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Januar 2008

ZEHN FUSSBALLFELDER FÜR DEN KÖNIG

Die place de la Concorde ist der letzte Königsplatz von Paris, aber selbst für einen König ist er drei Nummern zu gross, aber siehe da, für Paris ist er genau richtig !

Die Astronomen wissen es schon seit langem:
Die Sonne wird, bevor sie endgültig erlischt, sich gewaltig vergrössern. Offenbar verhält es sich mit dem Königsplatz der Nachfolger des Sonnenkönigs genauso. Die heutige place de la Concorde wurde ursprünglich für Ludwig XV angelegt und war nach der Französischen Revolution sogar einmal vier kurze Jahre lang (1826-1830) Ludwig XVI gewidmet ( ein Schild ist heute noch am Anfang der rue Boissy d’Anglas zu sehen).

Bisher waren die Königsplätze, ob rund oder dreieckig, vier – oder achteckig, auf jeden Fall überschaubar, einheitlich, einem strengen architektonischen Plan unterworfen.

Mit Ludwig XV (1710 – 1774) wird das alles ganz anders. Mit dem Riesenareal am westlichen Ende des Parks des Tuilerienschlosses, 84 000m2!, hatte schon Ludwig XIV einiges vorgehabt. Sein Landschaftsarchitekt André Lenôtre legte hier bereits eine Allee an, die späteren Champs-Elysées. Dabei blieb es jedoch vorläufig, Ludwig XIV waren andere Schauplätze wichtiger, es interessierten ihn ja kaum die eigenen Königsplätze in Paris, wie wir gesehen haben.

JACQUES ANGE GABRIEL BAUT ZWEI PALÄSTE USW.

Auf diesem weiten Feld also sollte der Platz Ludwigs XV entstehen,

Der Hofarchitekt Ludwigs XV, Jacques Ange Gabriel (1698 – 1782), hatte zwar grandiose Pläne, angesichts der Ausmasse des Bauplatzes war allerdings an eine geschlossene Bebauung rundherum ohnehin nicht zu denken. Abgesehen davon verbot es sich begreiflicher Weise, im Süden den Blick auf die Seine zu verstellen. Aber auch sonst musste Jacques Ange Gabriel auf seinem Reissbrett den Rotstift ansetzen. So grenzenlos auch der Bauplatz war, so begrenzt waren die Mittel des Königs. Gabriel machte aus der Not eine Tugend und erfand die architektonische Variante des usw. !

Er entwarf für die Nordseite des Platzes zwei Paläste, die in ihrer neoklassizistischen Schönheit und Spiegelbildlichkeit nach wie vor eines der prunkvollsten Beispiele der Weltarchitektur darstellen und die auch ihr Vorbild, die Kolonnade des Louvre, in den tiefsten Schatten relegieren. Das Urteil der Ansichtskartenverlage ist da unerbitterlich.

Im rechten, also östlichen Palais, ist heute das Marineministerium untergebracht, im linken das Spitzenhotel Crillon, in dem sich auch wieder das für einen Königsplatz obligate Luxusrestaurant befindet . Es heisst übrigens genauso wie ein Bild von Hans Holbein: ’Les Ambassadeurs’ . Besonders hervorhebenswert ist die Weinkarte des Kellermeisters David Biraud. Für Paris eher unüblich ist die Auswahl der Weine, sie ist erstaunlich international, auch zwei Weissweine von Erich und Walter Polz aus Ratsch an der Weinstrasse, Steiermark, haben Eingang in die exklusive Selektion gefunden.

Nach der Fertigstellung der beiden Paläste war aber Ebbe in der königlichen Schatulle und Gabriel musste sich damit begnügen, das ungefähr zehn Fussballfelder grosse Gelände mit einer hüfthohen steinernen Balustrade einzugrenzen, was eben nichts anderes heisst, als ……. usw .

