Die Sehnsucht hat zwei Endstationen

die Sehnsucht gleitet zur Endstation
Der erste Teil der Pariser Straßenbahn, die in 10
bis 20 Jahren rund um die Stadt führen soll, wurde
gegen erbitterten politische Widerstand gebaut und vor sechs
Wochen in Betrieb genommen. Eine Straßenbahfahrt lohnt
sich auch aus touristischen Gründen.
Der Originaltitel von Tennessee Willams Theaterstück
hätte für die neue Pariser Straßenbahnlinie
auf dem boulevard des Maréchaux besser gepasst :
„a streetcar named desire“, in der französischen
Fassung wortgetreu übersetzt: „un tramway nommé
désir“.
Mit Sehnsucht wurde sie tatsächlich erwartet, die
Straßenbahn, natürlich auch deswegen, weil die
pharaonische Baustelle jahrelang den südlichen Rand
von Paris lahm legte, den Handel in der Umgebung verkümmern
ließ, den zehntausenden Anwohnern tägliche Hindernisläufe
und außerdem noch eine ohrenbetäubende Lärmkulisse
bescherte.
Seit Mitte Dezember 2006 fährt sie, gleitet sie jetzt
genau genommen, bimmelt auch nicht, sondern gongt, und die
Gleise sind noch dazu eingebettet in einen Rasenteppich,
der selbstverständlich für jedes andere Verkehrsmittel
strengstens tabu ist.
Die Straßenbahn ist das Kernstück eines gigantischen
Stadterneuerungsprojekts. Gleichzeitig wurden die Gehsteige
verbreitert, ein Fahrradweg eingerichtet und Alleebäume
gepflanzt.
Der hässlich desolate boulevard des Maréchaux
war entstanden um 1920 nach der Schleifung der Befestigungsanlage
von Thiers. Es handelte sich um eine militärische Versorgungsstraße
hinter den Bastionen, während auf dem Glacis davor
heute die Ringautobahn, der „boulevard périphérique“
verläuft. Verkehrsmäßig ging es deswegen
auf dem boulevard des Maréchaux um keinen Deut ruhiger
zu, und das nicht nur wegen des lokalen Verkehrs, sondern
weil viele auch hofften, hier zumindest den Staus auf dem
„périf“ ein Schnippchen schlagen zu können.
Diese Rechnung ging meistens ohnehin nicht auf, dafür
stopandgo-te man in einer der unansehlichsten Straßenschluchten
von Paris.
Mit der Straßenbahn und dem dazugehörigen Bündel
von Begleitmaßnahmen wird eine urbanistische Kehrtwende
versucht. Der boulevard des Maréchaux soll ein attraktiver
städtischer Lebensraum werden, ein „espace civilisé“,
wie eine verkehrsberuhigte Zone in Frankreich genannt wird.
Kritik an dem Projekt gab es in Hülle und Fülle.
Allein schon deshalb, weil die Straßenbahn das Symbol
der Verkehrspolitik des 2001 ins Amt gewählten Bürgermeisters
Bertrand Delanoë ist. Geradezu erwartungsgemäß
übernahm daraufhin die Opposition die Rolle einer konsequenten
Fürsprecherin des Individualverkehrs, schon mit Mäßigung
und Besonnenheit, versteht sich, .und Umweltargumenten gegenüber
selbstverständlich aufgeschlossen, aber der Autoverkehr
sei nun einmal der Lebensnerv einer Großstadt. Und
eben die Autofahrer mussten gleich eine Einbuße von
insgesamt vier Fahrspuren hinnehmen!
Ein bisschen zu sehr offenkundig war die politische und
lobbyistische Schräglage dieser Argumentation freilich
schon.
Daher wurden zusätzlich Zweifel am Nutzen des Projekts
angemeldet: Wozu Millionen für eine Infrastruktur hinausschmeißen,
nur um ein paar Leute am Stadtrand von Paris von A nach
B zu kutschieren? Noch dazu, wo es auf dieser Strecke soundso
eine Buslinie gibt?
Das schwerste Geschütz kam im urbanistischen Mäntelchen
daher:
Paris pinsele mit dieser Straßenbahn wieder einmal
selbstverliebt seinen eigenen Bauch, statt die dringend
notwendigen Verbindungen in die Umlandgemeinden auszubauen.
