Newsletter März 07

BESUCH BEI EINER ALTEN DAME, ………………. DIE EIGENTLICH EIN HERR IST

Der Weg ist das Ziel, das stimmt für zahllose Ferienrouten. Das gilt aber auch dort, wo man es am wenigstens erwartet : in der Pariser Untergrundbahn, der Metro.

Sie ist jetzt hundert Jahre alt, und das sieht man ihr auch an, zu ihrem Glück, wie wir gleich bemerken werden. In Frankreich ist sie übrigens männlich, le métro. Das riecht man auch, manchmal. Denn eine verschwindende, leider aber nicht verschwundene Minderheit von ParisERn giesst hartnäckig die versteckten oder auch weniger versteckten Winkel der Gänge und Stationen mit ihrer Nierenproduktion. Zugegeben, das ist ein bisschen umständlich ausgedrückt, wo man doch einfach ‘Wasser lassen’ sagen könnte, das wäre aber irreführend: von Wasser kann hier in keiner Phase die Rede sein.

Aber wie gesagt, das ist selten, nachgerade die Ausnahme, aber sonst, männlich oder weiblich, sie, und jetzt bleiben wir beim Feminin, ist einfach schön, und mehr als das, sie ist auch interessant und sogar unterhaltsam!

Eine Schönheitskonkurrenz im Pariser Untergrund
So schön, dass manche Stationen, wie die von Abbesses zum Beispiel mit ihrem Jugendstileingang einen festen Platz auf den Ansichtskartenständern und in den Reiseführern haben. Aber davon soll hier nicht die Rede sein.

Ganz und gar stiefmütterlich behandeln nämlich die Reiseführer und die Ansichtskartenfotografen den Untergrund der Untergrundbahn, dabei ist auch der eine Reise wert, eine Untergrundbahnfahrt zumindest, die man sogar zu einem Untergrundbahnausflug ausdehnen kann!

Die Bauherren der Pariser Metro waren nämlich nicht knausrig. Die Bauherren, denn es waren zwei sich eifersüchtig beobachtende Transportunternehmen, die Anfang des 20. Jahrhunderts das unterirdische Verkehrssystem anlegten. Vereinfachend kann man sagen, mit den Ost-West-Verbindungen war die CMP (Compagnie du chemin de fer métropolitain de Paris) beauftragt, für die Nord-Süd-Strecken erhielt eine Gesellschaft den Zuschlag, die sich auch so nannte: Nord-Sud. Auf alten Ansichtskarten kann man noch Metroeingänge sehen (das war auch damals schon das beliebtere Motiv), über denen zwar schon das uns heute vertraute Schild angebracht ist, allerdings mit der Aufschrift ‚Nord-Sud. Erst 1930 fusionierten die beiden Unternehmen.

Konkurrenz spornt an, bei der Ausstattung konnte man hinter dem anderen nicht zurückbleiben. Die Gänge und Stationen wurden mit den bis heute für die Metro typischen kleinen, weissen Kacheln mit den abgeschrägten Kanten ausgelegt. Mehr noch: Selbst für die Rahmen der Werbeplakate kamen kunstvolle Reliefkacheln zur Verwendung, auf den ehemaligen Nord-Sud-Strecken weisen diese in regelmässigen Abständen die miteinander verschlungenen Buchstaben N und S auf.

Vieles, sehr vieles ist davon noch erhalten, bei Restaurierungen wird auch immer häufiger der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt. Die Station ‚Lamarck-Caulaincourt’ (Linie 12) ist dafür ein schönes Beispiel. Das war nicht immer so. In den 70er-Jahren wurden die Stationen, die der Zahn der Zeit abgenagt hatte, mit einfachen flachen Kacheln neu ausgelegt und die Werbeplakate bekamen schlichte Metallrahmen.

Bei der Gestaltung der Stationen wird oft auf den Namen oder die Situation der Haltestelle Bezug genommen. Kopien von Kunstwerken zieren die Bahnsteige von Palais-Royal-Louvre, einen Rest des Fundaments der Bastille entdeckt man in der gleichnamigen Station der Linie 5 oder eine Büste von Danton in ‚Odéon’ (Linie 4). Genau darüber hatte dieser nämlich sein Wohnzimmer zur Zeit der Französischen Revolution. Allerdings musste sein Haus bereits im 19. Jahrhundert dem Boulevard Saint-Germain weichen.