Edme Bouchardon (1698 –1762) bekam den Auftrag für das Reiterstandbild von Ludwig XV, der nicht wie sein Urgrossvater Ludwig XIV den Beinamen ‘Le Magnifique’ bekam, sondern, eher schmeichelhaft, ‘le Bien –Aimé’, der Wohlgeliebte, genannt wurde. Merkwürdiger Weise hatte er dieses Sympathiekapital verhältnismässig schnell verspielt. Merkwürdiger Weise. Denn eigentlich hatte Frankreich unter seiner langen Regierungszeit eine fast ebenso lange Friedensperiode. Gerade in den österreichischen Erbfolgekrieg (1740 – 1748) hatte er sich noch notgedrungen hineinziehen lassen, war aus diesem nicht einmal so schlecht ausgestiegen, dann aber reichte es ihm schon. Keine Spur mehr von den endlosen Kriegszügen seines Vorgängers. Das Volk wurde wohl weiterhin zur Ader gelassen, um Eroberungen zu finanzieren, das waren aber fortan ausschliesslich feminine, Mme de Pompadour und Mme du Barry sind in die Geschichte eingegangen.

Jetzt allerdings hatten die Leute den Eindruck, schlecht, oder schlimmer noch, gar nicht regiert zu werden. Mit dem Königtum ging’s bergab!

DER KÖNIGSPLATZ WIRD RICHTPLATZ DES KÖNIGS

Die place Louis XV, heute place de la Concorde, ist der sicher meistfotografierte Platz von Paris. In jeder Himmelsrichtung eröffnet sich eine atemberaubende Perspektive ! Zunächst aber ist dieser Platz der Ort des Niedergangs und des Scheiterns der französischen Monarchie. So gut wie keine der heute bestaunten Perspektiven war von Anfang an geplant, da waren nur die beiden Paläste von Gabriel, die rue Royale, die zwischen den beiden ihren Ausgang nimmt und an deren Ende damals gerade die Baugrube für eine neue Kirche ausgehoben wurde.

Sonst nur mehr die Balustrade und die Reiterstatue. Die blieb aber nicht lange stehen. Sie hatte zwar einen soliden Sockel von Chalgrin bekommen, dem späteren Erbauer des Triumphbogens, aber es nützte alles nichts, mit dem Königtum ging es sogar sehr schnell bergab, die place Louis XV wurde place de la Révolution und Ross und Reiter wanderten in den Schmelzofen. Das Unheil nahm seinen Lauf: der Nachfolger von Ludwig XV le Bien-Aimé, sein Enkel Ludwig XVI war genauso wenig aimé, er war geradezu verhasst und wurde schliesslich hier enthauptet (Jan 1793). Er war nicht der Einzige.
Rund die Hälfte der Hinrichtungen während der Französischen Revolution (insgesamt 2400) fand hier statt.
Die nunmehrige place de la Révolution jedoch, die ab 1795 zum ersten Mal place de la Concorde heisst, beginnt jetzt erst sich städtebaulich zu entpuppen.

DIE NORD-SÜD-ACHSE NIMMT GESTALT AN

Inzwischen war die Kirche am Ende der rue Royale fast fertig. Aber der Kirchenbau war nicht das Hauptanliegen der Revolutionäre, ganz im Gegenteil. Napoleon hatte eine bessere Idee: Paris brauchte dringend einen Tempel zu Ehren der Armee, die halbfertige Kirche wurde daher abgerissen und ein Tempel an deren Stelle errichtet, mit stattlichen Säulen, versteht sich. Denn wenn die Revolution auch so gut wie mit allen Traditionen gebrochen hatte, der Neoklassizismus blieb weiterhin architektonischer Standard. Nach der napoleonischen Ära wurde der Tempel wieder in eine Kirche umgewidmet : die église de la Madeleine.

Im Süden, genau am Ende der Achse rue Royale- place Louis XV/de la Révolution/de la Concorde stand schon seit ungefähr 80 Jahren, seit 1722 um genau zu sein, ein Palais, das bereits der Vater von Jacques Ange Gabriel, Jacques V Gabriel, für eine legitimierte Tochter Ludwigs XIV errichtet hatte. Das Palais hatte daher den Namen der Dynastie bekommen: palais Bourbon.

Mit dem gewaltsamen Ende der Monarchie 1792/93 ging das Gebäude in den Besitz der Republik über und beherbergt seither das französische Parlament.
Es heisst nunmehr Palais-Bourbon, man beachte den Unterschied.
Napoleon I war nicht der Mann, sich bei Bindestrichen aufzuhalten, mit dem sagenhaften Gefühl für Stadtentwicklung, das alle französischen Regenten auszeichnete, ordnete er vor dem Parlament den Bau einer Kolonnade an, spiegelbildlich zum Tempel der rue Royale, dem Gesetz der Symmetrie eines Königsplatzes in genialer Weise entsprechend.

