KLEINES PALAIS GANZ GROSS
Manchmal wünscht man sich bei einer Stadtbesichtigung,
die Gebäude mögen doch endlich einmal so aussehen
wie auf den Ansichtskarten, die man verschickt, also ohne
Bauzaun, ohne Kran, ohne Bauschuttcontainer, ohne Planen.Das
ist natürlich ein frommer Wunsch, der gerade deswegen
unerfüllbar ist, weil wir auch in Zukunft noch etwas
zu besichtigen haben wollen.
Hin und wieder aber kommt der grosse Augenblick, wo ein
Prunkbau seine Hüllen fallen lässt. Am 15. Dezember
war es so weit, für das ‚Petit Palais’
an den Champs-Elysées. Genauso wie das ‚Grand
Palais’ auf der gegenüberliegenden Strassenseite
ist dieser Bau für die Weltausstellung von 1900 hochgezogen
worden und sollte zeigen, was für einen Quantensprung
die Stahl-Glas-Bautechnik für die Museumsarchitektur
bedeutet. Licht, Licht und wieder Licht.
Der Architekt Charles Girault achtete darauf, dass die
steinerne Ummantelung auf keinen Fall den Lichteinfall stört,
gestaltete sie aber dennoch prunkvoll genug, so dass der
Bau aussieht wie ein Schloss, nicht wie ein Glashaus. Im
20. Jahrhundert fristeten dann beide Paläste, der grosse
wie der kleine, jedoch ein eher stiefmütterliches Dasein,
das ‚Grand Palais’ sollte überhaupt abgetragen
werden. Le Corbusier (schon wieder er, siehe newsletter
Dezember) hatte in den 1960er Jahren den damaligen Kulturminister
André Malraux schon so gut wie überzeugt. Dann
kam Mai 1968 dazwischen, Malraux trat von der politischen
Bühne ab und es geschah zunächst einmal lange
nichts. Doch 1982 wurde plötzlich der Beschluss gefasst,
die beiden palais von Grund auf zu renovieren. Bis zur Ausschreibung
verstricheen allerdings noch einmal 16 Jahre.
Aber bekanntlich bricht ja nicht nur Marmor und Stein,
sondern auch Eisen. Als eine vom Glasdach des ‚Grand
Palais’ herunterfallende abgerostete Schraube einen
Besucher um ein Haar erschlagen hätte, wurde es ernst.
Die Restaurierung des 14000m2 Glasdaches ist mittlerweile
abgeschlossen, darunter findet im Augenblick (bis zum 2.1.)
ein Jahrmarkt mit Karussell und Riesenrad statt. Nun ist
die Fassade an der Reihe, die gesamte Ostseite ist eingehüllt.
Das ‚Petit Palais’ auf der anderen Seite steht
hingegen jetzt schon da wie aus dem Ei gepellt, der helle
Sandstein, vor allem aber die frisch vergoldeten Gitter
leuchten selbst im diesigen Dezemberlicht, die Skulpturen
von Jean-Baptiste Hugues und Louis Convers zu beiden Seiten
der Freitreppe sehen aus, als wären sie eben enthüllt
worden. Und dann erst das Museum! Was, sich oder man, hier
angesammelt hat, ist umso verblüffender, wenn man bedenkt,
dass es für jeden Bereich der darstellenden Kunst in
Paris bereits bestausgestattete spezialisierte Häuser
gibt. Für den Impressionismus zum Beispiel:
Da ist das weltberühmte musée d’Orsay,
übrigens auch ein steinummantelter Stahl-Glas-Bau,
gerade einmal 500m vom ‚Petit Palais’ entfernt.
Etwas abgelegen im 16.Bezirk befindet sich das weniger beachtete
musée Marmottan, wo ein wesentlicher Teil des Werkes
von Claude Monet und anderer Impressionisten, insbesondere
Berthe Morisot, hängt. Ausserdem ist hier zur Zeit
eine Ausstellung der Bildhauerin Camille Claudel gewidmet.Für
die Seerosen von Monet gibt es noch ein eigens adaptiertes
Haus, die Orangerie in den Tuilerien. Um sie zu sehen, müsste
man allerdings vorläufig über einen Bauzaun klettern.
