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ZEHN FUSSBALLFELDER FÜR DEN KÖNIG
Die place de la Concorde ist der letzte Königsplatz
von Paris, aber selbst für einen König ist er
drei Nummern zu gross, aber siehe da, für Paris ist
er genau richtig !
Die Astronomen wissen es schon seit langem:
Die Sonne wird, bevor sie endgültig erlischt, sich
gewaltig vergrössern. Offenbar verhält es sich
mit dem Königsplatz der Nachfolger des Sonnenkönigs
genauso. Die heutige place de la Concorde wurde ursprünglich
für Ludwig XV angelegt und war nach der Französischen
Revolution sogar einmal vier kurze Jahre lang (1826-1830)
Ludwig XVI gewidmet ( ein Schild ist heute noch am Anfang
der rue Boissy d’Anglas zu sehen).
Bisher waren die Königsplätze, ob rund oder dreieckig,
vier – oder achteckig, auf jeden Fall überschaubar,
einheitlich, einem strengen architektonischen Plan unterworfen.
Mit Ludwig XV (1710 – 1774) wird das alles ganz anders.
Mit dem Riesenareal am westlichen Ende des Parks des Tuilerienschlosses,
84 000m2!, hatte schon Ludwig XIV einiges vorgehabt. Sein
Landschaftsarchitekt André Lenôtre legte hier
bereits eine Allee an, die späteren Champs-Elysées.
Dabei blieb es jedoch vorläufig, Ludwig XIV waren andere
Schauplätze wichtiger, es interessierten ihn ja kaum
die eigenen Königsplätze in Paris, wie wir gesehen
haben.
JACQUES ANGE GABRIEL BAUT ZWEI PALÄSTE USW.
Auf diesem weiten Feld also sollte der Platz Ludwigs XV
entstehen,
Der Hofarchitekt Ludwigs XV, Jacques Ange Gabriel (1698
– 1782), hatte zwar grandiose Pläne, angesichts
der Ausmasse des Bauplatzes war allerdings an eine geschlossene
Bebauung rundherum ohnehin nicht zu denken. Abgesehen davon
verbot es sich begreiflicher Weise, im Süden den Blick
auf die Seine zu verstellen. Aber auch sonst musste Jacques
Ange Gabriel auf seinem Reissbrett den Rotstift ansetzen.
So grenzenlos auch der Bauplatz war, so begrenzt waren die
Mittel des Königs. Gabriel machte aus der Not eine
Tugend und erfand die architektonische Variante des usw.
!
Er entwarf für die Nordseite des Platzes zwei Paläste,
die in ihrer neoklassizistischen Schönheit und Spiegelbildlichkeit
nach wie vor eines der prunkvollsten Beispiele der Weltarchitektur
darstellen und die auch ihr Vorbild, die Kolonnade des Louvre,
in den tiefsten Schatten relegieren. Das Urteil der Ansichtskartenverlage
ist da unerbitterlich.
Im rechten, also östlichen Palais, ist heute das Marineministerium
untergebracht, im linken das Spitzenhotel Crillon, in dem
sich auch wieder das für einen Königsplatz obligate
Luxusrestaurant befindet . Es heisst übrigens genauso
wie ein Bild von Hans Holbein: ’Les Ambassadeurs’
. Besonders hervorhebenswert ist die Weinkarte des Kellermeisters
David Biraud. Für Paris eher unüblich ist die
Auswahl der Weine, sie ist erstaunlich international, auch
zwei Weissweine von Erich und Walter Polz aus Ratsch an
der Weinstrasse, Steiermark, haben Eingang in die exklusive
Selektion gefunden.
Nach der Fertigstellung der beiden Paläste war aber
Ebbe in der königlichen Schatulle und Gabriel musste
sich damit begnügen, das ungefähr zehn Fussballfelder
grosse Gelände mit einer hüfthohen steinernen
Balustrade einzugrenzen, was eben nichts anderes heisst,
als ……. usw .
Edme Bouchardon (1698 –1762) bekam den Auftrag für
das Reiterstandbild von Ludwig XV, der nicht wie sein Urgrossvater
Ludwig XIV den Beinamen ‘Le Magnifique’ bekam,
sondern, eher schmeichelhaft, ‘le Bien –Aimé’,
der Wohlgeliebte, genannt wurde. Merkwürdiger Weise
hatte er dieses Sympathiekapital verhältnismässig
schnell verspielt. Merkwürdiger Weise. Denn eigentlich
hatte Frankreich unter seiner langen Regierungszeit eine
fast ebenso lange Friedensperiode. Gerade in den österreichischen
Erbfolgekrieg (1740 – 1748) hatte er sich noch notgedrungen
hineinziehen lassen, war aus diesem nicht einmal so schlecht
ausgestiegen, dann aber reichte es ihm schon. Keine Spur
mehr von den endlosen Kriegszügen seines Vorgängers.
