Newsletter Jan 07

Um beim Bild zu bleiben:
DAS KERNHOLZ IST BEIM POSTAMT

Von den Befestigungen des 14. Jahrhunderts (Charles V), des 16. (François Ier), des 17. (Louis XIII), des 18. (Zollmauer von Louis XVI) und schließlich jener unseligen des 19. Jahrhunderts von Adolphe Thiers ist zwar so gut wie nichts übrig geblieben, sie haben aber klare Strukturen (Jahrhundertringe!) im Stadtplan hinterlassen.

Mit der ältesten Mauer verhält es sich genau umgekehrt.
Ihren Bau veranlasste Anfang des 13. Jahrhunderts König Philippe-Auguste. Den Resten dieses Bauwerks begegnet man bei einem Spaziergang durch die Innenstadt auf Schritt und Tritt, im Stadtplan jedoch erkennt man nicht die leiseste Spur, die Mauer wurde vom Wachstum der Stadt schlichtweg verdaut.
Im Süden, auf dem linken Seineufer, ist diese Stadtmauer übrigens nie durch einen neuen Wall ersetzt worden. Charles V, François Ier und Louis XIII kümmerten sich nur um das rechte Seineufer. Dort waren seit jeher der Handel und der Reichtum angesiedelt. Dieser Teil der Stadt boomte.

Am linken hingegen befanden sich zwar die beiden mächtigen Abteien Saint-Germain und Saint-Victor, die waren aber groß genug, um auf sich selber aufzupassen. Und sonst waren da ohnehin nur die Studenten. Für die reichte die Mauer aus dem 13. Jahrhundert allemal, bestenfalls wurde sie um 1500 durch einen Graben notdürftig an die neuen strategischen Erfordernisse angepasst. Auch dieser Stadtteil sollte einmal boomen, aber erst viel später, da war die Zeit für Stadtmauern schon vorbei.

Das Postamt in der rue Cardinal Lemoine n°30 im 5. Bezirk ist von überwältigender Einfallslosigkeit, wie dies für Bauten der 1960er Jahre typisch ist.

Dafür hat es eine Tiefgarage.

Bei den Aushubarbeiten stieß man 8m unter der Straßenoberfläche auf einen zu drei Viertel erhaltenen Rundbogen. Bauherren haben ja normalerweise mit solchen Entdeckungen wenig Freude und bezahlen gern eine Erdbewegungssonderschicht, bevor Altstadtkommissionen und Denkmalschützer auf dumme und vor allem teure Gedanken kommen. Die Post aber hatte es, diesmal zum Glück, weniger eilig. Der Bogen wurde sorgfältig freigelegt und von der herbeigeeilten Fachwelt unschwer identifiziert: Es handelte sich selbstverständlich um ein Teilstück der Mauer von Philippe-Auguste. Der Bogen hatte die Funktion, einen von den Mönchen der Abtei Saint-Victor angelegten Seitenkanal des Flüsschens Bièvre zu überbrücken. Die letzten Reste der Abtei sind vor über 200 Jahren verschwunden, der Kanal wurde im Zuge der Haussmannschen Arbeiten zugeschüttet und die Bièvre selbst muss sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Kanalrohren des 5. und 13. Bezirks begnügen.

Jetzt aber erinnert der Mauerbogen von Philippe-Auguste an alle diese Zeugen der Vergangenheit und die Post ermöglicht regelmäßig deren Besichtigung.

Das heißt aber nicht, dass man jedes Mal so weit hinuntersteigen muss, um eines Teils der Mauer ansichtig zu werden. Von den zahlreichen, ja sogar zahllosen Beispielen möchte ich jetzt nur noch das eindrucksvollste herausgreifen:
Überqueren wir die Seine Richtung Norden, vorbei an der Kathedrale Notre-Dame de Paris, die übrigens zur Zeit von Philippe-Auguste auch gerade in Bau war. Auf der anderen Seite, im 4. Bezirk, im rechten Winkel zur rue Charlemagne, in den Jardins Saint-Paul, steht das längste erhaltene Teilstück, es wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg beim Abriss eines nicht mehr sanierbaren Viertels freigelegt.