Fliesen sind aber nach wie vor das Herzstück des Metrodekors. Weil wir schon bei der Französischen Revolution sind: Schon wieder an der Station Bastille, allerdings jetzt auf der Linie 1, sieht man Kacheln mit Szenen aus dieser Zeit und, um beim Thema zu bleiben, vor einem Buchstabensalat auf Keramikplättchen steht man in Concorde, Linie 12. Der Buchstabensalat entpuppt sich, wenn man weiss oder selber draufgekommen ist, dass einfach nur die Leerzeichen zwischen den Wörtern fehlen, als der Text der Menschenrechte, place de la Concorde oblige! TOUTHOMMEESTPRESUMEINNOCENT. Nun, die Unschuldsvermutung war damals, als die Menschenrechte formuliert wurden, noch ein ganz zartes kurzlebiges Pflänzchen, auf eine Erinnerung an die Guillotine hat man jedoch lieber verzichtet.

Ganz friedlich und unverdächtig: die auf Fliesen abgebildete Kartoffelstaude in der Station ‚Parmentier’, am Kopfende in der Richtung ‚pont de Levallois’(Linie 3). Ihren Namen verdankt diese Station Antoine Parmentier (1737-1813), der die Kartoffel im 18. Jahrhundert den Franzosen schmackhaft gemacht hat. Schautafeln zeigen auf dem Bahnsteig Herkunft und Geschichte des Erdapfels, landwirtschaftliche Werkzeuge und moderne Zubereitungsvarianten.

Die auf den Kacheln abgebildete Pflanze ist einem Botanikbuch entnommen, das der Basler Wissenschaftler Gaspard Bauhin 1620 herausgab. Das kann man natürlich nicht wissen, das steht dafür neben dem Bild, denn

eine Metrofahrt ist auch eine Bildungsreise

Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, kommt aus der Metro sicher gescheiter raus als er beim Betreten des U-Bahnnetzes war, zumindest ist er für den nächsten Fernsehquiz besser gerüstet! Und das nicht für Fragen zum Kartoffelanbau. In vielen Stationen weisen Schautafeln auf Interessantes und Wissenwertes im jeweiligen Quartier hin. In der Station ‚Madeleine’ zum Beispiel (Linie 12): Gastronomen kennen freilich diesen kleinen in Frankreich überaus beliebten Kuchen. Eine Tafel klärt über den Ursprung dieses Leckerbissens auf, obwohl, ja obwohl mit Madeleine hier gar nicht der Kuchen, sondern die Kirche gemeint ist, vor der man steht, wenn man an dieser Stelle wieder an die Oberfläche kommt. Aber keine Sorge, auch zur Kirche erfährt man einiges über ihre abwechslungsreiche Baugeschichte. Ganz aus der Luft gegriffen war die Erwähnung des Kuchens trotzdem nicht, das zeigt der Hinweis für die literarisch Versierten. Die essbare Madeleine hat nämlich dank Marcel Proust in die Weltliteratur Eingang gefunden. Und Marcel Proust, das ist die letzte Lektion auf diesem Bahnsteig, verbrachte nahezu sein gesamtes Leben in einem Umkreis von sagen wir einmal 800 Meter von der église de la Madeleine.

In Châtelet kann man lesen, dass für den Bau des Stollens der Linie 1 ein unterirdisches Gewölbe aus dem 17. Jahrhundert wiederverwertet wurde und in Saint-Michel wird genau beschrieben, wie man das Seineufer vereisen musste, damit man den Fluss untertunneln konnte.

Einen Intensivkurs bietet die Station ‚Hôtel de Ville’ (Linie 1) an. Hier hat man alle Schautafeln des gesamten Netzes zusammengetragen und zur Ausstellung ‚100 Jahre Metro’ vereinigt.

100 Jahre Metro, das kostet übrigens, wenn man einen Zehnerblock kauft, gerade einmal 1,09 Euro. Die Fahrkarte verliert allerdings ihre Gültigkeit, sobald man durch einDrehkreuz oder eine automatische Türe ins Freie getreten ist. Will man jedoch auch sehen, was sich oben drüber befindet, wird es um 500% teurer: Der Tagesfahrschein beläuft sich auf 5,50!

Die schönsten Routen verrät Ihnen gerne:

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Wolfgang Friedrich

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