Das Volk wurde wohl weiterhin zur Ader gelassen, um Eroberungen
zu finanzieren, das waren aber fortan ausschliesslich feminine,
Mme de Pompadour und Mme du Barry sind in die Geschichte
eingegangen.
Jetzt allerdings hatten die Leute den Eindruck, schlecht,
oder schlimmer noch, gar nicht regiert zu werden. Mit dem
Königtum ging’s bergab!
DER KÖNIGSPLATZ WIRD RICHTPLATZ DES KÖNIGS
Die place Louis XV, heute place de la Concorde, ist der
sicher meistfotografierte Platz von Paris. In jeder Himmelsrichtung
eröffnet sich eine atemberaubende Perspektive ! Zunächst
aber ist dieser Platz der Ort des Niedergangs und des Scheiterns
der französischen Monarchie. So gut wie keine der heute
bestaunten Perspektiven war von Anfang an geplant, da waren
nur die beiden Paläste von Gabriel, die rue Royale,
die zwischen den beiden ihren Ausgang nimmt und an deren
Ende damals gerade die Baugrube für eine neue Kirche
ausgehoben wurde.
Sonst nur mehr die Balustrade und die Reiterstatue. Die
blieb aber nicht lange stehen. Sie hatte zwar einen soliden
Sockel von Chalgrin bekommen, dem späteren Erbauer
des Triumphbogens, aber es nützte alles nichts, mit
dem Königtum ging es sogar sehr schnell bergab, die
place Louis XV wurde place de la Révolution und Ross
und Reiter wanderten in den Schmelzofen. Das Unheil nahm
seinen Lauf: der Nachfolger von Ludwig XV le Bien-Aimé,
sein Enkel Ludwig XVI war genauso wenig aimé, er
war geradezu verhasst und wurde schliesslich hier enthauptet
(Jan 1793). Er war nicht der Einzige.
Rund die Hälfte der Hinrichtungen während der
Französischen Revolution (insgesamt 2400) fand hier
statt.
Die nunmehrige place de la Révolution jedoch, die
ab 1795 zum ersten Mal place de la Concorde heisst, beginnt
jetzt erst sich städtebaulich zu entpuppen.
DIE NORD-SÜD-ACHSE NIMMT GESTALT AN
Inzwischen war die Kirche am Ende der rue Royale fast fertig.
Aber der Kirchenbau war nicht das Hauptanliegen der Revolutionäre,
ganz im Gegenteil. Napoleon hatte eine bessere Idee: Paris
brauchte dringend einen Tempel zu Ehren der Armee, die halbfertige
Kirche wurde daher abgerissen und ein Tempel an deren Stelle
errichtet, mit stattlichen Säulen, versteht sich. Denn
wenn die Revolution auch so gut wie mit allen Traditionen
gebrochen hatte, der Neoklassizismus blieb weiterhin architektonischer
Standard. Nach der napoleonischen Ära wurde der Tempel
wieder in eine Kirche umgewidmet : die église de
la Madeleine.
Im Süden, genau am Ende der Achse rue Royale- place
Louis XV/de la Révolution/de la Concorde stand schon
seit ungefähr 80 Jahren, seit 1722 um genau zu sein,
ein Palais, das bereits der Vater von Jacques Ange Gabriel,
Jacques V Gabriel, für eine legitimierte Tochter Ludwigs
XIV errichtet hatte. Das Palais hatte daher den Namen der
Dynastie bekommen: palais Bourbon.
Mit dem gewaltsamen Ende der Monarchie 1792/93 ging das
Gebäude in den Besitz der Republik über und beherbergt
seither das französische Parlament.
Es heisst nunmehr Palais-Bourbon, man beachte den Unterschied.
Napoleon I war nicht der Mann, sich bei Bindestrichen aufzuhalten,
mit dem sagenhaften Gefühl für Stadtentwicklung,
das alle französischen Regenten auszeichnete, ordnete
er vor dem Parlament den Bau einer Kolonnade an, spiegelbildlich
zum Tempel der rue Royale, dem Gesetz der Symmetrie eines
Königsplatzes in genialer Weise entsprechend.
