BESUCH BEI EINER
ALTEN DAME, ……………….
DIE EIGENTLICH EIN HERR IST
Der Weg ist das Ziel, das stimmt für zahllose
Ferienrouten. Das gilt aber auch dort, wo man es am wenigstens
erwartet : in der Pariser Untergrundbahn, der Metro.
Sie ist jetzt hundert Jahre alt, und das sieht man ihr
auch an, zu ihrem Glück, wie wir gleich bemerken werden.
In Frankreich ist sie übrigens männlich, le métro.
Das riecht man auch, manchmal. Denn eine verschwindende,
leider aber nicht verschwundene Minderheit von ParisERn
giesst hartnäckig die versteckten oder auch weniger
versteckten Winkel der Gänge und Stationen mit ihrer
Nierenproduktion. Zugegeben, das ist ein bisschen umständlich
ausgedrückt, wo man doch einfach ‘Wasser lassen’
sagen könnte, das wäre aber irreführend:
von Wasser kann hier in keiner Phase die Rede sein.
Aber wie gesagt, das ist selten, nachgerade die Ausnahme,
aber sonst, männlich oder weiblich, sie, und jetzt
bleiben wir beim Feminin, ist einfach schön, und mehr
als das, sie ist auch interessant und sogar unterhaltsam!
Eine Schönheitskonkurrenz im Pariser Untergrund
So schön, dass manche Stationen, wie die von Abbesses
zum Beispiel mit ihrem Jugendstileingang einen festen Platz
auf den Ansichtskartenständern und in den Reiseführern
haben. Aber davon soll hier nicht die Rede sein.
Ganz und gar stiefmütterlich behandeln nämlich
die Reiseführer und die Ansichtskartenfotografen den
Untergrund der Untergrundbahn, dabei ist auch der eine Reise
wert, eine Untergrundbahnfahrt zumindest, die man sogar
zu einem Untergrundbahnausflug ausdehnen kann!
Die Bauherren der Pariser Metro waren nämlich nicht
knausrig. Die Bauherren, denn es waren zwei sich eifersüchtig
beobachtende Transportunternehmen, die Anfang des 20. Jahrhunderts
das unterirdische Verkehrssystem anlegten. Vereinfachend
kann man sagen, mit den Ost-West-Verbindungen war die CMP
(Compagnie du chemin de fer métropolitain de Paris)
beauftragt, für die Nord-Süd-Strecken erhielt
eine Gesellschaft den Zuschlag, die sich auch so nannte:
Nord-Sud. Auf alten Ansichtskarten kann man noch Metroeingänge
sehen (das war auch damals schon das beliebtere Motiv),
über denen zwar schon das uns heute vertraute Schild
angebracht ist, allerdings mit der Aufschrift ‚Nord-Sud.
Erst 1930 fusionierten die beiden Unternehmen.


Konkurrenz spornt an, bei der Ausstattung konnte man hinter
dem anderen nicht zurückbleiben. Die Gänge und
Stationen wurden mit den bis heute für die Metro typischen
kleinen, weissen Kacheln mit den abgeschrägten Kanten
ausgelegt. Mehr noch: Selbst für die Rahmen der Werbeplakate
kamen kunstvolle Reliefkacheln zur Verwendung, auf den ehemaligen
Nord-Sud-Strecken weisen diese in regelmässigen Abständen
die miteinander verschlungenen Buchstaben N und S auf.
Vieles, sehr vieles ist davon noch erhalten, bei Restaurierungen
wird auch immer häufiger der ursprüngliche Zustand
wieder hergestellt. Die Station ‚Lamarck-Caulaincourt’
(Linie 12) ist dafür ein schönes Beispiel. Das
war nicht immer so. In den 70er-Jahren wurden die Stationen,
die der Zahn der Zeit abgenagt hatte, mit einfachen flachen
Kacheln neu ausgelegt und die Werbeplakate bekamen schlichte
Metallrahmen.
Bei der Gestaltung der Stationen wird oft auf den Namen
oder die Situation der Haltestelle Bezug genommen. Kopien
von Kunstwerken zieren die Bahnsteige von Palais-Royal-Louvre,
einen Rest des Fundaments der Bastille entdeckt man in der
gleichnamigen Station der Linie 5 oder eine Büste von
Danton in ‚Odéon’ (Linie 4). Genau darüber
hatte dieser nämlich sein Wohnzimmer zur Zeit der Französischen
Revolution. Allerdings musste sein Haus bereits im 19. Jahrhundert
dem Boulevard Saint-Germain weichen.
