Newsletter Februar 06

Kein Schnee in Paris, dafür aber kahle Bäume

Seit 21. Dezember ist Winter und zur Überraschung vieler wurde es kalt. Der Klimawandel hat offenbar ein paar Monate Verspätung. Europa hat geschlottert, von Russland bis Andalusien, und sogar in Athen fiel Schnee. Der blieb aber in Paris, wie gewöhnlich, aus. Auch darauf ist Verlass. Schneeflocken gibt es in Paris zwar manchmal in der Luft, nach ihrer weichen Landung haben sie jedoch so gut wie immer nur ein kurzes Leben.

Bevor sie sich, wie das normalerweise in Grossstädten so ist, in unansehlichen Matsch verwandeln können, haben ihnen der Golfstrom und die Thermik der dichtesten Stadt Europas den Garaus gemacht. Wer ein Foto vom Eiffelturm mit Schnee machen will, muss sich beeilen, der Schnee ist noch schneller weg als das Tageslicht. Kalt ist es aber trotzdem, so kalt, dass für die Obdachlosen auf den Strassen Zelte aufgestellt wurden.

Deren Leben ist nämlich lange nicht so romantisch, wie Film und Literatur das manchmal vermuten lassen, Keine erfreuliche Zeit. Kein Wunder daher, dass Robert Le Lorrain, Bildhauer im 17.Jahrhundert, für seine Allegorie des Winters an der Fassade des Hôtel Soubise im Marais (rue des Francs-Bourgeois) einen mürrischen, müden alten Mann mit langem Zottelbart gewählt hat, während die höchst attraktiven Damen Flora und Ceres den Frühling und den Sommer symbolisieren und auch der Herbst noch vom lebenslustigen Bacchus vertreten wird.

Ähnliches in den Tuilerien. Auf der Ostseite des Beckens, vor dem Ausgang zur place de la Concorde, stehen ebenfalls die vier Jahreszeiten. Hier ist der Winter ein Werk von Jean Raon, auch ein Bildhauer des 17. Jahrhunderts, der sonst hauptsächlich in Versailles gearbeitet hat: Es ist wieder ein alter Mann, genauso müde, genauso mürrisch, seine Hände umklammern fröstelnd ein Stövchen, aber das wird ihm auch nicht viel helfen. Eher schon die Tatsache, dass es sich bei der Skulptur um eine Kopie handelt, während das Original in der gut geheizten Cour Puget im Louvre steht. Und kunstinteressierte Besucher wissen das sicher auch zu schätzen.

Also nur eine widerliche Zeit ?

So ist es auch wieder nicht. Schliesslich gibt es den Wintersport. Weil das mit dem Schnee aber in Paris problematisch ist und in einem Umkreis von 300 Kilometern kein nennenswerter Berg auszumachen ist, stürmen die Massen in die gare de Lyon. Nein nicht, wie schon einmal erwähnt (newsletter November 05), um ans Meer oder nach Italien zu fahren, jetzt geht es in die Alpen.

Das heisst natürlich keineswegs, dass alle mit dem Zug fahren, beileibe nicht, die Mehrheit verstopft wie überall sonst auch die Strassen, mit dem obligatorischen aerodynamischen Sarg auf dem Autodach.

Wer nicht zum Schifahren wegfahren kann oder will, dem bleibt das Eislaufen. Aber auch Eis, zumindest befahrbares, bildet sich in Paris, wenn überhaupt, nur alle heiligen Zeiten. Eislaufen auf der Seine so wie auf der Alten Donau oder der Havel (was auch nicht immer ratsam ist), das wäre in Paris ein sehr feuchtes Missvergnügen. Dafür an der Seine, auf dem Kunsteisplatz vor der Renaissancefassade des Rathauses. Neorenaissance richtiger gesagt, denn das ursprüngliche Renaissancegebäude, das unter François I (1515-1547) errichtet worden war, haben die Aufständischen der Pariser Commune 1870 in Schutt und Asche gelegt. Danach aber hat man das Rathaus originalgetreu wieder aufgebaut, mit Anbauten an beiden Seiten, so dass diese prachtvolle Eislaufkulisse heute fast doppelt so breit ist.

Nur Wintersport im Winter?

