PARIS ZUM ABGEWÖHNEN
Früher, als für Mitteleuropäer jeder Parisaufenthalt
mit der Ankunft an der gare de’Est begann, wäre
der erste Eindruck von der Stadt der breite, schnurgerade
boulevard de Strasbourg und seine Fortsetzung, der boulevard
de Sebastopol, die vom Bahnhof bis ins Zentrum führen,
gewesen. Das ist eine von den vielen majestätischen
Perspektiven, für die Paris berühmt ist.
Wäre gewesen, doch knapp vor dem Bahnhof kreuzen sich
der boulevard de Strasbourg und der boulevard Magenta, und
von diesen beiden Achsen toste dem Ankommenden eine Verkehrsflut
entgegen, dass ihm Hören und Sehen verging. Doch, doch,
das Sehen auch, der höllische Lärm verstellte
auch die Sicht.
Heute kommen die meisten am Flughafen Charles de Gaulle
an, da ist es egal, ob man in Paris, Frankfurt oder London
landet, die Airports sehen sich überall ähnlich,
reden neben einem lokalen Dialekt überall dieselbe
Sprache und die Flugzeuge machen überall denselben
ohrenbetäubenden Krach. Den hören zwar die Reisenden
kaum, dafür aber die Leute, die halt das Pech haben,
in der Nähe zu wohnen.
Die wenigen Unverdrossenen allerdings, die noch immer lieber
mitten in der Stadt mit dem Zug ankommen wollen, trauen
kaum ihren Ohren, dafür machen sie Augen:
Paris ist nämlich verkehrsberuhigt.
Der Baron Georges Eugène Haussmann hatte sich das
so schön vorgestellt, als er von 1853 bis 1870 als
Präfekt von Paris die halbe Stadt niederreißen
ließ um sie mit einem dichten Netz von 30 Meter breiten
Boulevards und Avenuen zu überziehen. Luftiger, sauberer,
hygienischer und vor allem schöner sollte die Metropole
werden, 8 Meter breite Gehsteige auf jeder Seite sollten
zum Lustwandeln einladen, zum Schaufensterbummeln. Dass
das die Konsumfreude steigerte, der Wirtschaft nützte,
die Steuereinnahmen erhöhte, war ihm sicher auch nicht
ganz unrecht, ganz abgesehen davon, dass dank der breiten
Straßen auch die Armee schneller zur Stelle sein konnte,
wenn die Pariser aufmüpfig wurden. Und das wurden sie
sehr gerne, wie man allein in den 60 Jahren vor Haussmanns
Amtsantritt drei mal erfahren hatte.
Dann aber kam das Auto, Haussmann hat es nicht mehr erlebt,
zumindest nicht als Massenverkehrsmittel, er starb 1891.
Jedoch hatte er den Traum des 20.Jahrhunderts möglich
gemacht: Paris war die einzige europäische Stadt, die
ihren freien Bürgern tatsächlich freie Fahrt bieten
konnte, und das nicht auf hässlichen, wie Wunden hineingeschlagenen
Stadtautobahnen und Unterführungen, sondern vor einer
Triumphzug-reifen Kulisse!
Doch auch die großzügigen Boulevards wurden
bald zu eng, in den 50er-Jahren kappte man 3 Meter von den
Bürgersteigen auf jeder Seite, so hatte man 3 Fahrspuren
in jede Richtung, Und als selbst das nicht mehr reichte,
wurden auch in Paris Stadtautobahnen geplant. An einige
Projekte, die Gott sei Dank nie verwirklicht wurden, erinnert
man sich heute noch mit Schaudern, so zum Beispiel hätte
ein Teilstück der weltberühmten rue Mouffetard
einer Autobahn weichen sollen. Andere wurden realisiert
und man sieht sie heute mit Schaudern, die Schnellfahrbahn
an der Seine ist das abschreckendste Beispiel. Und auch
Paris blieb bald die Luft weg.Zaghaft fing man in den 80er-Jahren
an, die eine oder andere Busspur auf den Asphalt zu pinseln,
aber so ganz war man mit dem Herzen noch nicht bei der Sache.
PARIS ZUM ANGEWÖHNEN
Die grün-sozialistische Koalition, die seit der Bürgermeisterwahl
von 2001 die Stadt regiert, hat jetzt die Notbremse gezogen.
Anders als in London, wo man durch Bemautung der Innenstadt
den Individualverkehr mit Erfolg reduziert hat, versuchen
die Pariser Stadtpolitiker dasselbe Resultat zu erzielen,
indem sie konsequent die zur Verfügung stehende Verkehrsfläche
reduzieren. Das Strandfest, das mehrere Wochen lang jeden
Sommer die Autos von der Seine-Autobahn verbannt, ist mittlerweile
legendär geworden.
Wichtiger sind jedoch sicher die Maßnahmen, die auf
Dauer angelegt sind. Neben der Wiedereinführung der
Tramway, der Einrichtung von Fußgängerzonen und
der Parkraumbewirt-schaftung ist die Umgestaltung der Boulevards
ein Angelpunkt dieser Neuorientierung der Verkehrspolitik.
Und so sieht der Boulevard Magenta an der gare de l’Est
seit einigen Wochen aus:
Neben den Gehsteigen wurde auf beiden Seiten ein 3 Meter
breiter Radweg eingerichtet, dadurch ergibt sich wieder
die ursprüngliche Breite von 8 Metern. Zusätzlich
zu der schon bestehenden Baumreihe neben dem Gehsteig wurde
eine zweite Baumreihe am linken Rand des Fahrradwegs gepflanzt.
Somit haben die Radfahrer eine eigene Allee zur Verfügung.
Von den verbleibenden 14 Metern bekamt der öffentliche
Verkehr eine großzügig bemessene Busspur von
4,50 Metern, für den privaten Autoverkehr bleibt nur
mehr je eine Spur von 2,50 Metern. Ähnliche Projekte
sind für eine Reihe anderer Straßenzüge,
wie den Boulevard de Clichy, Boulevard de Rochechouart,
Boulevard de Montparnasse oder die Avenue Jean Jaurès
bereits umgesetzt, Die Arbeiten am Boulevard Barbès,
der Verlängerung des Boulevard Magenta, haben eben
begonnen.
PARIS ZUM VERWÖHNEN
Der Boulevard wird dadurch wieder zum Lebensraum, für
die Bewohner der Haussmannschen Häuser, die in ihren
straßenseitigen Salons sich wieder bei geöffneten
Fenstern unterhalten können, für die Spaziergänger,
die wieder spazieren gehen können.Und der Bahnreisende
wird, wenn er aus dem Bahnhofgebäude tritt, seinen
Blick wieder über die prachtvollen Fassaden gleiten
lassen können, ab 2007 übrigens schon 2 Stunden
früher als heute, dann wird auf der Strecke Straßburg-Paris
der TGV verkehren. Vielleicht werden in Zukunft wieder mehr
Parisbesucher an der gare de l’Est ankommen?
Schönen Stadtbummel wünscht
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de
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