Schlimmer noch, der Riegel, den die parallel verlaufende
Stadtautobahn zwischen Paris und die Vorstadt schiebt, wird
durch die „Tram“ nicht überwunden, sondern
ganz im Gegenteil: unterstrichen, verstärkt.
Jetzt, sechs Wochen nach der Inbetriebnahme und nachdem
der Reiz der Neuheit bereits abgeflacht ist, spricht das
tägliche Passagieraufkommen von 75000 Fahrgästen
eine deutliche Sprache. Die Zweifel am Nutzen dürften
damit wohl ausgeräumt sein.
Aber was den Urbanismus angeht:
Zunächst ist nicht ganz einzusehen, warum die Stadt
darauf verzichten sollte, eine hässliche Verkehrsader
zu einem lebenswerten städtischen Raum umzuformen.
Noch dazu, wo sich entlang des boulevard des Maréchaux
der größte Teil der Pariser Sozialwohnungen befindet,
übrigens sind das vergleichsweise schöne Backsteinbauten
aus den 20er Jahren, vor denen sich die Wohntürme aus
den 60ern verstecken könnten, was diese aber leider
nicht tun.
Und von wegen Riegel:
Kann eine breite Avenue mit schönen Geschäften
und Straßencafés, wo man verweilen, spazieren
gehen oder eben auch Straßenbahn fahren kann, wirklich
ein Riegel sein, insbesondere und gerade für denjenigen,
der von außen kommt und der den widerlichen Autobahnwurm
gerade über- oder unterquert hat?
Da war der alte boulevard des Maréchaux viel eher
ein Riegel, und ist es zum größeren Teil noch
immer. Denn erst neun Kilometer von den insgesamt 36 des
Pariser Stadtumfangs sind ein espace civilisé mit
Straßenbahn. Die Sehnsucht hat, vorläufig noch,
zwei Endstationen: pont de Garigliano und porte d’Ivry.
Die Brücke von Garigliano
verbindet den 15. und den 16. Bezirk und außerdem
mit
................ SOPHIE CALLE
Die Straßenbahn fährt eine Strecke ab, für
die sich Touristenbusse kaum interessieren. So uninteressant
ist dabei der Südrand von Paris gar nicht. Zudem hat
die Stadt Paris noch eine Reihe von Künstlern beauftragt,
die verschiedenen Stationen zu Attraktionen zu gestalten.
Die Touristenbusse braucht man jetzt aber weniger denn je,
denn die Straßenbahn bringt uns leiser, eleganter,
umweltschonender und noch dazu billiger hin.

vielleicht ruft Sophie an?
pont de Garigliano
Von der Endstation aus, dem pont de Garigliano, sieht man
mitten auf der Brücke eine grellrote Skulptur. Geht
man näher ran, auch auf die Gefahr hin, dass man dann
eine Straßenbahn verpasst, die nächste fährt
ohnehin 10 Minuten später, erkennt man etwa drei Meter
hohe gewundene Metallblätter, eine nicht näher
bestimmbare Blume. Die Tafel daneben weist auf den Autor
dieser Kreation hin, Franck O Gehry. Nachdem man das weiß,
fällt der Groschen: Natürlich, das ist die Handschrift
des Architekten des Guggenheimmuseums in Bilbao, mit etwas
mehr gutem Willen sieht man auch den Bezug zur Pariser Cinémathèque
im 11. Bezirk.
Und die Blume hat selbstverständlich einen Fruchtknoten,
das ist ein Telefon, die ganze Pflanze ist somit eine Telefonkabine.
Versuchen Sie aber besser nicht von hier aus anzurufen um
vielleicht zu sagen, dass Sie eine Straßenbahn später
kommen. Dazu sind heutzutage schließlich Handys da.
