Newsletter Januar 2009

DER JAKOBSBRUNNEN IN PARIS

ist seit 1813 verschwunden.

Ein Opfer der Abrissbirne oder der Spitzhacke wie so vieles, zu vieles in Paris und auch sonst überall in der Welt. Gerade einmal 101 Jahre alt war er geworden. 1712 hatte ihn Robert de Cotte errichtet, jener Architekt, dem wir unter anderen auch die Fertigstellung der Schlosskapelle von Versailles oder die Schlösser von Bonn und Brühl verdanken.

Der Brunnen ersetzte seinerseits bereits den ursprünglichen, den König Heinrich IV Anfang des 17. Jahrhunderts hatte bauen lassen, um Gebrauchswasser aus der Seine zu pumpen. Auf seiner neuen, modernen Brücke, auf die er besonders stolz war: Le Pont Neuf. Robert de Cotte orderte dann für seinen Bau ein Relief des Jakobsbrunnen, jener biblischen Wasserstelle also, an der Christus die Samariterin traf.

Jetzt merken Sie natürlich schon, erfahrene/r Leser/in des newsletters oder fortgeschrittene/r Paris-Besucher/in, worauf ich hinauswill:

Es geht um die SAMARITAINE, von der bereits im newsletter von Juli 2005 die Rede war.

Das Kaufhaus wurde kurz vor 1870 von einem pfiffigen, damals erst knapp über 30 Jahre alten Unternehmer gegründet: Ernest Cognacq. Bis dahin deutete allerdings wenig darauf hin, dass er die bosse du commerce hatte, sprich ein geborener Geschäftsmann war. Mehrere Entlassungen als Verkäufer, ganz einfach wegen Unfâhigkeit, und Pleiten als selbständiger Unternehmer hatte er bereits hinter sich. Noch einmal versuchte er es unter einem grossen Schirm mit einem Tapezierertisch auf dem Pont Neuf, ungefähr dort, wo sich die Wasserpumpe befunden hatte.

War es der gute Geist der Samariterin?

Auf einmal ging das Geschäft. Bald darauf konnte sich der junge Mann in einen Nebenraum des eher auf Sparflamme laufenden Cafés ‚A la Samaritaine’ einmieten, nur paar Meter entfernt, am Kai. Wie’s weiter ging, ist bekannt: als er fast 60 Jahre später (1928) starb, gehörte ihm nahezu der ganze Stadtteil.

Und heute ist der Laden dicht. Noch immer.

Das ist nicht überraschend. Schon damals im Juni 2005, als das Kaufhaus geschlossen wurde, offiziell aus feuerpolizeilichen Gründen (es war das letzte, das grösste, das schönste Gebäude, das noch als einziges von  insgesamt 4  im Besitz der Samaritaine verblieben war), hiess es, die Sanierungsarbeiten würden bis 2011 dauern.
Das war verdächtig grosszügig bemessen!
Nur zum Vergleich: der legendäre Konzertsaal Olympia wurde ebenso von Grund auf erneuert. Dabei blieb kein Stein auf dem anderen, sogar die Fassade wurde um einige Meter zurückversetzt. Die Arbeiten dauerten aber insgesamt nur zweieinhalb Jahre, geschlossen war der Saal überhaupt nur sieben Monate (April- November 1997).

Was passiert also mit der Samaritaine?

Mittlerweile ist von einer Wiedereröffnung im Jahre 2011 keine Rede mehr, das Jahr 2013 wird ventiliert.
Ein Grosskaufhaus, wie 2005 noch sicher zugesagt, wird es mit Bestimmtheit nicht mehr sein. Zumindest nicht ausschliesslich. Wohnungen sollen entstehen, Büros natürlich auch, und dann noch ein Fünf-Sterne-Hotel.
Die beiden Besitzer, der Luxusartikelkonzern LVMH (Louis Vuitton, Moët&Chandon, Hennessy), Eigentümer zu 60% und die auf  Ernest Cognacq zurückgehende Stiftung, der 40% gehören, sind hoffnungslos zerstritten. Ende Dezember haben die Vertreter der Stiftung den Aufsichtsrat verlassen.

Für die Touristen mag das alles höchst bedauerlich sein, weil dadurch eine der schönsten Aussichtsterrassen seit Jahren nicht mehr zugänglich ist. Der elfte Stock der Samaritaine war im wahrsten Sinne des Wortes einer der Höhepunkte jedes Parisaufenthalts gewesen. Noch dazu ohne Warteschlange und gratis.
Für Paris und insbesondere für den ersten Bezirk sind die Ketten vor den Eingangstoren aber eine Katastrophe. „Es geht nicht an, dass wir hier weiterhin ein Wrack mitten im Herzen von Paris haben“, erklärte Jean-François Legaret, der Bürgermeister des ersten Bezirks im Juni 2008.  Auch er rupft übrigens ein Hühnchen mit LVMH, und zwar wegen des Anteils an Sozialwohnungen in der Neuplanung.
Wie immer dem auch sei: der am Seineufer vorbeigehende Passant merkt, hört, sieht von laufenden Arbeiten nichts, kein Sägen, kein Hämmern, kein Baumaterial.

Das innen und aussen unter Denkmalschutz stehende Jugendstil- bzw. Art-deko-Gebäude ist also ein Wrack, wird es bald auch eine Ruine sein?
Von neuem Leben ist jedenfalls keine  Spur.

Oder doch!

Bis 20. Januar dienen  die blinden Schaufenster einer Fotoausstellung: „La première Heure“ (die erste Stunde). 50 Grossaufnahmen  des Fotografen Thierry Bouët von Neugeborenen. Das älteste ist eine Dame: 55 Minuten.
Sie wird vielleicht die Wiedereröffnung der Samaritaine erleben.



 

www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich

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