Kein Schnee in Paris, dafür aber kahle
Bäume
Seit 21. Dezember ist Winter und zur Überraschung vieler
wurde es kalt. Der Klimawandel hat offenbar ein paar Monate
Verspätung. Europa hat geschlottert, von Russland bis Andalusien,
und sogar in Athen fiel Schnee. Der blieb aber in Paris,
wie gewöhnlich, aus. Auch darauf ist Verlass. Schneeflocken
gibt es in Paris zwar manchmal in der Luft, nach ihrer weichen
Landung haben sie jedoch so gut wie immer nur ein kurzes
Leben.
Bevor sie sich, wie das normalerweise in Grossstädten so
ist, in unansehlichen Matsch verwandeln können, haben ihnen
der Golfstrom und die Thermik der dichtesten Stadt Europas
den Garaus gemacht. Wer ein Foto vom Eiffelturm mit Schnee
machen will, muss sich beeilen, der Schnee ist noch schneller
weg als das Tageslicht. Kalt ist es aber trotzdem, so kalt,
dass für die Obdachlosen auf den Strassen Zelte aufgestellt
wurden.
Deren Leben ist nämlich lange nicht so romantisch, wie
Film und Literatur das manchmal vermuten lassen, Keine erfreuliche
Zeit. Kein Wunder daher, dass Robert Le Lorrain, Bildhauer
im 17.Jahrhundert, für seine Allegorie des Winters an der
Fassade des Hôtel Soubise im Marais (rue des Francs-Bourgeois)
einen mürrischen, müden alten Mann mit langem Zottelbart
gewählt hat, während die höchst attraktiven Damen Flora
und Ceres den Frühling und den Sommer symbolisieren und
auch der Herbst noch vom lebenslustigen Bacchus vertreten
wird.
Ähnliches in den Tuilerien. Auf der Ostseite des Beckens,
vor dem Ausgang zur place de la Concorde, stehen ebenfalls
die vier Jahreszeiten. Hier ist der Winter ein Werk von
Jean Raon, auch ein Bildhauer des 17. Jahrhunderts, der
sonst hauptsächlich in Versailles gearbeitet hat: Es ist
wieder ein alter Mann, genauso müde, genauso mürrisch, seine
Hände umklammern fröstelnd ein Stövchen, aber das wird ihm
auch nicht viel helfen. Eher schon die Tatsache, dass es
sich bei der Skulptur um eine Kopie handelt, während das
Original in der gut geheizten Cour Puget im Louvre steht.
Und kunstinteressierte Besucher wissen das sicher auch zu
schätzen.
Also nur eine widerliche Zeit ?
So ist es auch wieder nicht. Schliesslich gibt es den Wintersport.
Weil das mit dem Schnee aber in Paris problematisch ist
und in einem Umkreis von 300 Kilometern kein nennenswerter
Berg auszumachen ist, stürmen die Massen in die gare de
Lyon. Nein nicht, wie schon einmal erwähnt (newsletter
November 05), um ans Meer oder nach Italien zu fahren,
jetzt geht es in die Alpen.
Das heisst natürlich keineswegs, dass alle mit dem Zug
fahren, beileibe nicht, die Mehrheit verstopft wie überall
sonst auch die Strassen, mit dem obligatorischen aerodynamischen
Sarg auf dem Autodach.
Wer nicht zum Schifahren wegfahren kann oder will, dem
bleibt das Eislaufen. Aber auch Eis, zumindest befahrbares,
bildet sich in Paris, wenn überhaupt, nur alle heiligen
Zeiten. Eislaufen auf der Seine so wie auf der Alten Donau
oder der Havel (was auch nicht immer ratsam ist), das wäre
in Paris ein sehr feuchtes Missvergnügen. Dafür an der Seine,
auf dem Kunsteisplatz vor der Renaissancefassade des Rathauses.
Neorenaissance richtiger gesagt, denn das ursprüngliche
Renaissancegebäude, das unter François I (1515-1547) errichtet
worden war, haben die Aufständischen der Pariser Commune
1870 in Schutt und Asche gelegt. Danach aber hat man das
Rathaus originalgetreu wieder aufgebaut, mit Anbauten an
beiden Seiten, so dass diese prachtvolle Eislaufkulisse
heute fast doppelt so breit ist.
Nur Wintersport im Winter?
