Newsletter Feb 07

Die Sehnsucht hat zwei Endstationen


die Sehnsucht gleitet zur Endstation

Der erste Teil der Pariser Straßenbahn, die in 10 bis 20 Jahren rund um die Stadt führen soll, wurde gegen erbitterten politische Widerstand gebaut und vor sechs Wochen in Betrieb genommen. Eine Straßenbahfahrt lohnt sich auch aus touristischen Gründen.

Der Originaltitel von Tennessee Willams Theaterstück hätte für die neue Pariser Straßenbahnlinie auf dem boulevard des Maréchaux besser gepasst : „a streetcar named desire“, in der französischen Fassung wortgetreu übersetzt: „un tramway nommé désir“.

Mit Sehnsucht wurde sie tatsächlich erwartet, die Straßenbahn, natürlich auch deswegen, weil die pharaonische Baustelle jahrelang den südlichen Rand von Paris lahm legte, den Handel in der Umgebung verkümmern ließ, den zehntausenden Anwohnern tägliche Hindernisläufe und außerdem noch eine ohrenbetäubende Lärmkulisse bescherte.
Seit Mitte Dezember 2006 fährt sie, gleitet sie jetzt genau genommen, bimmelt auch nicht, sondern gongt, und die Gleise sind noch dazu eingebettet in einen Rasenteppich, der selbstverständlich für jedes andere Verkehrsmittel strengstens tabu ist.

Die Straßenbahn ist das Kernstück eines gigantischen Stadterneuerungsprojekts. Gleichzeitig wurden die Gehsteige verbreitert, ein Fahrradweg eingerichtet und Alleebäume gepflanzt.

Der hässlich desolate boulevard des Maréchaux war entstanden um 1920 nach der Schleifung der Befestigungsanlage von Thiers. Es handelte sich um eine militärische Versorgungsstraße hinter den Bastionen, während auf dem Glacis davor heute die Ringautobahn, der „boulevard périphérique“ verläuft. Verkehrsmäßig ging es deswegen auf dem boulevard des Maréchaux um keinen Deut ruhiger zu, und das nicht nur wegen des lokalen Verkehrs, sondern weil viele auch hofften, hier zumindest den Staus auf dem „périf“ ein Schnippchen schlagen zu können. Diese Rechnung ging meistens ohnehin nicht auf, dafür stopandgo-te man in einer der unansehlichsten Straßenschluchten von Paris.

Mit der Straßenbahn und dem dazugehörigen Bündel von Begleitmaßnahmen wird eine urbanistische Kehrtwende versucht. Der boulevard des Maréchaux soll ein attraktiver städtischer Lebensraum werden, ein „espace civilisé“, wie eine verkehrsberuhigte Zone in Frankreich genannt wird.

Kritik an dem Projekt gab es in Hülle und Fülle.
Allein schon deshalb, weil die Straßenbahn das Symbol der Verkehrspolitik des 2001 ins Amt gewählten Bürgermeisters Bertrand Delanoë ist. Geradezu erwartungsgemäß übernahm daraufhin die Opposition die Rolle einer konsequenten Fürsprecherin des Individualverkehrs, schon mit Mäßigung und Besonnenheit, versteht sich, .und Umweltargumenten gegenüber selbstverständlich aufgeschlossen, aber der Autoverkehr sei nun einmal der Lebensnerv einer Großstadt. Und eben die Autofahrer mussten gleich eine Einbuße von insgesamt vier Fahrspuren hinnehmen!

Ein bisschen zu sehr offenkundig war die politische und lobbyistische Schräglage dieser Argumentation freilich schon.
Daher wurden zusätzlich Zweifel am Nutzen des Projekts angemeldet: Wozu Millionen für eine Infrastruktur hinausschmeißen, nur um ein paar Leute am Stadtrand von Paris von A nach B zu kutschieren? Noch dazu, wo es auf dieser Strecke soundso eine Buslinie gibt?
Das schwerste Geschütz kam im urbanistischen Mäntelchen daher:
Paris pinsele mit dieser Straßenbahn wieder einmal selbstverliebt seinen eigenen Bauch, statt die dringend notwendigen Verbindungen in die Umlandgemeinden auszubauen. Schlimmer noch, der Riegel, den die parallel verlaufende Stadtautobahn zwischen Paris und die Vorstadt schiebt, wird durch die „Tram“ nicht überwunden, sondern ganz im Gegenteil: unterstrichen, verstärkt.

