Um beim Bild zu bleiben:
DAS KERNHOLZ IST BEIM POSTAMT
Von den Befestigungen des 14. Jahrhunderts (Charles V),
des 16. (François Ier), des 17. (Louis XIII), des
18. (Zollmauer von Louis XVI) und schließlich jener
unseligen des 19. Jahrhunderts von Adolphe Thiers ist zwar
so gut wie nichts übrig geblieben, sie haben aber klare
Strukturen (Jahrhundertringe!) im Stadtplan hinterlassen.
Mit der ältesten Mauer verhält es sich genau
umgekehrt.
Ihren Bau veranlasste Anfang des 13. Jahrhunderts König
Philippe-Auguste. Den Resten dieses Bauwerks begegnet man
bei einem Spaziergang durch die Innenstadt auf Schritt und
Tritt, im Stadtplan jedoch erkennt man nicht die leiseste
Spur, die Mauer wurde vom Wachstum der Stadt schlichtweg
verdaut.
Im Süden, auf dem linken Seineufer, ist diese Stadtmauer
übrigens nie durch einen neuen Wall ersetzt worden.
Charles V, François Ier und Louis XIII kümmerten
sich nur um das rechte Seineufer. Dort waren seit jeher
der Handel und der Reichtum angesiedelt. Dieser Teil der
Stadt boomte.
Am linken hingegen befanden sich zwar die beiden mächtigen
Abteien Saint-Germain und Saint-Victor, die waren aber groß
genug, um auf sich selber aufzupassen. Und sonst waren da
ohnehin nur die Studenten. Für die reichte die Mauer
aus dem 13. Jahrhundert allemal, bestenfalls wurde sie um
1500 durch einen Graben notdürftig an die neuen strategischen
Erfordernisse angepasst. Auch dieser Stadtteil sollte einmal
boomen, aber erst viel später, da war die Zeit für
Stadtmauern schon vorbei.
Das Postamt in der rue Cardinal Lemoine n°30 im 5.
Bezirk ist von überwältigender Einfallslosigkeit,
wie dies für Bauten der 1960er Jahre typisch ist.
Dafür hat es eine Tiefgarage.
Bei den Aushubarbeiten stieß man 8m unter der Straßenoberfläche
auf einen zu drei Viertel erhaltenen Rundbogen. Bauherren
haben ja normalerweise mit solchen Entdeckungen wenig Freude
und bezahlen gern eine Erdbewegungssonderschicht, bevor
Altstadtkommissionen und Denkmalschützer auf dumme
und vor allem teure Gedanken kommen. Die Post aber hatte
es, diesmal zum Glück, weniger eilig. Der Bogen wurde
sorgfältig freigelegt und von der herbeigeeilten Fachwelt
unschwer identifiziert: Es handelte sich selbstverständlich
um ein Teilstück der Mauer von Philippe-Auguste. Der
Bogen hatte die Funktion, einen von den Mönchen der
Abtei Saint-Victor angelegten Seitenkanal des Flüsschens
Bièvre zu überbrücken. Die letzten Reste
der Abtei sind vor über 200 Jahren verschwunden, der
Kanal wurde im Zuge der Haussmannschen Arbeiten zugeschüttet
und die Bièvre selbst muss sich seit Beginn des 20.
Jahrhunderts mit den Kanalrohren des 5. und 13. Bezirks
begnügen.
Jetzt aber erinnert der Mauerbogen von Philippe-Auguste
an alle diese Zeugen der Vergangenheit und die Post ermöglicht
regelmäßig deren Besichtigung.
Das heißt aber nicht, dass man jedes Mal so weit
hinuntersteigen muss, um eines Teils der Mauer ansichtig
zu werden. Von den zahlreichen, ja sogar zahllosen Beispielen
möchte ich jetzt nur noch das eindrucksvollste herausgreifen:
Überqueren wir die Seine Richtung Norden, vorbei an
der Kathedrale Notre-Dame de Paris, die übrigens zur
Zeit von Philippe-Auguste auch gerade in Bau war. Auf der
anderen Seite, im 4. Bezirk, im rechten Winkel zur rue Charlemagne,
in den Jardins Saint-Paul, steht das längste erhaltene
Teilstück, es wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
beim Abriss eines nicht mehr sanierbaren Viertels freigelegt.