Hier gewinnt man eine Vorstellung vom Aussehen der Befestigungsanlage: eine bis zu 9m hohe Mauer mit ungefähr 14m hohen Wehrtürmen alle 60 – 70m. In den Jardins Saint-Paul handelt es sich genau genommen nur um die Außenmauer, denn tatsächlich bestand das Bauwerk aus zwei parallelen Mauern, der etwa drei Meter breite Zwischenraum war mit Bauschutt und Mörtel aufgefüllt. Bei der Verbauung in den späteren Jahrhunderten wurde dann meist nur eine der beiden Mauern abgerissen, um Platz zu gewinnen, während man die andere Mauer vorteilhaft in die Bausubstanz einbeziehen konnte. Und die Türme, einmal ausgehöhlt, entkernt, eigneten sich hervorragend als Treppenhäuser. Das ist mit ein Grund, warum von dieser Mauer noch so viel erhalten ist.

PHILIPPE- AUGUSTE BAUTE AUCH DEN LOUVRE, HATTE ABER KEIN MUSEUM IM SINN

Nicht einmal ein Schloss.
Sondern eine Festung, eine Burg zur Absicherung der Stadtmauer im Westen, also auf der Seite, wo man den Feind erwartete. 400 Jahre vorher waren hier die Normannen mit ihren Draken auf der


Der Louvre um 1200

Seine kommend in die Stadt eingefallen. Und jetzt fingen die Normannen schon wieder an Übles im Schilde zu führen. Zwar waren sie mittlerweile Franzosen geworden, sie hatten aber in der Zwischenzeit die britische Insel erobert und waren gerade dabei langsam zu Engländern zu mutieren. Noch aber fühlten sie sich als Franzosen, sprachen Französisch, ließen sich auch vorzugsweise in Frankreich bestatten. Die Normandie war nach wie vor ihr Kernland, und die begann ja und beginnt auch heute noch keine 60 km nordwestlich von Paris. Dass ihr Appetit auf den Thron in Paris immer größer wurde, lag also in der Natur der Sache. Der Kapetinger Philippe-Auguste, dessen Vorgänger sich in den letzten 200 Jahren erst mühsam die Vorherrschaft in der Ile-de-France gesichert hatten, war gut beraten auf der Hut zu sein.

Und das umso mehr, als der franko-normannische englische König, so gut wie unmittelbar vor den Toren von Paris, aber schon in der Normandie, eine uneinnehmbare Festung errichtet hatte: Le château Gaillard in Les Andelys. Der englische König, der von dort aus Paris sozusagen in Reichweite hatte, war niemand anderer als der legendäre Richard Löwenherz. Kein Wunder daher, dass Philippe-Auguste hocherfreut war, als er erfuhr, dass sein Widersacher für längere Zeit ungeplanter Weise in der Wachau weilte!

Heute sind von der Festung von Richard Löwenherz noch eindrucksvolle Ruinen zu besichtigen, die Burg von Philippe-Auguste ist bis auf die Fundamente verschwunden. Sie befand sich in der südwestlichen Ecke der Cour carrée des Louvre. Wenn man unterhalb der Eingangspyramide den Pavillon Sully betritt, gelangt man gleich zu den wuchtigen Mauerresten.

Es dauerte nach Philippe-Auguste noch gute 250 Jahre, bis die Kompetenzstreitigkeiten zwischen Franzosen und Engländern endlich geklärt waren, dann konnte das château Gaillard in Ruhe verfallen, die Burg in Paris wurde aber geschleift und an ihrer Stelle begann François Ier die Königliche Residenz zu bauen.
Mittlerweile ist allerdings der Bedarf an Königlichen Residenzen auch dramatisch gesunken, und so wurde der Louvre schließlich, was er heute ist: das größte Museum der Welt.

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Wolfgang Friedrich

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