Newsletter Januar 06

KLEINES PALAIS GANZ GROSS

Manchmal wünscht man sich bei einer Stadtbesichtigung, die Gebäude mögen doch endlich einmal so aussehen wie auf den Ansichtskarten, die man verschickt, also ohne Bauzaun, ohne Kran, ohne Bauschuttcontainer, ohne Planen.Das ist natürlich ein frommer Wunsch, der gerade deswegen unerfüllbar ist, weil wir auch in Zukunft noch etwas zu besichtigen haben wollen.

Hin und wieder aber kommt der grosse Augenblick, wo ein Prunkbau seine Hüllen fallen lässt. Am 15. Dezember war es so weit, für das ‚Petit Palais’ an den Champs-Elysées. Genauso wie das ‚Grand Palais’ auf der gegenüberliegenden Strassenseite ist dieser Bau für die Weltausstellung von 1900 hochgezogen worden und sollte zeigen, was für einen Quantensprung die Stahl-Glas-Bautechnik für die Museumsarchitektur bedeutet. Licht, Licht und wieder Licht.

Der Architekt Charles Girault achtete darauf, dass die steinerne Ummantelung auf keinen Fall den Lichteinfall stört, gestaltete sie aber dennoch prunkvoll genug, so dass der Bau aussieht wie ein Schloss, nicht wie ein Glashaus. Im 20. Jahrhundert fristeten dann beide Paläste, der grosse wie der kleine, jedoch ein eher stiefmütterliches Dasein, das ‚Grand Palais’ sollte überhaupt abgetragen werden. Le Corbusier (schon wieder er, siehe newsletter Dezember) hatte in den 1960er Jahren den damaligen Kulturminister André Malraux schon so gut wie überzeugt. Dann kam Mai 1968 dazwischen, Malraux trat von der politischen Bühne ab und es geschah zunächst einmal lange nichts. Doch 1982 wurde plötzlich der Beschluss gefasst, die beiden palais von Grund auf zu renovieren. Bis zur Ausschreibung verstricheen allerdings noch einmal 16 Jahre.

Aber bekanntlich bricht ja nicht nur Marmor und Stein, sondern auch Eisen. Als eine vom Glasdach des ‚Grand Palais’ herunterfallende abgerostete Schraube einen Besucher um ein Haar erschlagen hätte, wurde es ernst. Die Restaurierung des 14000m2 Glasdaches ist mittlerweile abgeschlossen, darunter findet im Augenblick (bis zum 2.1.) ein Jahrmarkt mit Karussell und Riesenrad statt. Nun ist die Fassade an der Reihe, die gesamte Ostseite ist eingehüllt.

Das ‚Petit Palais’ auf der anderen Seite steht hingegen jetzt schon da wie aus dem Ei gepellt, der helle Sandstein, vor allem aber die frisch vergoldeten Gitter leuchten selbst im diesigen Dezemberlicht, die Skulpturen von Jean-Baptiste Hugues und Louis Convers zu beiden Seiten der Freitreppe sehen aus, als wären sie eben enthüllt worden. Und dann erst das Museum! Was, sich oder man, hier angesammelt hat, ist umso verblüffender, wenn man bedenkt, dass es für jeden Bereich der darstellenden Kunst in Paris bereits bestausgestattete spezialisierte Häuser gibt. Für den Impressionismus zum Beispiel:

Da ist das weltberühmte musée d’Orsay, übrigens auch ein steinummantelter Stahl-Glas-Bau, gerade einmal 500m vom ‚Petit Palais’ entfernt. Etwas abgelegen im 16.Bezirk befindet sich das weniger beachtete musée Marmottan, wo ein wesentlicher Teil des Werkes von Claude Monet und anderer Impressionisten, insbesondere Berthe Morisot, hängt. Ausserdem ist hier zur Zeit eine Ausstellung der Bildhauerin Camille Claudel gewidmet.Für die Seerosen von Monet gibt es noch ein eigens adaptiertes Haus, die Orangerie in den Tuilerien. Um sie zu sehen, müsste man allerdings vorläufig über einen Bauzaun klettern. Gerade wer im musée Marmottan bereits Monets Gemälde ‚Impression soleil levant’ gesehen hat, das der ganzen Stilrichtung ihren Namen gegeben hat, wird mehr als überrascht sein, hier im ‚Petit Palais’ dem Pendant dazu, einem Sonnenuntergang (‚coucher du soleil à Lavacourt’) zu begegnen, in der Nachbarschaft einer ganzen Reihe von Bildern von Pissarro, von Sisley, von Jongkind, von Renoir, von Cézanne.

Aber es gibt ja nicht nur den Impressionismus im 19. Jahrhundert. Gleich im Museumsshop wird man mit vier unheimlichen Grossformaten von Eugène Carrière (‚die Vier Lebensalter’) konfrontiert. Eugène Carrière ist sonst eher in Strassburg zu bewundern. In der anschliessenden Galerie okkupiert Courbet die halbe Länge der Wand, darunter ‚Les Dormeuses’, die schlafenden Frauen, vielleicht das zweitberühmteste erotische Werk von Courbet.

Die Skulptur des 19. Jahrhunderts ist mit Dalou, Barrias, Carpeaux, ja sogar Rodin beinahe ebenso gut vertreten wie im musée d’Orsay, im prächtigen halbkreisförmigen Peristyl steht ein Frauenkopf von Renoir. Dieses Peristyl ist eine Augenweide, nicht nur aus achitektonischen Gründen: mit denkmalpflegerischer Akribie wurde der exotische Garten von 1900 wieder hergestellt. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, denn das ‚Petit Palais’ entpuppt sich, wenn man einmal drin ist, als palais immense! Unter den ebenfalls restaurierten Marouflagen (aufgeleimte Deckengemälde) von Maurice Denis, Albert Besnard, Fernand Cormon, Henri Roll, Ferdinand Humbert ,Georges Picard, Paul Albert Baudoüin schreitet man von Saal zu Saal, nach jeder Ecke beginnt wieder eine Flucht von neuen Sälen! Eine breite Treppe mit einem wunderschönen schmiedeisernen Geländer führt in das Untergeschoss, wo sich noch einmal ebenso viele Säle befinden.

Die Zusammenstellung der Kunstwerke mag etwas zufällig wirken, überwältigend ist sie allemal: Ein Jugendstil-Wohnzimmer von Hector Guimard, ein Türklopfer des Wiener Künstlers Mühldorf (Gustav Gurschner), in den Räumen daneben aber auch Rembrandt, Rubens, ein Bild von Peter Brueghel dem Jüngeren, überhaupt eine reiche Sammlung holländischer Malerei, die das Petit Palais der Schenkung der Brüder Auguste und Eugène Dutuit aus dem Jahre 1902 verdankt. Dann Poussin, Jordaens, Jouvenet, in einem weiteren Saal auf einmal eine Bildserie von Vuillard, die dieser für die Wohnung des Pariser Arztes Dr.Vaquez angefertigt hat.

Eine weitere Serie, die ursprünglich einen anderen Raum derselben Wohnung zierte, befindet sich im musée d’Orsay. Am besten plant man für den Besuch mindestens einen Halbtag. Übrigens ist der Eintritt, wie bei allen städtischen Museen in Paris, frei, ausser montags, da ist das Petit Palais geschlossen. Musée du Petit Palais.
Avenue Winston Churchill , 75008 Paris,
01 44 51 19 31 01,
Métro: Franklin Roosevelt

Schönes Neues Jahr wünscht

Wolfgang Friedrich
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