Newsletter April 06

PARIS ZUM ABGEWÖHNEN

Früher, als für Mitteleuropäer jeder Parisaufenthalt mit der Ankunft an der gare de’Est begann, wäre der erste Eindruck von der Stadt der breite, schnurgerade boulevard de Strasbourg und seine Fortsetzung, der boulevard de Sebastopol, die vom Bahnhof bis ins Zentrum führen, gewesen. Das ist eine von den vielen majestätischen Perspektiven, für die Paris berühmt ist.

Wäre gewesen, doch knapp vor dem Bahnhof kreuzen sich der boulevard de Strasbourg und der boulevard Magenta, und von diesen beiden Achsen toste dem Ankommenden eine Verkehrsflut entgegen, dass ihm Hören und Sehen verging. Doch, doch, das Sehen auch, der höllische Lärm verstellte auch die Sicht.

Heute kommen die meisten am Flughafen Charles de Gaulle an, da ist es egal, ob man in Paris, Frankfurt oder London landet, die Airports sehen sich überall ähnlich, reden neben einem lokalen Dialekt überall dieselbe Sprache und die Flugzeuge machen überall denselben ohrenbetäubenden Krach. Den hören zwar die Reisenden kaum, dafür aber die Leute, die halt das Pech haben, in der Nähe zu wohnen.

Die wenigen Unverdrossenen allerdings, die noch immer lieber mitten in der Stadt mit dem Zug ankommen wollen, trauen kaum ihren Ohren, dafür machen sie Augen:

Paris ist nämlich verkehrsberuhigt.

Der Baron Georges Eugène Haussmann hatte sich das so schön vorgestellt, als er von 1853 bis 1870 als Präfekt von Paris die halbe Stadt niederreißen ließ um sie mit einem dichten Netz von 30 Meter breiten Boulevards und Avenuen zu überziehen. Luftiger, sauberer, hygienischer und vor allem schöner sollte die Metropole werden, 8 Meter breite Gehsteige auf jeder Seite sollten zum Lustwandeln einladen, zum Schaufensterbummeln. Dass das die Konsumfreude steigerte, der Wirtschaft nützte, die Steuereinnahmen erhöhte, war ihm sicher auch nicht ganz unrecht, ganz abgesehen davon, dass dank der breiten Straßen auch die Armee schneller zur Stelle sein konnte, wenn die Pariser aufmüpfig wurden. Und das wurden sie sehr gerne, wie man allein in den 60 Jahren vor Haussmanns Amtsantritt drei mal erfahren hatte.

Dann aber kam das Auto, Haussmann hat es nicht mehr erlebt, zumindest nicht als Massenverkehrsmittel, er starb 1891. Jedoch hatte er den Traum des 20.Jahrhunderts möglich gemacht: Paris war die einzige europäische Stadt, die ihren freien Bürgern tatsächlich freie Fahrt bieten konnte, und das nicht auf hässlichen, wie Wunden hineingeschlagenen Stadtautobahnen und Unterführungen, sondern vor einer Triumphzug-reifen Kulisse!

Doch auch die großzügigen Boulevards wurden bald zu eng, in den 50er-Jahren kappte man 3 Meter von den Bürgersteigen auf jeder Seite, so hatte man 3 Fahrspuren in jede Richtung, Und als selbst das nicht mehr reichte, wurden auch in Paris Stadtautobahnen geplant. An einige Projekte, die Gott sei Dank nie verwirklicht wurden, erinnert man sich heute noch mit Schaudern, so zum Beispiel hätte ein Teilstück der weltberühmten rue Mouffetard einer Autobahn weichen sollen. Andere wurden realisiert und man sieht sie heute mit Schaudern, die Schnellfahrbahn an der Seine ist das abschreckendste Beispiel. Und auch Paris blieb bald die Luft weg.Zaghaft fing man in den 80er-Jahren an, die eine oder andere Busspur auf den Asphalt zu pinseln, aber so ganz war man mit dem Herzen noch nicht bei der Sache.

PARIS ZUM ANGEWÖHNEN

Die grün-sozialistische Koalition, die seit der Bürgermeisterwahl von 2001 die Stadt regiert, hat jetzt die Notbremse gezogen. Anders als in London, wo man durch Bemautung der Innenstadt den Individualverkehr mit Erfolg reduziert hat, versuchen die Pariser Stadtpolitiker dasselbe Resultat zu erzielen, indem sie konsequent die zur Verfügung stehende Verkehrsfläche reduzieren. Das Strandfest, das mehrere Wochen lang jeden Sommer die Autos von der Seine-Autobahn verbannt, ist mittlerweile legendär geworden.

Wichtiger sind jedoch sicher die Maßnahmen, die auf Dauer angelegt sind. Neben der Wiedereinführung der Tramway, der Einrichtung von Fußgängerzonen und der Parkraumbewirt-schaftung ist die Umgestaltung der Boulevards ein Angelpunkt dieser Neuorientierung der Verkehrspolitik. Und so sieht der Boulevard Magenta an der gare de l’Est seit einigen Wochen aus:

Neben den Gehsteigen wurde auf beiden Seiten ein 3 Meter breiter Radweg eingerichtet, dadurch ergibt sich wieder die ursprüngliche Breite von 8 Metern. Zusätzlich zu der schon bestehenden Baumreihe neben dem Gehsteig wurde eine zweite Baumreihe am linken Rand des Fahrradwegs gepflanzt. Somit haben die Radfahrer eine eigene Allee zur Verfügung. Von den verbleibenden 14 Metern bekamt der öffentliche Verkehr eine großzügig bemessene Busspur von 4,50 Metern, für den privaten Autoverkehr bleibt nur mehr je eine Spur von 2,50 Metern. Ähnliche Projekte sind für eine Reihe anderer Straßenzüge, wie den Boulevard de Clichy, Boulevard de Rochechouart, Boulevard de Montparnasse oder die Avenue Jean Jaurès bereits umgesetzt, Die Arbeiten am Boulevard Barbès, der Verlängerung des Boulevard Magenta, haben eben begonnen.

PARIS ZUM VERWÖHNEN

Der Boulevard wird dadurch wieder zum Lebensraum, für die Bewohner der Haussmannschen Häuser, die in ihren straßenseitigen Salons sich wieder bei geöffneten Fenstern unterhalten können, für die Spaziergänger, die wieder spazieren gehen können.Und der Bahnreisende wird, wenn er aus dem Bahnhofgebäude tritt, seinen Blick wieder über die prachtvollen Fassaden gleiten lassen können, ab 2007 übrigens schon 2 Stunden früher als heute, dann wird auf der Strecke Straßburg-Paris der TGV verkehren. Vielleicht werden in Zukunft wieder mehr Parisbesucher an der gare de l’Est ankommen?

Schönen Stadtbummel wünscht

Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de

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