DIE OST-WEST-ACHSE AUCH, SIE WEISS ES ABER NICHT

Ohne es allerdings zu beabsichtigen, legte der erste Kaiser der Franzosen auch noch den Grundstein für die Symmetrie der Ost-West-Achse.

Zu Ehren der Armee bestand neben einem Tempel noch ein dringender Bedarf an Triumphbögen. Ungefähr 700 m im Osten des Platzes liess der Kaiser im Hof des Louvre den kleinen Triumphbogen (arc du Carrousel) zum Gedenken an den Sieg von Austerlitz (1806) erbauen, 2 km westlich, am Ende der Champs-Elysées den wesentlich grösseren Arc de Triomphe, der aber, bedingt durch die dreifache Entfernung mit dem viel kleineren arc du Carrousel perfekt harmoniert.

Schon wieder genial ?
Auf jeden Fall. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Napoleon es weder wissen noch sich vorstellen konnte, dass man den arc du Carrousel je von der place de la Concorde aus würde sehen können. Der kleine Triumphbogen stand nämlich hinter dem Tuilerienschloss, das über 60 Jahre später während der Commune de Paris (1871) in Flammen aufging und dessen Ruine schliesslich von der 3. Republik geschleift wurde (1883). Erst damit war der Blick auf beide Triumphbögen frei.

Zwei Nebengebäuden des abgebrannten Schlosses verdankt die place de la Concorde auf der Ostseite noch eine weitere Symmetrie: Napoleon III, Neffe von Napoleon I, zweiter und auch letzter Kaiser der Franzosen, liess in den 1850er Jahren das Jeu de Paume und die Orangerie bauen.

Nach der – allerdings nur vorübergehenden- Wiedereinführung der Monarchie wurden die von den Revolutionären eingschmolzenen Königsstatuen durch neue ersetzt, nur auf der place Vendôme blieb die napoleonische Siegessäule stehen, aber

FÜR DIE PLACE DE LA CONCORDE ERGAB SICH ETWAS ZEITLOSERES

Spätestens seit Napoleons Ägyptenfeldzug (1799) hat Frankreich einen besonderen Draht zum Niltal. Metrostationen, Strassennamen, viele Monumente , Haussfassaden und selbstverständlich auch Ming Peis Pyramide vor dem Louvre legen dafür ein beredtes Zeugnis ab.
Freilich, letzten Endes hatte in Ägypten England sowohl militärisch wie auch politisch die Nase vorn.

Es war jedoch ein Franzose, Jean François Champollion, dem es nach jahrzehntelanger Arbeit zwischen 1810 und 1830 gelungen war, mit Hilfe des Steins von Rosetta die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern und damit der Welt, allen voran den Ägyptern selbst, die Geschichte der Pharaonen zugänglich zu machen.

Als Dank für diese kulturhistorische Leistung schenkte der ägyptische Vize-König Méhémet Ali 1831 dem französischen Staat zwei Obelisken von Louxor. Nur einer von beiden wurde tatsächlich nach Frankreich transportiert, allein das war jedenfalls schon eine technologische Meisterleistung.

Die 23m hohe und 230 Tonnen schwere Steinsäule musste in Louxor vorsichtigst umgelegt, dann mit einem eigens dafür gebauten Schiff nach Paris gebracht werden. Wie das genau vor sich ging, ist als Schema in den Sockel eingemeisselt, anschaulicher noch zeigt diese Bravourleistung ein Modellbau im Marinemuseum am Trocadéro.
Was man freilich nicht mehr sieht:
Die Aufstellung selbst am 25. Oktober 1836 war ein Volksfest, die place de la Concorde, sie hiess nach der kurzfristigen Umbenennung in place Louis XVI nun endgültig so, war schwarz von Menschen, die Ehrentribüne des Königs (Ludwig-Philipp) hatte man freilich in sicherer Entfernung aufgestellt.

Eine Vorstellung von diesem Ereignis gibt uns das Ölbild von François Dubois, das im musée Carnavalet, dem Museum für Stadtgeschichte, hängt.


der steinerne Sonnenstrahl strahlt für die Republikaner und die Monarchisten ebenso

Der 3000 Jahre alte Stein war ein Glücksfall für den historisch hochsensiblen Platz. Seit über 170 Jahren ist er nun von der place de la Concorde nicht mehr wegzudenken. Und weil ein Obelisk das steinerne Symbol für einen Sonnenstrahl ist, wurde seine Spitze, das Pyramidon, 1998 neu vergoldet.