Jetzt, sechs Wochen nach der Inbetriebnahme und nachdem der Reiz der Neuheit bereits abgeflacht ist, spricht das tägliche Passagieraufkommen von 75000 Fahrgästen eine deutliche Sprache. Die Zweifel am Nutzen dürften damit wohl ausgeräumt sein.

Aber was den Urbanismus angeht:

Zunächst ist nicht ganz einzusehen, warum die Stadt darauf verzichten sollte, eine hässliche Verkehrsader zu einem lebenswerten städtischen Raum umzuformen. Noch dazu, wo sich entlang des boulevard des Maréchaux der größte Teil der Pariser Sozialwohnungen befindet, übrigens sind das vergleichsweise schöne Backsteinbauten aus den 20er Jahren, vor denen sich die Wohntürme aus den 60ern verstecken könnten, was diese aber leider nicht tun.

Und von wegen Riegel:

Kann eine breite Avenue mit schönen Geschäften und Straßencafés, wo man verweilen, spazieren gehen oder eben auch Straßenbahn fahren kann, wirklich ein Riegel sein, insbesondere und gerade für denjenigen, der von außen kommt und der den widerlichen Autobahnwurm gerade über- oder unterquert hat?
Da war der alte boulevard des Maréchaux viel eher ein Riegel, und ist es zum größeren Teil noch immer. Denn erst neun Kilometer von den insgesamt 36 des Pariser Stadtumfangs sind ein espace civilisé mit Straßenbahn. Die Sehnsucht hat, vorläufig noch, zwei Endstationen: pont de Garigliano und porte d’Ivry.

Die Brücke von Garigliano verbindet den 15. und den 16. Bezirk und außerdem mit

................ SOPHIE CALLE

Die Straßenbahn fährt eine Strecke ab, für die sich Touristenbusse kaum interessieren. So uninteressant ist dabei der Südrand von Paris gar nicht. Zudem hat die Stadt Paris noch eine Reihe von Künstlern beauftragt, die verschiedenen Stationen zu Attraktionen zu gestalten. Die Touristenbusse braucht man jetzt aber weniger denn je, denn die Straßenbahn bringt uns leiser, eleganter, umweltschonender und noch dazu billiger hin.


vielleicht ruft Sophie an?

pont de Garigliano

Von der Endstation aus, dem pont de Garigliano, sieht man mitten auf der Brücke eine grellrote Skulptur. Geht man näher ran, auch auf die Gefahr hin, dass man dann eine Straßenbahn verpasst, die nächste fährt ohnehin 10 Minuten später, erkennt man etwa drei Meter hohe gewundene Metallblätter, eine nicht näher bestimmbare Blume. Die Tafel daneben weist auf den Autor dieser Kreation hin, Franck O Gehry. Nachdem man das weiß, fällt der Groschen: Natürlich, das ist die Handschrift des Architekten des Guggenheimmuseums in Bilbao, mit etwas mehr gutem Willen sieht man auch den Bezug zur Pariser Cinémathèque im 11. Bezirk.

Und die Blume hat selbstverständlich einen Fruchtknoten, das ist ein Telefon, die ganze Pflanze ist somit eine Telefonkabine. Versuchen Sie aber besser nicht von hier aus anzurufen um vielleicht zu sagen, dass Sie eine Straßenbahn später kommen. Dazu sind heutzutage schließlich Handys da. Mit ein bisschen Glück jedoch werden Sie vielleicht angerufen. Das Telefon ist nämlich eine Idee von Sophie Calle, einer der originellsten französischen Aktionskünstlerinnen der letzten Jahrzehnte. Sie hat sich verpflichtet, so im Durchschnitt alle drei Wochen, aber in unregelmäßigen Abständen, hier anzurufen. Dem, der zufällig abhebt, erzählt sie eine Geschichte aus ihrem sehr sehr bunten Leben.

