Newsletter März 06

LADY D STICHT FREDERIC-AUGUSTE BARTHOLDI
UND NAPOLEON III AUS

Witzbolde lieben dieses Foto. Ein paar Schritte Seine-abwärts vom pont de Grenelle, am besten am rechten Flussufer, dann hat man sie im Bild: die Freiheitsstatue, nicht vierzig Meter hoch wie in New York, sondern 11,5. Aber aus dem richtigen Winkel aufgenommen, kann man nicht nur Grösse vortäuschen, sondern im Hintergrund auch den Eiffelturm auf das Foto bannen. Und Freunde und Bekannte in Erstaunen versetzen. Man muss ihnen ja nicht sofort verraten, dass es sich um eine originalgetreue Miniaturausgabe handelt. Genauso übrigens wie das Original in New York ist die Skulptur ein Geburtstagsgeschenk.

Also der Reihe nach: 1876, zum hundertsten Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit möchte Frankreich den USA ein Geschenk machen. Beauftragt wird der aus dem Elsass stammende und Amerika-begeisterte Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi(1834-1904), der schon unabhängig davon einige Vorprojekte durchgeführt hatte. Bartholdi schmiedet in seinem Atelier in der rue des Chazelles im 17.Bezirk die Freiheitsstatue, das Metallgerüst dazu liefert Gustave Eiffel.

Auf Ansichtskartenständern sieht man zuweilen das 130 Jahre alte Bild: Der Kopf der Freiheitsstatue ist bereits über das Atelierdach hinausgewachsen und überragt die angrenzenden Häuser. Als die kolossale Statue fertig ist, wird sie in ihre 350 Teile zerlegt und den Amerikanern feierlich übergeben, das ist aber bereits Mitte der 1880er-Jahre. Da steht schon der nächste Geburtstag an, nämlich 1889, der hundertste Jahrestag der Französischen Revolution. Und jetzt wollen die Amerikaner Frankreich ein Geschenk machen. Die Frage "was soll ich schenken?" bereitet Privatpersonen gelegentlich Kopfzerbrechen, die USA jedoch, selbstbewusst und grossmütig, verzichten darauf, um jeden Preis originell sein zu wollen und liessen für Frankreich, auch von Bartholdi, eine Miniatur der mittlerweile zum Wahrzeichen avancierten Freiheitsstatue anfertigen. Und Frankreich freute sich wirklich.

Aufgestellt wurde sie am pont de Grenelle, die Füsse am Wasser, genauso wie ihre grosse Schwester. Damit sie dem Präsidenten im weiter östlich gelegenen Elyseepalast nicht den Rücken zukehrt, schaute sie nach Osten, gegen den ausdrücklichen Wunsch Bartholdis, der sie viel lieber hätte Richtung USA schauen lassen. Diesem Wunsch wurde erst 1937 entsprochen, da wurde sie umgedreht. Seither schaut die Kleine ihrer grossen Schwester, symbolisch zumindest, in die Augen. Zusammenkommen können sie freilich nicht, aber das ist ja bei Sich-in-die-Augen-Schauern öfter so.

Nun gibt es die Freiheitsstatue aber auch in Originalgrösse in Paris, allerdings nur einen kleinen Teil, die Flamme der Fackel und so heisst sie logischerweise auch: Freiheitsflamme. Sie ist auch ein Geschenk der Amerikaner, die damit diese Präsentidee wohl ausgereizt haben dürften.

Gestiftet hat sie der 'New York Herald Tribune', die in Paris erscheinende amerikanische Zeitung, anlässlich des 100. Geburtstages der Zeitung. Und diese Flamme lodert seit 1987 am pont de l'Alma, schräg gegenüber vom Eiffelturm.

Alma? Hier war doch was! Freilich, in Alma war eine jener Schlachten (1854,Krimkrieg), bei der Napoleon III. zunächst mit Erfolg versuchte, in die Fussstapfen seines Onkels zu treten. In die Schlagzeilen kam die Brücke aber vor einigen Jahren aus einem anderen Grund: Im Tunnel der Seine-uferautobahn verunglückte genau auf dieser Höhe am 31.August 1997 die englische Prinzessin Diana.

Und im Nu wurde die Freiheitsflamme durch eine Volksabstimmung auf Füssen in ein Prinzessin-Diana-Memorial umgewidmet. Hunderte drängten sich in den Tagen und Wochen darauf um die bisher kaum beachtete Skulptur, beklebten sie mit Zetteln und Andenken mit Grussadressen, streuten Blumen auf die im Pariser Westwind stehende Flamme, sprayten ihren Schmerz auch direkt auf den Goldanstrich. Das war natürlich verboten, aber eine Zeitlang geduldet und der städtische Putzdienst tat, was er konnte. Seither sind die Massen eindeutig überschaubarer geworden, es stehen aber noch immer etwas mehr Leute davor als vor den meisten anderen Denkmälern in der Welt. Kein einziges noch so kleines offizielles Täfelchen weist auf die englische Medienheilige hin, nichtsdestotrotz ist ihr jetzt die Freiheitsflamme ein für allemal zugeschrieben. Die wenigsten stellen jedoch die Verbindung zu Bartholdi und seiner Freiheitsstatue her, obwohl das in gar nicht so kleinen Lettern auf dem Sockel der Flamme steht. Und an Napoleon III denkt am pont de l'Alma soundso kein Mensch.

Schönes Winterende!

Wolfgang Friedrich
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