DIE OST-WEST-ACHSE AUCH, SIE WEISS ES ABER NICHT
Ohne es allerdings zu beabsichtigen, legte der erste Kaiser
der Franzosen auch noch den Grundstein für die Symmetrie
der Ost-West-Achse.
Zu Ehren der Armee bestand neben einem Tempel noch ein
dringender Bedarf an Triumphbögen. Ungefähr 700
m im Osten des Platzes liess der Kaiser im Hof des Louvre
den kleinen Triumphbogen (arc du Carrousel) zum Gedenken
an den Sieg von Austerlitz (1806) erbauen, 2 km westlich,
am Ende der Champs-Elysées den wesentlich grösseren
Arc de Triomphe, der aber, bedingt durch die dreifache Entfernung
mit dem viel kleineren arc du Carrousel perfekt harmoniert.
Schon wieder genial ?
Auf jeden Fall. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Napoleon
es weder wissen noch sich vorstellen konnte, dass man den
arc du Carrousel je von der place de la Concorde aus würde
sehen können. Der kleine Triumphbogen stand nämlich
hinter dem Tuilerienschloss, das über 60 Jahre später
während der Commune de Paris (1871) in Flammen aufging
und dessen Ruine schliesslich von der 3. Republik geschleift
wurde (1883). Erst damit war der Blick auf beide Triumphbögen
frei.
Zwei Nebengebäuden des abgebrannten Schlosses verdankt
die place de la Concorde auf der Ostseite noch eine weitere
Symmetrie: Napoleon III, Neffe von Napoleon I, zweiter und
auch letzter Kaiser der Franzosen, liess in den 1850er Jahren
das Jeu de Paume und die Orangerie bauen.
Nach der – allerdings nur vorübergehenden- Wiedereinführung
der Monarchie wurden die von den Revolutionären eingschmolzenen
Königsstatuen durch neue ersetzt, nur auf der place
Vendôme blieb die napoleonische Siegessäule stehen,
aber
FÜR DIE PLACE DE LA CONCORDE ERGAB SICH ETWAS ZEITLOSERES
Spätestens seit Napoleons Ägyptenfeldzug (1799)
hat Frankreich einen besonderen Draht zum Niltal. Metrostationen,
Strassennamen, viele Monumente , Haussfassaden und selbstverständlich
auch Ming Peis Pyramide vor dem Louvre legen dafür
ein beredtes Zeugnis ab.
Freilich, letzten Endes hatte in Ägypten England sowohl
militärisch wie auch politisch die Nase vorn.
Es war jedoch ein Franzose, Jean François Champollion,
dem es nach jahrzehntelanger Arbeit zwischen 1810 und 1830
gelungen war, mit Hilfe des Steins von Rosetta die ägyptischen
Hieroglyphen zu entziffern und damit der Welt, allen voran
den Ägyptern selbst, die Geschichte der Pharaonen zugänglich
zu machen.
Als Dank für diese kulturhistorische Leistung schenkte
der ägyptische Vize-König Méhémet
Ali 1831 dem französischen Staat zwei Obelisken von
Louxor. Nur einer von beiden wurde tatsächlich nach
Frankreich transportiert, allein das war jedenfalls schon
eine technologische Meisterleistung.
Die 23m hohe und 230 Tonnen schwere Steinsäule musste
in Louxor vorsichtigst umgelegt, dann mit einem eigens dafür
gebauten Schiff nach Paris gebracht werden. Wie das genau
vor sich ging, ist als Schema in den Sockel eingemeisselt,
anschaulicher noch zeigt diese Bravourleistung ein Modellbau
im Marinemuseum am Trocadéro.
Was man freilich nicht mehr sieht:
Die Aufstellung selbst am 25. Oktober 1836 war ein Volksfest,
die place de la Concorde, sie hiess nach der kurzfristigen
Umbenennung in place Louis XVI nun endgültig so, war
schwarz von Menschen, die Ehrentribüne des Königs
(Ludwig-Philipp) hatte man freilich in sicherer Entfernung
aufgestellt.
Eine Vorstellung von diesem Ereignis gibt uns das Ölbild
von François Dubois, das im musée Carnavalet,
dem Museum für Stadtgeschichte, hängt.

der steinerne Sonnenstrahl strahlt für die Republikaner
und die Monarchisten ebenso
Der 3000 Jahre alte Stein war ein Glücksfall für
den historisch hochsensiblen Platz. Seit über 170 Jahren
ist er nun von der place de la Concorde nicht mehr wegzudenken.
