ist sie auch keine
Strasse mehr im eigentlichen Sinn, sondern eine Treppe und
an jedem Treppenabsatz durchkreuzt sie eine Querstrasse.
Gleich am Anfang, nicht weit hinter dem Rathaus, fällt
ein Eckhaus auf, mit einem mittelalterlichen Turm, angeblich
stammt es aus der Zeit Heinrichs IV (1589-1610). Heute beherbergt
es einen Swingerclub, zu Utrillos Zeiten war es ein Café,
naheliegender Weise hiess es Café de la Tour. Auch
davon gibt es mehrere Ansichten, eine ist wieder in Sannois,
eine andere in der Orangerie, eine im Lager des Museums
Georges Pompidou.
Weiter oben, bereits bei einem Treppenabsatz, eines der
beliebtesten Motive: das Bauernhaus von Hector Berlioz (1914
und ein weiteres von 1924, beide in der Orangerie). Man
sucht es heute vergebens, eine Tafel weist darauf hin, dass
es 1926 abgerissen wurde, heute steht hier ein Wohnblock
im typischen Ziel der 20er Jahre, ein grauer, schöner
Ziegelbau.
Ganz oben, wenn man die letzten Stufen hinter sich gelassen
hat, ist man plötzlich mitten drin im malerischen,
touristischen, unter Umständen auch ein bisschen kitschigen
Montmartre, auf der place de Tertre.

Bild 1: Text: über diesen Maler berichtet themenreisen-paris.de
im April 2107
Hier setzen heute unzählige Maler mit wechselndem
Geschick das Erbe Utrillos fort, wer aber seine Originale
von diesem Platz sehen will, muss schon nach London oder
Buffalo. Ein paar Schritte davor zweigt rechts die fast
1000 Jahre alte rue Saint-Rustique ab. Sie führt zur
rue des Saules, den Blick durch diese Gasse auf die weissen
Mauern der Basilika hat Utrillo oft und oft gemalt, eine
verschneite Version von 1944 befindet sich in Sannois.
.
Auch die rue Cortot, wo die ‚verruchte Dreierrunde'
im heutigen musée Montmartre wohnte, verbindet die
rue du Mont-Cenis mit der rue des Saules, nur ein kleines
Stück weiter bergab. Von den zahlreichen Bildern dieser
Strasse ist in oder um Paris allerdings nur eines zu sehen,
die Ecke rue Cortot/rue des Saules von 1938, auch in Sannois.
In der rue des Saules stehen wir schliesslich vor dem
maison rose, Utrillos Gemälde davon befindet sich in
San Francisco. Gleich danach kommt man zu dem beliebtesten
Motiv Utrillos überhaupt: dem Häuschen des Kabaretts
‚Le lapin agile'.

Bild 2: Le lapin agile, genauso wie 1907
In Sannois befindet sich eine Ansicht von 1932, mit Schnee,
im Centre Pompidou freut sich eine sommerlichere Version
von 1910 ihres Lagerdaseins, die anderen sind weltweit verstreut.
Gleich gegenüber vom ‚Lapin agile' ist eine
hohe Mauer, dahinter ist der kleine Friedhof Saint-Vincent,
in dem Utrillo gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Frau
Lucie Pauwels, die er 1935 heiratete, bestattet ist.
Auf der anderen Seite des Friedhofs merkt man vom touristischen
Montmartre nicht mehr viel, hier ist das reiche schicke
bürgerliche Montmartre, dessen Hauptader die rue Caulaincourt
ist, das Zentrum bildet jedoch die grosszügige Kurve,
die die avenue Junot beschreibt. Hier hat Adolf Loos für
seinen Freund Tristan Tsara 1926 ein Haus gebaut, das Haus
Nummer 15. Utrillo kaufte 1927 das Haus Nummer 11 für
sich und seine Mutter. Denn er war zu Wohlstand und Ansehen
gekommen. Unter die Gouache, die er von seinem neuen Domizil
anfertigte, schrieb er selbstbewusst: je suis alcoolique
et je hurle: non dingo!
(Übersetzung: siehe Titel)
Das Bild mit Utrillos Anmerkung hängt ebenfalls im
musée Utrillo in Sannois.

Bild 3: Utrillos Haus in der avenue Junot, 2007
www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich
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