Gerade wer im musée Marmottan bereits Monets Gemälde
‚Impression soleil levant’ gesehen hat, das
der ganzen Stilrichtung ihren Namen gegeben hat, wird mehr
als überrascht sein, hier im ‚Petit Palais’
dem Pendant dazu, einem Sonnenuntergang (‚coucher
du soleil à Lavacourt’) zu begegnen, in der
Nachbarschaft einer ganzen Reihe von Bildern von Pissarro,
von Sisley, von Jongkind, von Renoir, von Cézanne.
Aber es gibt ja nicht nur den Impressionismus im 19. Jahrhundert.
Gleich im Museumsshop wird man mit vier unheimlichen Grossformaten
von Eugène Carrière (‚die Vier Lebensalter’)
konfrontiert. Eugène Carrière ist sonst eher
in Strassburg zu bewundern. In der anschliessenden Galerie
okkupiert Courbet die halbe Länge der Wand, darunter
‚Les Dormeuses’, die schlafenden Frauen, vielleicht
das zweitberühmteste erotische Werk von Courbet.
Die Skulptur des 19. Jahrhunderts ist mit Dalou, Barrias,
Carpeaux, ja sogar Rodin beinahe ebenso gut vertreten wie
im musée d’Orsay, im prächtigen halbkreisförmigen
Peristyl steht ein Frauenkopf von Renoir. Dieses Peristyl
ist eine Augenweide, nicht nur aus achitektonischen Gründen:
mit denkmalpflegerischer Akribie wurde der exotische Garten
von 1900 wieder hergestellt. Man kommt aus dem Staunen nicht
heraus, denn das ‚Petit Palais’ entpuppt sich,
wenn man einmal drin ist, als palais immense! Unter den
ebenfalls restaurierten Marouflagen (aufgeleimte Deckengemälde)
von Maurice Denis, Albert Besnard, Fernand Cormon, Henri
Roll, Ferdinand Humbert ,Georges Picard, Paul Albert Baudoüin
schreitet man von Saal zu Saal, nach jeder Ecke beginnt
wieder eine Flucht von neuen Sälen! Eine breite Treppe
mit einem wunderschönen schmiedeisernen Geländer
führt in das Untergeschoss, wo sich noch einmal ebenso
viele Säle befinden.
Die Zusammenstellung der Kunstwerke mag etwas zufällig
wirken, überwältigend ist sie allemal: Ein Jugendstil-Wohnzimmer
von Hector Guimard, ein Türklopfer des Wiener Künstlers
Mühldorf (Gustav Gurschner), in den Räumen daneben
aber auch Rembrandt, Rubens, ein Bild von Peter Brueghel
dem Jüngeren, überhaupt eine reiche Sammlung holländischer
Malerei, die das Petit Palais der Schenkung der Brüder
Auguste und Eugène Dutuit aus dem Jahre 1902 verdankt.
Dann Poussin, Jordaens, Jouvenet, in einem weiteren Saal
auf einmal eine Bildserie von Vuillard, die dieser für
die Wohnung des Pariser Arztes Dr.Vaquez angefertigt hat.
Eine weitere Serie, die ursprünglich einen anderen
Raum derselben Wohnung zierte, befindet sich im musée
d’Orsay. Am besten plant man für den Besuch mindestens
einen Halbtag. Übrigens ist der Eintritt, wie bei allen
städtischen Museen in Paris, frei, ausser montags,
da ist das Petit Palais geschlossen. Musée du Petit
Palais.
Avenue Winston Churchill , 75008 Paris,
01 44 51 19 31 01,
Métro: Franklin Roosevelt
Schönes Neues Jahr wünscht
Wolfgang Friedrich
www.themenreisen-paris.de
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