Und weil ein Obelisk das steinerne Symbol für einen
Sonnenstrahl ist, wurde seine Spitze, das Pyramidon, 1998
neu vergoldet.
Anfangs stand er wohl etwas einsam auf dem weiten Feld,
umso mehr als er sich in Louxor 3000 Jahre lang in fideler
Gesellschaft befunden hatte, vier freudig erregte männliche
Affen aus rosa Granit sassen um den Sockel herum, um die
auf- und untergehende Sonne zu begrüssen. Diese Affen
waren nach Paris mitgekommen, weil aber ihre freudige Erregung
allzu sichtbar war und zur Befürchtung Anlass gab,
die Pariser und die Pariserinnen könnten daran Anstoss
nehmen (Georges Brassens sah dieses Risiko schliesslich,
allerdings auf einen Gorilla bezogen, 100 Jahre später
genauso), verschwanden die Äffchen schleunigst in den
Louvre, wo sie auch heute noch sind.
Der Kölner Architekt Jakob Ignatz Hittorf(1792 –
1867), der als Jacques Ignace in Paris reüssierte,
hatte einen unverdächtigeren Einfall:
Er liess zwei Springbrunnen aufstellen, diese wurden am
1. Mai 1840 eingeweiht und verliehen dem Obelisken einen
würdigen Rahmen . Das Vorbild dafür hatte Hittorf
sich vom Petersplatz in Rom geholt, in der Ausführung
verankerte er die beiden Brunnen fest in der Pariser Geschichte:
Die Stadt verdankt ihre Entwicklung der Schiffahrt, der
Flussschiffahrt natürlich zu allererst, aber auch die
Nähe zum Meer war für Paris immer von entscheidender
Bedeutung. Daher hat Paris ja auch ein Schiff als Wappen.

Fluss oder Meer?
Welcher von den beiden Brunnen die Meeres- und welcher
die Flussschiffahrt darstellt, das entdeckt der aufmerksame
Spaziergänger jedoch am besten selbst. Keines detektivischen
Spürsinns bedarf es hingegen, um die Allegorien der
französischen Städte richtig zu identifizieren,
die sich an den acht Ecken der Balustrade befnden. Ganz
einfach deswegen, weil das in grossen Lettern dransteht
(Brest, Rouen, Lyon Marseille, Bordeaux, Nantes, Lille,
Strassburg).
Sonst wäre es sicher viel schwieriger. Alle Städte
werden jedenfalls von stattlichen Damen repräsentiert,
wehrhaft die einen, ein reiches Füllhorn ausschüttend
die anderen, die mediterrane Frau Marseille durfte auf einem
Schiff Platz nehmen und grüsst so vom Deck aus das
nordmeerorientierte Paris.
Weil aber all das für den Riesenplatz noch immer zu
wenig war, griff Hittorf noch einmal die Seefahrtsymbolik
auf. Entlang der Balustrade liess er 16 Rostralsäulen,
Schiffschnabelsäulen also, errichten, wofür er
sich das Modell aus einer anderen, freilich nicht immer
eisfreien Hafenstadt geholt hat: Sankt Petersburg.
Damit hatte die place de la Concorde nach ihrem endgültigen
Namen auch ihre endgültige Gestalt bekommen.
Naja, wenn man davon absieht, dass ein so grosszügig
angelegter Platz den Autoverkehr des 20. Jahrhunderts wie
ein Staubsauger anziehen musste. Stünde Ludwig XV heute
noch da, sein Standbild bedürfte einer Korrektur: er
müsste sich Ohren und Nase zuhalten.

Auch ohne TV-Kamera kommt man durch
ARD- Korrespondent Ulrich Wickert wählte daher 1984
die place de la Concorde um den deutschen Fernsehern vorzuführen,
wie die Pariser Fussgänger auch bei tosendstem Verkehr,
ohne sich um eine Ampel zu kümmern, die Strasse überqueren.
Was in deutschen Augen wie sicherer Selbstmord aussieht,
endet jedoch in Paris mit der wohlbehaltenen Ankunft auf
dem anderen Ufer.
Nur, wie Doineaus weltberühmter ‘Kuss vor dem
Rathaus’ so war Wickerts Reportage, wie er uns mittlerweile
verraten hat, gestellt !
Dennoch, es wird vor dem Pariser Rathaus auch tatsächlich,
spontan und ohne Gage geküsst, genauso wird die place
de la Concorde von mindestens ebenso viel Leuten bei rot
überquert wie sich vor dem Rathaus küssen.
Und sie leben und küssen alle noch.
Ihr Wolfgang Friedrich
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