Mit ein bisschen Glück jedoch werden Sie vielleicht
angerufen. Das Telefon ist nämlich eine Idee von Sophie
Calle, einer der originellsten französischen Aktionskünstlerinnen
der letzten Jahrzehnte. Sie hat sich verpflichtet, so im
Durchschnitt alle drei Wochen, aber in unregelmäßigen
Abständen, hier anzurufen. Dem, der zufällig abhebt,
erzählt sie eine Geschichte aus ihrem sehr sehr bunten
Leben.
porte de Versailles
Das ist vielleicht die einzige Station, die auch früher
schon die Touristenbusse angesteuert haben. Hier finden
regelmäßig Fachmessen von weltweiter Bedeutung
statt. Die Landwirtschaftsschau im September zum Beispiel
ist nicht nur ein Pflichttermin für Schaf- und Rinderzüchter,
sie ist auch ein Fest für Feinschmecker, wo Delikatessen
aus ganz Frankreich und darüber hinaus aus dem restlichen
Europa zur Verkostung angeboten werden. Direkt an der Haltestelle
stehen die zerrspiegelartigen transparenten Scheiben von
Dan Graham. „From Boullée (ein klassizistischer
Architekt des 18. Jahrhunderts) to eternity“ heißt
seine Montage. Verzerrt sieht man nicht nur sich selbst,
sondern auch die gigantischen Messehallen im Hintergrund.
Montsouris
Falls Sie mit Sophie Calle kein Glück hatten: Andere
Geschichten hören Sie, wenn Sie bei der Station „Montsouris“
aussteigen und sich in den gleichnamigen Park begeben. Setzen
Sie sich gleich nach dem Eingang auf eine der Bänke
dort, vorher greifen Sie aber besser noch einmal zum Handy
um Ihren Termin neuerlich zu verschieben. Plötzlich
hören Sie ebenso undeutlich wie eindeutig Süßholz
raspeln. Das ist aber nicht Ihr Handy, unter den Bänken
sind nämlich wetterfeste Lautsprecher angebracht. Aufgenommen
haben die verschiedensprachigen Liebesgeflüstersequenzen
Studenten und Studentinnen, die in der Cité Universitaire
gleich gegenüber wohnen. Der Filmemacher und Tonkünstler
Cristian Boltanski konnte sie dazu überreden.
Und weil Ihr Rendez-vous-Partner Ihnen mittlerweile Bescheid
gegeben hat, dass sein oder ihr Geduldsfaden endgültig
gerissen ist, nützen Sie doch die gewonnene Zeit für
einen Spaziergang durch die Cité Universitaire gleich
gegenüber. Hier haben berühmte Architekten des
20. Jahrhunderts Studentenheime gebaut, deren Baustil die
Herkunftsländer der Studierenden repräsentieren
soll. Le Corbusier hat hier sowohl seine Flexibilität
wie auch seine Unverwechselbarkeit unter Beweis gestellt.
Von ihm stammt das brasilianische Haus und ebenso das für
die Schweizer. Für Deutschland hat Johannes Krahn 1956
das für die Nachkriegsjahre typisch nüchterne
Heinrich-Heine-Haus geplant.
porte de Vanves, porte d’Italie, poterne des Peupliers
Die Ameisen des Wieners Peter Kogler krabbeln am pont de
Vanves, eine halbkreisförmige, konkave Weltkarte desselben
Künstlers befindet sich in einem kleinen Park an der
porte d’Italie. Warum konkav? Die Weltkarte ist eine
Skaterbahn, auf oder in der man in Bruchteilen von Sekunden
von Asien nach Amerika flitzen kann. Palmen von Bertrand
Lavier liegen auf der poterne des Peupliers. Doch, doch,
liegen. Mit diesen Palmen ist es nämlich wie mit den
Telefonaten von Sophie Calle. Man weiß nicht wann,
aber hin und wieder......., nein, sie rufen nicht an, aber
sie richten sich auf, das ist dann wie eine Fata Morgana,
und so heißt dieses Kunstwerk auch: Mirage.
porte d’Ivry
Stand an der einen Endstation eine überdimensionale
Telefonkabine, an der anderen, der porte d’Ivry, steht
das kleinste Hochhaus der Welt: 1SQMH nennt der portugiesische
Architekt Didier Fiuzaz Faustino sein Totem, das auf ironische
Weise die Wohntürme der Umgebung widerspiegelt.
So, und jetzt rufen Sie am besten Ihre Freundin oder Ihren
Freund an und machen einen neuen Termin aus.

das Totem zeigt dem Hochhaus viele lange Nasen
www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich
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