LADY D STICHT FREDERIC-AUGUSTE BARTHOLDI
UND NAPOLEON III AUS
Witzbolde lieben dieses Foto. Ein paar Schritte Seine-abwärts
vom pont de Grenelle, am besten am rechten Flussufer, dann
hat man sie im Bild: die Freiheitsstatue, nicht vierzig
Meter hoch wie in New York, sondern 11,5. Aber aus dem richtigen
Winkel aufgenommen, kann man nicht nur Grösse vortäuschen,
sondern im Hintergrund auch den Eiffelturm auf das Foto
bannen. Und Freunde und Bekannte in Erstaunen versetzen.
Man muss ihnen ja nicht sofort verraten, dass es sich um
eine originalgetreue Miniaturausgabe handelt. Genauso übrigens
wie das Original in New York ist die Skulptur ein Geburtstagsgeschenk.
Also der Reihe nach: 1876, zum hundertsten Jahrestag der
amerikanischen Unabhängigkeit möchte Frankreich den USA
ein Geschenk machen. Beauftragt wird der aus dem Elsass
stammende und Amerika-begeisterte Bildhauer Frédéric-Auguste
Bartholdi(1834-1904), der schon unabhängig davon einige
Vorprojekte durchgeführt hatte. Bartholdi schmiedet in seinem
Atelier in der rue des Chazelles im 17.Bezirk die Freiheitsstatue,
das Metallgerüst dazu liefert Gustave Eiffel.
Auf Ansichtskartenständern sieht man zuweilen das 130 Jahre
alte Bild: Der Kopf der Freiheitsstatue ist bereits über
das Atelierdach hinausgewachsen und überragt die angrenzenden
Häuser. Als die kolossale Statue fertig ist, wird sie in
ihre 350 Teile zerlegt und den Amerikanern feierlich übergeben,
das ist aber bereits Mitte der 1880er-Jahre. Da steht schon
der nächste Geburtstag an, nämlich 1889, der hundertste
Jahrestag der Französischen Revolution. Und jetzt wollen
die Amerikaner Frankreich ein Geschenk machen. Die Frage
"was soll ich schenken?" bereitet Privatpersonen
gelegentlich Kopfzerbrechen, die USA jedoch, selbstbewusst
und grossmütig, verzichten darauf, um jeden Preis originell
sein zu wollen und liessen für Frankreich, auch von Bartholdi,
eine Miniatur der mittlerweile zum Wahrzeichen avancierten
Freiheitsstatue anfertigen. Und Frankreich freute sich wirklich.
Aufgestellt wurde sie am pont de Grenelle, die Füsse am
Wasser, genauso wie ihre grosse Schwester. Damit sie dem
Präsidenten im weiter östlich gelegenen Elyseepalast nicht
den Rücken zukehrt, schaute sie nach Osten, gegen den ausdrücklichen
Wunsch Bartholdis, der sie viel lieber hätte Richtung USA
schauen lassen. Diesem Wunsch wurde erst 1937 entsprochen,
da wurde sie umgedreht. Seither schaut die Kleine ihrer
grossen Schwester, symbolisch zumindest, in die Augen. Zusammenkommen
können sie freilich nicht, aber das ist ja bei Sich-in-die-Augen-Schauern
öfter so.
Nun gibt es die Freiheitsstatue aber auch in Originalgrösse
in Paris, allerdings nur einen kleinen Teil, die Flamme
der Fackel und so heisst sie logischerweise auch: Freiheitsflamme.
Sie ist auch ein Geschenk der Amerikaner, die damit diese
Präsentidee wohl ausgereizt haben dürften.
Gestiftet hat sie der 'New York Herald Tribune', die in
Paris erscheinende amerikanische Zeitung, anlässlich des
100. Geburtstages der Zeitung. Und diese Flamme lodert seit
1987 am pont de l'Alma, schräg gegenüber vom Eiffelturm.
Alma? Hier war doch was! Freilich, in Alma war eine jener
Schlachten (1854,Krimkrieg), bei der Napoleon III. zunächst
mit Erfolg versuchte, in die Fussstapfen seines Onkels zu
treten. In die Schlagzeilen kam die Brücke aber vor einigen
Jahren aus einem anderen Grund: Im Tunnel der Seine-uferautobahn
verunglückte genau auf dieser Höhe am 31.August 1997 die
englische Prinzessin Diana.
Und im Nu wurde die Freiheitsflamme durch eine Volksabstimmung
auf Füssen in ein Prinzessin-Diana-Memorial umgewidmet.
Hunderte drängten sich in den Tagen und Wochen darauf um
die bisher kaum beachtete Skulptur, beklebten sie mit Zetteln
und Andenken mit Grussadressen, streuten Blumen auf die
im Pariser Westwind stehende Flamme, sprayten ihren Schmerz
auch direkt auf den Goldanstrich. Das war natürlich verboten,
aber eine Zeitlang geduldet und der städtische Putzdienst
tat, was er konnte. Seither sind die Massen eindeutig überschaubarer
geworden, es stehen aber noch immer etwas mehr Leute davor
als vor den meisten anderen Denkmälern in der Welt. Kein
einziges noch so kleines offizielles Täfelchen weist auf
die englische Medienheilige hin, nichtsdestotrotz ist ihr
jetzt die Freiheitsflamme ein für allemal zugeschrieben.
Die wenigsten stellen jedoch die Verbindung zu Bartholdi
und seiner Freiheitsstatue her, obwohl das in gar nicht
so kleinen Lettern auf dem Sockel der Flamme steht. Und
an Napoleon III denkt am pont de l'Alma soundso kein Mensch.
Schönes Winterende!
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de
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