porte de Versailles

Das ist vielleicht die einzige Station, die auch früher schon die Touristenbusse angesteuert haben. Hier finden regelmäßig Fachmessen von weltweiter Bedeutung statt. Die Landwirtschaftsschau im September zum Beispiel ist nicht nur ein Pflichttermin für Schaf- und Rinderzüchter, sie ist auch ein Fest für Feinschmecker, wo Delikatessen aus ganz Frankreich und darüber hinaus aus dem restlichen Europa zur Verkostung angeboten werden. Direkt an der Haltestelle stehen die zerrspiegelartigen transparenten Scheiben von Dan Graham. „From Boullée (ein klassizistischer Architekt des 18. Jahrhunderts) to eternity“ heißt seine Montage. Verzerrt sieht man nicht nur sich selbst, sondern auch die gigantischen Messehallen im Hintergrund.

Montsouris

Falls Sie mit Sophie Calle kein Glück hatten: Andere Geschichten hören Sie, wenn Sie bei der Station „Montsouris“ aussteigen und sich in den gleichnamigen Park begeben. Setzen Sie sich gleich nach dem Eingang auf eine der Bänke dort, vorher greifen Sie aber besser noch einmal zum Handy um Ihren Termin neuerlich zu verschieben. Plötzlich hören Sie ebenso undeutlich wie eindeutig Süßholz raspeln. Das ist aber nicht Ihr Handy, unter den Bänken sind nämlich wetterfeste Lautsprecher angebracht. Aufgenommen haben die verschiedensprachigen Liebesgeflüstersequenzen Studenten und Studentinnen, die in der Cité Universitaire gleich gegenüber wohnen. Der Filmemacher und Tonkünstler Cristian Boltanski konnte sie dazu überreden.
Und weil Ihr Rendez-vous-Partner Ihnen mittlerweile Bescheid gegeben hat, dass sein oder ihr Geduldsfaden endgültig gerissen ist, nützen Sie doch die gewonnene Zeit für einen Spaziergang durch die Cité Universitaire gleich gegenüber. Hier haben berühmte Architekten des 20. Jahrhunderts Studentenheime gebaut, deren Baustil die Herkunftsländer der Studierenden repräsentieren soll. Le Corbusier hat hier sowohl seine Flexibilität wie auch seine Unverwechselbarkeit unter Beweis gestellt. Von ihm stammt das brasilianische Haus und ebenso das für die Schweizer. Für Deutschland hat Johannes Krahn 1956 das für die Nachkriegsjahre typisch nüchterne Heinrich-Heine-Haus geplant.

porte de Vanves, porte d’Italie, poterne des Peupliers
Die Ameisen des Wieners Peter Kogler krabbeln am pont de Vanves, eine halbkreisförmige, konkave Weltkarte desselben Künstlers befindet sich in einem kleinen Park an der porte d’Italie. Warum konkav? Die Weltkarte ist eine Skaterbahn, auf oder in der man in Bruchteilen von Sekunden von Asien nach Amerika flitzen kann. Palmen von Bertrand Lavier liegen auf der poterne des Peupliers. Doch, doch, liegen. Mit diesen Palmen ist es nämlich wie mit den Telefonaten von Sophie Calle. Man weiß nicht wann, aber hin und wieder......., nein, sie rufen nicht an, aber sie richten sich auf, das ist dann wie eine Fata Morgana, und so heißt dieses Kunstwerk auch: Mirage.

porte d’Ivry

Stand an der einen Endstation eine überdimensionale Telefonkabine, an der anderen, der porte d’Ivry, steht das kleinste Hochhaus der Welt: 1SQMH nennt der portugiesische Architekt Didier Fiuzaz Faustino sein Totem, das auf ironische Weise die Wohntürme der Umgebung widerspiegelt.
So, und jetzt rufen Sie am besten Ihre Freundin oder Ihren Freund an und machen einen neuen Termin aus.


das Totem zeigt dem Hochhaus viele lange Nasen

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Wolfgang Friedrich

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