Hier gewinnt man eine Vorstellung vom Aussehen der Befestigungsanlage:
eine bis zu 9m hohe Mauer mit ungefähr 14m hohen Wehrtürmen
alle 60 – 70m. In den Jardins Saint-Paul handelt es
sich genau genommen nur um die Außenmauer, denn tatsächlich
bestand das Bauwerk aus zwei parallelen Mauern, der etwa
drei Meter breite Zwischenraum war mit Bauschutt und Mörtel
aufgefüllt. Bei der Verbauung in den späteren
Jahrhunderten wurde dann meist nur eine der beiden Mauern
abgerissen, um Platz zu gewinnen, während man die andere
Mauer vorteilhaft in die Bausubstanz einbeziehen konnte.
Und die Türme, einmal ausgehöhlt, entkernt, eigneten
sich hervorragend als Treppenhäuser. Das ist mit ein
Grund, warum von dieser Mauer noch so viel erhalten ist.
PHILIPPE- AUGUSTE BAUTE AUCH DEN LOUVRE, HATTE ABER KEIN
MUSEUM IM SINN
Nicht einmal ein Schloss.
Sondern eine Festung, eine Burg zur Absicherung der Stadtmauer
im Westen, also auf der Seite, wo man den Feind erwartete.
400 Jahre vorher waren hier die Normannen mit ihren Draken
auf der
Der Louvre um 1200
Seine kommend in die Stadt eingefallen. Und jetzt fingen
die Normannen schon wieder an Übles im Schilde zu führen.
Zwar waren sie mittlerweile Franzosen geworden, sie hatten
aber in der Zwischenzeit die britische Insel erobert und
waren gerade dabei langsam zu Engländern zu mutieren.
Noch aber fühlten sie sich als Franzosen, sprachen
Französisch, ließen sich auch vorzugsweise in
Frankreich bestatten. Die Normandie war nach wie vor ihr
Kernland, und die begann ja und beginnt auch heute noch
keine 60 km nordwestlich von Paris. Dass ihr Appetit auf
den Thron in Paris immer größer wurde, lag also
in der Natur der Sache. Der Kapetinger Philippe-Auguste,
dessen Vorgänger sich in den letzten 200 Jahren erst
mühsam die Vorherrschaft in der Ile-de-France gesichert
hatten, war gut beraten auf der Hut zu sein.
Und das umso mehr, als der franko-normannische englische
König, so gut wie unmittelbar vor den Toren von Paris,
aber schon in der Normandie, eine uneinnehmbare Festung
errichtet hatte: Le château Gaillard in Les Andelys.
Der englische König, der von dort aus Paris sozusagen
in Reichweite hatte, war niemand anderer als der legendäre
Richard Löwenherz. Kein Wunder daher, dass Philippe-Auguste
hocherfreut war, als er erfuhr, dass sein Widersacher für
längere Zeit ungeplanter Weise in der Wachau weilte!
Heute sind von der Festung von Richard Löwenherz noch
eindrucksvolle Ruinen zu besichtigen, die Burg von Philippe-Auguste
ist bis auf die Fundamente verschwunden. Sie befand sich
in der südwestlichen Ecke der Cour carrée des
Louvre. Wenn man unterhalb der Eingangspyramide den Pavillon
Sully betritt, gelangt man gleich zu den wuchtigen Mauerresten.
Es dauerte nach Philippe-Auguste noch gute 250 Jahre, bis
die Kompetenzstreitigkeiten zwischen Franzosen und Engländern
endlich geklärt waren, dann konnte das château
Gaillard in Ruhe verfallen, die Burg in Paris wurde aber
geschleift und an ihrer Stelle begann François Ier
die Königliche Residenz zu bauen.
Mittlerweile ist allerdings der Bedarf an Königlichen
Residenzen auch dramatisch gesunken, und so wurde der Louvre
schließlich, was er heute ist: das größte
Museum der Welt.
www.themenreisen-paris.de
Wolfgang Friedrich
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