Aber nein, unter einem Gesichtspunkt auf jeden Fall eignet sich der Winter hervorragend für Stadtbesichtigung, denn: man sichtet mehr. Ganz einfach deswegen, weil die Bäume keine Blätter haben. Ein Beispiel von vielen: Der Chor von Notre Dame. Dieses Wunderwerk von Strebebögen und Strebepfeilern wird von einem Park abgeschirmt. Jetzt ist der Blick darauf frei, und einen der schönsten Blicke hat man auf dieses architektonische Juwel des 12. Jahrhunderts von einem anderen Juwel des 20.:

Auf der Terrasse des Institut du Monde Arabe (IMA), das 1987 nach den Plänen von Jean Nouvel entstanden ist, befindet man sich hoch über der, natürlich eisfreien, Seine. Auf dem gegenüberliegenden Ufer stehen in einer stolzen Reihe die Patrizierhäuser der Insel Saint-Louis, links, schon etwas weiter entfernt, das Rathaus, man sieht aber nicht den Eislaufplatz, denn der ist dahinter. Und dann, auch links, in etwa auf der selben Höhe, dominiert den gesamten Vordergrund der Chor von Notre Dame.

Das ist aber noch nicht alles. Auf der Seinebrücke davor steht, weiss, hoch, schlank, eine Dame aus Stein, Genoveva, die Schutzheilige von Paris, die im fünften Jahrhundert die Stadt vor der Zerstörung durch die Hunnen bewahrt hat.

Irgendwie kommt einem diese Statue bekannt vor, selbst wenn man sie zum ersten Mal sieht, irgendwo steht doch schon so was ähnliches! Stellen wir uns vor, diese Genoveva breitete die Arme aus, dann plötzlich wird alles klar: der Christus auf dem Corcovado in Rio de Janeiro! Kein Wunder, beide Skulpturen stammen von dem Pariser Bildhauer Paul Landowski (1875 - 1961). Es ist schon bemerkenswert, dass immerhin zwei der welweit berühmtesten Wahrzeichen aus Paris stammen: die Freiheitsstatue von New York (Frédéric Auguste Bartholdi, 1834 - 1905) und der Christus von Rio!

Zurück zum IMA. Man würde Jean Nouvel Unrecht tun, besuchte man das Institut du Monde Arabe nur der Aussicht wegen. Der Bau akzentuiert das linke Seineufer mit einem kühnen Schwung, die Fassade prägt eine Unzahl von Quadraten, die den ,moucharabien', den Fenster- und Balkongittern von Moscheen und arabischen Palästen, nachempfunden sind.

Was aber moderne Architektur im Gegensatz dazu anrichten kann, erleidet das Auge auf den wenigen hundert Metern von der Metrostation Jussieu bis zum IMA:

Das gigantische Universitätsgebäude von Jussieu aus den 1960er Jahren ist ein Extremfall von menschenverachtender Abscheulichkeit, noch dazu asbestverseucht. Jetzt steht ein Bauzaun davor, helfen würde aber nur eines: es müssten die Communarden von 1870 noch einmal vorbeikommen! Aber......

Man kann also nur so schnell wie möglich vorbeihuschen, hinein ins IMA, aufatmen auf dem herrlichen Innenhof, dann hinauf in den 8. Stock, die Terrasse gehört übrigens zu einem Café- Restaurant, mittags und abends gibt es hier ein anspruchsvolles tunesisches Menü, ausserhalb der Essenszeiten kann man auch bei einem Pfefferminztee hinter grossen Panoramascheiben die vorher beschriebene Aussicht geniessen.

Wenn man lieber traditionelle Küche hat, auf diese Aussicht jedoch nicht verzichten will, gibt es eine Alternative: Das Restaurant "La Tour d'Argent", 15, quai de la Tournelle, bietet von seinen Räumlichkeiten aus im sechsten Stock dasselbe Bild, noch dazu herangezoomt. Es ist, nebenbei bemerkt, eines der ältesten Restaurants von Paris (gegründet 1582), und wohl auch eines der teuersten. Dennoch ist der Preis für ein Menü, berühmt ist das Lokal für seine Jungenten, zu vernachlässigen, wenn man bedenkt, wieviel man für das Ölbild auszulegen hätte, das der postimpressionistische Maler Pierre Eugène Montézin (1874-1946) vom Blick auf Notre Dame vom Fenster des Salons der "Tour d'Argent" aus gemalt hat. Das Gemälde wird am 8. Februar bei Sotheby's in London versteigert. Der Ausrufpreis ist 75 000 Euro.

Bald wärmere Tage und viele schöne Aussichten wünscht

Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de

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