Aber nein, unter einem Gesichtspunkt auf jeden Fall eignet
sich der Winter hervorragend für Stadtbesichtigung, denn:
man sichtet mehr. Ganz einfach deswegen, weil die Bäume
keine Blätter haben. Ein Beispiel von vielen: Der Chor von
Notre Dame. Dieses Wunderwerk von Strebebögen und Strebepfeilern
wird von einem Park abgeschirmt. Jetzt ist der Blick darauf
frei, und einen der schönsten Blicke hat man auf dieses
architektonische Juwel des 12. Jahrhunderts von einem anderen
Juwel des 20.:
Auf der Terrasse des Institut du Monde Arabe (IMA), das
1987 nach den Plänen von Jean Nouvel entstanden ist, befindet
man sich hoch über der, natürlich eisfreien, Seine. Auf
dem gegenüberliegenden Ufer stehen in einer stolzen Reihe
die Patrizierhäuser der Insel Saint-Louis, links, schon
etwas weiter entfernt, das Rathaus, man sieht aber nicht
den Eislaufplatz, denn der ist dahinter. Und dann, auch
links, in etwa auf der selben Höhe, dominiert den gesamten
Vordergrund der Chor von Notre Dame.
Das ist aber noch nicht alles. Auf der Seinebrücke davor
steht, weiss, hoch, schlank, eine Dame aus Stein, Genoveva,
die Schutzheilige von Paris, die im fünften Jahrhundert
die Stadt vor der Zerstörung durch die Hunnen bewahrt hat.
Irgendwie kommt einem diese Statue bekannt vor, selbst
wenn man sie zum ersten Mal sieht, irgendwo steht doch schon
so was ähnliches! Stellen wir uns vor, diese Genoveva breitete
die Arme aus, dann plötzlich wird alles klar: der Christus
auf dem Corcovado in Rio de Janeiro! Kein Wunder, beide
Skulpturen stammen von dem Pariser Bildhauer Paul Landowski
(1875 - 1961). Es ist schon bemerkenswert, dass immerhin
zwei der welweit berühmtesten Wahrzeichen aus Paris stammen:
die Freiheitsstatue von New York (Frédéric Auguste Bartholdi,
1834 - 1905) und der Christus von Rio!
Zurück zum IMA. Man würde Jean Nouvel Unrecht tun, besuchte
man das Institut du Monde Arabe nur der Aussicht wegen.
Der Bau akzentuiert das linke Seineufer mit einem kühnen
Schwung, die Fassade prägt eine Unzahl von Quadraten, die
den ,moucharabien', den Fenster- und Balkongittern von Moscheen
und arabischen Palästen, nachempfunden sind.
Was aber moderne Architektur im Gegensatz dazu anrichten
kann, erleidet das Auge auf den wenigen hundert Metern von
der Metrostation Jussieu bis zum IMA:
Das gigantische Universitätsgebäude von Jussieu aus den
1960er Jahren ist ein Extremfall von menschenverachtender
Abscheulichkeit, noch dazu asbestverseucht. Jetzt steht
ein Bauzaun davor, helfen würde aber nur eines: es müssten
die Communarden von 1870 noch einmal vorbeikommen! Aber......
Man kann also nur so schnell wie möglich vorbeihuschen,
hinein ins IMA, aufatmen auf dem herrlichen Innenhof, dann
hinauf in den 8. Stock, die Terrasse gehört übrigens zu
einem Café- Restaurant, mittags und abends gibt es hier
ein anspruchsvolles tunesisches Menü, ausserhalb der Essenszeiten
kann man auch bei einem Pfefferminztee hinter grossen Panoramascheiben
die vorher beschriebene Aussicht geniessen.
Wenn man lieber traditionelle Küche hat, auf diese Aussicht
jedoch nicht verzichten will, gibt es eine Alternative:
Das Restaurant "La Tour d'Argent", 15, quai de la Tournelle,
bietet von seinen Räumlichkeiten aus im sechsten Stock dasselbe
Bild, noch dazu herangezoomt. Es ist, nebenbei bemerkt,
eines der ältesten Restaurants von Paris (gegründet 1582),
und wohl auch eines der teuersten. Dennoch ist der Preis
für ein Menü, berühmt ist das Lokal für seine Jungenten,
zu vernachlässigen, wenn man bedenkt, wieviel man für das
Ölbild auszulegen hätte, das der postimpressionistische
Maler Pierre Eugène Montézin (1874-1946) vom Blick auf Notre
Dame vom Fenster des Salons der "Tour d'Argent" aus gemalt
hat. Das Gemälde wird am 8. Februar bei Sotheby's in London
versteigert. Der Ausrufpreis ist 75 000 Euro.
Bald wärmere Tage und viele schöne Aussichten wünscht
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de
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