Fliesen sind aber nach wie vor das Herzstück des Metrodekors.
Weil wir schon bei der Französischen Revolution sind:
Schon wieder an der Station Bastille, allerdings jetzt auf
der Linie 1, sieht man Kacheln mit Szenen aus dieser Zeit
und, um beim Thema zu bleiben, vor einem Buchstabensalat
auf Keramikplättchen steht man in Concorde, Linie 12.
Der Buchstabensalat entpuppt sich, wenn man weiss oder selber
draufgekommen ist, dass einfach nur die Leerzeichen zwischen
den Wörtern fehlen, als der Text der Menschenrechte,
place de la Concorde oblige! TOUTHOMMEESTPRESUMEINNOCENT.
Nun, die Unschuldsvermutung war damals, als die Menschenrechte
formuliert wurden, noch ein ganz zartes kurzlebiges Pflänzchen,
auf eine Erinnerung an die Guillotine hat man jedoch lieber
verzichtet.
Ganz friedlich und unverdächtig: die auf Fliesen abgebildete
Kartoffelstaude in der Station ‚Parmentier’,
am Kopfende in der Richtung ‚pont de Levallois’(Linie
3). Ihren Namen verdankt diese Station Antoine Parmentier
(1737-1813), der die Kartoffel im 18. Jahrhundert den Franzosen
schmackhaft gemacht hat. Schautafeln zeigen auf dem Bahnsteig
Herkunft und Geschichte des Erdapfels, landwirtschaftliche
Werkzeuge und moderne Zubereitungsvarianten.
Die auf den Kacheln abgebildete Pflanze ist einem Botanikbuch
entnommen, das der Basler Wissenschaftler Gaspard Bauhin
1620 herausgab. Das kann man natürlich nicht wissen,
das steht dafür neben dem Bild, denn
eine Metrofahrt ist auch eine Bildungsreise
Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, kommt aus der Metro sicher
gescheiter raus als er beim Betreten des U-Bahnnetzes war,
zumindest ist er für den nächsten Fernsehquiz
besser gerüstet! Und das nicht für Fragen zum
Kartoffelanbau. In vielen Stationen weisen Schautafeln auf
Interessantes und Wissenwertes im jeweiligen Quartier hin.
In der Station ‚Madeleine’ zum Beispiel (Linie
12): Gastronomen kennen freilich diesen kleinen in Frankreich
überaus beliebten Kuchen. Eine Tafel klärt über
den Ursprung dieses Leckerbissens auf, obwohl, ja obwohl
mit Madeleine hier gar nicht der Kuchen, sondern die Kirche
gemeint ist, vor der man steht, wenn man an dieser Stelle
wieder an die Oberfläche kommt. Aber keine Sorge, auch
zur Kirche erfährt man einiges über ihre abwechslungsreiche
Baugeschichte. Ganz aus der Luft gegriffen war die Erwähnung
des Kuchens trotzdem nicht, das zeigt der Hinweis für
die literarisch Versierten. Die essbare Madeleine hat nämlich
dank Marcel Proust in die Weltliteratur Eingang gefunden.
Und Marcel Proust, das ist die letzte Lektion auf diesem
Bahnsteig, verbrachte nahezu sein gesamtes Leben in einem
Umkreis von sagen wir einmal 800 Meter von der église
de la Madeleine.

In Châtelet kann man lesen, dass für den Bau
des Stollens der Linie 1 ein unterirdisches Gewölbe
aus dem 17. Jahrhundert wiederverwertet wurde und in Saint-Michel
wird genau beschrieben, wie man das Seineufer vereisen musste,
damit man den Fluss untertunneln konnte.
Einen Intensivkurs bietet die Station ‚Hôtel
de Ville’ (Linie 1) an. Hier hat man alle Schautafeln
des gesamten Netzes zusammengetragen und zur Ausstellung
‚100 Jahre Metro’ vereinigt.
100 Jahre Metro, das kostet übrigens, wenn man einen
Zehnerblock kauft, gerade einmal 1,09 Euro. Die Fahrkarte
verliert allerdings ihre Gültigkeit, sobald man durch
einDrehkreuz oder eine automatische Türe ins Freie
getreten ist. Will man jedoch auch sehen, was sich oben
drüber befindet, wird es um 500% teurer: Der Tagesfahrschein
beläuft sich auf 5,50!
Die schönsten Routen verrät Ihnen gerne:
www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich
» ich möchte
auch den Newsletter!
|