Anfangs stand er wohl etwas einsam auf dem weiten Feld, umso mehr als er sich in Louxor 3000 Jahre lang in fideler Gesellschaft befunden hatte, vier freudig erregte männliche Affen aus rosa Granit sassen um den Sockel herum, um die auf- und untergehende Sonne zu begrüssen. Diese Affen waren nach Paris mitgekommen, weil aber ihre freudige Erregung allzu sichtbar war und zur Befürchtung Anlass gab, die Pariser und die Pariserinnen könnten daran Anstoss nehmen (Georges Brassens sah dieses Risiko schliesslich, allerdings auf einen Gorilla bezogen, 100 Jahre später genauso), verschwanden die Äffchen schleunigst in den Louvre, wo sie auch heute noch sind.

Der Kölner Architekt Jakob Ignatz Hittorf(1792 – 1867), der als Jacques Ignace in Paris reüssierte, hatte einen unverdächtigeren Einfall:
Er liess zwei Springbrunnen aufstellen, diese wurden am 1. Mai 1840 eingeweiht und verliehen dem Obelisken einen würdigen Rahmen . Das Vorbild dafür hatte Hittorf sich vom Petersplatz in Rom geholt, in der Ausführung verankerte er die beiden Brunnen fest in der Pariser Geschichte: Die Stadt verdankt ihre Entwicklung der Schiffahrt, der Flussschiffahrt natürlich zu allererst, aber auch die Nähe zum Meer war für Paris immer von entscheidender Bedeutung. Daher hat Paris ja auch ein Schiff als Wappen.


Fluss oder Meer?

Welcher von den beiden Brunnen die Meeres- und welcher die Flussschiffahrt darstellt, das entdeckt der aufmerksame Spaziergänger jedoch am besten selbst. Keines detektivischen Spürsinns bedarf es hingegen, um die Allegorien der französischen Städte richtig zu identifizieren, die sich an den acht Ecken der Balustrade befnden. Ganz einfach deswegen, weil das in grossen Lettern dransteht (Brest, Rouen, Lyon Marseille, Bordeaux, Nantes, Lille, Strassburg).
Sonst wäre es sicher viel schwieriger. Alle Städte werden jedenfalls von stattlichen Damen repräsentiert, wehrhaft die einen, ein reiches Füllhorn ausschüttend die anderen, die mediterrane Frau Marseille durfte auf einem Schiff Platz nehmen und grüsst so vom Deck aus das nordmeerorientierte Paris.

Weil aber all das für den Riesenplatz noch immer zu wenig war, griff Hittorf noch einmal die Seefahrtsymbolik auf. Entlang der Balustrade liess er 16 Rostralsäulen, Schiffschnabelsäulen also, errichten, wofür er sich das Modell aus einer anderen, freilich nicht immer eisfreien Hafenstadt geholt hat: Sankt Petersburg.

Damit hatte die place de la Concorde nach ihrem endgültigen Namen auch ihre endgültige Gestalt bekommen.
Naja, wenn man davon absieht, dass ein so grosszügig angelegter Platz den Autoverkehr des 20. Jahrhunderts wie ein Staubsauger anziehen musste. Stünde Ludwig XV heute noch da, sein Standbild bedürfte einer Korrektur: er müsste sich Ohren und Nase zuhalten.


Auch ohne TV-Kamera kommt man durch

ARD- Korrespondent Ulrich Wickert wählte daher 1984 die place de la Concorde um den deutschen Fernsehern vorzuführen, wie die Pariser Fussgänger auch bei tosendstem Verkehr, ohne sich um eine Ampel zu kümmern, die Strasse überqueren. Was in deutschen Augen wie sicherer Selbstmord aussieht, endet jedoch in Paris mit der wohlbehaltenen Ankunft auf dem anderen Ufer.
Nur, wie Doineaus weltberühmter ‘Kuss vor dem Rathaus’ so war Wickerts Reportage, wie er uns mittlerweile verraten hat, gestellt !
Dennoch, es wird vor dem Pariser Rathaus auch tatsächlich, spontan und ohne Gage geküsst, genauso wird die place de la Concorde von mindestens ebenso viel Leuten bei rot überquert wie sich vor dem Rathaus küssen.
Und sie leben und küssen alle noch.

Ihr Wolfgang Friedrich

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